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    Rom

    Päpstliche Umweltschützer

    Wie Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus die Ökologie denken.

    Illegale Müllhalde in der Nähe von Rio de Janeiro. Foto: Georg Ismar (dpa)

    Die Verantwortung für die Schöpfung ist eines der dringendsten Themen der Menschheit. Erderwärmung, Abholzung des Regenwaldes, Smog-Citys, schmelzende Gletscher und Polregionen, steigender Meeresspiegel, aussterbende Tier- und Pflanzenarten, Mikroplastik in Meeren und Nahrung, ergebnisarme Klimagipfel, Atomkraft, Diesel, Braunkohle etc. werden mit der kritischen Brille der Ökologie diskutiert. Als verlässliche Optiker für eine solche Brille fallen vielen Menschen zuerst die Partei der Grünen oder Greta Thunberg ein. Die Soziallehre der Kirche haben da wohl wenige auf dem Schirm. Zu Unrecht! Ein ungetrübter Blick auf Papst Franziskus und seine beiden Vorgänger im Amt zeigt ein kirchlich-ökologisches Programm zur Bewahrung der Schöpfung, wobei diese den Menschen und seine belebte wie unbelebte Umwelt umfasst.

    Fünf Punkte dienen dabei als der rote Faden: Die Heilsgeschichtliche Einordnung, ausgemachte Krisenphänomene, falsche Antworten, die kirchlich-ökologische Vision und die Mission. Zur Entfaltung einer solchen Programmatik helfen v.a. die Enzyklika Centesimus Annus (CA) und das Kompendium der Soziallehre der Kirche (K) von Johannes Paul II, die Enzyklika Caritas in Veritate (CiV) und die Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2010 (WT) von Benedikt XVI. sowie die Enzyklika Laudato Sí (LS) von Franziskus.

    Die Heilsgeschichtliche Einordnung

    Die Schöpfung ist eine uns Menschen geliehene Gabe Gottes und ein uns anvertrautes Erbe für alle Generationen (K 464, CA 37, WT 2, 6f.). Alles in ihr steht ursprünglich zueinander in einer harmonischen Beziehung (K 466, WT 6). Diese verborgene Grammatik wie auch die Schönheit der Schöpfung verweisen auf den Schöpfer, den wir in ihr entdecken können und sollen (WT 6, 13, CiV 48). Die Menschen haben dabei die Pflicht, die Umwelt kreativ so zu nutzen und zu gestalten, dass sie der Entfaltung aller Menschen als Personen und dem Gemeinwohl aller Völker und Generationen dienlich ist (CA 37, WT 8). Ökologie als Glaubensvollzug dient so der Gottesschau und menschlichen Entwicklung aller Generationen. Sie fordert zugleich Demut, Dank, Mäßigung und Pflicht heraus (CA 34). Die eigene Geschöpflichkeit des Menschen als Ebenbild Gottes begründet die besondere Verantwortung gegenüber der Mit-Schöpfung als Umwelt. Sie zu übernehmen, ist zugleich Mitwirkung am Plan Gottes (CA 37). Umweltökologie und Humanökologie sind nicht voneinander zu trennen (CA 38, K 452, 487, CiV 51). Franziskus macht sich dabei zum anklagenden Sprachrohr der Armen und der Schwester Erde (LS 49) gleichermaßen. Mit dieser Gleichstellung erfährt die mahnende Stimme der Umwelt eine deutliche Aufwertung.

    Ausgemachte Krisenphänomene

    Die Missachtung der Schöpfungsordnung ist der eigentliche Grund der Krise, die sich in so vielen selbstdestruktiven Phänomenen äußert (LS 79). Schon Johannes Paul II. wies auf die Abholzung des Regenwaldes in Amazonien, die Knappheit sauberen Wassers, das Artensterben und die gefährlichen Folgen des Klimawandels hin (K 466, CA 38). Auch beklagte er – wie später Benedikt XVI. – immer wieder eine ungerechte Ausbeutung knapper Ressourcen zulasten der Ärmsten und kommender Generationen (CA 49, WT 8). Benedikt macht auf die Bewegungen von Umweltflüchtlingen aufmerksam (WT 4). Franziskus beklagt Müllberge und Luftverschmutzung und sieht ebenso Migration, soziale Spannungen und Kriege (LS 14, 25, 142) als Konsequenzen der Verantwortungslosigkeit. Auch der Eigenwert der Geschöpfe sei in Vergessenheit geraten. Dies ist Verrat am göttlichen Schöpfungsauftrag (LS 69). Insgesamt wird die ökologische Krise als eine moralische verstanden. Egoistische Habgier führe zu einer Wegwerfmentalität, geprägt von Exklusion und Angst (LS 59, 105, 203). Eine profit- und technikhörige Marktlogik (LS 32, 36, 54) zerstöre dabei die Humanökologie. Sie führe zur Missachtung von Lebens und Umwelt wie zur Versklavung der Ärmsten (LS 105).

    Falsche Antworten

    Grundsätzlich werden zwei Verstöße gegen die Schöpfungsordnung für die Krise verantwortlich gemacht. So vergötzt eine egoistische Hybris Markt, Technik und Wissenschaft und tyrannisiert die harmonische Grammatik der Schöpfung (CA 37, WT 6). In seiner Rede vor dem deutschen Bundestag hatte Benedikt deshalb auch metaphorisch den Ruf nach frischer Luft gelobt, mit dem die politisch-ökologische Bewegung zum Nachdenken angeregt hatte. Aber genau dieser berechtigte Schrei habe viele falsche Interpreten gefunden. Deren Fehler ist die nunmehr umgekehrte pantheistische Vergötzung der Umwelt (K 463f., 473, WT 13), welche die herausgehobene Würde des Menschen nivelliert. Fragen des menschlichen Lebensschutzes treten dann humanvergessen in den Hintergrund zugunsten von Debatten um Arten- und Klimaschutz. Die Umwelt des Menschen gewinnt ihre Würde aber erst in einer harmonischen Schöpfungsgrammatik, in der die unbedingte Würde des Menschen von Anfang bis Ende des Lebens geschützt ist. Fortlaufende Relativierungen der Humanökologie aber werden u.a. von grün-ökologischen Bewegungen in Kauf genommen oder gefördert (bedingter Lebensschutz, Auflösung der Familie, Gender-Mainstream usw.).

    Die kirchlich-ökologische Mission ist kein politisches Programm. Das ist grundsätzlich nicht Anspruch katholischer Soziallehre. 

    Vision

    Die kirchlich-ökologische Vision ist ganzheitlich. Sie sieht den Menschen in der Schöpfungsgrammatik an seinem gottgewollten Platz. Zu dieser Humanökologie zählen a.) die herausgehobene Würde des Menschen als Abbild Gottes, b.) Lebensschutz, der beim Menschen anfängt, c.) die kreative Gestaltung der Umwelt im Dienst der allgemeinen Bestimmung der Güter für alle (K 453). Dies gilt völker- und generationenübergreifend. Eine Exklusion gerade der Ärmsten und Schwächsten ist ausgeschlossen. Frieden bedeutet dann, dass die Beziehungen des Menschen zu Gott, zu sich selbst, zueinander und zur Schöpfung von Harmonie geprägt sind und dass der Mensch so sich selbst und Gott erkennt (WT 1, 3, 13; LS 5, 13, 27).

    Die kirchlich-ökologische Mission ist kein politisches Programm. Das ist grundsätzlich nicht Anspruch katholischer Soziallehre. Regeln und Tugenden (LS 42) bieten einen Kompass an. So etwa a.) die Einführung von nationalen und internationalen Institutionen: Jesuanisch inspiriert (LS 82) sollen sie den gerechten Zugang aller Menschen zu den Ressourcen sicherstellen (WT 4). Strukturen der Sünde müssen überwunden werden, die den Menschen durch falsche Anreize zur Tyrannei über die Schöpfung und zur egoistischen Exklusion von Gütern (und Menschen) bzw. zur habgierigen Ausbeutung der Natur verleiten (K 468). Die Industrieländer haben dabei eine besondere Verantwortung. Doch müssen letztlich alle Länder ihren Beitrag leisten (WT 8). Internationale Instanzen einer ethischen Weltautorität sollen Vergehen mit wirksamen Sanktionen bestrafen können. Neben Regeln braucht es b.) neue sittlich-religiöse Haltungen des Menschen (CA 39, CiV 32). Hierzu zählt eine weltweite Solidarität und Brüderlichkeit, um die Schöpfungsverantwortung als Auftrag internationaler Gerechtigkeit zu verstehen. Egoismus und Habgier, Technik- Wirtschafts- und Wissenschaftsgläubigkeit von Menschen, die selbst Gott spielen, sind ebenso zu überwinden wie eine gott- und/oder humanvergessene Vergötzung der Umwelt (CA 39, LS 192). Vielmehr braucht es zuerst eine Haltung von Dank und Demut gegenüber dem Schöpfer, von Mäßigung und Selbstdisziplin, von Einfachheit und Achtsamkeit sowie von Liebe zu Gott, zu sich selbst, zum nächsten und zur Umwelt (LS 91, 216, 224, 231). Für eine solche tiefgreifende kulturelle Erneuerung zu einem universalen ökologischen Gemeinschaftsbewusstsein braucht es eine entsprechende Erziehung sowie nach Möglichkeit Medien, die solchen Geist fördern (WT 5, 12, LS 208, 217).

    Ergo: Die Bewahrung der Schöpfung ist ein großes gemeinsames Anliegen aller Menschen. Das ist aus christlicher Sicht biblisch bestens begründet. Humanökologie und Umweltökologie sind dabei nicht voneinander zu trennen. Anreize, Gesetze und Verbote reichen als Maßnahmen alleine nicht aus. Mit neuem Verantwortungsbewusstsein soll sich der Mensch endlich als auserwähltes Geschöpf und demütiger Gestalter seiner Umwelt verstehen und dabei die harmonische Grammatik der Schöpfung erkennen und fördern. In diesem Sinne ist ökologisches Bewusstsein Gottesschau und Gestaltungsauftrag zugleich.

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