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    Opfer und „Auferstehung“ in der Antike

    Die Sonderausstellung „Athen. Triumph der Bilder“ im Frankfurter Liebieghaus zeigt einen ganz neuen Blick auf die Feste und Riten um klassischen Athen. Im Mittelpunkt stehen dabei der Gründungsmythos der Stadt Athen sowie die Göttin Athena und ihr Sohn Erechtheus. In zwölf Monatsräumen bekommt der Besucher einen Eindruck vom Jahreskreis der Feste, die an die einzelnen Monate gebunden sind.

    Die Sonderausstellung „Athen. Triumph der Bilder“ im Frankfurter Liebieghaus zeigt einen ganz neuen Blick auf die Feste und Riten um klassischen Athen. Im Mittelpunkt stehen dabei der Gründungsmythos der Stadt Athen sowie die Göttin Athena und ihr Sohn Erechtheus. In zwölf Monatsräumen bekommt der Besucher einen Eindruck vom Jahreskreis der Feste, die an die einzelnen Monate gebunden sind.

    Nicht jeder Besucher Athens erinnert sich daran, dass die Stadt gleich zweimal von den Persern zerstört wurde, 480 und 479 vor Christus. Von dem einstigen Athen blieben nur rauchende Ruinen. Der Politiker Perikles hat dann die Stadt wieder zu glanzvollem Wiederaufbau geführt, indem er Gelder des delisch-attischen Seebundes zweckentfremdete. Es war der Künstler Phidias, unter dessen Leitung Athen zu einem mächtigen Verbund von Heiligtümern und einer intelligenten Anordnung von Bildern führte. Das geschah in den Jahren 450–410 vor Christus. Doch zuvor ereignete sich ein Zusammenspiel aus griechischem Mythos und Politik, das der heutige Abendländer in Erinnerung behalten sollte.

    Götter greifen in die antiken Schlachten ein

    Bevor die Göttin Athena in die Stadt kam, die nach ihr benannt wurde, herrschte hier noch König Kepros (Schlangenleib) über die Stadt, die nach ihm noch Kekropia hieß. Athena, in derselben Göttergeneration wie Dionysos, bestand gegen den Weingott einen Wettkampf, wem die Stadt zufallen sollte. Dionysos schenkte der Stadt ein Pferd, die Bürger haben aber den Olivenbaum vorgezogen, der Holz, Nahrung und Öl brachte. Athena war die Tochter von Zeus und Metis, der „Bewirkerin aller gerechten Dinge“. Doch Zeus trug die Tochter in seinem Kopf aus, und bei der Geburt spaltete der Schmiedegott Hephaistos den Schädel des Zeus, aus dem Athena in voller Rüstung entsprang.

    Die Schmach für Dionysos, dass sich die Athener Bürger gegen ihn entschieden haben, wird ihn zu Grausamkeiten und zur Rache an Athena führen. Es begann damit, dass er sich im Tempel Athenas mit der jungen Schönheit Gorgo Medusa einließ, woraufhin sie Athena in ein hässliches Ungeheuer verwandelte. Später hilft Athena dem Helden Perseus, Medusa zu enthaupten.

    Zuvor aber, und das ist das zentrale Element der Ausstellung „Athen – Triumph der Bilder“ im Liebieghaus in Frankfurt, wird Athen einen Sohn bekommen. Wie sie ihn bekommt, kann als mythische Vorwegnahme der Technologie künstlicher Befruchtung angesehen werden. Die jungfräuliche Göttin wollte sich eines Tages neue Waffen schmieden lassen. Darum ging sie zum Schmiedegott Hephaist, in dessen Werkstatt es zu einer Annäherung kam. Sie wischte den Samen, der auf ihre Schenkel fiel, mit einem Wollknäuel weg und warf dieses auf die Erde. So wurde die Erdgöttin Gaia befruchtet. Nachdem sie ihn ausgetragen hatte, übergab sie den Jungen Athena. Die Übergabe ist in der Ausstellung auf antiken Vasen dargestellt. Hephaist war bei der Übergabe zugegen. Der Sohn wurde Erechtheus (Erderschütterer) genannt. Um ihren Ruf als Jungfrau nicht zu gefährden, verheimlichte sie ihr Kind. Sie nahm die drei Töchter des Burgnachbar Kekrops als Baybsitter und schäfte ihnen ein, nicht in den Korb zu schauen, in dem der Knabe verborgen lag. Als sie dann doch einmal nachschauten, befand sich neben dem Baby eine riesige Schlange, die so emporschoß, dass die Mädchen sich vor Schreck von der Burgmauer stürzten. Auch diese Szene ist auf einer attisch-rotfigurigen Schale in der Ausstellung zu sehen. Auf der Akropolis bekam der Knabe ein großes Haus, das Erechtheion, erfand in seiner ausgeprägten Phantasie Rad und Wagen und galt bald als der erste Wagenlenker der Menschheit.

    In der griechischen Antike waren Politik und Religion eng verbunden. Poseidon hatte durch seinen Sohn Eumolpos den eleusinischen Krieg eröffnet und damit das Königshaus Athens in Aufruhr versetzt. Erechtheus bekam die Aufgabe, die Stadt zu verteidigen. Als sich das Schicksal gegen Athen wandte, befragte Erechtheus das apollinische Orakel; Apoll forderte, dass Erechtheus die erstgeborene Tochter opfere. Noch heute sind Reste der Korenhalle auf der Akropolis mit den Töchtern des Erechtheus und der Praxithea zu sehen. Die Erechtiden halten in ihren Händen Opferschalen, wie auf einem Foto in Frankfurt zu sehen ist. Die Erstgeborene Protogeneia verließ wohl mit zwei Schwestern das Elternhaus, um in ritueller Tötung auf dem Altar der Persephone getötet zu werden. Das Schicksal der Athener wandte sich zum Guten und sie errangen den Sieg, Erechtheus tötete Poseidons Sohn Eumolpos. Poseidon wurde so wütend, dass er das Erechtheion, das Haus des Erechtheus, mit seinem Dreizack zerstörte, was an drei Löchern heute noch zu sehen ist. Erechtheus selbst lähmte der durch einen Blitz. Er starb nicht daran, sondern verwandelte sich in eine Schlange, die künftig die Kraft des Burgberges von Athena stärkte. In der Ausstellung ist sie auch als Kultbild mit der Schlange zu sehen. Im hervorragend ausgestatteten Katalog der Ausstellung heißt es über die Opferung und „Auferstehung“ des Erechtheus auf einem bemalten Tongefäß aus der Zeit von etwa 410 vor Christus, den Kekropskrater: „Während der Krater jedoch das österlich anmutende Opfer eines zarten Lämmchens zeigt, führt der Ostfries des Nike-Tempels die Vorbereitungen des abgründigen Jungfrauenopfers in Anwesenheit von Persephone vor Augen. Steht das Lamm im Bild der prachtvollen Vase vielleicht für den Opfertod der Erechtheustochter oder womöglich für Erechtheus selbst? Offensichtlich jedoch soll das Bild den Zustand der Versöhnung, der nach diesen zwei Opfertoden eintritt, darstellen.“ In der Darstellung auf der Akropolis werden die drei lebenden Töchter von den geopferten getrennt dargestellt, was der Besucher im Liebieghaus bildlich gut mitvollziehen kann. Euripides hat die Geschichte um Erechtheus als Drama geschrieben, jedoch sind nur Fragmente daraus erhalten.

    Ein weiteres großes Thema sind die zwölf Monate des attischen Kalenders. „Auf sinnliche Weise werden die antiken Feste und deren unmittelbarer Bezug zum Mythos Athens durch mannigfache Objekte erfahrbar“, heißt es im Begleittext zur Ausstellung. „Nicht nur in die Riten und Prozessionen Athens schrieb sich der Mythos ein; die Schau zeigt auch auf facettenreiche Weise, wie sich die aufregende Erzählung um Athena in den Bildwerken der Stadt, also den Skulpturen der Marmorbauten, aber auch den statutarischen Einzelweihungen, widerspiegelte.“ Zitate aus der klassischen antiken Literatur ergänzen die bildlichen Beschreibungen der bedeutendsten Feste. Anschaulich sind diese Feste auch in Frankfurt nachvollziehbar. So etwa im Juli/August, dem ersten Monat des attischen Jahres, das Fest der Panathenäen zum überregionalen Anspruch Athens und der Geburt des Erechtheus. Am Parthenonfries sind diese Feste an zentraler Stelle gezeigt. Der Höhepunkt ist die Opferung von hundert Rindern, mit dem gebratenen Fleisch wurde die Festgemeinde verköstigt. Musische sowie athletische Wettkämpfe folgten. Im zweiten Monat des attischen Jahres, im August und September ehrten die Athener die Burgschlange, also Erechtheus mit Prozessionen, Opfern und besonders mit Weihrauch. Auf einem Fries, das sich heute im Schloss Fasanerie in Fulda befindet, thront Erechtheus aus „Auferstandener“, wie es im Katalog heißt. Im darauffolgenden Monat wurden im „Blutrausch 500 Schafe auf einen Schlag geopfert“. Es war der „Nationalfeiertag“, der hier begangen wurde und an dem man den Sieg über die Perser bei der Schlacht von Marathon 490 vor Christus gedachte. Auch Poseidon wurde mit Festen geehrt, der Meeres- und Pferdegott wurde im Dezember/Januar verehrt durch Prüfungen von Ross und Reiter; am Westfries des Parthenon sind erfolgreiche Reiter, aber auch vor Scham gebeugte Pferdehalter zu sehen.

    Eine weitere Attraktion der Ausstellung sind auch die beiden rekonstruierten Riace-Bronzen, Bronzegüsse, die mit Silber, Kupfer und Mineralien farbig gestaltet sind und Waffen und Kopfschmuck tragen. Nach neuesten Forschungen sollen sie vor dem Tempel der Athena aufgestellt gewesen sein und den Sohn der Athena sowie den Sohn des Poseidons darstellen. Sie machen besonders anschaulich, wie farbig die Antike Menschen zu gestalten vermochte. So führt die Ausstellung mit großer Detailfreude in die griechische Welt ein, lässt die Besucher am Sinn der Feste teilnehmen und den Tagesablauf gemäß der Horen verstehen.

    – Die Ausstellung „Athen. Triumph der Bilder“ ist bis 4.9.2016 im Liebieghaus Frankfurt Schaumainkai 71, 60596 Frankfurt am Main zu sehen. Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr–So 10.00–18.00 Uhr, Do 10.00–21.00 Uhr, montags geschlossen.

    – Der Katalog „Athen. Triumph der Bilder“ vom Michael Imhof Verlag hat 206 Seiten, Museumsausgabe EUR 29,90