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    Nur noch fünf kleine Fragen...

    Pater Lombardi: Da sind wir also. Nun, wir sind jetzt bereits auf dem Rückweg von dieser kurzen, aber ungemein intensiven Reise. Wir sind voller Bewunderung über die beiden langen und gewichtigen Reden, die Sie gehalten haben; Sie haben bereits vieles gesagt. Doch die Journalisten haben immer noch die eine oder andere Frage. Wir haben fünf Fragen vorbereitet: Schauen Sie, ob Sie alle fünf beantworten möchten. Nun, hier sind zunächst zwei französische Kollegen – da wir uns in gewisser Weise in Frankreich befinden –, und wir erteilen sofort Renaud Bernard von „France Télévision“ das Wort.

    Gesprächsfreudig: Schon auf dem Hinflug zu seinem Besuch des Europaparlaments und des Europarates war Franziskus mit Mik... Foto: dpa

    Pater Lombardi: Da sind wir also. Nun, wir sind jetzt bereits auf dem Rückweg von dieser kurzen, aber ungemein intensiven Reise. Wir sind voller Bewunderung über die beiden langen und gewichtigen Reden, die Sie gehalten haben; Sie haben bereits vieles gesagt. Doch die Journalisten haben immer noch die eine oder andere Frage. Wir haben fünf Fragen vorbereitet: Schauen Sie, ob Sie alle fünf beantworten möchten. Nun, hier sind zunächst zwei französische Kollegen – da wir uns in gewisser Weise in Frankreich befinden –, und wir erteilen sofort Renaud Bernard von „France Télévision“ das Wort.

    Renaud Bernard: Heiliger Vater, guten Abend. Ich freue mich, diese Frage im Namen der französischen Journalisten stellen zu dürfen. Sie haben eine Rede mit pastoralen Worten gehalten, doch mit Worten, die wie politische Worte gehört und – meiner Ansicht nach – in die Nähe eines sozialdemokratischen Empfindens gerückt werden können. Ich kann ein kurzes Beispiel anführen: Sie sagen, es sei zu vermeiden, dass die reale, politische Ausdruckskraft der Völker angesichts des Drucks multinationaler Interessen verdrängt wird. Könnten wir sagen, Sie könnten ein sozialdemokratischer Papst sein?

    Papst Franziskus: Mein Lieber, das ist ein Reduktionismus! Da fühle ich mich wie in einer Insektensammlung: „Das ist ein sozialdemokratisches Insekt...“. Nein, ich würde sagen, das kann man nicht sagen. Ich weiß nicht, ist das ein sozialdemokratischer Papst oder nicht... Ich wage nicht, mich als zu einer oder zu einer anderen Seite gehörig zu bezeichnen. Ich wage zu behaupten, dass das aus dem Evangelium stammt: das ist die Botschaft des Evangeliums, die von der kirchlichen Soziallehre übernommen wurde. Ich habe mich hier konkret und in anderen sozialen oder politischen Dingen, die ich gesagt habe, nicht von der kirchlichen Soziallehre entfernt. Die kirchliche Soziallehre hat sich aus dem Evangelium und der christlichen Tradition entwickelt. Das, was ich gesagt habe – die Identität der Völker – ist ein dem Evangelium gemäßer Wert, nicht wahr? In diesem Sinne sage ich das. Aber Du hast mich zum Lachen gebracht, danke!

    Pater Lombardi: Tausend Dank Ihnen, Heiliger Vater. Und jetzt erteilen wir Jean-Marie Guénois von „Le Figaro“ das Wort, auch er im Namen der französischen Kollegen.

    „Das ist ein

    Reduktionismus! Da fühle ich mich wie in einer

    Insektensammlung“

    Jean-Marie Guénois: Heiliger Vater, heute Morgen in Straßburg war kaum jemand auf den Straßen. Die Leute sagten, sie seien enttäuscht. Bereuen Sie es, dass Sie nicht in die Straßburger Kathedrale gegangen sind, die dieses Jahr ihr tausendjähriges Bestehen gefeiert hat? Und wann und wohin werden Sie Ihre erste Reise nach Frankreich machen? Vielleicht nach Lisieux?

    Papst Franziskus: Nein, es ist noch nichts geplant, aber man muss sicher nach Paris fahren, oder? Dann gibt es einen Vorschlag, nach Lourdes zu reisen... Ich habe vorgeschlagen, in eine Stadt zu fahren, die noch nie von einem Papst besucht wurde, um die Bürger dort zu grüßen. Doch es gibt noch keinen Plan. Nein, für Straßburg wurde daran gedacht, aber ein Besuch der Kathedrale wäre praktisch schon ein Besuch in Frankreich gewesen, und das war das Problem.

    Pater Lombardi: Der Bischof von Straßburg hat jedenfalls gesagt, er habe dem Papst zwei wunderschöne Bände über die Kathedrale geschenkt, so dass Sie sie studieren und persönlich anschauen können. Erteilen wir jetzt Giacomo Galeazzi von „La Stampa“ das Wort, der die italienischen Journalisten hier auf diesem Flug repräsentiert.

    Giacomo Galeazzi: Heiliger Vater, guten Abend. In Ihrer Rede vor dem Europarat hat mich das Konzept der Transversalität beeindruckt, das Sie erwähnt haben. Sie haben vor allem auf Ihre Begegnungen mit jungen Politikern aus verschiedenen Ländern hingewiesen und auch über die Notwendigkeit einer Art Pakt zwischen den Generationen gesprochen, eine Übereinkunft zwischen den Generationen am Rande dieser Transversalität. Dann habe ich, wenn Sie gestatten, noch eine persönliche Frage: Stimmt es, dass Sie den heiligen Josef verehren?

    Papst Franziskus: …aber ja!

    Giacomo Galeazzi: …und dass Sie in Ihrem Zimmer eine Figur von ihm stehen haben?

    Papst Franziskus: Ja! Immer wenn ich den heiligen Josef um etwas gebeten habe, hat er es mir gegeben. Die „Transversalität“ ist wichtig. In den Gesprächen mit jungen Politikern verschiedener Parteien und Nationen im Vatikan habe ich gesehen, dass bei ihnen eine andere Musik spielt, die zur Transversalität tendiert: Das ist ein Wert! Sie haben keine Angst, aus ihrer Zugehörigkeit hinauszugehen – ohne sie zu leugnen –, doch aus ihr herauszugehen, um einen Dialog zu führen. Und sie haben Mut! Ich glaube, dass wir ihnen das nachmachen müssen; und auch den Dialog zwischen den Generationen. Dieses Hinausgehen, um Menschen anderer Zugehörigkeit zu begegnen und einen Dialog zu führen: Europa bedarf dessen heutzutage.

    Pater Lombardi: Jetzt erteilen wir Alonso Martínez Javier Maria das Wort. Wenn ich nicht irre, ist das auch seine erste internationale Reise. Er repräsentiert die Spanier, und wir lassen ihm diese Ehre zuteil werden, dem Papst eine Frage zu stellen.

    Alonso Martínez Javier Maria: Guten Abend, Heiliger Vater. Dies ist eine Frage der spanischen Journalisten, die sich dafür interessieren. In Ihrer zweiten Rede, der Rede vor dem Europarat, haben sie über die Sünden der Kinder der Kirche gesprochen. Ich würde gerne wissen, wie Sie die Nachricht über dieses Ereignis in Granada aufgenommen haben, das Sie in gewisser Weise ans Licht gebracht haben...

    Papst Franziskus: Es ist mir geschickt worden, ich habe es gelesen, habe die Person gerufen und gesagt: „Du gehst morgen zum Bischof“; und dem Bischof habe ich geschrieben, mit der Arbeit zu beginnen, die Untersuchung zu führen und weiterzumachen. Wie ich das aufgenommen habe? Mit großem Kummer, sehr großem Kummer. Doch die Wahrheit ist die Wahrheit, und wir dürfen sie nicht verstecken.

    Pater Lombardi: Nun noch eine letzte Frage, die Andreas Englisch im Namen der Journalisten der anderen Sprachgruppen stellt.

    Andreas Englisch: Heiliger Vater, ich habe die Ehre, die Frage für die Gruppe der internationalen Journalisten zu stellen. Sie haben häufig – jetzt bei Ihren Reden in Straßburg – sowohl über die terroristische Bedrohung als auch über die Bedrohung der Sklaverei gesprochen: Das ist auch typisch für den Islamischen Staat, der einen großen Teil des Mittelmeergebiets bedroht, der auch Rom bedroht und auch Sie persönlich. Glauben Sie, dass man auch mit diesen Extremisten einen Dialog führen kann oder geben Sie das für verloren?

    „Sklavenarbeit,

    Menschenhandel, der Handel mit Kindern... das ist eine Tragödie!“

    Papst Franziskus: Ich gebe nie etwas für verloren, nie. Vielleicht kann man keinen Dialog führen, aber man sollte nie eine Tür zuschlagen. Es ist schwer, man kann sagen „fast unmöglich“ – aber die Tür sollte immer offen bleiben. Sie haben zweimal das Wort „Bedrohung“ verwendet: Das stimmt, der Terrorismus ist eine Realität, die uns bedroht... Doch die Sklaverei ist eine Realität, die im heutigen Sozialgefüge steckt, doch schon seit langer Zeit! Sklavenarbeit, Menschenhandel, der Handel mit Kindern... das ist eine Tragödie! Verschließen wir unsere Augen nicht davor! Die Sklaverei ist heute eine Realität, die Ausbeutung von Menschen.... Und dann gibt es die Bedrohung durch diese Terroristen. Doch auch eine andere Bedrohung, und das ist der Staatsterrorismus. Wenn die Dinge sich immer mehr zuspitzen und jeder Staat für sich meint, er habe das Recht, die Terroristen zu töten, und mit den Terroristen viele fallen, die unschuldig sind. Das ist eine Anarchie auf höchster Ebene, die sehr gefährlich ist. Man muss den Terrorismus bekämpfen, doch ich wiederhole, was ich bei der letzten Reise gesagt habe: Wenn man denjenigen, der zu Unrecht angreift, aufhalten muss, dann muss das mit internationaler Zustimmung geschehen.

    Pater Lombardi: Es gibt noch eine weitere Frage, eine letzte.

    Caroline Pigozzi: Heiliger Vater, guten Tag. Ich würde gerne wissen: Wenn Sie nach Straßburg reisen, reisen Sie dann im Herzen als Nachfolger Petri, als Bischof von Rom oder als Erzbischof von Buenos Aires...

    Papst Franziskus: Caroline ist sehr spitzfindig... Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht. Aber ich reise, glaube ich, mit allen dreien, denn ich habe mir diese Frage nie gestellt. Sie zwingen mich, ein wenig nachzudenken!

    Caroline Pigozzi: Das ist eine Frage, die typisch für eine Frau ist...

    Papst Franziskus: Nein, aber wirklich... Die Erinnerung ist die des Erzbischofs von Buenos Aires, aber das bin ich nicht mehr. Jetzt bin ich Bischof von Rom und Nachfolger Petri, und ich glaube, ich reise mit dieser Erinnerung, aber mit dieser Realität: ich reise mit diesen Dingen. In diesem Moment bin ich um Europa besorgt; um zu helfen, ist es gut, dass ich vorangehe, und zwar als Bischof von Rom und als Nachfolger Petri: Dort bin ich ein Römer.

    Ich danke Euch sehr für Eure Arbeit! Es war wirklich ein eindrucksvoller Tag. Danke, vielen Dank. Vergesst nicht, für mich zu beten. Danke.

    Pater Lombardi: Wir danken Ihnen, Heiliger Vater, dass Sie auch diesmal, nach diesem so angefüllten Vormittag, für uns Zeit gefunden haben.

    Papst Franziskus: Ich danke Euch. Gesegnete Mahlzeit.

    Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller