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    Nazi-Größen treten als Schmierenkomödianten auf

    Theaterstücke liefern häufig die Vorlage für Filmdrehbücher. Seltener, aber immer häufiger werden jedoch auch bekannte Spielfilme für die Theaterbühne adaptiert. So etwa zuletzt Betty Hensels Bearbeitung des Drehbuchs von Fred Breinersdorfer für den Oscar-nominierten Spielfilm „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (DT vom 26.2.2005), die im Februar 2008 im Schauspielhaus Salzburg uraufgeführt wurde.

    Theaterstücke liefern häufig die Vorlage für Filmdrehbücher. Seltener, aber immer häufiger werden jedoch auch bekannte Spielfilme für die Theaterbühne adaptiert. So etwa zuletzt Betty Hensels Bearbeitung des Drehbuchs von Fred Breinersdorfer für den Oscar-nominierten Spielfilm „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (DT vom 26.2.2005), die im Februar 2008 im Schauspielhaus Salzburg uraufgeführt wurde.

    „Das Theater im Bauturm“ und das „Theater der Keller“ in Köln haben nun eine Bühnenbearbeitung von Ernst Lubitsch' Klassiker „Sein oder Nichtsein“ aus dem Jahre 1942 gemeinsam produziert, die am 15. Mai im Millowitsch-Theater Premiere feierte.

    Regisseur Rüdiger Pape inszeniert sehr dicht an der Vorlage: Die erste Szene zeigt eine polnische Theatertruppe beim Proben für eine Nazi-Satire namens „Gestapo“. Der Regisseur des „Gestapo“-Stücks Dobrosch (Klaus Wildermuth) stürmt dabei auf die Bühne. Von Anfang an wird der Zuschauerraum in die Inszenierung einbezogen.

    Dies wird im Laufe des Abends Regisseur Pape oft wiederholen, so etwa als ein Abgesandter des Außenministeriums (Gerhardt Haag) ins Theater kommt, um den Einspruch der Regierung gegen „Gestapo“ mitzuteilen. Das Anti-Nazi-Stück wird also abgesetzt und durch den Klassiker „Hamlet“ ersetzt. Das ist der große Augenblick für den Schauspieler Josef Tura (Georg B. Lenzen), der endlich den berühmten Monolog „Sein oder Nichtsein“ sprechen kann. Was er allerdings nicht weiß: Der Monolog dient seiner Frau Maria Tura (Alexandra von Schwerin) und dem jungen Flieger Stanislas Subinski (Tobias Licht) als Stichwort zum Rendezvous in Marias Garderobe.

    Stanislas Subinski „schleicht sich aus dem Stück“ (so Josef Tura), sobald der Hamlet-Darsteller „Sein oder Nichtsein“ spricht (daher auch der Filmtitel). In der Filmfassung saß Robert Stack zwar im Publikum, aber eben auf der Leinwand. In der Bühnenbearbeitung besitzt diese Szene eine weitaus größere Unmittelbarkeit. Denn Tobias Licht hatte bereits vor Beginn des Theaterstücks in der ersten Reihe des Zuschauerraums Platz genommen. Und nun müssen auch einige Zuschauer aufstehen, damit er auf die Bühne (in Marias Garderobe) kann.

    Obwohl naturgemäß in einem Theaterstück die unterschiedlichen Szenen eine größere Eigenständigkeit als in einem Spielfilm besitzen, gelingt es Rüdiger Pape, den Fortgang der Handlung nicht aus den Augen zu verlieren: Nach dem Einfall der deutschen Truppen in Warschau gehen die Schauspieler in den Untergrund. Als der Spion Professor Siletzky (Kai Hufnagel) in Warschau mit den Adressen der Widerstandskämpfer auftaucht, schlüpfen die Schauspieler erneut in ihre „Gestapo“-Kostüme. Es beginnt ein Verkleidungs- und Spiel-im-Spiel, bei dem vor allem Josef Tura-Darsteller Georg B. Lenzen glänzt. Denn dieser Josef Tura spielt nicht nur Hamlet im gleichnamigen Theaterstück, sondern nacheinander Ortsgruppenleiter Erhard und Professor Siletzky – mit interessantem Perspektivenwechsel.

    Schließlich taucht der „echte“ Ortsgruppenleiter Erhard (Dirk Bach) mit seinem Adjutanten Schulz (Jonathan Briefs) auf. Mit Dirk Bach auf der Bühne – die Pause findet offensichtlich so spät statt, damit das Stück in „ohne Dirk Bach“ und „mit Dirk Bach“ eingeteilt wird – erhält „Sein oder Nichtsein“ einen größeren Slapstick-Charakter. Davon zeugt schon sein wiederholter schriller „Schuuulz!“-Ruf, auf den Jonathan Briefs mit dazu passender Mimik reagiert.

    Dirk Bachs Erhard-Interpretation hat allerdings auch etwas Chaplineskes an sich. In Köln aber darf er den englischen Namen „Concentration-Camp-Erhard“, der ebenfalls aus Lubitschs Film stammt, mit gewissen Anklängen an Hans Süper (Colonia-Duett) sprechen.

    Das minimalistische Bühnenbild (Petra Buchholz) erweist sich als äußerst passend, damit sich das 14-köpfige Ensemble entfalten kann. Dieses wird allerdings durch eine grandiose Musik (Verena Guido, Martin Kübert, Bernd Keul) unterstützt, die sich in keinem Augenblick in den Vordergrund spielt, aber stets die angemessene Stimmung erzeugt.

    Natürlich stellt ein solches Theaterstück erneut die Frage: Darf über Adolf Hitler gelacht werden? Eine Diskussion, die zuletzt im Zusammenhang mit Dani Levys Spielfilm „Mein Führer. Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ (DT vom 13. Januar 2007) geführt wurde. Regisseur Rüdiger Pape beantwortet sie, indem er in einem Klassiker die sichere Vorlage sucht. Die feine Ironie von Ernst Lubitsch erreicht sein immer mehr ins Slapstickhafte gleitendes Bühnenstück zwar nicht. Aber es entlarvt die NS-Schergen als primitive Schmierenkomödianten – wie es vor mehr als 60 Jahren Charles Chaplin oder eben auch Ernst Lubitsch vorführten.

    Von José García