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    Mutter, Ehefrau, Herrscherin

    Wien, 13. Mai 1717, halb acht Uhr morgens: Durch die altehrwürdigen Gemächer der Hofburg gellt der Schrei eines neugeborenen Kindes. Die Habsburgischen Erblande hatten diesen Tag mit Sehnsucht erwartet. Von Mailand bis nach Schlesien war in den Pfarreien für die glückliche Geburt des Thronfolgers gebetet und Bittprozessionen zur Magna Mater Austriae veranstaltet worden – zur Gottesmutter, die als Generalissima die österreichischen Heere zum Sieg über die Türken geführt hat und seit der Zeit der Gegenreformation auch als Schutzpatronin der Dynastie verehrt wird. Der Druck auf die Kaiserin, einen weiteren Sohn zu gebären war deutlich gestiegen, nachdem ihr erster vor einem halben Jahr gestorben war – im Alter von nur sieben Monaten. Vor wenigen Jahren war schon die spanische Linie des Hauses Habsburg ausgestorben und nach dem Tod des Bruders verblieb Kaiser Karl VI. als letzter lebender männlicher Habsburger. Nun war Kaiserin Elisabeth Christine – Gott sei's gelobt – schon wieder gesegneten Leibes und ganz Österreich erhoffte sich einen weiteren kleinen Erzherzog, der das riesige Reich der Vorväter beerben könnte. Sie musste einen Jungen gebären. Obwohl sie durchaus politisches Talent hatte, war dies ihre vordringlichste, ihre einzige Aufgabe. Und nun das: Das Kind, das da in aller Frühe das Licht der Welt erblickte, war ein Mädchen!

    Das Maria-Theresia-Denkmal in Wien erinnert an eine tatkräftige Frau. Foto: dpa

    Wien, 13. Mai 1717, halb acht Uhr morgens: Durch die altehrwürdigen Gemächer der Hofburg gellt der Schrei eines neugeborenen Kindes. Die Habsburgischen Erblande hatten diesen Tag mit Sehnsucht erwartet. Von Mailand bis nach Schlesien war in den Pfarreien für die glückliche Geburt des Thronfolgers gebetet und Bittprozessionen zur Magna Mater Austriae veranstaltet worden – zur Gottesmutter, die als Generalissima die österreichischen Heere zum Sieg über die Türken geführt hat und seit der Zeit der Gegenreformation auch als Schutzpatronin der Dynastie verehrt wird. Der Druck auf die Kaiserin, einen weiteren Sohn zu gebären war deutlich gestiegen, nachdem ihr erster vor einem halben Jahr gestorben war – im Alter von nur sieben Monaten. Vor wenigen Jahren war schon die spanische Linie des Hauses Habsburg ausgestorben und nach dem Tod des Bruders verblieb Kaiser Karl VI. als letzter lebender männlicher Habsburger. Nun war Kaiserin Elisabeth Christine – Gott sei's gelobt – schon wieder gesegneten Leibes und ganz Österreich erhoffte sich einen weiteren kleinen Erzherzog, der das riesige Reich der Vorväter beerben könnte. Sie musste einen Jungen gebären. Obwohl sie durchaus politisches Talent hatte, war dies ihre vordringlichste, ihre einzige Aufgabe. Und nun das: Das Kind, das da in aller Frühe das Licht der Welt erblickte, war ein Mädchen!

    Welch eine Enttäuschung. Beim Kaiser, bei der Kaiserin, beim Hof, bei den Ständen, bei den Untertanen. Zwar hatte Karl VI. in seiner Pragmatischen Sanktion – neben der Unteilbarkeit seiner Länder – auch die weibliche Erbfolge ermöglicht, doch nur im alleräußersten Notfall. Daher nahm keiner das kleine rotblonde, auf die Namen Maria Theresia Walburga Amalia Christina getaufte Mädchen mit den blauen Augen sonderlich ernst. Schließlich war das Kaiserpaar gesund und weitere Nachkommen waren zu erwarten. Allerdings griff man nun zu medizinischen Maßnahmen, um die Fruchtbarkeit der Kaiserin zu fördern. Die Hofärzte rieten zu einer kräftigenden Diät aus reichlich Alkohol und üppigen Speisen.

    Indes ihre Mutter zur Erhaltung der Dynastie rundlicher wurde, wuchs mit Maria Theresia ein durchaus eigensinniges Mädchen heran. Sie schwärmte für den zehn Jahre älteren Franz Stephan von Lothringen, der wie Maria Theresia am Kaiserhof aufwuchs und den sie bereits im Alter von fünf Jahren kennenlernte. Ihr gelang es schlussendlich, sich durchzusetzen und ihren „Franzl“ zu ehelichen. Vier Jahre nach dieser – für damalige Zeiten außergewöhnlichen – Liebesheirat kam 1740 der unerwartete Schlag: Der Tod von Maria Theresias Vater. Kaiserin Elisabeth war zwar inzwischen aufgrund ärztlicher Fürsorge so verfettet, dass sie sich kaum mehr bewegen konnte, doch sie hatte nur noch Töchter geboren, von denen neben Maria Theresia nur eine einzige das Erwachsenenalter erlebte. Selbst die Dekoration ihres Schlafzimmers mit „anregenden“ männlichen Nuditäten hatte nicht das erwünschte Ergebnis gezeitigt – Karl VI. war tot und es gab keinen männlichen Erben!

    Keine zwei Monate nach dem Tod des Kaisers begann der große Raubzug: Preußen schnappte sich das österreichische Schlesien, Bayern nahm sich Oberösterreich und Böhmen, das französisch regierte Spanien blickte begehrlich auf die italienischen Besitzungen. Lethargisch, als wäre es ein gottgegebenes Verhängnis, nahmen der Wiener Hof und die Spitzen des österreichischen Militärs diese Schläge hin – es war ja kein Mann im Haus, der etwas hätte unternehmen können. Nun schlug Maria Theresias Stunde. Glaubt man ihren Erinnerungen, war sie die einzige, die zum Widerstand entschlossen war. Sie ergriff tatkräftig die Zügel der Regierung, ließ sich in Preßburg zur Königin von Ungarn krönen und überzeugte die Magyaren, sie im Kampf zu unterstützen – wobei sie mit einem Gespür für Theatralik den wenige Monate alten Thronfolger Joseph im Arm hielt.

    Innerhalb von nur vier Jahren gelang es der Frau – von den „Herren der Schöpfung“ völlig unerwartet – sich als wahrhafte Erbin zu behaupten und mit den übrigen Großmächten wieder auf Augenhöhe zu kommen. Sie konnte sogar die Wahl ihres geliebten Mannes zum Kaiser durchsetzen, nach der er sich Franz I. nannte. Dennoch behielt Maria Theresia alle Fäden in der Hand, was auch den Fähigkeiten des Gatten eher entsprach. Doch so wenig Franz I. Stephan zum Feldherrn oder Staatslenker berufen war, so glücklich war sein Händchen in Finanzdingen. Es gelang ihm, die Finanzen des Hauses Habsburg-Lothringen zu konsolidieren und auch seine Frau in dieser Hinsicht zu beraten. Ihrer Ansicht nach war es eines Landesfürsten Schuldigkeit, zur „Erleichterung seiner Länder und Unterthanen wie auch deren Armen, alles anzuwenden, keineswegs aber mit Lustbarkeiten die einhebenden Gelder zu verschwenden“. Schon während des Krieges hatte sich Maria Theresia daran gemacht, das morsche Staatengebilde im Geiste eines gemäßigt-aufgeklärten Absolutismus' zu reformieren. Eine allgemeine Steuerpflicht wurde eingeführt, der auch Adel und Klerus unterworfen waren. Die später nach ihr benannte „Theresianische Staatsreform“ umfasste Verwaltung, Militär und Bildungswesen.

    Was viele an Maria Theresia so fasziniert, ist, dass sie neben ihrer hauptamtlichen Regierungstätigkeit auch ihre Rollen als Mutter und Ehefrau augenscheinlich mustergültig bestritt. 14 ihrer insgesamt 16 Kinder gebar sie nach ihrem Regierungsantritt, Schloss Schönbrunn wurde als Familiensitz ausgebaut und die Gemälde von ihrer künstlerisch begabten Tochter Marie Christine zeigen intime Einblicke in das Leben der Kaiserfamilie – Kaiser Franz I. in Pantoffeln, Maria Theresia als treusorgende Hausfrau inmitten einer Schar herumtollender Kinder. Dabei darf nicht übersehen werden, dass Maria Theresia keinesfalls die frühe Vorwegnahme eines biedermeierlichen Idylls war. Ein jedes ihrer Kinder verfügte über einen eigenen Hofstaat und keinem von ihnen gestattete sie eine Liebesheirat. Sie wählte deren Ehepartner nach den Erfordernissen ihrer Außenpolitik aus: „Gott allein, der das Innerste meiner Seele sieht, weiß, dass ich nur das öffentliche Wohl im Auge habe, selbst wenn es auf Kosten meines und Euer aller Wohl ginge.“

    Nach dem Tode des – trotz mancher Seitensprünge – geliebten Gatten, versank Maria Theresia in tiefer Trauer. Sie verschenkte ihren Schmuck, schnitt sich das Haar kurz, trug von 1765 an nur noch Schwarz und betäubte ihren Schmerz mit unermüdlicher Arbeit. „Mein glücklicher Ehestand war 29 Jahre, 6 Monate, 6 Tage...“ – schrieb sie auf einen Zettel, den sie in ihr Gebetbuch einlegte – „...macht also Jahre 29, Monate 335, Wochen 1 540, Tage 10 781, Stunden 258 774.“ Ihr gemeinsamer Sohn, Joseph II., folgte dem Vater als Kaiser und Mitregent nach. Es wurden 15 konflikt- aber auch erfolgreiche Jahre, in denen Mutter und Sohn ebenso oft gegen- wie auch miteinander regierten. Joseph hatte schon in frühester Jugend die Ideen der Aufklärung aufgesogen und wollte diese auch in Österreichs Landen umsetzen – so schnell als möglich: „In einem Reiche, das ich regiere, muss – nach meinen Grundsätzen beherrscht – Vorurteil, Fanatismus und Sklaverei verschwinden, damit jeder meiner Untertanen in den Genuss seiner angeborenen Freiheiten eingesetzt werden kann.“ Maria Theresia, deren Motto „Justitia et clementia“ lautete, hatte zu Beginn ihrer Regierungszeit alle Juden aus Prag und Böhmen ausweisen lassen – gegen den Protest zahlreicher europäischer Staaten, darunter auch der Kurfürst-Erzbischöfe von Mainz und Köln und obwohl die böhmischen Juden gegenüber den Habsburgern loyal waren. Auch die Protestanten durften weder auf ihre Gerechtigkeit vertrauen, noch auf ihre Milde hoffen.

    Zusammen mit aufsässigen Untertanen und Prostituierten ließ sie diese in die entvölkerten Gebiete Transsylvaniens umsiedeln. Joseph II. fand die Religionspolitik seiner Mutter „ungerecht, gottlos, unmöglich, schädlich und lächerlich“ – sie konnte seinem „Tolerantismus“ nichts abgewinnen. Und selbst seine Rücktrittsdrohungen konnten daran nichts ändern. Dabei erkannte Maria Theresia durchaus die Notwendigkeit von Reformen. Doch sie sah ihre Aufgabe in der Rolle einer Bewahrerin und war strikt gegen überstürzte Änderungen. Wo der Sohn auf Neuerung drängte, hielt die Mutter ihm entgegen: „Du magst noch so viel Talent haben. Unmöglich kannst du [...mit allem...] allein fertig werden!“ Wo Joseph mit seinem dogmatischen „Alles für das Volk, nichts durch das Volk“ Reformen von oben verlangte, erwiderte Maria Theresia: „Ich war genau dein Gegenteil! Ich habe die Leute immer durch Freundlichkeit und gute Worte dahin gebracht, dass sie meinem Willen gehorchten.“ Joseph – dessen Wesen von den Zeitgenossen als schroff und hochfahrend bezeichnet wurde – unterzog den Klerus einer strikt-aufklärerischen Kosten/Nutzen-Abwägung, nach der nur in der Seelsorge oder Krankenpflege tätige Orden dem Staate nützlich seien. Maria Theresia reduzierte die Zahl der religiösen Feiertage und hob immerhin 80 Klöster auf, zugunsten der Zahl an Pfarreien. Die Ideen der Aufklärung aber blieben ihr fremd. Zwar war auch sie bereit, das Strafrecht zu reformieren und die Exzesse der Folter einzuschränken – gänzlich verboten wurde sie erst unter dem Einfluss des mitregierenden Sohnes. Um das Los der Bauern zu erleichtern, begrenzte sie die Fronarbeit – vollends abgeschafft wurde die Leibeigenschaft aber erst nach ihrem Tod.

    Aus heutiger Sicht mögen Maria Theresias Reformansätze als zu zögerlich erscheinen. Es gab keinen Theresianismus wie es einen Josephinismus ihres Sohnes gab. Und im Lichte heutiger Betrachtung überstrahlt Josephs Toleranzedikt, mit dem Juden und Protestanten Gleichberechtigung erfuhren, alle Schattenseiten seiner Regierungszeit. Dies sollte aber nicht den Blick darauf verstellen, dass Joseph viele seiner Reformen noch zu Lebzeiten wieder zurücknehmen musste. Zum Ende seiner zehnjährigen Alleinregierung hatte er alle gegen sich aufgebracht – den Adel, der um seine Privilegien fürchtete, die Beamten, von denen Joseph II. ständig Opfer verlangte, und die Bürger, denen er Zunftwesen und Innungsrechte nahm. Am nachhaltigsten wirkte das paternalistische Zweier-Gespann von Mutter und Sohn dort, wo sich die beiden zusammenraufen konnten. Exemplarisch sei hier die von Augustinerabt Ignaz Felbinger entworfene und 1774 erlassene „Allgemeine Schulordnung“ genannt, in der die Unterrichtspflicht eingeführt wurde – nach protestantisch-preußischem Vorbild für Jungen und Mädchen gleichermaßen. Ein eigens gegründeter Schulbuchverlag hatte jedes vierte Buch als Armenbuch kostenlos abzugeben.

    Maria Theresia verstarb am 29. November 1780 in der Wiener Hofburg an einer Lungenentzündung. Bestattet wurde sie in der Kapuzinergruft, wo sie in einem Doppelsarkophag an der Seite ihres geliebten Mannes Franz Stephan ruht.