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    München

    Mitleid mit den Menschen

    Anthony van Dyck in der Alten Pinakothek: Wolfgang Wilhelm, Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, gehört jetzt dazu. Der 1613 katholisch gewordene Reichsfürst, dem es gelang, sein durch die Konversion gesichertes rheinisches Territorium von Jülich-Berg weitgehend aus dem Dreißigjährigen Krieg herauszuhalten, hatte sich 1629 von Anthony van Dyck (1599-1641) malen lassen, wie so viele seiner Standesgenossen. Immerhin 54 Gemälde des Antwerpeners zählen die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen zu ihrem Eigentum, sie sind jetzt mit auswärtigen Leihgaben zu einer repräsentativen Werkschau in der Alten Pinakothek vereint.

    Heilige Familie in einer Landschaft, van Dycks
    Gilt als einer der größten Porträtisten: van Dycks Heilige Familie in einer Landschaft, um 1630. Foto: Museum

    Wolfgang Wilhelm, Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, gehört jetzt dazu. Der 1613 katholisch gewordene Reichsfürst, dem es gelang, sein durch die Konversion gesichertes rheinisches Territorium von Jülich-Berg weitgehend aus dem Dreißigjährigen Krieg herauszuhalten, hatte sich 1629 von Anthony van Dyck (1599–1641) malen lassen, wie so viele seiner Standesgenossen. Ganz sicher war man sich aber nicht, ob das offenkundig während der Entstehung vielfach abgeänderte Porträt vom Meister selber oder aus dessen Werkstatt stammt. Intensive Forscher-Arbeit unter Einsatz moderner Technik – wie des Infrarotreflektogramms – hat nun pünktlich zur Eröffnung der großen Bilderschau des flämisch-britischen Malers in München die sichere Zuschreibung ermöglicht. Immerhin 54 Gemälde des Antwerpeners zählen die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen zu ihrem Eigentum, sie sind jetzt mit auswärtigen Leihgaben zu einer repräsentativen Werkschau in der Alten Pinakothek vereint.

    Es ist die ewig-junge Frage des „Wer bin ich?“, hier ergänzt noch durch „Was bin ich als Künstler?“, die den später in England zu Ruhm, Geld und Adelstitel Gekommenen von Beginn an umtrieb. Eines der frühesten Werke der Ausstellung ist zugleich eines der faszinierendsten: Gerade 16 Jahre zählte Antoon, wie er in der belgischen Heimat hieß, als er sich selbst malte, als neugierig-blonden Buben, der sich im Gemälde mit offenem Blick dem Betrachter nach hinten zuwendet, als hätte dieser den Knaben gerade beim Namen gerufen.

    Dunklen Rubens-Farben fügte er helle hinzu

    In dieser ersten Phase lernte van Dyck unermüdlich vom großen Landsmann Rubens, in dessen Werkstatt er zeitweise arbeitete, später von den Italienern aus der Generation zuvor, Tizian und Veronese etwa, die er bei einem mehrmonatigen Italien-Aufenthalt intensiv studiert hatte. Den dunklen Rubens-Farben fügte er in der Folge hellere hinzu. Sich ständig in Frage zu stellen, immer nach der Vervollkommnung der Technik zu streben – das wurde in besonderer Weise das Markenzeichen des seit 1632 ständig in London Lebenden. Dort war er zum Hofmaler Karls I. avanciert, erhielt aber auch reichlich Aufträge von der britischen Aristokratie. Schließlich musste er für sein Haus im Londoner Stadtteil Blackfriars einen eigenen Bootssteg in Auftrag geben, so zahlreich waren die Besuche der hohen Herrschaften in seinem Atelier. Für 150 Jahre sollte er in seinem eleganten, den Abgebildeten letztlich immer etwas zu „schön“ darstellenden Stil das Porträtmalen auf der Insel prägen. Die Erhebung in den persönlichen Adel mit dem Titel „Sir“ war der Lohn dafür.

    Dutzende Übermalungen zeigen Willen zur Perfektion

    Nur wenige dieser Bilder sieht man in der Münchener Schau, die aber auch Leihgaben aus New York, Edinburgh, Wien, Rom und Madrid zeigt. Der Focus liegt auf dem eigenen, stattlichen Bestand, zu dem noch Studienköpfe und Grisaillezeichnungen treten. Dieses bayerische Korpus, das normalerweise auf mehrere Galerien im Freistaat aufgeteilt ist, stand auch im Mittelpunkt des mehrjährigen Forschungsprojektes in Zusammenarbeit mit dem spezialisierten Münchner Doerner-Institut. Es geht um Röntgenaufnahmen und Detailvergleiche, die nicht nur dutzendfache Übermalungen, immer neue Versuche, die Farben zum Leuchten zu bringen ans Licht beförderten, sondern auch ein Geschäftsmodell des Künstlers decouvrierten: Offenbar hat van Dyck Ganzkörper-Porträts in üppigen Roben und mit verschwenderischen Details – in München etwa das eines Paares – gemalt, bei denen die Gesichter ausgespart waren. Jetzt musste man nur noch auf entsprechende Auftraggeber warten – die dann nach kurzer Zeit ihre Repräsentations-Bildnisse mit nach Hause nehmen konnten. Dies erklärt wohl auch, warum Sir Anthony vor allem für seine Porträts bekannt wurde, Auftragskunst im freilich besten Sinn des Wortes. Zeitübergreifend kann man ihn als den größten Porträtisten vor Erfindung der Fotographie bezeichnen.

    Immer wieder aber war es der Prozess des Malens selber, der van Dyck interessierte und dem er sich ganz überließ: Man sieht Ölstudien, in denen der Künstler ausprobierte, wie er verschiedene Gemütszustände am besten auf die Leinwand bannen konnte, Charakterköpfe auch, die er nach Art eines Notizbuchs festhielt, um sie später in Werke einzubauen. Bemerkenswert auch das frühe biblische Bild „Christus und der Lahme“, das in seiner Münchener und Londoner Fassung vorliegt. Die Unterschiede werden – das ist ein Markenzeichen der Münchner Pinakothek schon bei früheren Ausstellungen gewesen – musterhaft erklärt. Wer noch mehr wissen will über die technische Seite der Kunst, der greife zum 420-seitigen handbuchartigen Katalog, der in mehreren Beiträgen aufzeigt, wie man den Farben auf die Spur kommt und die verschiedenen Techniken den jeweiligen Meistern oder ihren Gehilfen zuordnen kann. Offenbar war van Dyck stets sein eigener größter Kritiker, der immer versuchte, sich selbst zu verbessern, zu übertreffen. Dem aber auch bewusst war, dass es nicht nur um die Darstellung eines ebenmäßigen Gesichts ging.

    "Man sieht, wie der Schrecken Besitz ergreift vom Geesicht der jungen Ehefrau,

    die von ihren Bedrängern mit der Drohung,

    sie als Ehebrecherin hinzustellen,

    gefügig gemacht werden soll."

    Zu den Bildern der Ausstellung, die besonders berühren, gehört das hochformatige „Susanna und die beiden Alten“, auf 1622/23 zu datieren. Mit psychologischer Meisterschaft nähert sich der Maler dem heiklen Geschehen: Man sieht, wie der Schrecken Besitz ergreift vom Gesicht der jungen Ehefrau, die von ihren Bedrängern mit der Drohung, sie als Ehebrecherin hinzustellen, gefügig gemacht werden soll. Die Hand eines der Alten berührt schon die Schulter, es ist berührend zu sehen, wie die Panik vom Gesicht Susannas Besitz ergreift. Das Mitleiden, das van Dyck hier demonstriert, hätte ein Rubens wohl nicht zustande gebracht und sich nur auf die Sensation des halbnackten weißen Frauenkörpers vor dunklem Hintergrund beschränkt.

    Nicht nur deswegen lohnt sich der Besuch der Münchener Ausstellung, auch wenn die meisten Werke der Londoner Epoche – die immer noch größte Einzelsammlung hat übrigens das britische Königshaus – fehlen. Dafür werden bewusst einige Porträts späterer Maler des 18. Jahrhunderts dazugestellt, um zu demonstrieren, wie lange noch van Dyck seine Zunftgenossen inspiriert hat. Die Ausstellungsmacher der Alten Pinakothek haben eine ungemein lehrreiche Ausstellung organisiert, die den Betrachter viel über das Malen selber lehrt: Anthony van Dyck als experimenteller Künstler, der so akribisch in den Farben rührte, dass es in der Pigmentkunde ein eigenes „van Dyck-Braun“ gibt, dunklem Kaffee gleich.

    Van Dyck, Alte Pinakothek, Barer Straße 27, München, geöffnet bis 2. Februar 2020. Di–Mi 10–21, Do–So 10–18 Uhr, Tel. 089-23 80 52 16

    www.pinakothek.de

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