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    Mit der Kamera zwischen die Beine

    Das Fernsehformat der Doku-Soap kennt offenbar kaum noch Grenzen. Konnte der geneigte TV-Zuschauer seinen Landsleuten bislang dabei zuschauen, wie sie auswandern („Good by Deutschland“) und versuchen, sich im Ausland eine neue Existenz aufzubauen, die eigenen vier Wände nach Herzenslust renovieren („Wohnen nach Wunsch“), sich bei der Erziehung ihrer Kinder unter die Arme greifen lassen („Die Super-Nanny“) oder jemanden suchen, der mit ihnen Bett und Hof teilt („Bauer sucht Frau“), so soll er nun Zeuge werden, wie Paare, denen es überwiegend an den dazu erforderlichen Voraussetzungen mangelt, ein Kind bekommen.

    Das Fernsehformat der Doku-Soap kennt offenbar kaum noch Grenzen. Konnte der geneigte TV-Zuschauer seinen Landsleuten bislang dabei zuschauen, wie sie auswandern („Good by Deutschland“) und versuchen, sich im Ausland eine neue Existenz aufzubauen, die eigenen vier Wände nach Herzenslust renovieren („Wohnen nach Wunsch“), sich bei der Erziehung ihrer Kinder unter die Arme greifen lassen („Die Super-Nanny“) oder jemanden suchen, der mit ihnen Bett und Hof teilt („Bauer sucht Frau“), so soll er nun Zeuge werden, wie Paare, denen es überwiegend an den dazu erforderlichen Voraussetzungen mangelt, ein Kind bekommen.

    „Deutschland wird schwanger“ lautet der reißerische und völlig überdimensionierte Titel der neue Doku-Soap, die der TV-Sender Sat.1 seit dieser Woche ausstrahlt. Dazu begleitete der private Fernsehsender eigenen Angaben zufolge ein ganzes Jahr lang einhundert Paare dabei, wie diese nahezu nichts unversucht lassen, um sich ihren Wunsch nach einem Kind doch noch zu erfüllen. Das Ergebnis kann zehn Folgen lang jeweils montags um 20.15 Uhr, also zu besten Sendezeit, begafft werden.

    Beispiel: Andrea und Eberhard. Die 47-jährige, die mit zwanzig einen Sohn gebar, ließ sich Alter von 35 Jahren sterilisieren. Nachdem sie vor drei Jahren den heute ebenfalls 47-jährigen Eberhard kennenlernte, hat Andrea ihre Meinung geändert und 3 000 Euro für eine Re-Sterilisation ausgegeben.

    Beispiel: Kim und Conny. Die beiden Lesben suchen im Internet seit langem nach einem geeigneten Samenspender und haben angeblich schon elf erfolglose Inseminationen hinter sich gebracht.

    Beispiel: Ramona. Die 38-jährige, die bereits zwei erwachsene Kinder hat, ist mit HIV infiziert. Mit ihrem fünf Jahre älteren, neuen Partner Ralf, will die aidskranke Frau trotzdem noch ein weiteres Kind. Doch für die künstliche Befruchtung fehlt das Geld.

    Auf Schritt und Tritt verfolgen Sat.1-Moderatorin Britt Hagedorn und ihr Kamerateam solche und andere beklagenswerte Existenzen und zeigen reichlich ungeniert ihre Tränen, Blut und Sperma. So wurde etwa an diesem Montag die TV-Nation kaum noch auf Distanz gehalten, als der 27-jährige Sahid, der trotz intensiver Bemühungen mit seiner 22-jährigen Freundin Merle offenbar kein Kind zeugen kann, zur Samenspende in ein mit Pornofilmen und -magazinen ausgestattetes„Behandlungszimmer“ gerufen wird. Anschließend zeigte die Kamera, wie Merle ihren iranischstämmigen Freund euphorisch feiert, als dieser nach vollbrachtem Werk mit einem gefüllten Behälter zur Tür heraustritt. Auch als der Reproduktionsmediziner das Paar darüber informierte, dass sich in Sahids Sperma pro Milliliter nur rund sieben Millionen Spermien tummeln, wo es normalerweise rund 20 Millionen sein müssten, war die Kamera zugegen.

    Abgeguckt hat Sat.1 die Idee für diese Doku-Soap bei dem britischen Fernsehsender BBC. Deren Reihe „Make me a baby“ hatte in Großbritannien und in den Niederlanden für gigantische Einschaltquoten gesorgt. Zuspruch, den sich offenbar auch der schwächelnde deutsche TV-Sender erhofft.

    Eine Hoffnung, die jedoch bislang ebenso unerfüllt bleibt wie der Kinderwunsch der ausgewählten Paare. So wohnten der Premiere von „Deutschland wird schwanger“ am Montag nur insgesamt 1,84 Millionen Menschen bei, was einem Marktanteil von 5,6 Prozent entspricht. Und selbst in der vom Sender favorisierten Zielgruppe der 14- bis 49-jährigen, bei denen die neue Doku-Soap einen Marktanteil von 9,5 Prozent erzielte, hielt sich der Zuspruch in Grenzen.

    Wie darüber die Hersteller von Milchpulver und Windeln, Damenbinden und Fruchtbarkeitsmonitoren, welche die fruchtbaren Tage elektronisch angezeigen, denken, deren TV-Spots in den Werbepausen eingespielt werden, muss abgewartet werden.

    Auf klare Ablehnung stößt die ungewöhnliche Variante des Doku-Soap-Formats dagegen beim Berufsverband der Frauenärzte. „Mit meiner Vorstellung von Ethik verträgt sich dieses Format jedenfalls nicht“, sagt die Gynäkologin Ingeborg Reckel-Botzem und verweist dabei darauf, dass allenfalls jedem dritten ungewollt kinderlosen Paar mit der sogenannten assistierten Reproduktionsmedizin zu einem Kind verholfen werden kann. Die Chancen, dass die bemitleidenswerten Paare, die sich auf Sat.1 Eierstöcke durchleuchten lassen, sich vom Kameramann über die Schultern zwischen die Beine schauen lassen und eimerweise Tränen vor der Kamera vergießen, seien wahrscheinlich noch weitaus geringer. „Psychologischer Druck“, weiß Reckel-Botzem „gilt ja als eine Ursache dafür, warum Frauen eben nicht schwanger werden.“

    Derweil verkündet der Sender stolz, seit dem Start der Produktion habe es 36 Schwangerschaften gegeben. 21 davon hätten zu einer Geburt geführt. Wer weiß, vielleicht erobern demnächst ja tatsächlich noch Fehlgeburten und sogar Abtreibungen die Wohnzimmer? Ausschließen sollte man jedenfalls angesichts dessen, was bei „Deutschland wird schwanger“ alles gezeigt wird, besser nichts mehr.

    Von Stefan Rehder