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    Mit dem Schild des Theseus

    Das Wesen der sozialen Netzwerke hat mit dem alltäglichen Verständnis von Medien nichts zu tun. Schon für diese Einsicht darf man Alexander Pschera dankbar sein. Er hat ein kleines Meisterwerk geschrieben, sprachlich überwältigend und mit nicht endendem Ideenreichtum. Der Verlag nennt es einen „ersten Schritt zu einer Theorie der neuen Kommunikationswelt“, man könnte auch von kulturphilosophischer Deutung der Moderne sprechen.

    Das Wesen der sozialen Netzwerke hat mit dem alltäglichen Verständnis von Medien nichts zu tun. Schon für diese Einsicht darf man Alexander Pschera dankbar sein. Er hat ein kleines Meisterwerk geschrieben, sprachlich überwältigend und mit nicht endendem Ideenreichtum. Der Verlag nennt es einen „ersten Schritt zu einer Theorie der neuen Kommunikationswelt“, man könnte auch von kulturphilosophischer Deutung der Moderne sprechen.

    Pschera zeigt die Abgründe der sozialen Netzwerke wie Facebook oder Twitter – auch Smartphones kommen zur Sprache –, und der Leser ahnt schon deren völlige Verdammung; aber dazu kommt es dann doch nicht: „Die grundsätzliche Ablehnung der Technologe der sozialen Netzes ist eine Reduktion des Lebens selbst.“ Denn sie gehört zum Menschen, was Pschera mit Kunst und Literatur belegt. Der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau (1817–1862) erzählte, wie er den singenden Draht eines Telegrafenmastes hörte. Es sei der Klang eines von weit herkommenden prächtigen und übernatürlichen Lebens. Er spricht von der zehnten Muse, der Muse der Kommunikation. Pschera nennt die moderne Kommunikation ein magisches Medium: „Wer das soziale Netz beschreiben will, der muss dieses Rauschen beschreiben, das in der Muschel gefangen ist, die der Ozean an unsere Füße spült, oder jenes himmlische Singen der Drähte in dem Kopf, den Henry David Thoreau am 3. September 1853 zärtlich an den Telegraphenmast legt. So geht es darum, das radikal Andere, das der Draht des Netzes in die Wildnis unseres Lebens trägt, zu beschreiben in einer Sprache, die nicht die Immanenz des Technischen auf den Punkt bringt, sondern die die Transzendenz des Humanen einkreist.“

    Heute sind es mindestens 800 Millionen Menschen, die soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder YouTube benutzen. Pschera lässt deutlich werden, warum sich deren Sog kaum jemand entziehen kann. Präzise entwickelt der Autor die Strukturen der sozialen Medien und zeigt, dass sie nicht einer Mode, sondern der Moderne angehören. Sie sind nicht der Leerlauf des bloß Gegenwärtigen wie die Mode, totale Immanenz oder katastrophisch, das im Augenblick verfällt, sondern eine poetisch-mythische Konstruktion, die uns auf eine neue Ebene des Sprechens hebt. Sie sind für Pschera poetisch, weil sie sozial sind. Er macht hier sogar einen Begriff von Liebe stark, der heute schon in Vergessenheit geraten sei, und der bei Paulus schon anklinge. Liebe verstand er als interaktive Eigenschaft wie „Langmut, Wertschätzung des Anderen, Güte, Toleranz“. Das ganze Buch Pscheras ist vom Optimismus durchdrungen, die letztlich positiven Eigenschaften des Netzes sichtbar zu machen, die durch deren Missbrauch, schlechte Sprache und bloß modischen Umgangsformen nicht in den Schatten gestellt werden können. Diese negativen Seiten kommen nicht zu kurz und werden in ihrer ganzen Düsternis beschrieben, als Anarchie der Privatsprachen, die zu Unübersichtlichkeit, Wildwuchs und Unordnung führen. Pschera spricht geradezu von einer „Nicht-Lesbarkeit der sozialen Medien“ und des „Buches“ Facebook, aus dessen Mitte das Haupt der Medusa schaue, weil es das Antlitz einer vernichtenden Einsamkeit haben kann. Nicht die sozialen Medien machen vor dem häuslichen Computer einsam, sondern die Einsamkeit führt uns zu ihnen, ist Pscheras These. Die Zeichen einer SMS-Botschaft verweisen nicht über sich hinaus, sondern erfüllen den Augenblick. Es sind wie die schnellen Meldungen bei Twitter Hieroglyphen des Privaten auf der privaten Pinnwand, die im nächsten Moment schon wieder überschrieben werden können. „Der Text des sozialen Netzes hat so viele Autoren, dass Verweisen ebenso unmöglich ist wie das, wozu Verweisen führt: Erinnern.“

    Das einsame Zwitschern der Vögel auf dem Draht

    Das Netz ist eben nicht wirklich Text, und hier ist für Pschera der Unterschied zur wahren Schrift, die auch Erinnerungsgut ist, verfügbar und nicht nur rückstandsfrei eliminierbar, wo sich nichts „zum Dokument verhärtet“. Höhepunkt der wahllosen Perspektive ist Wikileaks, ohne lesbare Strategie. Darum spricht Pschera vom Netz als Labyrinth des Mythos, weil es ein Tun ohne höheres Wissen und durchschauten Zusammenhang ist. Und darum nähert sich der Autor dem medusenhaften Netz auch mit dem Schild des Theseus, den literarischen Texten, die die Erfahrung der sozialen Medien vorwegnehmen. Aus der Kunstgeschichte ist der Verweis auf das Bild „Zwitscher-Maschine“ (1922) von Paul Klee hilfreich, auf dem Vögel auf einem Draht zwitschern, die mit einer Maschine mit einer Kurbel verbunden sind. Die Vögel scheinen wie unabhängig von dem Draht zu sein, was Pschera als Überwindung der Mechanik deutet, wie auch Twitter die Unmittelbarkeit von Lebensmomenten als unabhängig von der Technik suggeriert. Das zeigt für Pschera auch die Zweideutigkeit der sozialen Medien: „Die Vögel auf dem Draht haben nicht nur Sehnsucht, sie sind offensichtlich auch einsam. Keiner schaut den anderen an. Jeder ist in sich versunken, in sich gekrümmt.“ Diese Einsamkeit ist für den Autor auch die Zeit der Großstadtdichtung von Baudelaire oder der Erzählungen von Edgar Allan Poe wie „Der Mann in der Menge“, der die Einsamkeit in einem Londoner Kaffeehaus erlebt. Auch de Maistres Roman „Die Reise um mein Zimmer“ gehört hierher, der für Pschera Beleg für die Beschreibung eines Raumes ist, in dem die Dinge ebenso wenig Bezug haben wie im sozialen Netz. Alle diese Künstler hätten etwas vorausgeträumt, eine Utopie, die wir im sozialen Netz erleben: „Dieses Konzept von Einsamkeit, von imaginationsbereiter Langeweile, gilt es wieder zu entdecken, um uns selbst mit dem echten Leben zu überraschen und um die Monotonie funktionaler Verknüpfungen zu überwinden.“

    Pschera hat große Kraft darauf verwandt, die Doppelgesichtigkeit der sozialen Medien darzustellen. Sie sind nicht nur gut und auch nicht nur schlecht. Er hält diese Technik für die „zeitgenössische Gestalt des Mythos“, die aber der aufgeklärte Mensch nicht ablehnen dürfe, weil sie ein Teil seiner selbst ist: „Der aufgeklärte Mensch, der Facebook für die Inkarnation des Bösen hält, offenbart nur den Groll, den er selbst schon lange gegen das Leben hegt, das ihm nun endgültig als schillernde, vielarmige und vielgesichtige Gottheit vor der Nase herumtanzt.“ Pschera stellt sich in die Tradition der Technikphilosophien von Heidegger und Habermas, die an Nietzsches Abwehr des Ressentiments, des unaufrichtigen Menschen, angeknüpft hätten. Für Pschera ist Facebook aufrichtig, wenn auch banal. Diese Technik sei kein Fremdkörper, sondern gewissermaßen eine Prothese, die unser Leben zusammenhalte. Die Kraft des Internets im Nahen Osten ist ihm ein Beleg hierfür.

    „800 Millionen“ macht klar, dass die Wirklichkeit des Netzes viel komplexer ist, als sie vordergründig erscheint. Das macht die Lektüre des Buches so außerordentlich lohnenswert. Dass hierbei eine Höchstform von Sprache gegen das Netz in Stellung gebracht wird, wird kein Zufall sein, weil sie Teil der Argumentation gegen die Schwächen der sozialen Medien ist. Und dass dabei jeder Satz eine Erkenntnis sein will, kann als Einspruch gegen die Augenblicklichkeit und Selbstbezüglichkeit der Netzsprache gelesen werden. Was hier aber auch immer zur Sprache kommt, ist das Geheimnis der Berührung in Mechanik, der Spur einer neuen Sprache der „Liebe“.

    Alexander Pschera: 800 Millionen. Apologie der sozialen Medien. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2011, 111 Seiten, ISBN-13: 978-3882215786, EUR 10,–