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    Mit dem Papst gegen Hitler

    Ein „kirchliches Spionagenetz des Vatikans“ im Einsatz. Von Ulrich Nersinger

    Pius XII.
    Papst Pius XII. hat die Handlungsfreiheit der Katholiken im Widerstand gestärkt. Foto: Piper

    In den Zeiten neuer Medien und der Sozialen Netzwerke muss sich der Buchmarkt entsprechend aufstellen. Schon der Titel einer Publikation und deren Vermarktung entscheiden darüber, ob ein potenzieller Leser am Kauf des Buches interessiert ist.

    Der amerikanische Essayist und Historiker Mark Riebling ist Dozent am Center for Jewish Civilisation der Georgetown University (USA) sowie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Anhand zahlreicher bisher unveröffentlichter Quellen aus US-Geheimdienstarchiven hat er sich an eine umfangreiche Darstellung gewagt, die den Kampf kirchlicher beziehungsweise kirchlich geprägter Kräfte gegen Hitler zum Thema hat. Riebling hat sein Buch in der Originalausgabe mit „Church of Spies“ überschrieben; die deutsche Übersetzung wählte den Titel „Die Spione des Papstes. Der Vatikan im Kampf gegen Hitler“. Der Buchumschlag berichtet von einem „kirchlichen Spionagenetzwerk des Vatikans“ und benennt es als den „ältesten Spionagedienst der Welt“; im ersten Satz der Einführung in seine Publikation spricht der Autor von den „Agenten des Vatikan-Geheimdienstes“.

    Einen regulären Geheimdienst des Papstes hat es natürlich nie gegeben, doch spionagemäßig ging es durchaus in der Auseinandersetzung der katholischen Kirche mit dem Nationalsozialismus zu. Den Fokus seiner Darstellung, die er mit fast 100 Seiten Anmerkungen und Quellen- und Literaturangaben zu belegen unternimmt, richtet Mark Riebling auf das Zusammenspiel des deutschen, und hier besonders des militärischen Widerstandes mit dem Papst. Eine herausragende Stellung in den deutsch-vatikanischen Aktionen gegen das verbrecherische Gebaren des Dritten Reiches wird in diesen Zusammenhang vor allem dem deutschen Anwalt Josef Müller (1898–1979) zugesprochen. Müller, in Bayern besser als der „Ochsensepp“ bekannt, wird Jahre später einer der Gründerväter der CSU sein.

    Neben dem damaligen Heiligen Vater finden unter anderem Kirchenmänner wie der Jesuit Robert Leiber, ein enger Mitarbeiter des Pontifex, und Pater Alfred Delp SJ, der am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee von den Nazis hingerichtet wurde, Erwähnung. Der historischen Rolle von Papst Pius XII. (1939–1958) versucht der Autor eine gerechte Beurteilung zukommen zu lassen – was durchaus nicht selbstverständlich ist. Zur Kritik des „päpstlichen Schweigens“ zitiert Riebling eine Äußerung des damaligen US-Geschäftsträgers am Heiligen Stuhl, Harold Tittmann, der angab, Josef Müller habe ihm mitgeteilt, dass es die Linie des deutschen katholischen Widerstandes war, dass sich der Papst mit Worten heraushalten sollte, da sonst die Handlungsfreiheit von Katholiken bei ihrer Tätigkeit im Widerstand erheblich eingeschränkt gewesen wäre.

    Mark Rieblings Ausführungen lesen sich wie ein Abenteuerroman, und sie sind auch bewusst als ein solcher angelegt. „Rieblings fesselnder Stil macht dieses Buch zu einem regelrechten Geschichtskrimi“, merkte die „Washington Times“ an. „Die Spione des Papstes“ beschränkt sich auf einen Aspekt kirchlich inspirierten Widerstandes gegen die Terrorherrschaft der Nationalsozialisten. Das ist legitim und kann durchaus sinnvoll sein, doch wäre es wünschenswert gewesen, man hätte die Gesamtheit der historischen Geschehnisse der Jahre 1939 bis 1945, vor allem jene im Vatikan, stärker mit einbezogen. Man merkt dem Buch an, dass der Autor, wenn er sich in vatikanische Gefilde begibt, auf diesem Terrain nicht zu Hause ist, und sich daher der ein oder andere vermeidbare Fehler in den Text eingeschlichen hat.

    Trotz einiger Mängel ist das Buch als Lektüre durchaus zu empfehlen, beleuchtet es doch gerade Facetten des katholischen Widerstandes, der vielen nur wenig bekannt oder bereits in Vergessenheit geraten ist.

    Mark Riebling: Die Spione des Papstes. Der Vatikan im Kampf gegen Hitler. Piper, München 2017, 496

    Seiten, ISBN 978-3-492-05455-3,

    EUR 26,00