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    Mit dem Magen voller Drogen nach New York

    Sowohl die französische „Nouvelle Vague“ als auch der „Neue Deutsche Film“ wussten davon, dass sich das Kino als Ort für gesellschaftlich relevante Fragen eignen kann. In den letzten Jahren sind vermehrt Spielfilme ins Kino gekommen, die zu „politischen und gesellschaftlichen Brennpunkten“ Stellung nehmen, ohne jedoch den Unterhaltungscharakter außer Acht zu lassen. Arte zeigt vier solche Filme in der kleinen Reihe „Kino im Brennpunkt“.

    Sowohl die französische „Nouvelle Vague“ als auch der „Neue Deutsche Film“ wussten davon, dass sich das Kino als Ort für gesellschaftlich relevante Fragen eignen kann. In den letzten Jahren sind vermehrt Spielfilme ins Kino gekommen, die zu „politischen und gesellschaftlichen Brennpunkten“ Stellung nehmen, ohne jedoch den Unterhaltungscharakter außer Acht zu lassen. Arte zeigt vier solche Filme in der kleinen Reihe „Kino im Brennpunkt“.

    Eine schnörkellose und klare Filmsprache

    Den Auftakt bildet am Donnerstag, den 3. April, die europäische Koproduktion „Paradise Now“, die von palästinensischen Selbstmordattentätern in Israel handelt. In Nablus im Westjordanland sind militärische Straßensperren an der Tagesordnung. Die Bevölkerung fühlt sich gedemütigt und hilflos. Viel zu verlieren haben dort die Freunde Sa'd (Kais Nashef) und Khaled (Ali Suliman) nicht, die sich von Radikalen haben anwerben lassen, in Tel Aviv am Körper mitführenden Sprengstoff detonieren zu lassen.

    Der mit dem „Blauen Engel für den besten europäischen Film“ sowie mit dem „Friedenspreis von Amnesty International“ auf der Berlinale 2005 ausgezeichnete Film provoziert gerade durch seine schnörkellose, halbdokumentarische Inszenierung und seine klare Filmsprache. Regisseur Abu-Assad schildert mit kühler Distanziertheit die Vorbereitungen zum Selbstmordanschlag, die rituellen Waschungen, die Videoaufnahmen mit dem politischen Bekenntnis, den Haarschnitt sowie das Anbringen der Sprengladungen am Leib der „Auserwählten“. Der Film zeigt lediglich die Sicht der Palästinenser.

    Am Montag, den 7. April folgt „Maria voll der Gnade“, die Geschichte einer 17-jährigen Kolumbianerin, die in ihrem bisherigen Leben keinerlei Aussicht sieht. Sie lässt sich in der Hauptstadt Bogotá als „Maulesel“ anwerben. Das heißt, sie soll mit einem Magen voll Drogen nach New York reisen, um diese bei Straßendealern abzuliefern.

    Auch in diesem Spielfilm herrscht ein beinahe dokumentarischer Ton vor. Regisseur Joshua Marston dreht mit Handkamera viele Szenen, die scheinbar banale Seiten des Drogenhandels zeigen. So etwa das ekelerregende erneute Schlucken von ausgeschiedenen „Trauben“ auf der engen Flugzeugtoilette nach deren hektischer Säuberung. Oder die Todeskrämpfe, die das Platzen eines solchen Päckchens im Magen eines Kuriers verursacht. „Maria voll der Gnade“ erzählt ohne Pathos in natürlich komponierten Bildern eine Geschichte, die auf tausend wahren Geschichten beruht.

    Nimmt „Paradise Now“ den Gesichtspunkt der Palästinenser ein, so zeigt „Walk on Water“, der am Donnerstag, den 10. April ausgestrahlt wird, die Sicht des israelischen Geheimdienstes Mossad. Agent Eyal (Lior Ashkenazy) soll den ehemaligen Nazioffizier Alfred Himmelmann aufspüren und töten. Nach dem Selbstmord seiner Frau ausgelaugt, tarnt sich Eyal als Fremdenführer für Himmelmanns Enkel Axel (Knut Berger), der in Israel seine in einem Kibbuz lebende Schwester Pia (Caroline Peters) besucht.

    Abgesehen von einer fragwürdigen Homosexuellen-Nebenhandlung irritiert „Walk on Water“ wegen seiner klischeeartigen Figuren und einer Handlung, die immer unglaubwürdiger wird, ehe sie ihrem kaum realistisch zu nennenden Höhepunkt zustrebt.

    Die kleine Reihe schließt am Montag, den 14. April der britisch-deutsche Film „Shooting Dogs“ ab. Während des Völkermords an den Tutsis 1994 in Ruanda bietet die vom britischen Missionar Pater Christopher (John Hurt) geleitete internationale Schule vielen Menschen eine Zufluchtsstätte. In der Missionsschule beziehen belgische UN-Soldaten Stellung. Das Refugium stellt sich allerdings bald als Gefängnis heraus, aus dem es für Tutsis kein Entkommen gibt. Lediglich die Europäer, die in der Schule ebenfalls Zuflucht gefunden hatten, werden von den UN-Soldaten rechtzeitig außer Landes gebracht.

    Schildert der Film das Versagen der Weltgemeinschaft schonungslos, so richtet „Shooting Dogs“ seine Aufmerksamkeit aber auf das moralische Dilemma, mit dem seine Protagonisten konfrontiert werden.

    Sich selbst retten oder gemeinsam sterben

    Nachdem die UN-Truppen den Befehl zum Abzug erhalten haben, stehen der Lehrer und der Missionar vor der Entscheidung, sich selbst zu retten oder mit ihren Freunden in den sicheren Tod zu gehen. Insbesondere eine Szene, in der mitten im Chaos Pater Christopher sich in aller Seelenruhe für die Eucharistiefeier ankleidet, während er Joe den Standpunkt des Priesters darlegt, erscheint als filmische Hommage an unzählige Missionare, die auf der ganzen Welt ihr Leben gelassen haben.

    – „Paradise Now“, NL/F/D 2005. Regie: Hany Abu-Assad, 90 Min. Donnerstag, 03. April, 21.00 Uhr.

    – „Maria voll der Gnade“, USA 2004. Regie: Joshua Marston, 101 Min. Montag, 07. April, 21.00 Uhr.

    – „Walk on Water“, Israel 2004. Regie: Eytan Fox, 104 Min. Donnerstag, 10. April, 21.00 Uhr.

    – „Shooting Doogs“, GB/D 2005. Regie: Michael Caton-Jones, 114 Min. Montag, 14. April, 21.00 Uhr.

    Von José García