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    Mit dem Leben auf Zeichen Gottes antworten

    „An der Hand des Herrn leben“ war, was sie mehr wollte als alles andere. 1922 im Alter von 31 Jahren getauft, sehnte sich Edith Stein nach nichts so sehr wie nach dem kontemplativen, ganz und gar Jesus Christus, dem Gebet und der Anbetung zugewandten Leben. Und doch sollte sie noch zehn Jahre nach ihrer Taufe warten und in der Welt jenseits der Klostermauern andere Erfahrungen machen müssen, ehe ihr innigster Wunsch Erfüllung fand. Drei Tage nach ihrem 42. Geburtstag, am 15. Oktober 1933, endlich im Karmel angekommen, schrieb sie erleichtert: „Ich bin jetzt an dem Ort, an den ich längst gehörte.“ Doch der Weg der heiligen Edith Stein zu diesem von ihr so heiß ersehnten Ziel war ein langwieriger, mühsamer, von Tiefschlägen und zahlreichen persönlichen Enttäuschungen gesäumter Weg. Vor allem Edith Steins Mutter konnte ihre Entscheidung nie nachvollziehen und war enttäuscht, dass ihre Tochter nicht der jüdischen Frömmigkeit treu geblieben ist. Edith Stein fasst die Enttäuschung ihrer Mutter über ihre Berufung pointiert in folgende Worte: „Der letzte Tag, den ich zu Haus verbrachte, war der 12. Oktober, mein Geburtstag. Es war zugleich ein jüdischer Festtag, der Abschluss des Laubhüttenfestes. (...) Um einen kleinen Trost zu geben, sagte ich, die erste Zeit sei nur eine Probezeit. Aber es half nichts.“

    Papst weiht Edith-Stein-Statue am Petersdom ein
    Die Statue von Edith Stein am Petersdom. Foto: dpa

    „An der Hand des Herrn leben“ war, was sie mehr wollte als alles andere. 1922 im Alter von 31 Jahren getauft, sehnte sich Edith Stein nach nichts so sehr wie nach dem kontemplativen, ganz und gar Jesus Christus, dem Gebet und der Anbetung zugewandten Leben. Und doch sollte sie noch zehn Jahre nach ihrer Taufe warten und in der Welt jenseits der Klostermauern andere Erfahrungen machen müssen, ehe ihr innigster Wunsch Erfüllung fand. Drei Tage nach ihrem 42. Geburtstag, am 15. Oktober 1933, endlich im Karmel angekommen, schrieb sie erleichtert: „Ich bin jetzt an dem Ort, an den ich längst gehörte.“ Doch der Weg der heiligen Edith Stein zu diesem von ihr so heiß ersehnten Ziel war ein langwieriger, mühsamer, von Tiefschlägen und zahlreichen persönlichen Enttäuschungen gesäumter Weg. Vor allem Edith Steins Mutter konnte ihre Entscheidung nie nachvollziehen und war enttäuscht, dass ihre Tochter nicht der jüdischen Frömmigkeit treu geblieben ist. Edith Stein fasst die Enttäuschung ihrer Mutter über ihre Berufung pointiert in folgende Worte: „Der letzte Tag, den ich zu Haus verbrachte, war der 12. Oktober, mein Geburtstag. Es war zugleich ein jüdischer Festtag, der Abschluss des Laubhüttenfestes. (...) Um einen kleinen Trost zu geben, sagte ich, die erste Zeit sei nur eine Probezeit. Aber es half nichts.“

    Von der jüdischen Frömmigkeit ihrer Mutter hatte sich Edith Stein bereits als Jugendliche abgewandt. Fasziniert von den modernen Denkern und auf der Sinnsuche, fand sie es nach eigenen Angaben zwischen dem dreizehnten und dem einundzwanzigsten Lebensjahr interessant und intellektuell, an gar nichts zu glauben.

    Später, als ehrgeizige Philosophiestudentin, las sie Tag und Nacht die deutschen Philosophen, erlebte schwere Sinnkrisen und war fasziniert von der noch jungen Phänomenologie, bis sie schließlich nach ihrer Promotion, 1916 Assistentin Edmund Husserls an der Universität Göttingen wurde. Das war sieben Jahre vor ihrer Aufnahme in die katholische Kirche und 17 Jahre vor ihrem Klostereintritt, der in ihrer Wahrnehmung konsequent aus all ihren vorherigen Schritten folgenden wichtigsten Entscheidung ihres Lebens. Doch bereits fünf Jahre nach ihrem Klostereintritt war Edith Stein gezwungen, aus der Klausur des Kölner Karmels in die Niederlande zu fliehen, wo sie im Echter Karmel Zuflucht und liebe Mitschwestern fand. Dort nahm sie letzte Korrekturen an ihrem von Husserls Phänomenologie ebenso wie vom Christentum geprägtem Buch „Endliches und ewiges Sein“ vor, das den Bogen von der mittelalterlichen Philosophie des heiligen Thomas von Aquin zur Philosophie des 20. Jahrhunderts spannt und posthum 1950 erschien. Sie arbeitete im Refektorium und war aus Sorge um ihre Angehörigen schwer belastet.

    Wiederum ein Jahr später, im Oktober 1940, gab es in den Niederlanden die Verordnung, sämtliche jüdische Personen und Unternehmen zu melden. Das Bürgermeisteramt von Echt erstellte eine Liste von fünf jüdischen Personen. Sie umfasste die Geburtsdaten und Geburtsorte wie Aufenthaltsorte der beiden Ordensschwestern Rosa und Edith Stein (geb. 1883 und 1891), wohnhaft im Karmel zu Echt, der beiden Münchnerinnen Annemarie und Elfriede Goldschmidt (geb. 1922 und 1923), die ebenfalls nach Echt geflohen waren, jedoch keine Ordensschwestern waren, sowie eines Herrn Ernst Marx aus Bonn (geb. 1883). Im November 1940 wurden Edith Stein und ihre Schwester gebeten, sich in Maastricht zu melden. Provinzial P. Cornelius, der sich für sie einzusetzen versuchte, sollte am 6. Dezember 1940 von der Gestapo verhört werden, hatte zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits die Flucht ergriffen.

    Im Laufe des Jahres 1941 kam es dann auch in den Niederlanden zu vehementen Razzien, Festnahmen und Deportationen. Die Selbstmordrate erreichte nie gesehene Zahlen. Am 12. Dezember 1941 wurde Edith Stein als Kapitularin mit Sitz und Stimme in den Karmel von Echt aufgenommen. Bis 15.12.1941 sollte sie sich gemeinsam mit ihrer leiblichen Schwester Rosa für staatenlos erklären und zur Emigration melden. Sie tat es auch, da es ihr „unter schwerer Strafe befohlen“ war. Die Ausreise der beiden Schwestern wurde dadurch erschwert, da sich die Schweiz mit derartigen Gesuchen überfrachtet sah. Aber auch dadurch, dass Edith Stein es zur Bedingung machte, gemeinsam mit ihrer Schwester ausreisen zu dürfen. Als Edith Stein bereits auf dem Weg in das Konzentrationslager war, traf der Bescheid der schweizerischen Fremdenpolizei in Echt ein, der ihr die Einreise in die Schweiz verweigerte. In den ersten Januartagen des Jahres 1942 bat sie schriftlich darum, aus den Emigrationslisten wieder gestrichen zu werden und gemeinsam mit ihrer Schwester Rosa im Echter Karmel bleiben zu dürfen. Im Frühjahr 1942 fuhren Edith und Rosa Stein erneut nach Maastricht, um dort ihren obligatorischen Judenstern zu kaufen. Im Juni 1942 war das Jubiläum des 400. Geburtstages von Johannes vom Kreuz zu begehen.

    Die neue Mutteroberin des Echter Karmels hoffte, Edith Stein hierfür gewinnen und mit der wissenschaftlichen Arbeit zu diesem Jubiläum von der allzu geist- und lebensfeindlichen Realität ablenken zu können. In der sogenannten Sommerpause geschehen oftmals die abscheulichsten Gräuel: Am Sonntag, 2. August 1942 wurden alle jüdischen Mitbürger der Niederlanden verhaftet; kurz nach 17 Uhr wurden an diesem schönen Sommertag auch Edith und Rosa Stein von der Gestapo abgeholt und mit allen anderen Verhafteten aus den südlichen Niederlanden nach Roermond gebracht. In den Niederlanden lebten damals rund 100 000 Juden, von denen rund 1 000 zum katholischen Glauben übergetreten waren. Sie wurden ausnahmslos deportiert und ermordet.

    Doch Edith Stein sah ihre Berufung im Horizont der Ewigkeit und Herrlichkeit Gottes – einem Horizont, der größer war als der ihrer Verfolger. Voraussetzung und Grundlage jedweder Berufung sei die Begabung, so konstatierte und forderte die hochbegabte, in alten Sprachen, Philosophie, Literatur und vor allem in einem tiefen Sinn für den Glauben beheimatete Edith Stein. Eine Art göttlicher Vorentwurf komme durch den scheinbar willkürlichen Lebensweg eines jeden Menschen zum Vorschein und diesen gelte es je eigen auszuformen in einem gelungenen, Gott gefälligen, in ihrem Falle: geistlichen, und ganz auf Jesus Christus ausgerichteten Leben.

    Die Sprache Gottes täglich in Begegnungen vernehmen

    Doch könne eine Entscheidung für Christus grundsätzlich auch außerhalb einer Ordensberufung oder einer sakramentalen Ehe stattfinden. Denn, so Stein, in den Erfahrungen, Begegnungen und Erkenntnissen eines jeden neuen Tages spricht Gott erneut zu uns. Unsere Aufgabe ist es, den stillen, mitten in unser Leben hineingesetzten Zeichen Gottes durch eine Antwort unseres Lebens zu entsprechen, die Seiner würdig ist. Das kann der kontemplative Rückzug in Gebet und Arbeit sein, wie im Fall der heiligen Edith Stein, aber auch das für andere hingegebene Leben eines Missionars wie im Fall eines heiligen Maximilian Kolbe oder der von Edith Stein bewunderten Ordensgründerin Teresa von Ávila. Im Sommer 1921 war Edith Stein bei einer lieben Freundin eine Biographie der heiligen Teresa von Ávila in die Hände gefallen, am Neujahrstag 1922 empfing sie in Bad Bergzabern das Sakrament der Taufe. Ihre Habilitationsschrift hatte sie über das Thema der Kausalität geschrieben und 1919 an der Universität Göttingen eingereicht, wurde jedoch hier wie auch in Freiburg und Breslau nicht zur Habilitation zugelassen.

    Am 11. Oktober 1998 wurde Edith Stein heiliggesprochen, gemeinsam mit der heiligen Brigitta von Schweden und der heiligen Katharina von Siena zur Patronin Europas erklärt. Seit Oktober 2006 ist Edith Stein in Form einer von Papst Benedikt XVI. gesegneten Statue aus weißem Marmor an der Westfassade des Petersdoms verewigt.