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    Mit Odysseus erlitt der Komiker Schiffbruch

    Anlässlich einer kulturellen Veranstaltung zur Feier des 150. Geburtstags der Republik Italien rezitierte Roberto Benigni in der vergangenen Woche vor dem Europäischen Parlament in Brüssel den 26. Gesang des Inferno aus Dantes Commedia. Zuvor trug der toskanische Komiker und Filmregisseur außerdem eine Festrede auf sein Heimatland und eine kurze Einführung in das Werk des florentiner Dichters vor.

    Der italienische Komiker und Filmregisseur Roberto Benigni preist die „Göttliche Komödie“ Dantes. Foto: dpa

    Anlässlich einer kulturellen Veranstaltung zur Feier des 150. Geburtstags der Republik Italien rezitierte Roberto Benigni in der vergangenen Woche vor dem Europäischen Parlament in Brüssel den 26. Gesang des Inferno aus Dantes Commedia. Zuvor trug der toskanische Komiker und Filmregisseur außerdem eine Festrede auf sein Heimatland und eine kurze Einführung in das Werk des florentiner Dichters vor.

    So begrüßenswert es eigentlich sein mag, dass Benigni durch seine, nunmehr bereits seit einigen Jahren europaweit abgehaltenen, wenngleich qualitativ nicht unumstrittenen, Dantelektüren die Commedia auch einem breiten, zumeist sicherlich ansonsten eher wenig an mittelalterlicher Literatur interessiertem Publikum nahebringt und dabei auch immer wieder das Evangelium, welches somit auch in die Mitte der Gesellschaft zurückgeführt wird, zitiert – sein Auftritt in Brüssel vermochte es leider nicht, dem christlichen Kerngehalt des poema sacro gerecht zu werden. Denn indem Benigni offenkundig bewusst vermied, explizit auf die religiöse Aussagekraft der Commedia hinzuweisen, konnte er nicht verhindern, sich selbst in Widersprüche zu verstricken: Nachdem er zunächst, sachlich durchaus nicht unrichtig, Dantes spezielle Verachtung für die Kleinmütigen, deren Willenlosigkeit und Gleichgültigkeit letztlich ein Resultat ihres Egoismus ist, betont und somit die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen und aktiv zu handeln hervorgestrichen hatte, führte er nur wenige Minuten später relativistisch aus, man könnte glauben oder eben auch nicht glauben; Dante sei kein religiöser Dichter, das sei eine Herabsetzung seiner Universalität. Mit anderen Worten, Benigni propagierte die eben noch von ihm getadelte Gleichgültigkeit nunmehr als legitime Verhaltensweise gegenüber dem von ihm doch so geschätzten Autor und dem Beweggrund dessen Schaffens, Gott selbst. Schließlich demonstriert die Commedia doch gerade, dass die Frage nach Glauben oder Unglauben eben nicht folgenlos für das Schicksal des Menschen sein kann. Dementsprechend ist diesbezüglich umso dringender eine Entscheidung gefordert, oder wie Benedikt XVI. einmal schrieb: „Vor der Frage nach Gott ist dem Menschen Neutralität nicht eingeräumt. Er kann nur Ja oder Nein sagen und dies jeweils mit allen Konsequenzen bis in die kleinsten Dinge des Lebens hinein“ (in: „Auf Christus schauen. Einübung in Glaube, Hoffnung, Liebe“, Freiburg 1989).

    Benigni zog es vor, statt der religiösen Dimension des Werkes die Tatsache, dass es mit Beatrice eine Frau ist, die Dante auf dem letzten Teil seiner Jenseitsreise führt und durch die er „skandalöserweise“ für seine Zeit Weisheit erlangt, in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen zur Commedia zu rücken. Mit Odysseus im 26. Gesang des Inferno würde auch die gesamte patriarchalische Tradition des Okzidents Schiffbruch erleiden. Dafür heimste der Komiker jede Menge politisch korrekten Applaus ein. Offenbar wollten nur die wenigsten Zuhörer bemerken, dass Benignis Darstellung der Weiblichkeit Beatrices als innovatives Element der Commedia nicht nur die tatsächlichen von gelehrten Frauen über die Jahrhunderte des Mittelalters hinweg erbrachten gewaltigen intellektuellen Leistungen ignorierte, sondern auch auf rein literarischer Betrachtungsebene schlichtweg falsch ist: Beatrice, die nach Meinung der meisten mittelalterlichen und, wenngleich diesbezüglich mit unterschiedlicher Akzentsetzung, modernen Kommentatoren übrigens (auch) die Theologie repräsentiert, steht, wie Aldo Vallone in seinem entsprechenden Beitrag in der Enciclopedia Dantesca bemerkte, in der langen Tradition der Frau als „iter ad Deum“, als Weg zu Gott also, was gerade für das volkstümliche Bewusstein des Mittelalters eine fundamental prägende Idee darstellt.

    So formulierte etwa der von Dante verehrte Bernhard von Clairvaux, auf dessen Gebet an Maria hin der Jenseitsreisende durch die Fürsprache der Gottesmutter zur ersehnten Gottesschau gelangt, bereits mehr als 150 Jahre vor Abfassung der Commedia: „Denn da erfüllte erneut die Weisheit Seele und Leib einer Frau, sodass wir, nachdem wir durch eine Frau in Torheit entstellt worden waren, durch eine Frau in Weisheit verwandelt werden“ (Sermo in Cantica Canticorum LXXXV). Und auf die besondere Stellung Mariens als Frau wies schon Origines noch einmal ein knappes Jahrtausend früher hin: „Ja, auch einem Mann wurde nie eine Anrede solcher Art zuteil, etwa: Gegrüßet bist du, der du voll der Gnade bist. Maria allein ist dieser Gruß vorbehalten“ (in: Lucam Homiliae VI).

    Benigni hingegen brachte ausgerechnet nach der Erwähnung des Gebets des „Doctor Marianus“ an die Madonna im 33. Gesang des Paradiso seine Relativierung der Bedeutung von Glaube oder Unglaube an – und verlor dabei vollends den Faden: „Und mit Beatrice, mit der Jungfrau Maria, liebt und verehrt Dante die Madonna, nicht, weil sie gebenedeit unter dem Herrn ist, nicht, weil der Herr sie erschaffen hat, sondern als Frau. Nur weil sie eine Frau ist. Und so adelt sie die menschliche Natur. Sie adelt sogar Jesus Christus.“

    Obwohl Benignis Gedankengang und Vortragsstil an dieser Stelle derart wirr wurden, dass sich jede ernsthafte Reflexion dieser Aussage im Hinblick auf ihren theologischen Gehalt erübrigt, sei darauf hingewiesen, dass hier eine Grundeinstellung des Komikers offenbar wird, die eine korrekte Interpretation des immer wieder das Vertrauen auf die Größe und Barmherzigkeit Gottes als grundsätzliche Lebenseinstellung propagierenden Dantes letztlich unmöglich macht: Dem Menschen ist alles möglich und Gott ist auf ihn angewiesen. Diese Haltung wird überdeutlich, wenn Benigni, ein Zitat Giorgio Capronis verwendend, behauptet, der Dichter schreibe nicht weil, sondern damit Gott existiere.

    Nicht bedenkend dass es, wie der Don Camillo-Autor Giovanni Guareschi in einer seiner Erzählungen einmal formulierte, nicht Gott ist, der die Menschen braucht, sondern die Menschen, die auf Gott angewiesen bleiben, verfällt Benigni somit ironischerweise genau in die Hybris, die Dantes Odysseus zum Verhängnis wird: die Überzeugung, menschlichem Handeln und menschlichen Erkenntnismöglichkeiten seien keine Schranken gesetzt.

    Eine Interpretation des 26. Gesangs des Inferno selbst liest Benigni in Brüssel aus. Dabei sprach sein Vortrag allerdings für sich: Denn mit Odysseus ging in seiner Dantelektüre gewiss keine abendländische Tradition unter, sondern vielmehr ein Komiker, der nach einem zu Recht gefeierten Leinwandtriumph („Das Leben ist schön“) wie der listenreiche griechische Held seine eigenen Grenzen nicht mehr zu erkennen vermochte.