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    Mit Klängen eine Tür zur anderen Welt aufmachen: Hintergrund

    Herr Schneider, wie wird man eigentlich Komponist und was prägt diesen Beruf am meisten?

    Offen für verschiedene Musikformen und Einflüsse: Der Komponist Enjott Schneider. ...

    Herr Schneider, wie wird man eigentlich Komponist und was prägt diesen Beruf am meisten?

    Komponieren setzt vor allem Handwerk und Technik voraus. Das erwirbt man sich erst in entsetzlich langen Jahren: bis man sich eine riesige Repertoirekenntnis erworben und alles handwerklich angesehen, „analysiert“ hat. Analyse bedeutet hier De-Komposition, ein Zerlegen des Vorhandenen und mit all den gefundenen Bausteinen kann man dann wieder Re-Komponieren und Eigenes schaffen! Leider gibt es so viele tolle Komponisten und deren Werke stammen aus neun Jahrhunderten. Dazu kommt: Auf der ganzen Welt von China, Japan bis Skandinavien, Südamerika oder USA werden im aktuellen Jetzt beispielhafte und höchst anregende Sachen geschrieben. Komponist sein bedingt deshalb endloses Lernen.

    Und wie entsteht ein neues Werk von Enjott Schneider?

    Bei einem neu zu schaffenden Werk versuche ich mich zu orten und schaue, auch mit youtube als Schaufenster, in die ganze Welt und die ganze Musikgeschichte. Ich erforsche, was es schon gibt. Ich will mein „Thema“ besser machen, interessanter gestalten, hänge mir bei der Rundum-Orientierung die Messlatte ganz hoch. Schreibe ich zum Beispiel ein Oboenkonzert, dann will ich wissen, welche Spieltechniken es gibt, wie die besten Interpreten dieses Instrument beherrschen, wie die archaischen Vorformen in den „Urkulturen“ klingen. Man füllt sich also mit heterogensten Eindrücken, schläft gründlich und dann platzt intuitiv das neue Stück heraus!

    Das ist ein großer Vorbereitungsaufwand. Können das die Menschen, die Musikrezipienten heute überhaupt noch hören und somit verstehen? Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht Musik und Hörfähigkeit in unserer modernen, digitalen Gesellschaft?

    Es gibt natürlich viel „Grobmotorik“ heutzutage, vergleichbar dem Holzhacken, Fußball oder Boxen, doch auch die „Feinmotorik“ spielt weiter eine Rolle. Letzteres ist in der Musik wunderbar zu finden: Beim Violinspiel kommt es auf den Hundertstel Millimeter an, Schwingungen finden in Tausendsten Sekunden statt. Die Entwicklung unseres Gehirns, das weiß die moderne Neurologie, ist sehr eng mit dem Wahrnehmen feinster Schwingungen verbunden. Der feinstoffliche, spirituelle Mensch benötigt das feinziselierte Lauschen, die Mitschwingfähigkeit. Ein Instrument einzustimmen, eine saubere Quinte zu intonieren, ist auch im 21. Jahrhundert die Suche nach dem Vollkommenen, letztlich nach etwas Göttlichem. Die alten Philosophen von Platon bis Augustinus wussten, dass die Zahlenordnung der Musik absolut identisch ist mit den Zahlenstrukturen in der Schöpfung, ob es sich nun um Gestirne, Pflanzen oder Mineralien handelt. Beim bewussten Hören von Klängen bin ich somit mit der Schöpfung verbunden.

    Sie haben neben Musik in Theorie und Praxis auch Germanistik und Linguistik studiert. Wie hat sich die Beziehung zwischen Musik und Sprache im Laufe der Jahrhunderte verändert?

    Früher hat man Sprache eher strukturell benutzt. Deshalb spricht man ja von „Tonsatz“ und „Satztechnik“. Seit dem 19. Jahrhundert spielt die Klangfarbe in der Sprache die wichtige Rolle. Übrigens ganz analog zur Malerei, wo sich die Farbe als Eigenwert emanzipierte. Ein „a“ oder „o“ sind energetische und psychologische Größen, die haben direkte Korrespondenzen in der Musik. Ein weites Feld, aber sehr interessantes Thema.

    Ihre Kompositionen decken ein breites Spektrum von der Filmmusik bis zu Orchesterwerken ab. Auch der Kirchenmusik widmen Sie sich. Welche Funktion hat Kirchenmusik heute für Sie?

    Bei mir hat jede Musik – ob für Film, Konzertsaal oder Kirchenmusik denselben Kern: mit Klängen eine Tür zu einer anderen Welt aufmachen, die mit den Augen nicht zu sehen ist! Also hinter den Dingen, hinter den Bildern, hinter den Texten, hinter der Sprache den geistigen Gehalt und das Geheimnis zu entdecken. Die Oberfläche interessiert mich nicht in dieser fassaden- und designorientierten Welt. Da sich der Mensch eigentlich in seinem Leben nur zwei Fragen existenziell stellen muss: Wo kommst Du her? Wo gehst Du hin? Ist Kirchenmusik, die sich mit den archaischen Inhalten des Menschseins beschäftigt, eine ideale Sache.

    Eine Ihrer Kompositionen heißt „Baumbilder“. Was steckt dahinter?

    Ich bin stets auf der Suche nach dem „Ursprung“ und suche, was mich und die ganze Welt untereinander verbindet. Bäume sind mit ihrem bis 1 000-jährigen Alter viel wissender als wir. Jeder Baumtyp ist ein charakteristisches Energiefeld: die Pappel eher ängstlich und zitternd, die Weide melancholisch, am Wasser gebaut und mondabhängig, die heilende Birke frühlingshaft und Symbol des jungen Mädchens, die Esche ist der starke Weltenbaum, aus dem man Waffen und Speere schnitzte. Das alles wussten die Kelten (und viele andere Naturvölker) und ordneten den Bäumen menschliche Charaktere zu. Diese Charaktere habe ich für die unterschiedlichsten Besetzungen zu Musik werden lassen. Spannend, wenn man sich darin wiedererkennt.

    Am 10. Oktober 2015 wurde im Speyrer Dom Ihre Orgelsinfonie Nr. 14 „Die Romanische“ uraufgeführt. Was fasziniert Sie an der Gattung Sinfonie und warum ist es diesmal eine romanische?

    Es ist „Die Romanische“ geworden, weil der Speyrer Dom das größte romanische Bauwerk der Kathedralen weltweit darstellt. Faszinierend. Soviel Geschichte in Steinen! Dem wollte ich etwas Kongeniales entgegenstellen. Eine „Sinfonie“ ist ja mit ihrer Mehrsätzigkeit und der Themendialektik geeignet, Heterogenes, Widersprüchliches zu einer Einheit zusammenzufügen. Jeder Satz ist eine eigene Welt: im ersten Satz geht es um den zahlensymbolischen Grundriss von Speyer, dann auch um das „Salve regina“, was zumindest dem Mythos nach mit Speyer und St. Bernhard verbunden ist, im Finale einer „oktogonalen Toccata“ spielt der Versuch, das Geheimnis der „8“ mit der Pracht von Größe zu verbinden, eine wichtige Rolle.

    Was unterscheidet Ihre Orgelsinfonien von denen Felix Mendelssohn Bartholdys, Charles Marie Widors oder Bernfried Pröves?

    Weit von Widor oder Mendelssohn bin ich gar nicht weg! Es ist für mich vor allem die Fortsetzung der französischen Orgelsinfonik, eben Viernes, Widors mit modernen Mitteln.

    Haben Sie die Arbeit des Interpreten vor der Uraufführung begleitet?

    Ich habe schon vor einem Jahr Markus Eichenlaub besucht. Wir haben gesprochen, er hat mir den Dom gezeigt und vor allem in einem Privat-Konzert in dunkler Kirche mir sein exzellentes Spielen dargestellt. Die Registrierung und ein gemeinsames Proben auszutüfteln gehen einer Uraufführung immer voraus. Außerdem erhalten die Interpreten immer schon eine von mir auf einer Samplingorgel eingespielte Version, wo ich Tempo und Stil schon mal konkret werden lasse. Das reicht an Beeinflussung meinerseits. Der Interpret hat dann alle Freiheit, seine eigene Vision auf diesen Vorlagen zu entwickeln.

    Wenn Sie eine musikalische Zeitreise machen dürften – wohin würden Sie reisen und was würden Sie sich anhören?

    Am liebsten würde ich in die Zeit zwischen 1910 und 1915 reisen. Ich würde in ganz viele Konzerte gehen, um mir die großen Leuchttürme an Dirigenten und Komponisten jener Jahre live anzuhören. Die Sinfonik Mahlers und von Richard Strauss, die französischen Orgelsinfoniker und auch Max Reger live, ja, das wäre schon etwas. Meine nächste Orgelsinfonie wird dem 100. Todestag Max Regers im Jahr 2016 gewidmet sein. Bernhard Buttmann, seit 2002 Kirchenmusikdirektor an St. Sebaldus in Nürnberg, wird der Interpret sein. Darauf zielen momentan schon meine Orgel-Gedanken!

    Enjott Schneider, geboren 1950 in Weil am Rhein, Erlernen verschiedener Instrumente. Studium der Musik, Musikwissenschaft, Germanistik und Linguistik in Freiburg im Breisgau. Promotion 1977. Von 1979 bis 2012 Professor für Musiktheorie an der Hochschule für Musik München, seit 1996 für Komposition. Zahlreiche Preise: „Bayerischer Filmpreis für Filmmusik“ (1990), „Bundesfilmband in Gold für Filmmusik“ (1991), „Fipa d'or“ für den Soundtrack zum ARD-Vierteiler „Jahrestage“ (2001), „Deutscher Fernsehpreis“ für „Die Flucht“ und „Nicht alle waren Mörder“ (2009). Enjott Schneider zählt zu den profiliertesten Komponisten der Gegenwart. B.S.