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    Mesalliance mit „des Teufels Hure“?

    Warum Luthers Thesen zum Verhältnis von Glaube und Vernunft das letzte Wort nicht gehören kann. Von Professor Thomas Sören Hoffmann

    Luther Foto: Adobe Stock

    Wohl kaum ein Theologe hat sich zum Verhältnis von Glaube und Vernunft so unzweideutig geäußert wie Martin Luther. Seine Rede etwa von der „Hure Vernunft“ ist ihm nicht nur einmal und keineswegs nur im Affekt entfahren. Noch in der letzten Predigt zu Wittenberg, gehalten im Januar 1546, steigert sie sich bis zum Gebrauch von Fluchworten, die den armen Seelen unter der Kanzel, ob nun von vielem Vernunftgebrauch geplagt oder nicht, jedenfalls klarmachen sollten, dass es da keine Kompromisse gebe. Und schon im Jahr des Thesenanschlags stand es nicht anders: Ein trotziges „Niemand wird Theologe, es sei denn ohne den Aristoteles!“, schleudert Luther 1517 den Scholastikern und ihrem Hauptgewährsmann, dem Philosophen schlechthin, entgegen. Wenig später, im Jahre 1520, zieht die Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ die praktischen Konsequenzen: Für die so nötige „gute und starke Reformation der Universitäten“ sollen an Deutschlands Hohen Schulen des „elenden Menschen“ Aristoteles „Physik, Metaphysik, Seelenschrift und Ethik ganz abgetan“ werden; allenfalls mag man für „junge Leute“ die Logik, Rhetorik und Poetik „behalten“ – sie werden dem Kinderkram schon entwachsen!

    Nun wissen Philosophiehistoriker, dass gegen Aristoteles, seinen Anhang und seine Autorität gerichtete Ausfälle spätestens seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in bestimmten Milieus nichts Besonderes waren. Sowohl die humanistische Gegenwelt zur herrschenden akademischen Bildung wie der sich von Florenz aus formierende Neoplatonismus wie auch die neuen Naturphilosophen haben sich immer wieder gegen den alten Herrn aller Schulen Luft gemacht. Lorenzo Valla (1406/07–1457) etwa, den Luther aus gleich mehreren Gründen sehr schätzte, hatte davon gesprochen, dass die aristotelische Waffenrüstung der Theologie für ihren Kampf nur geschadet habe; der Platoniker Plethon (1355/60–1452) hatte dargelegt, wie die aristotelische Metaphysik den Gottesbegriff verderbe; Giordano Bruno (1548–1600) schließlich konnte Aristoteles als den großen „Pedanten“, ja Ignoranten in allen philosophischen Fragen nur noch verspotten. Bei Luther kommt, wie man weiß, die Prägung durch einen denkerisch nicht unbedingt anspruchsvollen Nominalismus hinzu. Luthers Bekenntnis „Ich bin von Ockhams Fraktion!“ enthielt, etwa zum Wirklichkeitsbegriff, einige Vorentscheidungen. Auch, wenn die „Grammatik“ der Theologie nicht einfach der philosophischen folgt, waren doch Weichen gestellt.

    Dennoch: Nicht jeder Anti-Aristoteliker hat sich als solcher schon zum kirchlichen Reformator qualifiziert, und man täte Luther in jedem Fall Unrecht, würde man nicht auf das zentrale theologische Motiv in seiner Zurückweisung von Philosophie und Vernunft zu sprechen kommen. Diese Zurückweisung ist – wie alles, was Luther wirklich am Herzen lag – rechtfertigungstheologisch verankert. Alles, was dem Menschen zu seinem Heil zu wissen notwendig ist, verdankt er dem ihm zugesprochenen Evangelium, nichts seiner eigenen Einsicht. Errettet sind wir durch „das Wort vom Kreuz, das eine Gotteskraft ist“, nicht durch eigene „Weisheit“, die bei Gott vielmehr „Torheit“ ist und ihn gerade in seiner Offenbarkeit „nicht erkennt“ (1 Kor 1, 18–21). Das Wort vom Kreuz aber empfangen wir „passiv“, im Glauben, wir deduzieren es nicht aus Vernunft, so wenig wir sonst das Heil durch unser Zutun erzwingen. Dass an einem Gedanken wie diesem die Frage nach dem Verhältnis von christlichem Glauben und – zum Beispiel – aristotelischer Metaphysik neu aufbrechen kann, verwundert gewiss nicht. Man hat mit Recht davon gesprochen, dass sich griechische Metaphysik und christlicher Glaube im Sinne einer gegenläufigen Bewegung gegenüberstehen: Während die Metaphysik einen „Aufstieg“ zu Gott unternimmt, lehrt der Glaube eine „Hinabkunft“ Gottes zu uns, seine „Kondeszendenz“. Luthers „Allein aus Gnaden“ kann man insofern als materialen Beitrag zur „Kondenszendenztheologie“ lesen, wie man sein „Allein aus Glauben“ als Abwehr aller Versuche des Menschen werten kann, den Himmel auf selbst gezimmerten Leitern zu erobern. Ist damit aber zum Verhältnis von Glaube und Vernunft schon alles gesagt? Gewiß nicht – eher beginnt das Gespräch mit Luther erst jetzt. Wir beschränken uns auf drei Fragen:

    1) Luther hat den Artikel von der Rechtfertigung den „Meister und Fürsten über alle Arten von Lehre“ genannt, das Luthertum ihn zum „articulus stantis et cadentis ecclesiae“, zum Artikel, mit dem die Kirche steht und fällt, erhoben. Damit einher geht eine deutliche soteriologische Engführung der Theologie, eine Konzentration auf die Themen, die das Heil und die Heilsaneignung des Menschen betreffen. Man kann von einem „rechtfertigungstheologischen Reduktionismus“ bei Luther sprechen, durch den mehrere genuin theologische Dimensionen (die immanente Gotteslehre; die Schöpfungslehre; die konkrete Systematik der Tugenden und Laster und anderes) abgeblendet, wenn nicht ganz eliminiert werden. Luther gelingt es freilich, sehr viele Themen der Theologie in den Zirkel der Rechtfertigungstheologie hineinzuholen und dort zu spiegeln – wenn man so will, besteht in genau dieser Spiegelung so vieler theologischer Lehrstücke in der Rechtsfertigungslehre der Gründungsakt des Protestantismus. Aber mit der Etablierung dieses religiös-expressiven Zirkels geschieht noch etwas anderes: Es entwickelt sich ein „autonomer“ Rechtfertigungsdiskurs, der in der Folge so manche geistesgeschichtliche Wende, darunter auch das sogenannte Ende der Metaphysik, überlebt. Geistesgeschichtlich ist das Phänomen nicht ohne Interesse: dass ein ursprünglich auf metaphysische Prämissen begründeter Diskurs (die Rechtfertigung) als „Sprachspiel“ auch nach dem Wegfall der Prämissen fortexistiert und man am Ende „Glaubenslehrern“ begegnet, die in einem strikt metaphysischen Sinne Atheisten sind, gleichwohl aber Wert darauf legen, in Sachen Rechtfertigung an Luther geschulte „Theologen“ zu sein. Zumindest für die Vernunft, die niemandes „Hure“ ist, entsteht hier die Frage, worin sich theologisches Denken von verbalem Leerlauf unterscheidet. Die Antwort, die die neuere, meist evangelische Theologie darauf manchmal gibt, sie sei eben „Metaphorologie“, genügt keinesfalls, sie bestätigt nur den Verdacht, dass hier der „Glaube“ eben mit einer Karussellfahrt in irgendwie wohltätigen Worten verwechselt sein könnte. Die Vernunft dringt dagegen darauf, dass Worte nicht nur „gut tun“, sondern etwas bedeuten. Metaphern gibt es nur, wo es Begriffe schon gibt – nicht umgekehrt.

    2) Zu den vielen Fragezeichen, die man hinter die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ von 1999 setzen muss, gehört in jedem Fall die Beobachtung, dass der Text mit keiner Silbe das Verhältnis von lutherischer Rechtfertigungslehre und katholischer Messtheologie behandelt. Dies ist insoweit ein schweres Versäumnis, als Luther in den Schmalkaldischen Artikeln ausdrücklich gelehrt hat, dass „die Messe im Papsttum stracks und gewaltiglich gegen diesen Hauptartikel strebt“ und umgekehrt durch ihn als „der größte und schrecklichste Greuel“ erwiesen werde. Luther liest die Messopfertheologie dabei als Theologie der Selbsterlösung des Menschen durch Darbringung unblutiger Opfer. Was er nicht sieht, ist, dass die Meßtheologie den gleichen Kondeszendenzgedanken zur Darstellung bringen könnte, den er selbst im Rechtfertigungsgeschehen in Anspruch nimmt – hier freilich im Sinne eines schon vorgängig wirklichen, unendlichen Lebenszusammenhangs zwischen Gott und Mensch, in den hinein sich Gott selbst schon „ewig“ geopfert hat. Dies adäquat zu thematisieren, setzt freilich eine Vernunft voraus, die den Nominalismus längst überwunden hat. Auch hier ist der Absturz ins bloße Spiel der Zeichen sonst unvermeidlich.

    3) Seit der Zeit der Väter hat die christliche Theologie ihre eigene Möglichkeit aus der Tatsache begründet, dass das, was im christlichen Glauben begegne, der inkarnierte Logos selbst sei. Die Theologie referiert so auf eine sich selbst bezeugende „Vernunft“, die weder im einfachen Gegensatz zum „Glauben“ noch auch in bloßer Opposition zu anderweitig vertrauten Formen der Rationalität steht. Erst aus der komplexen Spannung von Glaube, vorfindlicher Rationalität und sich selbst bezeugendem Logos ergibt sich die konkrete Aufgabe der Theologie – jedenfalls dann, wenn diese nicht in einer Fetischisierung von Wörtern steckenbleibt, wie sie schon Hegel bei neueren Theologen beobachtet und attackiert hat. In diesem Zusammenhang ist zu fragen, ob das Fehlen der Logos-Theologie bei Luther wenn nicht als ursächlich, so doch als symptomatisch für das weitgehende Auseinanderbrechen von Glaube und Vernunft in der Neuzeit anzusehen ist. Die neue Theologie kommunizierte mit den Fragen der neuen Philosophie – den Fragen rund um das Leib-Seele-Problem etwa, der Grundlegung der Erkenntnis oder der Menschenwürde – nicht mehr. In ihre sich selber reproduzierende „Gewissheit“ eingehaust, betraf sie das „Wissen“ auch der Wissenschaften immer weniger. Inzwischen hat sie ihren Platz im Hause der Wissenschaften fast geräumt. Gute Geister sind es meist nicht, die diesen Platz besetzen. Ein neues Nachdenken über Vernunft und Glaube täte hier not.

    Wir schließen mit einer anekdotischen Erinnerung. Nur gut ein Jahr vor Luthers Reise nach Rom hat Raffael in der „Stanza della segnatura“ die schlechthin exemplarische Aussage zum Verhältnis von Vernunft und Glaube in Bildform gegeben. Raffael hat in der – oft übersehenen! – lebendig-gespannten Beziehung zwischen der „Schule von Athen“ und der „Disputa“ die vieldimensionale Weltvermessung durch die Vernunft auf die absolute Bewegung Gottes in seiner Kondeszendenz bezogen: so daß die letzte Antwort auf alle Fragen der Philosophie in der gott-menschlichen Interaktion in Inkarnation und Messopfer liegt. Nur wenige Jahre nach der Fertigstellung dieser die ganze Wirklichkeit des Logos rekapitulierenden Fresken haben beim „Sacco di Roma“ evangelische Landsknechte die „Disputa“ zerstört und Luthers Namen daraufgeschmiert. Dass Luthers Theologie etwas mit der Leugnung des Messopfers zu tun hatte, war den Soldaten dabei vielleicht noch eben bewusst. Dass sich diese Theologie aber auch anschickte, Raffaels Weltdialog der Wissenschaften zu beenden, das Band zwischen Glaube und Vernunft zu kappen, haben sie in ihrem dumpfen Tun bezeugt. „Gerechtfertigt“ waren sie darin nicht.

    Der Autor lehrt Philosophie an der Fernuniversität Hagen.

    Von Professor

    Thomas Sören Hoffmann

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