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    Menschsein heißt verantwortlich sein

    Wenn das Überleben nicht mehr Gnade ist, sondern eine Last: Als der Psychiater und Begründer der Logotherapie Viktor E. Frankl am Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem Konzentrationslager in Türkheim befreit wurde, musste er entgegen aller Hoffnung, die ihm selbst in den dunkelsten Stunden die Kraft zum Überleben verliehen hatte, feststellen, alle seine Lieben verloren zu haben. In Theresienstadt hatte Frankl den Tod seines Vaters miterlebt; seine Mutter und sein Bruder wurden von den Nationalsozialisten in den Gaskammern von Auschwitz ermordet und seine erste Frau Tilly verstarb wenige Wochen nach der Befreiung aus Bergen-Belsen an den Folgen der Lagerhaft.

    Wenn das Überleben nicht mehr Gnade ist, sondern eine Last: Als der Psychiater und Begründer der Logotherapie Viktor E. Frankl am Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem Konzentrationslager in Türkheim befreit wurde, musste er entgegen aller Hoffnung, die ihm selbst in den dunkelsten Stunden die Kraft zum Überleben verliehen hatte, feststellen, alle seine Lieben verloren zu haben. In Theresienstadt hatte Frankl den Tod seines Vaters miterlebt; seine Mutter und sein Bruder wurden von den Nationalsozialisten in den Gaskammern von Auschwitz ermordet und seine erste Frau Tilly verstarb wenige Wochen nach der Befreiung aus Bergen-Belsen an den Folgen der Lagerhaft.

    Die niederschmetternde Enttäuschung ließ ihn verzweifeln. Was ihn im Lager aufrecht erhalten hatte, war zunichte geworden, was blieb, war „ein noch bodenloseres Leiden“. Ein „oft kolportiertes, mitunter aber allzu vereinfachendes Narrativ“ über Frankls Biografie in den ersten Nachkriegsjahren müsse korrigiert werden, betont Alexander Batthyány, Inhaber des Viktor Frankl-Lehrstuhls für theoretische Grundfragen der Psychologie in Liechtenstein und Herausgeber des Buches „Es kommt der Tag, da bist du frei“. Denn tatsächlich habe sich Frankl, anders als sein berühmter Holocaustbericht „Und trotzdem Ja zum Leben sagen“ vermittle, sich nicht sehr „leicht“ getan, nach dem Ende seiner Lagerhaft in insgesamt vier Konzentrationslagern (Theresienstadt, Auschwitz, Kaufering und Türkheim) wieder zurück in ein Leben in Freiheit zu finden.

    „Wehe dem, für den das, was ihn im Lager als Einziges aufrecht gehalten hat – der geliebte Mensch –, nicht mehr existiert“, beschrieb Frankl abschließend in „Und trotzdem Ja zum Leben sagen“ sein persönliches trauriges Schicksal. Ein Moment, der in seiner Tragik jedoch allgemein gültig ist, wie Frankls Formulierung nahelegt: „Wehe dem, der jenen Augenblick, von dem er in tausend Träumen der Sehnsucht geträumt hat, nun wirklich erlebt, aber anders, ganz anders, als er sich ihn ausgemalt. Er steigt in die Straßenbahn ein, fährt hinaus zu jenem Haus, das er Jahre hindurch im Geist und nur im Geist vor sich gesehen hat, und drückt auf den Klingelknopf – ganz genauso, wie er es in seinen tausend Träumen ersehnte... Aber es öffnet nicht der Mensch, der nun öffnen sollte –, er wird ihm auch nie mehr die Türe öffnen.“

    Wie dem Schicksal heilsam begegnet werden kann

    An diesem Punkt setzt das neue Buch „Es kommt der Tag, da bist du frei“ an. So lässt es sich als Fortsetzungsband zu Frankls Holocaustbericht verstehen. Mit zum Teil bislang unveröffentlichtem Material zeigt es, dass es anfangs vor allem das Bewusstsein der Aufgabe seines geistigen Werks, der Logotherapie und der Existenzanalyse, und die Niederschrift seines bereits vor der Deportation begonnenen Buches „Ärztliche Seelsorge“ war, das Frankl zum Weiterleben animierte. Er trat öffentlich auf, hielt Radioansprachen und schrieb Aufsätze, etwa zu den Massenmorden der Nationalsozialisten an Geisteskranken oder über die Psychologie des KZ. Von außen betrachtet erschien Frankl in den Nachkriegsjahren offenbar äußerst erfolgreich, tätig und lebensfroh, privat spricht er aber, wie die Briefe zeigen, von Einsamkeit, inneren Nöten und tiefer Trauer.

    Den Wendepunkt in Frankls „Dahinvegetieren“ brachte schließlich die Bekanntschaft mit seiner zukünftigen zweiten Frau, Eleonore, die aus dem einstigen „homo patiens“, wie er schreibt, einen „homo amans“ machte. „Ich kann Dir heute, überhaupt seit wenigen Tagen, nicht wiederholen, wie es um mich ,stand‘. Denn es ,steht‘ seit Kurzem eben anders um mich, Du wirst wohl erraten, was ich meine. (...) Seither – und diese Andeutung genüge für heute – ist ein Mensch um mich, der imstande war, mit einem Schlag alles zu wenden“, so Frankl an einen Freund am 10. Mai 1946.

    Das Buch rekonstruiert einige der wichtigsten Stationen und Leitmotive der Befreiung und Heimkehr anhand von Briefen und Dokumenten aus Viktor Frankls privatem Nachlass in Wien. Es beleuchtet eine im Allgemeinen weniger bekannte Werk- und Lebensphase von Viktor Frankl. Nicht nur Biografisches und Briefe sind darin sinnvoll zusammengestellt – auch Vorträge, Interviews, Stellungnahmen und Gedenkreden zum Themenbereich Holocaust, Nationalsozialismus und Weltkrieg bieten spannenden Lesestoff und Erkenntnisgewinn.

    Sie zeigen Frankl als einen Menschen, der sich herausragend um die psychologische Wiederaufbauarbeit verdient gemacht hat. Der unermüdlich auf die Dimensionen persönlicher, politischer und sozialer Verantwortung hinwies, wie auch auf Leid und Schuld.

    Frankl eröffnete diesbezüglich ein Feld, welches sich heute mit unerwarteter Wucht erneut aufdrängt – und das ist der interessanteste Erkenntnisgewinn aus dieser Auswahl von inzwischen historischen Texten –: der Zusammenhang zwischen Geschichtlichkeit und Zeitlosigkeit. „Und auch der irrt, der da meinte, der Nationalsozialismus sei es gewesen, der das Böse erst geschaffen habe: dies hieße den Nationalsozialismus überschätzen; denn er war nicht schöpferisch – nicht einmal im Bösen. Der Nationalsozialismus hat das Böse nicht erst geschaffen: er hat es nur gefördert – wie vielleicht kein System zuvor“, schrieb Frankl Ende 1946 in seinem Essay „Die Existenzanalyse und die Probleme der Zeit“. Das Böse sei zwar mit Blick auf den Holocaust historisch einmalig in seinem Ausmaß, aber nicht seinem Wesen nach. Stets verwies Frankl auf die tragische Trias – Leid, Schuld und Tod – von der niemand verschont bleibe. Er fand aber auch mit seiner genialen Logotherapie eine Antwort, wie der Mensch diesem seinem Schicksal heilsam begegnen könne. Und zwar, indem er diesem die Entscheidungsfähigkeit und die Verantwortung des Menschen für sein Handeln und Unterlassen in Vergangenheit und Gegenwart gegenüberstellte. So wird der Seelenarzt Frankl zum politischen Mahner: „Menschsein ist nämlich nichts anderes als: bewusst sein und verantwortlich sein!“

    Viktor E. Frankl: Es kommt der Tag, da bist du frei. Unveröffentlichte Briefe, Texte und Reden. Herausgegeben von Alexander Batthyány. Kösel-Verlag, München 2015, ISBN 978-3-466-37138-9, EUR 19,99