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    „Menschlichkeit geht verloren“

    Bashir Qonqar sitzt in seinem Atelier in Beit Jala, die Zigarette in der Rechten, Farbkleckse auf der Hose. Der Schuh, den der 36-jährige Künstler auf dem Selbstporträt an der Wand hinter ihm auf dem Kopf trägt, steckt diesmal an seinem Fuß. Mit ihm, sagt der palästinensische Christ, „fing alles an“.

    Arbeiten im Atelier: Bashor Qonqar mit einem abstrakten Bild seiner jüngsten Schaffensphase. Foto: Krogmann

    Bashir Qonqar sitzt in seinem Atelier in Beit Jala, die Zigarette in der Rechten, Farbkleckse auf der Hose. Der Schuh, den der 36-jährige Künstler auf dem Selbstporträt an der Wand hinter ihm auf dem Kopf trägt, steckt diesmal an seinem Fuß. Mit ihm, sagt der palästinensische Christ, „fing alles an“.

    Gezeichnet und gemalt hat Bashir Qonqar „eigentlich schon immer“, und es war unter anderem die Liebe zur Kunst, die den orthodoxen Christen nach dem Abitur an der deutschen evangelischen Schule Talita Kumi in Beit Jala im Jahr 2000 nach Deutschland ziehen ließen. Statt wie geplant Kunst studiert er Sozialpädagogik in Heidenheim bei Ulm – und beginnt mit ersten Ausstellungen seiner Bilder. Fünf sollten es werden, bevor Bashir Qonqar nach mehr als sieben Jahren in Deutschland mit Umweg über die Emirate nach Palästina zurückkehrte. Damals entstand das Selbstbildnis mit dem Schuh auf dem Kopf und mit ihm die Ausstellung „Another State of mind“, als Auseinandersetzung „mit mir, Bashir, zwischen zwei Welten“.

    Die Spannung zwischen der palästinensischen Heimat und Deutschland ist geblieben. Noch heute, fast zehn Jahre nach seiner Rückkehr sagt Bashir Qonqar, er sei „hier nicht wieder ganz angekommen“. Es ist das Gefühl, dass etwas fehlt, „die Freiheit, ich zu sein und nicht nur Teil einer Gesellschaft oder Familie“. Noch immer sieht Bashir Qonqar seine alte Heimat mit neuen Augen und gemischten Gefühlen. „Ich sehe mein Land anders, weil ich es gern anders hätte: menschlicher, sauberer“, sagt er, und: „Was unnormal ist, ist hier normal geworden.“

    Seine Bilder sind Kritik an der eigenen Gesellschaft. Die Techniken und Materialen, mit denen er sie ausdrückt, haben sich im Laufe der Jahre verändert, das Thema blieb. „Vielleicht male ich heute weniger Menschen als früher und dafür mehr Häuser. Aber was immer ich tue, ich bleibe bei der Gesellschaft hängen.“ Den israelisch-palästinensischen Konflikt hingegen, das dominierende Thema vieler palästinensischer Künstler, sucht man in seinem Werk beinahe vergeblich. „Die Menschen hier schieben alles auf die israelische Besatzung.“ Bashir Qonqar distanziert sich von dieser Sicht. „Die Besatzung hat Schuld an vielem, auch daran, dass ich in meiner Arbeit als Künstler eingeschränkt bin. Aber daran zum Beispiel, dass in unserer Gesellschaft Frauen misshandelt werden, wir marode Straßen haben und es keine Planungsstrategien gibt...?“ Drängende Probleme wie die Umweltzerstörung mit Verweis auf das größere „Problem Besatzung“ nicht anzugehen, kann der Künstler nicht nachvollziehen. „Die Menschen sagen, sie haben keine Zeit. Wenn die Besatzung aber einmal beendet ist, stehen wir vor dem Nichts!“

    Bashir Qonqar provoziert mit seinen Bildern bewusst: „Menschen verstehen nur, wenn sie provoziert werden! Ich lasse mich nicht von Gedanken an Reaktionen leiten, sondern male, was ich sehe und fühle. Es sind Tabuthemen, die gleichzeitig aber Realität sind.“ Es ist die Doppelmoral, mit der Bashir Qonqar nicht leben kann. Macht, Sexualität, Umweltzerstörung sind die Themen, mit denen der Palästinenser in seiner konservativen Gesellschaft aneckt. Auch zur Religion hätte der Christ einiges zu sagen. Da sind kirchliche Strukturen, die ihn stören. Oder auch sich verschärfender Extremismus und Konfessionalismus: „Wir sind ohnehin so wenige Christen hier, da dürfen wir nicht noch mit diesen Spaltungen anfangen.“ Aus seiner Kunst versucht er das Thema dennoch herauszulassen, aus Respekt, vor allem aber „weil die Zeit dafür noch nicht reif ist. Es gibt andere Probleme, um die wir uns zuerst kümmern müssen“.

    Fehlende Visionen sind es, die Bashir Qonqar sagen lassen, er sei „nicht sicher“, ob er hier richtig sei. Sein jüngster Bilderzyklus „Gehäuft“ wird in den kommenden zwei Jahren in Deutschland zu sehen sein. Begonnen hat er als Auseinandersetzung mit dem letzten Gazakrieg im Sommer 2014. Die Bilder zerstörter Häuser blieben dem Künstler im Kopf, und mit ihnen die zentrale Frage nach der Bedeutung von Häusern für uns. „Wir bauen, weil wir Schutz brauchen. Gleichzeitig zerstören wir viel dafür.“ Israelis und Palästinenser sind für Bashir Qonqar dabei „nur ein Spiegel voneinander: Beide Seiten kämpfen um einen Platz und zerstören ihn, weil er uns gehört“. Die Gesellschaft, glaubt er, „befindet sich im freien Fall. Wir kämpfen gewaltbereit mit allen Mitteln und ohne nachzudenken. Dabei verliert sich der Mensch. Er verliert seine Menschlichkeit“.

    Bashir Qonqar zündet sich eine weitere Zigarette an und blickt auf sein gemaltes Ich von 2007 über ihm an der Wand. Der Schuh – in der arabischen Welt ein Schimpfwort und Sinnbild des Dreckigen, das draußen bleibt – ist die Mahnung des Künstlers an sich selbst: „Wenn ich die Gesellschaft kritisieren will, muss ich als erstes bei mir selber anfangen!“

    Der Bilderzyklus „Gehäuft“ (Mixed Media auf Papier) von Bashir Qonqar ist zu sehen vom 26. November bis 18. Dezember in der St. Jodok-Kirche in Ravensburg sowie im Rathaus Warthausen/Biberach vom 2. Januar bis 3. März 2017. Weitere Ausstellungen im Anschluss sind geplant. Veranstalter Michael Wielath von der Agentur „set free Entertainment“ sieht im Werk von Bashir Qonqar eine Synthese der orientalischen Bilderwelt mit der westlichen Nüchternheit. „Sie spiegeln die Sicht eines Menschen, der sowohl das Heilige Land als auch Europa intensiv erlebt. Bashir Qonpar schafft in seinen Bildern eine Brücke des Konfliktes und der Lebensweise im Nahen Osten zur geballten Lebensweise im Westen. Es stellen sich Fragen, in Bezug auf die jeweils andere Welt, auf das Gemeinsame und das Trennende, jeder Betrachter muss selbst seine Antworten darauf finden.“