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    „Menschen, die als Krieger unterwegs sind“

    Was bringt eigentlich Europäer dazu, mit Islamisten in einen grausamen Krieg zu ziehen? Diese Frage hat sich der Schweizer Theaterregisseur Milo Rau gestellt und nun am Züricher Theater ein Stück auf die Bühne gebracht. Für „The Civil Wars“ (Bürgerkriege) hat Rau monatelang recherchiert. Er ist nach Belgien gefahren, wo der Rechtsradikalismus anstiegt und eine steigende Zahl von Salafisten als Djihadisten nach Syrien und in den Irak ziehen. Rau sprach mit Rückkehrern, solchen, die den Krieg suchten und mit Angehörigen. Und ihm wurde deutlich, was dieses Phänomen über unsere Gesellschaft sagt: „Es verkörpert das Ende der Hoffnung auf eine echte multikulturelle und liberale Gesellschaft. Der globale Humanismus hat sich verabschiedet. Im großen wie im kleinen Maßstab sind die Menschen als Krieger unterwegs – allein, in der Krise, kämpfend und orientierungslos. Es ist typisch für ,umgedrehte‘ Salafisten, in ihrer Kindheit keine Halt gebende Vaterfigur gehabt zu haben. Diese Labilität und Verzweiflung lässt sich in unserer Gesellschaft in den letzten 30 Jahren allgemein feststellen“, wie Rau gegenüber der Berner Zeitung erklärte.

    Der Schweizer Regisseur Milo Rau. Foto: dpa

    Was bringt eigentlich Europäer dazu, mit Islamisten in einen grausamen Krieg zu ziehen? Diese Frage hat sich der Schweizer Theaterregisseur Milo Rau gestellt und nun am Züricher Theater ein Stück auf die Bühne gebracht. Für „The Civil Wars“ (Bürgerkriege) hat Rau monatelang recherchiert. Er ist nach Belgien gefahren, wo der Rechtsradikalismus anstiegt und eine steigende Zahl von Salafisten als Djihadisten nach Syrien und in den Irak ziehen. Rau sprach mit Rückkehrern, solchen, die den Krieg suchten und mit Angehörigen. Und ihm wurde deutlich, was dieses Phänomen über unsere Gesellschaft sagt: „Es verkörpert das Ende der Hoffnung auf eine echte multikulturelle und liberale Gesellschaft. Der globale Humanismus hat sich verabschiedet. Im großen wie im kleinen Maßstab sind die Menschen als Krieger unterwegs – allein, in der Krise, kämpfend und orientierungslos. Es ist typisch für ,umgedrehte‘ Salafisten, in ihrer Kindheit keine Halt gebende Vaterfigur gehabt zu haben. Diese Labilität und Verzweiflung lässt sich in unserer Gesellschaft in den letzten 30 Jahren allgemein feststellen“, wie Rau gegenüber der Berner Zeitung erklärte.

    Ähnlich gestrickt wie die Extremisten, die Rau vorfand, ist auch sein Bühnenpersonal – eine Frau und drei Männer. Auch abwesende Väter, die früh verloren wurden, und dann das Scheitern in der Wirtschaftswelt. Die Figuren sind haltlos, und überraschenderweise fand Rau diese Lebenssituationen auch bei seinen Schauspielern. Die französische Zeitung „Libération“ fand für das Stück „The Civil Wars“ den Ausdruck „politische Psychoanalyse“ – eine Analyse gesellschaftlicher Mängel und zugleich eine Selbstanalyse der Schauspieler. Das klingt alles nach dem „abenteuerlichem Herz“, dem Gang in die fremde Wildnis, heraus aus der Zivilisation, die die Kultur immer mehr hinter sich lässt. Oder nach „Waldgang“, um Bild Ernst Jüngers zu bleiben, fern aller gewohnten Ordnung der Stadt, die mühsam aufgebaut wurde. Für die Extremisten bedeutet sie plötzlich nichts mehr; sie reizen nur noch die Gesetze der Steppe und gehen „über die Linie“ (Ernst Jünger), wo jenseits aller rationalen Ordnung der Nihilismus der nackten Tat des Kriegers wartet, um letztlich in einer Ordnung zu enden, die sie für eine höhere halten: „Die Salafisten interessiert Europa nicht, sie interessiert das Kalifat, die islamische Erde“, meint Rau.

    Im Herbst wird das Theaterfestival „Festival La Bâtie Geneve“ Rau als Ehrengast eine Retrospektive ausrichten, auch das Münchener Residenztheater plant mit ihm eine Kooperation wie auch das Théâtre Nanterre-Amandiers in Paris. In seinen Stücken wird deutlich, wie kurz der Weg zur Radikalisierung sein kann. Bei aller Frage, was Europa noch zusammenhält, scheint Rau den Glauben als Antwort noch nicht gefunden zu haben. Wer jeder Einzelne ist, und wie er geworden ist, wird im Angesicht der Bedrohung Europas zur drängenden Frage. Das betrifft die belgischen Islamisten genauso wie die deutschen und die übrigen, die Europa – aus der Wohnzimmeratmosphäre wie im Theaterstück – für den „Heiligen Krieg“ verlassen.