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    Mensch, was klingt denn da

    Dass Menschen unterschiedliche Stimmungen haben und dass diese Stimmungen ansteckend sein können, hat jeder schon einmal erlebt. Da betritt jemand den Raum, der so viel gute Laune versprüht, dass sich der Stimmungspegel der Anwesenden merklich erhöht. Menschen sind Stimmungswesen, oder, genauer ausgedrückt, Schwingungswesen. Schon der antike Philosoph und Theologe Boethius war sich dessen bewusst. Er spricht von einem dreifachen Schwingungssystem, der Musica mundana, der musica humana und der musica instrumentalis. Was er damit meint ist, dass der Kosmos selbst ein schwingendes Schöpfungsgebilde ist, dessen Töne sensitive Menschen wie Hroswith von Gandersheim, Hildegard von Bingen oder Johannes Keppler wahrgenommen haben. Und auch der Mensch in seiner je eigenen Gestimmtheit ist ein Klangphänomen. Wer gereizt ist, sorgt für Anspannung bei anderen, wer Harmonie ausstrahlt, macht die Welt ein wenig heller, womit bewiesen wäre, dass Klang und Licht artverwandte Phänomene sind. Die Stimmung eines Menschen können viel mehr Menschen wahrnehmen als das Tönen des Kosmos, aber auch hier gibt es noch Nachholbedarf, denn es ist nur die Vokal- und Instrumentalmusik, die wirklich für alle offenkundig hörbar ist.

    In der christlichen Spiritualität spielt das Eintauchen in den Klang der Welt schon lange eine bedeutende Rolle. Foto: Stühlmeyer

    Dass Menschen unterschiedliche Stimmungen haben und dass diese Stimmungen ansteckend sein können, hat jeder schon einmal erlebt. Da betritt jemand den Raum, der so viel gute Laune versprüht, dass sich der Stimmungspegel der Anwesenden merklich erhöht. Menschen sind Stimmungswesen, oder, genauer ausgedrückt, Schwingungswesen. Schon der antike Philosoph und Theologe Boethius war sich dessen bewusst. Er spricht von einem dreifachen Schwingungssystem, der Musica mundana, der musica humana und der musica instrumentalis. Was er damit meint ist, dass der Kosmos selbst ein schwingendes Schöpfungsgebilde ist, dessen Töne sensitive Menschen wie Hroswith von Gandersheim, Hildegard von Bingen oder Johannes Keppler wahrgenommen haben. Und auch der Mensch in seiner je eigenen Gestimmtheit ist ein Klangphänomen. Wer gereizt ist, sorgt für Anspannung bei anderen, wer Harmonie ausstrahlt, macht die Welt ein wenig heller, womit bewiesen wäre, dass Klang und Licht artverwandte Phänomene sind. Die Stimmung eines Menschen können viel mehr Menschen wahrnehmen als das Tönen des Kosmos, aber auch hier gibt es noch Nachholbedarf, denn es ist nur die Vokal- und Instrumentalmusik, die wirklich für alle offenkundig hörbar ist.

    Wie das Wahrnehmen von Stimmungen funktioniert, kann man übrigens am besten von Menschen lernen, deren physische Ohren nicht funktionieren. Sie sind nämlich oftmals besonders gut darin, weil sie – auch was physische Musik angeht – für Schwingungen sensibilisiert sind, weshalb manche von ihnen ungeachtet ihrer Behinderungen perfekte Mitglieder eines Tanzensembles sind, die niemals aus dem Takt kommen. Was aber wäre, wenn man die Stimmung von Menschen, das, was in unserem Körper vorgeht, wirklich für alle hörbar machen könnte? Genau diese Frage stellte sich Grace Leslie vom Massachusetts Institute of Technology auf dem World-Changing Ideas Summit von BBC Future in Sydney, einem Treffen kluger Köpfe, die ihre innovativen Ideen miteinander teilen. Leslie war von der Tatsache ausgegangen, die jeder von uns kennt, dass nämlich Musik einen starken Einfluss auf unsere Stimmung und unseren Körper hat. Wer ein wenig durchhängt, nimmt beim Erklingen des Radetzkymarsches bewusst oder unbewusst Haltung an, die Körperspannung erhöht sich und der gute Laune-Pegel steigt. Jeder und jede hat seine oder ihre Lieblingsmelodie, die bestimmte Erinnerungen wieder lebendig werden lässt. Und natürlich entfaltet Musik in hohem Maße heilende Kräfte. Sie kann dazu beitragen, Schmerzen zu lindern, bei Operationen eingesetzt senkt sie signifikant die notwendige Dosis von Narkotika. Demenzpatienten bleiben länger geistig fit, wenn sie musiktherapeutisch behandelt werden, Parkinsonpatienten haben eine viel höhere Bewegungsfreiheit und Schlaganfallpatienten kommen schneller wieder auf die Beine. All dies hängt damit zusammen, dass der Mensch ein Schwingungswesen ist. Von der Werbung wird dieses Wissen längst genutzt. Kaum ein Kaufhaus kommt heute ohne umsatzsteigende Berieselung aus und wer genau hinhört, merkt schnell, wie geschickt die Klänge ausgewählt sind, die zugleich entspannend wirken, aber auch die jedem Menschen innewohnende unstillbare Sehnsucht ansprechen. Die Folgen eines solchen Eingriffs in das innere Klanggefüge des Menschen sind klar. Wer nicht aufpasst, hat schnell viel mehr im Einkaufswagen, als er eigentlich braucht.

    Leslies Idee war nun, nicht nur gleichsam von außen her mit Musik auf den Menschen einzuwirken, sondern seinen Zustand, seine Stimmung, eben das, was Boethius musica humana nennt, hörbar zu machen. Dabei machte sie sich selbst, Verwandte und Freunde zu Versuchspersonen und nutzte eine technische Ausrüstung, die die elektrischen Aktivitäten des Gehirns, die Wechsel im Tempo des Herzschlags und die subtilen Varianten in der Spannung der Hautoberfläche in Klang umzusetzen. Ein Synthesizer gibt dabei wieder, was gerade in Leslies oder den Körpern der anderen Probanden vorgeht. Wenn Leslie ihre Körperklänge mit Instrumentalsounds vermischt, ertönt in der Wiedergabe etwas, dass an die Symphonien Skandinavischer Komponisten der Romantik erinnert. Nachhören kann man Leslies ganz eigene Klangwelt im Internet unter soundcloud.com/gracesounds.

    Natürlich sind die Ergebnisse von Leslies Forschungen nicht nur spannend anzuhören und konfrontieren jeden, der in ihre Klangwelt eintaucht mit der Frage „wie klinge ich wohl selbst?“ Sie haben aber auch eine ganz konkrete Nutzanwendung. Grace Leslie geht davon aus, dass die von ihr entwickelte ausdrucksvolle Musiktherapie auch medizinisch hilfreich sein kann, beispielsweise, wenn es darum geht, Patienten mit Autismus dabei zu helfen, ihre Stimmung besser einzuschätzen. Denn wer sich mit den äußeren Ohren anhören kann, was ansonsten nur für die Ohren des inneren Menschen wahrnehmbar ist, erlebt einen doppelten Effekt. Seine Stimmung ist nicht nur etwas Inneres; ihre immer vorhandene ausstrahlende Wirkung wird konkret erlebbar und entfaltet auf diese Weise gewissermaßen eine verstärkte Wirkung. Wer, wie Autisten, schwer Zugang zur eigenen Gefühlswelt findet, kann sich durch die akustische Wahrnehmbarkeit des eigenen Gestimmtseins seiner selbst besser vergewissern.

    In der christlichen Spiritualität spielt das Eintauchen in den Klang der Welt schon lange eine bedeutende Rolle. Hildegard von Bingen sagte vom Patron ihres Klosters, dem heiligen Rupertus, in te symphonizat spiritus – in dir singt und spielt der Heilige Geist, und fordert ihre Schwestern auf, Teil der Klangwelt der Chöre der Engel zu werden. Die Regel Benedikts sagt: ut mens concordet vocis, wenn sie nahelegt, dass beim Hebet Herz und Stimme in Einklang sein mögen. Die beste Möglichkeit, eine perfekte Konkordanz von Form und Inhalt zu erleben, bietet der Gregorianische Choral. In seine Klangwelt einzutauchen bietet jedem die Chance, die eigene Gestimmtheit harmonisch zu optimieren.