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    Meinungen sind die neuen Fakten

    Alternative Fakten: Warum sie auch dem „Faktencheck“ seriöser Journalisten Probleme bereiten. Von Felix Rapa

    Sie beeinflussen Wahlen, sie führen zu gesellschaftlichen Zerrüttungen, jeder kann sie nach Belieben fabrizieren: fake news, gezielte Falschmeldungen, die medial verbreitet werden, um Stimmung zu machen, auch, wenn sie gar nicht stimmen. Etwas vornehmer ausgedrückt: Es werden „Alternative Fakten“ in den Diskurs gebracht. Viel besser ist das aber nicht. „Alternative Fakten“ wurde daher zum „Unwort des Jahres 2017“ gekürt.

    Wir leben im Zeitalter der Postfaktizität. Das heißt: Meinungen sind die neuen Fakten. Der Begriff beschreibt dabei nichts Neues. Schon der griechische Philosoph Epiktet, ein Vertreter der Stoa, der 50–138 lebte, hatte festgestellt: „Nicht die Tatsachen bestimmen über das Zusammenleben, sondern die Meinungen über die Tatsachen“. Und genau das ist ja das Wesen des postfaktischen Zeitalters. Postfaktizität suggeriert zudem eine Differenz von objektiven Fakten und subjektivem Befinden. Das ist sicher richtig und auch gut katholisch, übersieht aber eben doch, dass Gefühle ja auch faktisch wirken, also auch Tatsachen sind und reale Folgen haben. Also, um an Epiktet anzuschließen: auch Meinungen über Tatsachen sind Tatsachen.

    Dass Meinung und Tatsachen im Bewusstsein vieler Menschen immer mehr verschmelzen, ist auch ein Resultat der Wahrheitsallergie der Moderne und des Perspektivismus in der Philosophie. Die Tatsache, dass „Alternative Fakten“ so erfolgreich platziert werden können, ist unmittelbar ein Ausdruck dieses Bewusstseins. Ganz so einfach werden wir also zur geprüften Faktizität nicht zurückgelangen. Zumindest dann nicht, wenn wir die Wahrheit weiterhin ausklammern, die Suche nach ihr für ein privates, gleichwohl sinnloses Vergnügen halten und jeden diskursiven Bezug auf Wahrheit unter Fundamentalismusverdacht stellen. Man kann nicht zur gleichen Zeit die Fahne der Beliebigkeit hochhalten und alles für gleich gültig erachten, und sich darüber beschweren, dass einige damit ernst machen und ihren Schwachsinn als des Pudels Kern verkaufen.

    Wer dann auf die Wahrheit rekurriert, darf nicht vergessen, dass es die seit den 1930er Jahren nicht mehr geben soll. Seit dem positivistischen Weltbild des Wiener Kreises gibt es „intersubjektive Bestätigungsfähigkeit im Diskurs“. Das ist die Wurzel des Übels, nicht die fake news in Facebook oder die „Alternativen Fakten“ aus Übersee. Deren Aussender machen sich den Wegfall der Wahrheit im Denken der Moderne bloß zunutze. Wenn es jenseits des Textes nichts geben soll und auch die großen Erzählungen, aus denen sich Grundlagen für den Diskurs gewinnen ließen, nicht mehr zählen, dann müssen wir wohl damit leben, dass sich wahre und falsche diskursive Tatsachen im Netz tummeln und um Mehrheiten ringen. Das müssen wir hinnehmen. Schon deshalb, weil wir für wahr und falsch den Maßstab verloren haben und damit gar kein Instrumentarium mehr besitzen, um zur Wahrheit durchzudringen. Denn dazu braucht es mehr als den Text.

    Am Ende kommt es also doch darauf an, wem man im Diskurs vertraut. Der Faktencheck ist damit die verkleidete Rückkehr des Autoritätsarguments in den Sozialen Medien.

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