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    „Mein Gott tut Großes an mir“

    Die Biographie von Paul Klee und die Lebensdaten seines Wirkens lesen sich wie ein spannendes Who-is-Who der Moderne. Seine Werke leuchten in ihren brillanten harmonischen Farbfeldern, die oftmals mit Arabesken überzogen sind. Gleichsam wie Chiffren sind seine Bilder verschlüsselt. Ernst H. Gombrich spricht in seiner „Geschichte der Kunst“ von einer „überschäumenden Phantasiewelt“, die Klees Bildern innewohnt. Der Kunsthistoriker bringt es auf den Punkt: „Für ihn waren die Experimente nicht so sehr zu neuen Methoden der Wirklichkeitsdarstellung als vielmehr neue Möglichkeiten des Spiels mit Formen.“ Es steckt etwas Urtümliches und im besten Sinne Kindliches darin.

    „Engel vom Stern“, eine von 77 Engelsdarstellungen aus dem Spätwerk von Paul Klee. Foto: IN

    Die Biographie von Paul Klee und die Lebensdaten seines Wirkens lesen sich wie ein spannendes Who-is-Who der Moderne. Seine Werke leuchten in ihren brillanten harmonischen Farbfeldern, die oftmals mit Arabesken überzogen sind. Gleichsam wie Chiffren sind seine Bilder verschlüsselt. Ernst H. Gombrich spricht in seiner „Geschichte der Kunst“ von einer „überschäumenden Phantasiewelt“, die Klees Bildern innewohnt. Der Kunsthistoriker bringt es auf den Punkt: „Für ihn waren die Experimente nicht so sehr zu neuen Methoden der Wirklichkeitsdarstellung als vielmehr neue Möglichkeiten des Spiels mit Formen.“ Es steckt etwas Urtümliches und im besten Sinne Kindliches darin.

    Klees Kunst entzieht sich somit den gängigen Kategorien, in die man die Malerei des 20. Jahrhunderts einzuordnen versucht. Sein Name ist eng verbunden mit dem „Blauen Reiter“, dem Wirken am Bauhaus und seiner Professur in Düsseldorf. Nicht zuletzt durch die legendäre „Tunisreise“ 1914, die ihn zusammen mit August Macke und Louis Moilliet nach Nordafrika führte, ging er in die kunsthistorischen Annalen ein. Paul Klee hinterließ ein umfangreiches Oeuvre aus Gemälden, Grafiken und Zeichnungen. „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“, so einfach und doch prägnant eingängig äußerte er sich.

    Dabei schien sich sein Weg als bildender Künstler anfangs keineswegs klar abzuzeichnen. Musiker oder Maler zu werden, das war zunächst die Frage, die ihn beschäftigen sollte. Er wird am 18. Dezember 1879 als zweites Kind von Hans und Ida Klee in Münchenbuchsee bei Bern geboren. Der Vater ist Deutscher, die Mutter halb schweizerischer, halb französischer Herkunft. Der junge Paul wird, gefördert durch den Vater, schon früh als Geiger außerordentliches Mitglied der Bernischen Musikgesellschaft. Mit Anfang 20 lernt er seine spätere Frau Lily Stumpf kennen. Er, der immer geleugnet hatte, als Kind an Gott geglaubt zu haben, schreibt, überwältigt von seinen Gefühlen zu Lily: „Diesmal fühle ich den starken Gott in mir... Mein Gott tut Großes an mir.“ Er zieht nach München und lernt für ein Jahr an der Akademie von Franz Stuck. Nach der Heirat mit Lily Stumpf und der Geburt des gemeinsamen Sohnes Felix kümmert sich Paul Klee um den Haushalt und die Erziehung des Nachwuchses. Das war für die damalige Zeit ungewöhnlich.

    In den Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges ringt er um die eigene künstlerische Formensprache. Werner Haftmann weist in seiner Malerei des 20. Jahrhunderts in diesem Zusammenhang darauf hin, wie wichtig der Satz von Paul Cézanne für Klee wurde, dass „Kunst eine Harmonie, parallel zur Natur“ sei. Der Kunsthistoriker betont die für Klee so bedeutende Sentenz: „Es ist einmal der das ganze künstlerische Denken der Zeit bestimmende Wunsch, die Empfindung am Gegenstand zur deutlicheren Darstellung zu bringen.“ Klee nennt das damals „Dinge in das Jenseitige rücken.“ An anderer Stelle seines Tagebuchs sprich Klee vom „Urgebiet der psychischen Improvisationen“, die wiederum seine Kunstauffassung und das Spiel mit den Formen vortrefflich umschreibt. In einer Ausstellung der Münchener Secession hatte Klee 1909 acht Bilder des Franzosen gesehen.

    1911 lernt Klee neben Kandinsky auch Franz Marc kennen. Wie schon August Macke hat ihn jedoch nachhaltig die Kunst von Robert Delaunay inspiriert, dessen Bekanntschaft er 1912 in Paris macht. Hier trifft er auf die Ideen der Kubisten und kommt mit der Farbtheorie des Orphismus in Berührung. Haftmann betont das Wesentliche: „Hier wurde er auf jene feine Gesetzlichkeit und auf das kristallinisch Gefügte aufmerksam, dem er sein Leben lang nachsinnen sollte.“ Im gleichen Jahr nimmt Klee auch an der zweiten Ausstellung des „Blauen Reiter“ mit 17 Arbeiten teil. 1914, drei Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, unternimmt Klee gemeinsam mit August Macke und Louis Moilliet die berühmte Reise nach Tunis. Moilliet war es auch, der als Vorbild für Hermann Hesses Erzählung „Klingsors letzter Sommer“ diente. Als einziger führt Klee ein Reisetagebuch, in das er notieren sollte: „Die Sonne von einer finsteren Kraft. Die farbige Klarheit am Land verheißungsvoll. Macke spürt das auch. Wir wissen beide, dass wir hier gut arbeiten werden.“ Hier im Licht des Südens fand Klee zu der Farbigkeit seiner Aquarelle, nach der er so lange gesucht hatte. Es entstanden Aquarelle, wie „Vor den Toren von Kairouan“ , oder „Rote und gelbe Häuser in Tunis“. Stationen dieser von Klee angeregten Studienreise waren neben Kairouan und Tunis auch der Künstlerort Sidi Bou Said und Hammamet. Dies ist für ihn der Anfang des künstlerischen Weges. Nichts ist schöner zu lesen als die Worte, die Klee zu seiner Selbstfindung als Künstler formuliert: „Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.“ Für Franz Marc und August Macke, die wie so viele sich freiwillig zum Kriegsdienst einziehen ließen, bedeutete ihr Entschluss jedoch den frühen Tod. August Macke starb bereits am 26. September 1914 im Alter von nur 27 Jahren, Franz Marc, zwei Jahre später am 4. März 1916. Er wurde 36 Jahre alt.

    1916 war auch das Jahr, in dem Paul Klee zum Dienst an der Waffe eingezogen werden sollte. Durch die Fürsprache seines Vaters gelang es ihm aber, vom Frontdienst freigestellt zu werden. Noch während des Krieges nahm er an einer Ausstellung in der Galerie „Der Sturm“ von Herwarth Walden teil. Er feierte zunehmend Erfolge und konnte auch viele seiner Werke verkaufen.

    In München, genauer in Schwabing, lagen damals die Wohnung und das Atelier von Paul Klee. In der Feilitzschstraße Nr. 3 malte er in der Zeitspanne von 1908 bis 1919. Im Schloss Suresnes schließlich, das seit 1967 als Tagungshaus für die Katholische Akademie in Bayern dient, hatte Paul Klee 1919 für einige Monate sein Atelier.

    Im November 1920 wird er durch Gropius als „Meister“ an das Bauhaus in Weimar berufen. Die Idee des Bauhauses beruhte auf dem Credo, dass Kunst nicht lehrbar sei. Man legte Wert auf die „Freiheit der Individualität“ und die „Bevorzugung des Schöpferischen“. Über die Ausrichtung der Schule wurde heftig debattiert. War ursprünglich das Hauptaugenmerk auf das Handwerk gelegt worden, war fortan die Zusammenarbeit mit der Industrie im Fokus. Es wurde angestrebt, mit Entwürfen und Prototypen in Serie zu gehen. 1923 war Klee im Kronprinzenpalais in Berlin eine große Ausstellung gewidmet. Ausgedehnte Reisen führen ihn nach Italien, Südfrankreich und Ägypten. Den Umzug des Bauhauses 1925 nach Dessau hatte Klee noch begleitet. Doch 1929 folgt er einem Ruf an die Düsseldorfer Kunstakademie. Sein „Meisterhaus“ in Dessau behielt er bei und durch die Klausel im Vertrag mit der Kunstakademie in Düsseldorf, die seine Anwesenheit auf 14 Tage im Monat beschränkte, stand ihm genügend Zeit für seine eigene Kreativität offen. Im Düsseldorfer Atelier konnte er sich aufgrund der Raumsituation größeren Werken, die pointillistischen Charakter hatten, widmen. In dem kleineren Atelier in Dessau entstanden entsprechend intimere Gemälde. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ereilte auch Paul Klee das Schicksal wie so vieler seiner künstlerischen Weggefährten. Boris Friedewald umschreibt die Situation des Künstlers in seiner Monographie: „So löste wohl auch der Einbruch dieser finsteren Epoche in Klee viele innere Bilder aus, darunter eine große Gruppe von Zeichnungen, in der er mit tiefsinnigem Humor, subtiler Kritik und scharfsinnigem Blick das nationalsozialistische Weltbild entblößt – auch wenn selbst der heutige Betrachter den Zusammenhang mit den politischen Ereignissen jener Zeit nicht immer sofort erkennt.“ Nach der offiziellen Kündigung der Düsseldorfer Kunstakademie zog Paul Klee mit Lily in die Schweiz. Hier im Exil bewohnte er mit ihr eine Dreizimmerwohnung. Eine rätselhafte Hauterkrankung, die Wissenschaftler erst nach Klees Tod als Sklerodermie diagnostizierten und die zu einer Verhärtung der Haut führt, beeinträchtigten den inzwischen Mitte Fünfzigjährigen. Er verbringt seine letzten Lebensjahre, die noch einmal von einem ungeheuren Schaffensdrang erfüllt sind, in der Schweiz. 1937 besuchen ihn Kandinsky und Picasso. 17 seiner Arbeiten werden in diesem Jahr in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. Am 29. Juni 1940 stirbt Paul Klee in Locarno-Muralto.

    Marcel Duchamp, der mit seinen Ready-Mades für Aufregung im Kunstbetrieb sorgte, subsumierte in seiner Analyse den Stil Klees treffend: „Die erste Reaktion vor einem Gemälde von Paul Klee ist die sehr erfreuliche Feststellung, was jeder von uns hat oder hätte tun können, wenn wir versuchen, wie in unserer Kindheit zu zeichnen... Bei einer zweiten Analyse entdeckt man eine Technik, der eine große Reife im Denken zugrunde liegt. Ein tiefes Verständnis im Umgang mit Aquarellfarben, eine persönliche Methode, in Öl zu malen, angelegt in dekorativen Formen, lassen Klee in der zeitgenössischen Malerei hervorstechen und machen ihn unvergleichbar.“