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    Mehr als nur „Last Christmas“

    Auch die Popwelt hat ihre Gesetze. Im Sommer 1985 beim großen „Live Aid“-Festival in London und Philadelphia wurde es deutlich. Beim gemeinsamen Abschluss-Song der britischen Künstler im Wembly-Stadion überreichte der große David Bowie (1947–2016) das Mikrophon dem jungen George Michael, der bis zu diesem Zeitpunkt im Rahmen des Duos „Wham!“ zwar schon einige Hits, darunter „Wake me up before you go-go“, „Club Tropicana“ oder „Last Christmas“, komponiert hatte, jedoch eher als aufstrebendes Popsternchen galt, denn als echter Mega-Star. Bowies Mikrophon-Übergabe war der Ritterschlag für den 22-Jährigen. Ein Katapult in die höchsten Höhen des Pop-Olymps.

    Viele Fans verehrten George Michael als Pop-Idol und verknüpften gerade die Weihnachtszeit mit ihm. Er selbst, der seine... Foto: dpa

    Auch die Popwelt hat ihre Gesetze. Im Sommer 1985 beim großen „Live Aid“-Festival in London und Philadelphia wurde es deutlich. Beim gemeinsamen Abschluss-Song der britischen Künstler im Wembly-Stadion überreichte der große David Bowie (1947–2016) das Mikrophon dem jungen George Michael, der bis zu diesem Zeitpunkt im Rahmen des Duos „Wham!“ zwar schon einige Hits, darunter „Wake me up before you go-go“, „Club Tropicana“ oder „Last Christmas“, komponiert hatte, jedoch eher als aufstrebendes Popsternchen galt, denn als echter Mega-Star. Bowies Mikrophon-Übergabe war der Ritterschlag für den 22-Jährigen. Ein Katapult in die höchsten Höhen des Pop-Olymps.

    Dass George Michael, der am 25. Juni 1963 als Sohn einer britischen Mutter und eines griechisch-zypriotischen Vaters in London zur Welt kam, eigentlich Georgios Kyriakos Panagiotou hieß und am ersten Weihnachtstag dieses Jahres in seinem Haus in Goring-on-Thames westlich von London überraschend gestorben ist, in diesen Sphären trotz seines gesanglichen und kompositorischen Talents glücklich wurde, darf jedoch bezweifelt werden. Schon wenige Jahre nach dem „Live Aid“-Event – inzwischen hatte sich George Michael als hüfteschwingender Solo-Artist mit Sonnenbrille, Lederjacke und Kruzifix-Ohrring weiter etabliert („Faith“) – sah es ein anderer Großer des Show-Business, Frank Sinatra, als nötig an, dem Sänger und Songwriter mit öffentlichen Seelsorge-Tipps hilfreich zur Seite zu stehen. Hatte der Frauenschwarm George Michael bei allem kommerziellen Erfolg doch öffentlich über die „Belastungen des Celebrity-Status“ geklagt. Hoffend, dass diese Belastungen einmal abnehmen würden.

    In einem Brief mahnte Sinatra den deutlich jüngeren Kollegen, dass er jeden Morgen dem „Herrgott“ danken solle für alles, was er habe. „Komm schon, George, bleib locker. Swing, Mann. Wisch dir die Spinnweben ab und flieg zu einem Mond deiner Wahl, dankbar, dass du das Gepäck tragen kannst, das wir zu tragen haben (...). Und kein Gerede mehr über die Tragödie des Ruhms.“

    Doch irgendwie wollte es mit Michaels Mondfahrt zum Glücklichsein nicht so richtig klappen. Auf dem Album „Listen Without Prejudice Vol. 1“ ließ George Michael seinem grüblerischen Temperament freien Lauf und schämte sich auch nicht, religiöse Aspekte der Existenz in ruhiger Weise – jenseits des hektischen Dance Floors – zu benennen. So singt er in dem Song „Praying for Time“ (Um Zeit beten): „Es ist schwer zu lieben, Jesus, es gibt so vieles zu hassen/ Man klammert sich an die Hoffnung/ wenn man von keiner Hoffnung mehr sprechen kann/ Und der verwundete Himmel über uns sagt/ es ist viel, viel zu spät.“ (Übersetzung: www.Songtexte.com) Auch auf seinem vielleicht besten Album „Older“ (1996), das durch raffinierte Arrangements und einen entspannten Chill-Out-Sound besticht, zeigte sich George Michael als sensibler, nachdenklicher Texter und Pop-Interpret.

    So heißt es in der melancholisch-sanften Singleauskopplung „Jesus to a child“: „Traurigkeit in meinen Augen/ Niemand konnte es erraten, niemand hat es versucht/ Du hast mich angelächelt/ wie Jesus ein Kind/ Ohne Liebe und kalt/ mit deinem letzten Atem hast du meine Seele gerettet/ Du hast mich angelächelt/ wie Jesus ein Kind. (Übersetzung: www.muzikum.eu) Und am Ende des Albums in dem Song „You have been loved“ (Du bist geliebt worden) singt George Michael: „Wenn es Gott war, der ihr den Sohn genommen hat/ kann er nicht derjenige sein, der in ihrem Geist lebt/ Pass auf dich auf, mein Lieber, sagte sie/ Ich glaube nicht, dass Gott tot ist“ (Übersetzung: www.songtexte.com)

    Überraschende religiöse Bekenntnisse, die schon bald danach von einem homosexuellen Outing begleitet wurden. Der vermeintliche Frauenschwarm George Michael setzte mit diesen Liedern nämlich seinem brasilianischen Lebenspartner Anselmo Feleppa (1956–1993) ein popmusikalisches Denkmal, der an den Folgen der Immunschwäche-Krankheit Aids gestorben war.

    Für richtig großen Wirbel rund um seine sexuelle Orientierung sorgte Michael dann im Jahr 1998 – wenn auch vermutlich unabsichtlich. So genau weiß man das in der doppelbödigen PR-und-Star-Welt ja nie. George Michael hatte sich einem Polizisten in Zivil in Beverly Hills auf einer öffentlichen Toilette, die als Schwulentreff bekannt war, „unsittlich“ gezeigt. Das brachte ihm eine Geldstrafe und 80 Sozialstunden ein. Wer nun annahm, dass mit dem öffentlichen Coming-Out eine neue kreative Phase im Leben des George Michael beginnen würde, sah sich – abgesehen von einem obszönen Videoclip – allerdings getäuscht. „Best of“-Alben und filmische Rückblicke zeigten, dass das einst so unbändige kreative Feuer nur noch spärlich in dem Songwriter brodelte.

    Mit mindestens einer interessanten Ausnahme: Im Dezember 2008 bot der Sänger, den viele Zeitgenossen gern und allzu ignorant auf das seicht-beschwingliche Weihnachts-Liebeslied „Last Christmas“ reduzierten, ein neues, kostenloses Weihnachtslied im Internet an, den sogenannten „December Song“: „Es gab immer die Weihnachtszeit/ Jesus kam, um zu bleiben/ Ich konnte an den Frieden auf Erden glauben/ und konnte den ganzen Tag Fernseh gucken/ So träumte ich von Weihnachten/ Vielleicht seitdem du nicht mehr da bist/ bin ich ein wenig verrückt geworden/ Gott weiß, sie können das Kind sehen“. Jesus, Weihnachten und die Sehnsucht nach dem großen Frieden wenige Jahre nach Homo-Outing und Toiletten-Sex – sicher eine ungewöhnliche Mischung. Doch wer will über ein Pop-Idol richten, das unter den inneren Widersprüchen seines Wesens selbst am meisten litt? Der „December Song“ klingt jedenfalls wie ein Ruf an die verstorbene Mutter, deren Tod in den 1990er Jahren der sensible Sänger ebenfalls nie richtig überwinden konnte. Es ist ein Lied, in dem die Unschuld der Kindheit heraufbeschworen wird. Inklusive Jesus. Ein Song also, der im Unterschied zu „Last Christmas“ durchaus die religiöse Dimension des Weihnachtsfestes benennt.

    Vielleicht, weil George Michael seinem megapräsenten Image als Weihnachts-Schnulzen-Mann etwas Tieferes entgegensetzen wollte? Was nicht heißen soll, dass „Last Christmas“ musikalisch so banal wäre, wie es oft dargestellt wird. Und einen Ohrwurm zu komponieren ist eine Kunst, die man nicht unterschätzen sollte. In gewisser Weise zeigt sich an diesem Mann aber eben doch die tiefe Tragik der schönen glitzernden Popwelt, die geradezu gnadenlos den Kult des Neuen, der Jugend und der Unbeschwertheit betreibt. Forever young, forever beautiful, forever sexy. Wer würde nicht depressiv werden, wenn er ständig auf allen medialen Kanälen mit Jugendwerken und Jugendaufnahmen von sich selbst konfrontiert werden würde? Als Mensch reduziert auf die kurze Zeit der physischen Blüte, ein Image, das lange mit der Realität nicht so ganz kongruent sein durfte? Dies alles dürfte in den letzten Lebensjahren des George Michael die innere, kaum noch zu verbergende Not befördert haben. Jahre, in denen der als extrem höflich geltende Mann mehr durch Drogen-Skandale und gesundheitliche Probleme in die Schlagzeilen geriet als durch künstlerische Leistungen. Bereits im Jahr 2011 sorgten sich seine Freunde und Fans, als er einen Monat mit einer Lungenentzündung in einem Wiener Krankenhaus verbringen musste, um sein Leben. Versuche, George Michael wieder auf einen stabilen und vitalen Weg des Lebens zu führen, was – wie man jetzt lesen kann – zum Beispiel Kollegen wie Elton John versuchten, waren nur bedingt erfolgreich. Etwas Selbstdestruktives, Unheiles in George Michael wütete latent weiter, seine „Dämonen“, die er auch durch ein hauchendes „save me“ (rette mich) nicht bändigen konnte.

    Nun darf man gespannt sein, ob das letzte Album, an dem er in diesen Monaten arbeitete, doch noch erscheinen kann und was George Michael der Welt posthum zu sagen hat. Das Timing hat – im Unterschied zu den anderen großen Pop-Toten dieses Jahres (David Bowie, Leonhard Cohen), die kurz vor ihrem irdischen Abgang noch ein Album veröffentlichten, bei George Michael nicht so ganz hingehauen. Dass der Mann, der durch all die seichten Klänge und Eskapaden hindurch sich eine innere Sehnsucht nach Weihnachten bewahrte, ausgerechnet am ersten Weihnachtstag „friedlich entschlafen“ ist, wie es in der offiziellen Erklärung heißt, das ist allerdings schon eine Pointe, die über jeden irdischen Showeffekt hinausgeht. Möge Jesus ihn nun tatsächlich ansehen und mitsingen.

    Mit Material von dpa