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    Mehr als Schmuck und Mode

    Glaube und Kleidung, Glaube und Schmuck – das wirkt auf den ersten Blick wie ein Kompositum von unvereinbaren Gegensätzen. Denn: Haftet der Mode nicht etwas Leichtes, Oberflächliches an, während der Glaube sich um die tiefsten Tiefen des Seins dreht? Das Alles oder Nichts des Lebens, der Menschheit? Modisch, das heißt: Schön für eine Saison. Here today and gone tomorrow. Aus den Augen, aus dem Sinn. Genau das ist der Glaube, der um das ewige Leben kreist, nicht. Sowenig, wie es ihm um die irdische Schönheit geht, die physische Attraktivität, die erstens vergänglich („Memento mori“) und zweitens kein Maßstab für das Gute und Wahre ist, die ethischen Kategorien, die über ein gelingendes Leben entscheiden. Ästhetik um der Ästhetik willen – dem haftet schnell die Dimension der Eitelkeit an. Leerer Schein, Nichtigkeit. Vanitas Mundi.

    Den Schleier nehmen auf Französisch: Model bei der Präsentation der aktuellen Herbst-Winterkollektion 2013/2014 von Jean... Foto: dpa

    Glaube und Kleidung, Glaube und Schmuck – das wirkt auf den ersten Blick wie ein Kompositum von unvereinbaren Gegensätzen. Denn: Haftet der Mode nicht etwas Leichtes, Oberflächliches an, während der Glaube sich um die tiefsten Tiefen des Seins dreht? Das Alles oder Nichts des Lebens, der Menschheit? Modisch, das heißt: Schön für eine Saison. Here today and gone tomorrow. Aus den Augen, aus dem Sinn. Genau das ist der Glaube, der um das ewige Leben kreist, nicht. Sowenig, wie es ihm um die irdische Schönheit geht, die physische Attraktivität, die erstens vergänglich („Memento mori“) und zweitens kein Maßstab für das Gute und Wahre ist, die ethischen Kategorien, die über ein gelingendes Leben entscheiden. Ästhetik um der Ästhetik willen – dem haftet schnell die Dimension der Eitelkeit an. Leerer Schein, Nichtigkeit. Vanitas Mundi.

    Erste Mode-Tipps gibt es schon in der Bibel

    Und dennoch: Etwas muss der Mensch nach dem Sündenfall auf der Haut tragen und sich hübsch, adrett zu kleiden, ist zumindest keine Todsünde. Kann sogar als ein Zeichen von Wertschätzung der eigenen Person verstanden werden und somit als Wertschätzung der Geschöpfe Gottes und des ewigen Schöpfers selbst. So wie der Apostel Paulus schreibt: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib der Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt, den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euer selbst seid?“ (1 Kor 6, 19) Gott wohnt in uns. Ein Grund mehr, dass man sich ein bisschen in Schale wirft. Zur Ehre Gottes und auch, um unsere Mitmenschen nicht mit einer furchterregenden Ungepflegtheit zu erschrecken. Eremiten und Wüstenväter sind von derartigen Maßstäben natürlich ausgenommen.

    Doch was genau ziemt sich für einen frommen Menschen? Wann wird ein Rock zu kurz, ein Oberteil zu eng? Wo kippen Pflegebewusstsein und modisch-eleganter Lobpreis der Schöpfung in eine überreizte Aufforderung zur Unsittlichkeit? Diese Fragen haben religiöse Menschen früh beschäftigt. Im Alten Testament findet sich die definitive Ablehnung des heute so populären Metro-Styles, der modischen Vermischung der Geschlechter: „Eine Frau soll keine Männersachen auf sich haben, und ein Mann keine Frauenkleider anziehen; denn jeder, der dies tut, ist dem Herrn, deinem Gott, ein Gräuel.“ (5 Moses 22, 5) Klare Worte, die offenbar auf die jungen christlichen Gemeinden abfärbten.

    Im Brief an Timotheus unterstreicht Paulus nämlich, dass „die Frauen sich in bescheidenem Äußeren mit Schamhaftigkeit und Sittsamkeit schmücken, nicht mit Haarflechten und Gold oder Perlen oder kostbarer Kleidung, sondern was Frauen geziemt, die sich zur Gottesfurcht bekennen, durch gute Werke.“ (1 Tim 2, 9) Auf die Kultivierung der inneren Werte zielte also des Apostels Ermahnung, wie es auch im 1. Petrus-Brief formuliert wurde: „Nicht äußerliche Dinge – wie kunstvolle Frisuren, wertvoller Schmuck oder modische Kleidung – dürfen für euch Frauen wichtig sein. Nein, euch sollen vielmehr Eigenschaften von unvergänglichem Wert schmücken, wie Freundlichkeit und Güte; denn wahre Schönheit kommt von innen. Und diese Werte zählen vor Gott.“ (1 Petr. 3, 3–4)

    Nichtsdestotrotz hat das Christentum die Mode- und Schmuckwelt im Laufe der Jahrhunderte entscheidend geprägt und mitgestaltet, sodass man mit Fug und Recht auch in diesem Kultursektor von christlichen Meisterwerken sprechen kann. Was nicht heißt, dass im Laufe der Jahrhunderte nicht auch bedenkliche Profanisierungen stattgefunden hätten.

    Früh entwickelte sich der Schleier, den der Apostel Paulus den Frauen zur Kopfbedeckung während des Gottesdienstes empfahl (1 Kor. 11, 5–6), zu einem wichtigen modischen Accessoire weiter, welches im Europa des Mittelalters als Zeichen der Vornehmheit und Sitte galt. Der Schleier verhüllt das Haar der Frau und schenkt ihr eine besondere Anmut. Etwas von diesem christlichen Modeverständnis haftet bis heute dem Brautschleier an, der bei Hochzeiten (wenigstens angedeutet) nach wie vor en vogue ist. Wie natürlich auch bei (manchen) Ordensfrauen, die ihn als Gott geweihte Jungfrauen tragen. Den Schleier nehmen, darunter verstand man lange Zeit die respektable Entscheidung einer Frau für das klösterliche Leben.

    Doch auch die Geistlichen haben mit ihrer Kleidung im christlichen Abendland unverwechselbare modische Akzente gesetzt. Konnte die Mönchskutte (ebenso wie das Armesünderhemd, der Büßersack) sich in den weltlichen Reihen auf Dauer nicht durchsetzen, so sah das bei der Soutane schon ganz anders aus. Die strengen Schnitte der Hoftracht des 16. Jahrhunderts gehen eindeutig auf klerikale Vorbilder zurück. Man wollte repräsentieren, etwas darstellen, und doch Zucht und Zurückhaltung ausstrahlen – der Kleidungsstil der Kirche gab den modischen Kurs vor. Inspirierte und faszinierte.

    Restbestände dieser Haltung sieht man bis hinein in die Gegenwart. Nicht nur, wenn die Top-Designer zwischen Paris, Mailand und London das klerikale Schwarz mal wieder als angesagte Modefarbe der Saison ausgeben und die Haute Couture mit dem Hauch von Ernsthaftigkeit und mondäner Sachlichkeit ausstaffieren; immer wieder greifen Modemacher bei der Gestaltung ihrer an sich unbezahlbaren Werke auch auf christliche Bild- und Kleidungswelten zurück. Von Chanel bis Dior, von Versace bis Lagerfeld. Manchmal provozierend („Kate Moss als Nonne“), manchmal verspielt. Wie etwa auch der französische Designer Jean-Paul Gaultier, der es sich vor wenigen Jahren gestattete, seine Modelle mit den Titeln „Regina Coeli“, „Dolores“ und „Communia“ zu bezeichnen. Sakropop nennt man das in der Musik, Sakro-Chic könnte man es auf dem Laufsteg, der die Modewelt bedeutet, nennen.

    Ohne dass man darin zu viel Mystik oder authentische Religiosität hineindeuten sollte. Man trägt das, was in einer insgesamt dekadent-gelangweilten Gesellschaft wenigstens vorübergehend die Aura des Geheimnisvollen, Entrückten verkörpert. Die Frequenz, in welcher Designerinnen oder Models den wahren Schleier nehmen, aus dem brutalen Business radikal aussteigen, ist jedoch relativ überschaubar. So wie die Zahl derjenigen, die jenseits der großen Mode das Kreuz nicht als Schmuckstück oder Glücksbringer tragen, sondern als religiöses Bekenntnis, was modische Aspekte natürlich nicht ausschließt. Alle Jahre wieder erlebt das Kreuz als Modeschmuck, das an einer Kette um den Hals baumelt oder an einem Armband am Handgelenk, eine ungeahnte Beliebtheits-Renaissance. Mal in schlichter Form, mal protzig. Für den Mann, für die Frau. Aus allen vorstellbaren Materialien. Sehr gern auch diamantenbesetzt für die höheren Kreise. Oder direkt auf der Haut getragen als Tattoo.

    Aus Sicht des englischen Kunsthistorikers Martin Kemp trotz aller Ironie ein Beleg für die ungebrochene ikonische Kraft des Kreuzes. In seinem Buch „Christ to Coke. How Image becomes Icon“ zählt der Oxford-Professor das Kreuz, das für die Christen den Tod und die Auferstehung Christi symbolisiert und deshalb eher mit einer gewissen Bürde und Ehrfurcht getragen werden sollte, zu den zwölf wichtigsten Ikonen der Menschheit.

    So „sicher und universell“ sei das Kreuz in seinem ikonischen Status, glaubt Kemp, „wie es kulturelle Produkte überhaupt sein können“. Nicht schlecht für ein früheres Folterinstrument, das schon einige Jahre länger im kulturellen Raum existiert als Coca-Cola Dosen, Apple-Logos und anderer modischer Schnick-Schnack. Ein Zeichen dafür, dass die Ewigkeit und das Hier und Jetzt vielleicht doch enger zusammengehören, als so mancher aufgeklärte Christ oder kirchenkritische Katholik es wahrhaben möchte.

    Ausgerechnet die Christen verleugnen ihr reiches Erbe

    Denn dies ist leider auch festzustellen: Ausgerechnet die Christen, die aufgrund ihres reichen, traditionellen Zeichenschatzes mit erhöhtem religiösem und modischem Selbstvertrauen in die moderne Welt spazieren könnten, meiden zuweilen die eigenen Zeichen, Stile und Traditionen wie der Teufel das Weihwasser. Sie passen sich in Mode und Schmuck an eine desorientierte Welt an, ohne Sinn für Profil und Eleganz.

    Die Modewelt beobachtet das und goutiert diejenigen, die gegen den innerkirchlichen Strom schwimmen. So wählte das Herrenmagazin GQ Anfang dieses Jahres die 100 bestangezogenen Männer Deutschlands. Darunter: Ausgerechnet zwei katholische Geistliche, nämlich Erzbischof Georg Gänswein, Platz 16, und Prälat Wilhelm Imkamp, Platz 48. Nicht trotz, sondern wegen ihrer zivil und liturgisch einwandfreien Kleidung wurden sie gewählt. Esprit und Römerkragen müssen nämlich kein Widerspruch sein. Klare Kante kommt gerade im Mode-Fach sehr gut an.

    Heißt das nun, der Christ der Zukunft wird ein gutangezogener Mensch sein oder gar nicht mehr sein? So weit muss man wohl nicht gehen. Denn der Weg ins Himmelreich kennt jenseits der üblichen kirchenmodischen Kategorien – rote Lederschuhe oder Jesus-Latschen, Gammarelli oder Schlabberlook – verschiedene Wege, die ans Ziel führen.

    Viel hängt vom eigenen Geschmack, vom eigenen Modeverständnis ab, das auch in der Kirche neu entdeckt werden darf. Im katholischen Polen, wo die Zahl der Seminaristen und Postulantinnen nachwievor hoch ist, scheint man dies zu wissen. Frei nach dem Film „Roma“ (1972) von Federico Fellini, der mit einer Priester-Modenschau für Wirbel sorgte, hat man jenseits der Oder an der Katholischen Universität Lublin bereits eine solche Modenschau für Ordensgewänder in der Realität organisiert. Mönche und Nonnen traten als Models auf. Insgesamt 22 Gemeinschaften nahmen teil an diesem Event, darunter traditionelle Orden wie Dominikaner und Franziskaner. Nachwuchswerbung meets fashion. Für ältere Gläubige sicher ein gewöhnungsbedürftiger Ansatz, aber wieso eigentlich nicht? Wie sagte Oscar Wilde so treffend über die Mode – sie sei jene „kurze Zeitspanne, in der das völlig Verrückte als normal gilt.“ Das Christentum hingegen hat alle modischen Wechsel unbeeinträchtigt überstanden und mit dem Kreuz und der Kleidung für Geistliche und Ordensfrauen Maßstäbe für die Ewigkeit gesetzt. Kunstwerke in allen Größen. Für jeden tragbar. Sei es Small, Medium oder Large.