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    Medien-ABC: F wie Fakenews

    Medienmenschen: F wie Fake- news
    _ Foto: EWTN

    Der griechische Philosoph Epiktet, ein Vertreter der Stoa, hat lange vor dem Entstehen der modernen Medienwelt gesagt: „Nicht die Tatsachen bestimmen über das Zusammenleben, sondern die Meinungen über die Tatsachen“. Fake-News (zu deutsch: Falschmeldungen) manipulieren die Meinungsbildung durch „alternative Fakten“, also solche, die keine sind. Das macht sie zu einem moralischen, aber auch zu einem rechtlichen Problem. Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten. So weit, so klar. Wenn es nur so einfach wäre! Denn auch Meinungen sind subjektive Fakten. Zu meinen, etwas sei der Fall, ist – einmal ausgesprochen – eine diskursive Tatsache, die nach intersubjektiver Bestätigung sucht – das Höchste der Gefühle nach dem Wegfall der objektiven Wahrheit. Wenn es jenseits des Textes nichts geben soll und auch die großen Erzählungen, aus denen sich Grundlagen für den Diskurs gewinnen ließen, nicht mehr zählen, dann müssen wir wohl damit leben, dass sich wahre und falsche diskursive Tatsachen im Netz tummeln und um Mehrheiten ringen. Das müssen wir hinnehmen. Schon deshalb, weil wir für Wahr und Falsch den Maßstab verloren haben und damit gar kein Instrumentarium mehr besitzen, um zur Wahrheit durchzudringen. Denn dazu braucht es mehr als den Text. Das ist die Wurzel des Übels, nicht die Fake-News. Deren Aussender machen sich den Wegfall der Wahrheit im Denken der Moderne bloß zunutze: Wenn alles gleich gültig ist, ist gleichgültig, wie der erkenntnistheoretische Status einer Aussage jeweils ist. Hauptsache, sie wird geliked.

    Es ist aber nicht immer die glatte Falschmeldung, die desinformierend wirkt. Auch gezieltes Weglassen von relativierenden Fakten oder die „passende“ Kontextualisierung einer Nachricht können die Realität verzerren. Das ergab jüngst eine Studie zu den Pressemitteilungen der AfD im Zusammenhang mit Straftaten. Kriminalität, so die Forscher, sei darin eindeutig migrationspolitisch gerahmt, ohne kriminologische Erläuterungen und sinnvolle Einordnung von Daten. So fehlen regelmäßig Hinweise zu den Hintergründen, etwa die Tatsache, dass bei Fremden häufiger Anzeige erstattet wird als bei Einheimischen (belegt durch Studien). Ferner fehlt das entscheidende Deutungsmuster: Alter und Geschlecht (belegt durch Studien). Junge Männer neigen über kulturelle und ethnische Grenzen hinweg eher zur Gewalt als der Durchschnitt der Bevölkerung. Wenn nun junge Männer in einer Gruppe überrepräsentiert sind (wie bei den Flüchtlingen), wirkt sich das negativ auf die Zahl der Gewalttaten aus, die von Mitgliedern der Gruppe begangen werden. Flüchtlinge sind dann deshalb in der Kriminalstatistik überrepräsentiert, weil sie jung und männlich sind, nicht, weil sie Flüchtlinge sind.

    Wer solche Forschungsergebnisse bei der Präsentation von Zahlen weglässt, dem kann zumindest der Vorwurf der „Lückenpresse“ gemacht werden. Und, wenn Nietzsche Recht hat mit seiner Einschätzung, die Halbwahrheit sei schlimmer als die Lüge, dann stellen solche einseitigen Meldungen das viel größere Problem dar. Glatte Falschmeldungen mag man noch rasch selbst entlarven, aber um eine stetig mit „Migration“ konnotierte Berichterstattung über Straftaten zu durchschauen, braucht es Geduld und die Bereitschaft, auch andere Darstellungen zur Kenntnis zu nehmen. Dafür braucht es dann vor allem Journalisten, die wissenschaftliche Studien aufgreifen und deren Resultate verständlich skizzieren. Fake-News und Lückenpresse kann man nur mit seriösem, ausgewogenen Journalismus bekämpfen.

     
    von Josef Bordat

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