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    Mechanismen, die zum Verleugnen und Verdrängen führen

    Bei der Überreichung eines Preises an die Odenwaldschule tauchen plötzlich einige „Störer“ auf, die Schilder mit Missbrauchsvorwürfen hochhalten. Regisseur Christoph Röhl bebildert mit dieser Szene in seinem Fernsehfilm „Die Auserwählten“, den das Erste am Mittwochabend ausstrahlt, die Berichte von zahlreichen Fällen sexuellen Missbrauchs an der angesehenen reformpädagogischen Odenwaldschule im hessischen Heppenheim/Oberhambachtal, die im Frühjahr 2010 die Öffentlichkeit erschütterten. Frank (Patrick Joswig), der an der Aktion während der Preisüberreichung maßgeblich beteiligt war, versucht in Frankfurt am Main, Petra (Johanna Gastdorf) zur Mitwirkung zu bewegen.

    Als sich der 13-jährige Frank (Leon Seidel) gegen die Annäherungsversuche des OSO-Schulleiters Simon Pistorius (Ulrich T... Foto: WDR

    Bei der Überreichung eines Preises an die Odenwaldschule tauchen plötzlich einige „Störer“ auf, die Schilder mit Missbrauchsvorwürfen hochhalten. Regisseur Christoph Röhl bebildert mit dieser Szene in seinem Fernsehfilm „Die Auserwählten“, den das Erste am Mittwochabend ausstrahlt, die Berichte von zahlreichen Fällen sexuellen Missbrauchs an der angesehenen reformpädagogischen Odenwaldschule im hessischen Heppenheim/Oberhambachtal, die im Frühjahr 2010 die Öffentlichkeit erschütterten. Frank (Patrick Joswig), der an der Aktion während der Preisüberreichung maßgeblich beteiligt war, versucht in Frankfurt am Main, Petra (Johanna Gastdorf) zur Mitwirkung zu bewegen.

    Eine Überblendung lässt aus Johanna Gastdorfs Gesicht das von Julia Jentsch entstehen. Damit beginnt eine ausgedehnte Rückblende, die in fiktionaler Weise die Ereignisse in den 70er und 80er Jahren im Internat rekonstruiert, als Schulleiter Gerold Becker und weitere Lehrer männliche Schüler zwischen zwölf und 15 Jahren missbrauchten. Die 29-jährige Petra Grust (nun von Julia Jentsch dargestellt) tritt Ende der 1970er-Jahre eine Stelle als Biologielehrerin an der Odenwaldschule (OSO) an. Sie fühlt sich dort zunächst wohl, zumal der charismatische Schulleiter – der im Film Simon Pistorius (Ulrich Tukur) heißt – ihr großes Vertrauen entgegenbringt. Bald fallen der jungen Lehrerin jedoch Dinge auf, die sie irritieren: Schüler und Lehrer beiderlei Geschlechts benutzen dieselben Duschen, junge Schüler trinken Alkohol und rauchen. Darüber hinaus stellt Petra entsetzt fest, dass ein Lehrer ein Verhältnis mit einer minderjährigen Schülerin hat, was anderen Kollegen nicht unbekannt sein kann.

    Petra wird insbesondere auf den 13-jährigen Frank Hoffmann (Leon Seidel) aufmerksam, der verstört wirkt und offensichtlich Probleme hat. Obwohl sie sich seiner annimmt, findet Petra nicht heraus, was das eigentliche Problem bei Frank ist. Als sie jedoch im Wald einen Lehrer mit einem nackten Jungen und bald darauf auch sieht, wie Pistorius eine Dusche verlässt, unter der ein verzweifelter Frank kauert, kann sie sich des Verdachts nicht erwehren, dass in der OSO Kinder missbraucht werden. Obwohl sie verschiedene Kollegen darauf anspricht, wollen sie von all dem nichts wissen. Einen ersten Schritt macht Franks bester Freund Erik (Béla Gabor Lenz), der ebenfalls von Pistorius missbraucht wird: Er erzählt seiner Mutter davon. Daraufhin wird er wegen Drogenbesitzes der Schule verwiesen. Frank, der sich nun allein fühlt, droht mit Selbstmord, als er erfährt, dass er mit Pistorius sogar die Ferien verbringen soll. Obwohl Petra Franks Vater Helmut (Rainer Bock), dem Vorsitzenden des Trägervereins der Schule, davon erzählt, glaubt dieser eher dem vermeintlich untadeligen Schulleiter als seinem Sohn und der jungen Lehrerin. Petra sieht keinen anderen Ausweg als einen befreundeten Journalisten darum zu bitten, Recherchen über den allseits beliebten Reformpädagogen anzustellen. Pistorius' Netzwerk aus Beziehungen reicht jedoch bis in die höchsten Kreise.

    „Die Auserwählten“ ist der erste Fernsehfilm, der das Thema aufgreift und die erschreckende Systematik von Missbrauch, Verdrängung und Verschweigen an der damaligen Odenwaldschule fiktional darstellt. Regisseur Christoph Röhl beschäftigte sich in seinem Debütfilm „Und wir sind nicht die Einzigen“ (DT vom 31.3.2012) in dokumentarischer Form, insbesondere anhand von Interviews mit den Betroffenen, bereits mit den Missbrauchsfällen an der Odenwaldschule. Warum er sich nach dem Dokumentarfilm nun in einem Spielfilm mit demselben Sujet auseinandersetzt, erläutert der Regisseur folgendermaßen: „Der Dokumentarfilm hat mir klar gemacht, wie komplex dieses Thema überhaupt ist. Ich habe mich damals ja auf eines der großen Themengebiete konzentriert, und zwar: Was ist Missbrauch, was passiert da, beschrieben aus der Sicht der Betroffenen. Der Fernsehfilm konzentriert sich jetzt auf die anderen großen Themen: Warum reagiert das erwachsene Umfeld mit Abwehr, wenn es von einem Missbrauchsfall erfährt? Und: Wie schaffen es die Täter überhaupt, ihr Umfeld so dermaßen zu manipulieren, dass es nicht mal bereit ist, den Aussagen von Kindern zu glauben?“

    Bei aller Detailgenauigkeit im Produktionsdesign, um die Anmutung der 1970er- Jahre authentisch wiederzugeben, konzentriert sich „Die Auserwählten“ vor allem auf die Figuren, denen die Kamera von Peter Steuger sehr nahe bleibt. Im Mittelpunkt steht die junge Lehrerin Petra, die staunend eigenartige Vorfälle wahrnimmt, sie anspricht, aber auf taube Ohren stößt. Durch sie erlebt der Zuschauer eins der Opfer von sexuellem Missbrauch, den 13-jährigen Frank, den Leon Seidel mit einer großen Bandbreite an Empfindungen darstellt. Eine gewisse Naivität, mit der Julia Jentsch die Figur der jungen Lehrerin verkörpert, erlaubt dem Zuschauer, einen unverstellten Blick auf den OSO-Schulleiter zu werfen. Ulrich Tukur wiederum gestaltet die zwei Seiten des Schuldirektors Pistorius hervorragend: So erscheint er humorvoll, gebildet und charmant, so dass er Schüler wie Lehrer für sich gewinnen kann. Gleichzeitig lässt Ulrich Tukur aber auch die dunkle Seite dieses Charakters unmissverständlich aufscheinen.

    Durch diese Figurenkonstellation verdeutlicht „Die Auserwählten“ die Mechanismen, die zur Verleugnung und Verdrängung der Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule beitrugen.

    „Die Auserwählten“. Mittwoch, 1. Oktober, 20.15 Uhr, ARD, 90 Minuten