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    Martyrium über lodernden Flammen

    „Die Zeichnung von Michelangelo und die Farbe von Tizian“ – das beschreibt wohl die Idealvorstellung der Malerei des sechzehnten Jahrhunderts am treffendsten. Seit wenigen Tagen nun beherbergen die Scuderie auf dem Quirinalshügel noch bis Juni unter dem schlichten Titel „Tiziano“ Werke des Hauptvertreters der venezianischen Renaissancemalerei. Mehr als zwanzig Jahre sind seit der letzten römischen Ausstellung im Palazzo Venezia vergangen und eine derartige Retrospektive seines Schaffens, wie sie die Ausstellung zeigt, liegt noch weiter zurück und fand in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Venedig statt. Die Erwartungshaltung ist also dementsprechend hoch. Der gesamte künstlerische Werdegang des Tiziano Vecellio, wie er mit vollem Namen heißt, kommt hier unter dem Dach der Scuderie zusammen. Er zeigt seine malerischen Anfänge in den Werkstätten Giovanni Bellinis oder Giorgiones und sein stilistisches Loslösen von jenen ersten Meistern. Wie auch das Beschreiten neuer künstlerischer Wege, die ihn mehr als alle anderen Venezianer in Richtung des Manierismus führen und in seinem Spätwerk in einer dramatisch expressiven Malweise enden.

    Tizian: Das Martyrium des heiligen Laurentius. Ölgemälde in der Kirche Santa Maria Assunta in Venedig, 1547–1559. Foto: IN

    „Die Zeichnung von Michelangelo und die Farbe von Tizian“ – das beschreibt wohl die Idealvorstellung der Malerei des sechzehnten Jahrhunderts am treffendsten. Seit wenigen Tagen nun beherbergen die Scuderie auf dem Quirinalshügel noch bis Juni unter dem schlichten Titel „Tiziano“ Werke des Hauptvertreters der venezianischen Renaissancemalerei. Mehr als zwanzig Jahre sind seit der letzten römischen Ausstellung im Palazzo Venezia vergangen und eine derartige Retrospektive seines Schaffens, wie sie die Ausstellung zeigt, liegt noch weiter zurück und fand in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Venedig statt. Die Erwartungshaltung ist also dementsprechend hoch. Der gesamte künstlerische Werdegang des Tiziano Vecellio, wie er mit vollem Namen heißt, kommt hier unter dem Dach der Scuderie zusammen. Er zeigt seine malerischen Anfänge in den Werkstätten Giovanni Bellinis oder Giorgiones und sein stilistisches Loslösen von jenen ersten Meistern. Wie auch das Beschreiten neuer künstlerischer Wege, die ihn mehr als alle anderen Venezianer in Richtung des Manierismus führen und in seinem Spätwerk in einer dramatisch expressiven Malweise enden.

    Aus den führenden Museen und Sammlungen ist es gelungen, weit über vierzig Werke Tizians zusammenzutragen, die so noch nie gezeigt wurden und die unterschiedlichen Phasen in seinem künstlerischen Schaffen illustrieren. Darunter etwa „das Konzert“ aus dem Florentiner Palazzo Pitti, „die Flora“ aus den Uffizien, das großformatige Altarbild aus Ancona, die „Pala Gozzi“ ebenso wie die „Danae“ aus Capodimonte und das Porträt Karls V. aus dem Prado.

    Das Licht ist gedimmt und stellenweise ist es in der Ausstellung ganz schön dunkel. Die Hauptdarsteller sind zweifellos die Bildwerke, die erfreulicherweise wunderbar ausgeleuchtet in Szene gesetzt sind. Im ersten Raum erwartet den Besucher gleich das erste Highlight. Das „Martyrium des heiligen Laurentius“ aus der venezianischen Jesuitenkirche Santa Maria Assunta, das zwischen 1547 und 1559 im Auftrag der Bruderschaft entstand. Der Tod Giorgiones 1510 und jener Bellinis nur sechs Jahre später ließen Tizian ohne ernstzunehmende Konkurrenz zurück und ebneten ihm den Weg für eine beispiellose Karriere. Das großformatige Altarbild nimmt die gesamte Stirnseite des Raumes in Anspruch. Viele Maler beschäftigen sich mit der Darstellung der Laurentiusmarter, doch während meist die Vorbereitungen des Martyriums gezeigt werden, macht Tizian dieses selbst zum Thema. Die untere Bildhälfte ist durch den Rost bestimmt, auf dem der Heilige liegt. Die Flammen schmerzen, das Feuer lodert gefährlich. Die Gabel, mit der das Opfer auf den Rost gedrückt wird, biegt sich unter dem Druck des muskulösen Peinigers. Ein anderer Folterknecht hält das Feuer in Schach. Im Hintergrund der Szene herrscht unheilbringende Dunkelheit. Nur schemenhaft sind eine antike Tempelfassade und eine Skulptur auszumachen. Kein rettender Engel, der wie so oft dem Heiligen Märtyrerpalme und -krone reicht, naht herbei. Doch der wolkenverhangene Himmel öffnet sich an einer Stelle. Ein gold-gelber Lichtstrahl durchbricht als Zeichen naher Erlösung des Märtyrers das Dunkel der Nacht.

    Tizian war zum Entstehungszeitpunkt des Gemäldes bereits ein gefeierter Künstler. Längst hatte er sich von den kompositorischen und farblichen Schemata seiner Lehrmeister verabschiedet und sich einer leidenschaftlichen und ausdrucksstarken Farbigkeit verschrieben. In der Laurentiusmarter durchbrechen metallische Glanzlichter das nächtliche Dunkel und zeigen das große Talent Tizians in der Nachtmalerei, die er hier in vollkommener Weise auf die Leinwand brachte.

    In den folgenden Ausstellungsräumen sind Werke zu sehen, die in den frühen Lehrjahren und in enger Zusammenarbeit mit Giorgione entstanden. Tizians Malweise hatte sich jener des Meisters so sehr angenähert, dass Debatten über eine genaue Datierung und Zuschreibung in der Forschung auch noch heute an der Tagesordnung sind. Die religiöse Malerei war für Tizian während seines gesamten Schaffens immer wieder wegweisend. So brach er unter anderem mit Bellinis Typologie des Altarbildes, indem er wie zum Beispiel auf der um 1557 entstanden „Kreuzigung“, ursprünglich für die Kirche des Heiligen Dominikus in Ancona bestimmt, eine illusionistische Ebene in die Szene bringt. Dies erreichte er durch eine kühle, unreine Farbpalette. Nicht naturalistische Genauigkeit beherrscht das Bild, sondern eine verwischte unklare Farb- und Formenwahl, die selbst das Antlitz des Gekreuzigten im Halbschatten lässt. Doch Tizian wäre nicht Tizian, wenn er es bei religiösen Motiven belassen hätte. So steht der zweite Teil der Ausstellung ganz im Zeichen der Porträtkunst des Malers. Trotz eines vom Alter gezeichneten Gesichts, das von tiefen Falten durchzogen ist, schaut Papst Paul III. mit wachem Blick direkt den Betrachter an. Das Gemälde entstand während eines Treffens des Farnese-Papstes mit Kaiser Karl V. im Jahre 1543. Tizians Talent für eine detailgenaue, realistische und trotz alledem schöne Darstellung machten ihn zum unangefochtenen Lieblingsporträtisten des europäischen Hochadels. Jeder wollte von ihm gemalt werden, bedeutete dies doch die Aufnahme in den Kreis der Unsterblichen. Philipp II. von Spanien, Karl V. sowie die venezianischen Dogenfamilien sind nur einige der namhaften Auftraggeber.

    In den beiden letzten Räumen sind zum guten Schluss noch einige Gemälde aus dem Spätwerk ausgestellt. Hier fällt besonders die „Schindung des Marsyas“ ins Auge. Das zwischen 1570 und 1576 entstandene Bildwerk offenbart die „letzte“ Malweise Tizians. Die triste und düstere Stimmung der Szene ist in seinem Spätwerk ein immer wiederkehrendes Motiv und vermutlich die Folge privater Schicksalsschläge wie der Tod seiner Frau und der seines Sohnes Orazio. Marsyas ist an den Hufen an einen Baum gehängt, während seine Peiniger, Apollo und ein Gehilfe, dabei sind, ihm bei lebendigem Leibe die Haut abzuziehen. Die Dramatik und Gewalt der Darstellung werden von der fast ausschließlich in Brauntönen gehaltenen Farbpalette unterstrichen. Dar-über hinaus ist für Tizians späten Stil jedoch besonders ein hektischer, expressiver Pinselstrich bezeichnend. Die gesamte Szene scheint durch diese Malweise zu vibrieren und zu flackern, was sie unruhig macht und so wiederum die Dramatik in den Vordergrund stellt.

    Anders als bei Michelangelo oder Raffael hat sich bei Tizian keine eigene Schule entwickelt. Kaum einem seiner Werkstatt entstammenden Maler gelang eine wirkliche Karriere, doch konnten nach den Barockmalern, vor allem Rubens, besonders die Impressionisten aus den Werken Tizians wichtige Erkenntnisse für ihre eigene Malerei gewinnen.

    Tiziano, in Rom, Scuderie del Quirinale, bis 16. Juni 2013.