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    Marcuses Papstkritikerkritik

    Wer parallel zur medialen Aufregung um Papst Benedikt XVI. und die Aufhebung der Exkommunikation für die Traditionalistenbischöfe Herbert Marcuses „Der eindimensionale Mensch“ liest, wird manche überraschende Einsicht gewinnen. Eine sperrige Lektüre.

    Die Aufregung in Deutschland der vergangenen Wochen um Papst Benedikt XVI. und die Traditionalistenbischöfe fordert nach erstem Abstand eine grundlegendere Betrachtung über den Zustand der politischen, öffentlichen Sprache in diesem Land geradezu heraus – war dies doch alles ein Lehrbeispiel, das möglicherweise einmal in die Lehrbücher der Kommunikations- und Medienwissenschaften eingehen wird. Was sowohl die Seite des verunglückten Medien- und Krisenmanagements im Vatikan als auch die Arbeit der zumeist säkularen Medien – gleichsam auf der anderen Seite des Schreibtischs – betrifft.

    Denn erstaunlich ist es schon, dass bis heute Spitzenpolitiker und selbst einige erfahrene Journalisten nicht zu unterscheiden wissen zwischen den Begriffen „Exkommunikation“ und „Rehabilitation“. Überhaupt: Je länger die Debatte währte und währt, desto ungenauer wurde mit den Begriffen operiert, gerade mit den kirchlichen. Da sprach etwa der katholische CDU-Politiker Wolfgang Bosbach vom „Zurückholen“ in die Kirche, in die auch der Papst niemanden zurückholen kann, weil der einmal Getaufte immer schon in ihr ist. Und da nahm der Katholik und SPD-Bundesvorsitzende Franz Müntefering in aller Selbstverständlichkeit eine vermeintlich tägliche Unfehlbarkeit des Papstes aufs Korn, wo doch diese Unfehlbarkeit genau definiert ist, für welche wenigen Amtshandlungen sie gilt und für was sie nicht in Anspruch genommen wird – auf alle Fälle nimmt sie der Papst jedoch nicht für die Aufhebung der Exkommunikation der vier Traditionalistenbischöfe in Anspruch. Verwunderlich war und ist auch die Jonglage mit hochkonnotierten Begriffen, die etwa der Journalist Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“ freihändig vorführt, wenn er fragt, ob Papst Benedikt XVI. die Kirche zurück ins „Mittelalter“ führe, und ob die Freiheit der Gesellschaft bedroht sei, wenn ein Papst Entwicklungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil als „zu modernistisch“ bezeichne oder wenn die liberale Wochenzeitung „Die Zeit“ fragt, ob die Piusbruderschaft für die katholische Kirche ohne „das fatale Erbe eines düsteren Katholizismus: den reaktionären Antimodernismus aus dem Geist der Judenfeindlichkeit“ überhaupt zu haben sei.

    Die erste Auseinandersetzung der säkularen Medien mit dem als Linzer Weihbischof vorgesehenen Gerhard Wagner lebte von zwei in sämtlichen Medien gleichförmig wiederholten Zitaten: dem über die Wirbelsturm-Katastrophe in New Orleans und dem über Harry Potter. Dass da die Mehrzahl der von den Medien Befragten gleichzeitig auch die hohe Qualifikation Wagners als Seelsorger bestätigten, ist in der Berichterstattung längst gleichgültig geworden. Nun lassen sich in der Tat die beiden unaufhörlich wiederholten Zitate Wagners mit guten Gründen in der Sache für nicht passend oder gar anmaßend halten. Doch die Art und Weise, wie sich die säkularen Medien auf genau diesen beiden Zitate fokussiert hatten, zeigt, dass hier ein anderer Nerv des öffentlichen säkularen Bewusstseins getroffen worden war: die simple Irritation durch eine in überlieferten theologischen Kategorien denkenden Sprache nämlich. Beispielsweise alttestamentlich ein Ereignis wie den Wirbelsturm in New Orleans als göttliche Sündenstrafe zu deuten, genügt schon zum Skandal.

    Es tat in diesen Tage manchmal ausgesprochen gut, den Fernseher ausgeschaltet und die Zeitungen ungelesen zu lassen und sich einem klaren Denker zuzuwenden – am besten einem, der allem Reaktionären und der Sympathie mit Glauben und Kirche von vornherein unverdächtig ist. Der marxistische Soziologe und Philosoph Herbert Marcuse, der der linken „Frankfurter Schule“ zuzuordnen ist, hat 1964 eine Analyse der damals sich formierenden Mediensprache vorgelegt, deren Anwendung sich heute geradezu wieder aufdrängt. „Der eindimensionale Mensch“ galt einmal als Leitbuch der Studentenbewegung – die freilich geflissentlich überlas, dass Marcuse, der das Erbe von Marx und Horkheimers/Adornos „Dialektik der Aufklärung“ in unterschiedlichste Richtungen sehr frei weiterführte, seine Analyse ebenso sehr gegen den damaligen Sowjet-Kommunismus wie gegen den Kapitalismus gerichtet sehen wollte. Hier einige Kostproben aus diesem Buch von 1964, die die aktuellen Vorgänge heute noch haargenau treffen: „An den Knotenpunkten des Universums der öffentlichen Sprache treten Sätze auf, die sich selbst bestätigen und gleich magisch-rituellen Formen funktionieren.“ – „Die Sätze nehmen die Form suggestiver Befehle an, sie sind eher evokativ als demonstrativ.“ – „Die gesamte Kommunikation hat einen hypnotischen Charakter und gleichzeitig einen Anstrich von falscher Vertraulichkeit, das Ergebnis beständiger Wiederholung.“ – „Sie leugnet oder absorbiert den transzendierenden Wortschatz; sie sucht nicht nach Wahrheit und Falschheit, sondern setzt sie ein und durch.“ – „Diese Struktur lässt keinen Raum für Unterscheidung, Entwicklung und Differenzierung des Sinns.“ Der Erfolg der zeitgenössischen Mediensprache besteht für Marcuse in der „Fähigkeit, alle anderen Ausdrücke seinen eigenen anzuähneln“. Eine solche Sprache spricht für Marcuse „in Konstruktionen, die dem Empfänger einen schiefen und abgekürzten Sinn aufnötigen“.

    „Vom Leser und der

    Leserin wird dann nur noch erwartet, wie der Pawlowsche Hund mit einer bestimmten,

    vorab fixierten Haltung auf bestimmte Begriffe zu reagieren: Harry Potter gut, Papst schlecht“

    Treffende Sätze, mit denen sich die aktuelle Debatte, die manche auch Hysterie nennen, besser verstehen lässt. Der Chefredakteur von „Die Zeit“, Giovanni di Lorenzo, beschied auf der Titelseite einer Ausgabe in diesen Tagen seine Leser, die Unterscheidung zwischen einem innerkirchlich „Abtrünnigen“ und einem „Holocaust-Leugner“ sei „sophistisch“ und schlicht „nicht zu vermitteln“. Marcuses Diagnose vom „Zusammendrängen und Verkürzen der Syntax“, vom Denken in „Synonymen und Tautologien“, das für die moderne öffentliche Sprache kennzeichnend sei – es ist hier bei di Lorenzo und in Schlagzeilen am Werk wie: „Papst nimmt Holocaust-Leugner in die Kirche auf“ oder – nahezu komisch – „Papst ernennt Harry-Potter-Kritiker zum Bischof“. Das Wort wird darin zum Klischee, zum „starren Bild“, zum der Werbung verwandten „Image“, das die eigentliche Kommunikation geradezu verhindert. „Die geschlossene Sprache beweist und begründet nicht, sie stellt unbezweifelbares Recht und Unrecht her.“ Vom Leser und der Leserin wird dann nur noch erwartet, wie der Pawlowsche Hund mit einer bestimmten, vorab fixierten Haltung auf bestimmte Begriffe zu reagieren: Harry Potter gut, Papst schlecht. Massenmedien sind „voller Hypothesen, die sich selbst bestätigen und die, unaufhörlich und monopolistisch wiederholt, zu hypnotischen Definitionen oder Diktaten werden“, schreibt Marcuse. Nachdem die der bürgerlichen Tradition gegenüber kritisch bis feindlich eingestellten Leser Marcuses der Studentengeneration der sechziger Jahre und ihrer späteren Schüler nach 1968 den Marsch durch die Institutionen geschafft haben, agieren sie längst selbst so, wie es ihr Lehrmeister Marcuse noch scharf kritisiert hatte. Eine Art Verspießerung von links. Die „Selbstzerstörung der Aufklärung“ sah Theodor W. Adorno am Werk, wo „Kritik in Affirmation“ umschlage.

    Damit hängt ein Zweites zusammen: Die Fähigkeit, alle anderen Ausdrücke den Ausdrücken der Mediensprache, wie sie heute die säkularen Medien benützen, anzuähneln und anähneln zu müssen, führte auch zu einer schnelleren Geschwindigkeit der Kommunikation, die ihrerseits wieder begriffliche oder sinnhafte Unterschiede einebnet. Dass sich vor allem die politische Sphäre jenem ständig und strukturell verkürzenden säkularen „Medien-Sprech“ vollkommen anpassen musste, hat zur Folge, dass der Umgang mit den Medien – und hier vor allem dem Fernsehen – Spitzenpolitikern nur ein floskelhaft verkürztes, sofort eindeutig wertendes und bewertbares Sprechen erlaubt, in dem medial vermittelte Botschaften sich selbst medial bestätigen und dazu unablässig wiederholt werden müssen. So müssen diese Politiker den höchst komplizierten Vorgang einer „Exkommunikation“ geradezu zwang- und reflexhaft sofort in einem höchstens zwanzig Sekunden dauernden eigenem „Statement“ bewerten. „Im Grunde reagiert Politik nur noch auf ihre eigene Übertragung in den Medien“, kommentiert der Medientheoretiker Norbert Bolz in „Die Konformisten des Andersseins – Ende der Kritik“ solche Zusammenhänge. Und: „An die Stelle von Argumentation treten in den Massenmedien Formeln, mit denen man ein Thema besetzt.“

    Es scheint der schlagende Beweis für diese Diagnose, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) von Papst Benedikt XVI. am liebsten wohl genau den Wortlaut der von ihr selbst gebrauchten emphatischen Floskel – „einen positiven Umgang mit dem Judentum insgesamt“ – abgefordert hätte, wo dieser doch die von ihr verlangten Inhalte längst geliefert hatte, nur eben in einer anderen, der kirchlichen Tradition verdankten Begrifflichkeit. Ob sie seine Äußerungen vielleicht nur deshalb überhört hat, weil sie – deutlich länger als zwanzig Sekunden – für den deutschen Papst eben keine Floskeln sind? Oder weil man ihnen ein ganzes Jahrhundert durchlebter und durchlittener Geschichte anhörte? Der Gedanke werde „zur Ware und die Sprache zu deren Anpreisung“, hatte Adorno kritisiert – und, ihm folgend, Marcuse: „Der Tauschwert zählt, schreibt Marcuse zu diesem Phänomen, nicht der Wahrheitswert. Im Tauschwert fasst sich die Rationalität des Status quo zusammen, und alle andersartige Rationalität wird ihm unterworfen.“

    Ein weiteres Beispiel: Der katholische Journalist Thomas Assheuer schrieb ebenfalls in der liberalen „Die Zeit“, der Papst tue im Fall Williamson geradeso, als gebe es zwischen dem Priester und der peinlichen Privatperson Williamsons einen Unterschied – und klagte: „Ein Befreiungstheologe, der die Welt ändern will, verstößt gegen die katholische Heilsmetaphysik. Wer die Judenvernichtung leugnet, der täuscht sich lediglich über ein trauriges Faktum in der unerlösten Welt.“ Abgesehen davon, dass für die kirchliche Lehre tatsächlich genau dieser Unterschied zwischen Priester und Privatperson – durchgefochten einst gegen die Donatisten – existiert, ist vor allem der Kontext, in den Assheuer die Frage rückt, bezeichnend. Der Mensch, der von dem technisch und operationell genormten „Medien-Sprech“ vereinnahmt wird, meinte Marcuse, soll „sich ein qualitativ anderes Universum von Sprache und Handeln auf Dauer gar nicht mehr vorstellen können“. Genau das versucht Assheuer. Statt Heilsmetaphysik heißt es bei ihm: zupacken, es gibt schließlich hier auf Erden genug zu tun. Genau aber vor dieser, in solchen säkularen Handlungshinweisen verpackten „Liquidation der zweiten Dimension“ warnt Marcuse ausdrücklich. „Die ,Dimension des Anderen‘ wird vom herrschenden Zustand aufgesogen.“ In der „unmittelbaren Identifikation des Individuums mit seiner Gesellschaft“, „in der strengen Orientierung von Denken und Verhalten am gegebenen Universum der Tatsachen“, sollen alle möglichen Gegenwelten ausgeblendet werden, „die oppositionellen, fremden und transzendenten Elemente der höheren Kultur getilgt werden, kraft deren sie eine andere Dimension der Wirklichkeit bildete“. Jene andere Dimension, jene andere symbolische Ordnung, von der alles Bestehende vorangegangener Epochen stets immer schon „überschattet, durchbrochen und widerlegt“ gewesen sei, erblickte Marcuse, den die Gottesfrage nicht beschäftigte, in den symbolischen Ordnungen der Künste – und der Geschichtsschreibung. Die Künste bewahren für den Marxisten Marcuse jene große Verweigerung gegenüber der Welt, den „Protest gegen das, was ist: das unglückliche Bewusstsein der gespaltenen Welt, der vereitelten Möglichkeiten, der unerfüllten Hoffnungen, der verratenen Versprechen“.

    Für den Christen – diese Gegen-Lesung sei hier gewagt – spricht sich der „Protest gegen das, was ist“ aus in jenem Wort, das Jesus Christus ist, das die Welt nicht aufgenommen hat, und das in ihr deshalb auch nicht aufgehen kann. Denn sein Reich ist nicht von dieser Welt – ja ihr notwendig entgegengesetzt. „Die ,abwesenden Dinge‘ nennen heißt den Bann der seienden Dinge brechen.“ Einen „planmäßigen Angriff auf transzendente, kritische Begriffe“ erkennt Marcuse deshalb in der gezielten Abwicklung von Geschichte – zu der ja auch die Geschichte der Kirche gehört. „Die funktionale Sprache ist eine radikal antihistorische Sprache: die operationelle Rationalität hat für historische Vernunft wenig Raum und Verwendung.“

    Während alle Geschichtsschreibung vorhergehenden Gesellschaften zur Aufbewahrung anderer Gesellschaftsordnungen gedient und damit den „inneren Raum der Freiheit“ offengehalten habe, werde Geschichtliches von der gegenwärtigen positivistischen Welt stets nur „als das Ideal einer rückständigen Entwicklungsstufe“ rezipiert – und gelte damit als durch die Wirklichkeit, das konkrete alltägliche Universum hinreichend widerlegt. „Zeit und Gedächtnis“ würden als „irrationaler Rest“ liquidiert, analysiert Marcuse.

    „Marcuses ,Totalitarismus innerhalb eines harmonisierenden

    Pluralismus‘ ist der Gegenschein jener

    Diktatur des Relativismus, vor der Joseph Ratzinger so eindringlich gewarnt hat“

    Das ist aber genau jene Denkhaltung, die sich in den Kommentaren solcher Journalisten und Politiker äußert, die ahistorisch, positivistisch nur eine Kirche vor und eine Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erkennen wollen. Während Marcuse in symbolischen Ordnungen und vergangenen Epochen eine andere Sprache und damit eine andere Vernunft bewahrt sah, erscheint gegenwärtigen Journalisten und mit ihnen einem nicht unerheblichen Teil auch der Katholiken alles vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil Gedachte, Durchlittene, Erarbeitete in unhistorischer Unterscheidung notwendig als der einzig vernünftigen, einzig bestehenden, einzig „wirklichen“ Welt entgegengesetzt, als antimodernistischer, obskurantistischer, unter Hinweis auf die „Wirklichkeit“ überwindbarer Unsinn, kurz: als – hier wird die historische Verkürzung am offensichtlichsten – „Mittelalter“. Und „Mittelalter“ – wir erinnern uns an die Vorab-Konnotation – ist notwendig immer schon „finster“. Problemlos kann man in den Texten dieser Tage das Wort „modern“ überall durch „gut“ ersetzen, die Worte „(erz-)konservativ“, „traditionalistisch“ oder „antimodernistisch“ dagegen durch „schlecht“. Der schlimmste moralische Vorwurf, den man einer Institution dann machen kann, lautet eben, sie sei „unmodern“, sie „passe nicht in die Zeit“. Vor dem „Schreckbild einer Menschheit ohne Erinnerung“ hat aber der allzugroßer Kirchennähe völlig unverdächtige Theodor W. Adorno gewarnt. Die unhistorische Verkürzung des Menschen führt zu dem Verlust der inneren Freiheit in historischem und symbolischem Denken und damit auch zur Verkürzung des Menschenrechts auf grundlegende Opposition zum Bestehenden, glaubt Adorno. Für das ungeschichtliche Bewusstsein aber steht jede historische Perspektivierung bereits unter Fundamentalismusverdacht. Im „Abfall von der modernen Welt, in der wir leben“ sieht Kurt Kister beispielsweise in der „Süddeutschen Zeitung“ das eigentliche Versagen der Piusbruderschaft – und das des Papstes, dass er „gegen die Zivilreligion, die in diesem Land gilt“, verstoßen habe.

    „Unter den Bedingungen eines steigenden Lebensstandards erscheint die Nichtübereinstimmung mit dem System als solchem als gesellschaftlich sinnlos, und das umso mehr, wenn sie fühlbare wirtschaftliche und politische Nachteile im Gefolge hat und den glatten Ablauf des Ganzen bedroht. Die geistige und gefühlsmäßige Weigerung ,mitzumachen‘ erscheint als neurotisch und ohnmächtig.“ So ließe sich mit Marcuse das Verhalten der heutigen Journalisten und Politiker in den aktuellen Auseinandersetzungen um Benedikt XVI. auch erklären. Mit der Rücknahme der Exkommunikation für die Bischöfe der Piusbruderschaft hat Benedikt XVI. sich genau jenem behaupteten Bruch zwischen dem Davor und dem Danach verweigert. Er hat versucht, Geschichte in der Gegenwart in doppeltem Sinne „aufzuheben“: einerseits Brüche zu beseitigen, damit diese nicht als „tote Geschichte“, als Museum ihrer selbst außerhalb der Gegenwart und damit in notwendig fundamentalistischer Opposition herumgespenstern, und andererseits, vorkonziliare Geschichte für die Gegenwart und in sie hinein aufzubewahren. Vergangenheit sollte nicht länger der Gegenwart, Gegenwart nicht länger der Vergangenheit entgegengesetzt sein. „Nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die Einlösung der vergangenen Hoffnung ist es zu tun, schreibt Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“. Mittelalter und Neuzeit, Glaube und Vernunft können und dürfen für in der Gegenwart lebende, aber der Vergangenheit bewusste Christen keine Gegensätze sein. Ein Verzicht auf die geschichtlichen Optionen, auf die historische Gebrochenheit, der „Sieg über das unglückliche Bewusstsein“, warnte Marcuse, könne nur erkauft werden „mit dem Verlust des Gewissens infolge zufriedenstellender Freiheiten, die eine im Grunde unfreie Gesellschaft gewährt“. Das Gewissen sei dann ersetzt durch ein ebenso geschichts- wie bewusstloses „glückliches Bewusstsein“: im ungerichteten ethischen Universalismus, im unausgesetzten Kult der Betroffenheit scheint ein solches selbstgerechtes dauerglückliches Bewusstsein längst am Werk. Hart spottet Norbert Bolz, Professor an der Freien Universität Berlin, „über die Rituale des Protests als Design von Betroffenheit“. Dieses Zeitalter des solcherart designten, eindimensionalen Menschen, für das der „Medien-Sprech“ ein Beispiel ist, stellt sich Marcuse als höchst verschieden von den Diktaturen vorangegangener Gesellschaftsstufen vor: eine „komfortable, reibungslose, vernünftige, demokratische Unfreiheit“ werde sich auszeichnen durch einen breitgefächerten Pluralismus, der aber selbst ideologisch und trügerisch sei – weil ein Denken, ein Fühlen, ein Sprechen außerhalb eines sprachlich vornormierten positivistischen Universums im wahrsten Sinne des Wortes undenkbar wird. Und damit auch eine Aussöhnung von Geschichte und Gegenwart, von transzendierender und technischer Vernunft. „Der Fortschritt schlägt in den Rückschritt um“, warnte Adorno, „Aufklärung schlägt in Mythologie zurück.“ Das von Marcuse mit Adorno diagnostizierte „irrationale Element der Rationalität“ hat man niemals beklemmender gespürt als im Streit um die Aufhebung der Exkommunikation der Traditionalistenbischöfe, in denen alles Ungesagte als gesagt und alles Gesagte als ungesagt galt. Dass Wagner sich jetzt zum Rückzug vom Bischofsamt genötigt sah, weil er sich dem Diktat der öffentlichen Sprache nicht unterordnen wollte, muss gerade im Sinne eines zu erhaltenden Meinungspluralismus als Warnung vor der Selbstzerstörung der Aufklärung begriffen werden. Marcuses „Totalitarismus innerhalb eines harmonisierenden Pluralismus“: Er ist der Gegenschein jener Diktatur des Relativismus, vor der Joseph Ratzinger so eindringlich gewarnt hat – zwei Tage, bevor er Benedikt XVI. wurde.

    Von Renzo Spielmann