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    „Man reist nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen“

    Keinen schöneren Ort hätten die Verantwortlichen und die Künstlerin für die rund vierzig gezeigten Schwarz-Weiß-Fotografien wählen können. Denn in der Casa di Goethe ist noch heute der Geist seines berühmten Bewohners allgegenwärtig.

    Blick vom Senatorenpalast auf den ovalen Kapitolsplatz in Rom, mit den Augen der Fotografin Barbara Klemm gesehen. Foto: Casa di Goethe

    Keinen schöneren Ort hätten die Verantwortlichen und die Künstlerin für die rund vierzig gezeigten Schwarz-Weiß-Fotografien wählen können. Denn in der Casa di Goethe ist noch heute der Geist seines berühmten Bewohners allgegenwärtig.

    In Karlsbad hatte Goethe seine Reise in den Süden am 3. September 1786 angetreten. Heimlich und ohne seine Mutter oder sonst jemanden über seine Reisepläne in Kenntnis zu setzten, verließ er Karlsbad mit einer Postkutsche nachts um drei Uhr. Um nicht erkannt zu werden, reiste er sogar unter falschem Namen und gab sich als Johann Philipp Möller aus. Über München, Innsbruck, den Brenner, Verona und Venedig erreichte er schließlich am 29. Oktober Rom.

    Nachdem er die ersten beiden Nächte in einer bescheidenen kleinen Pension verbracht hatte, zog er in die Künstlerwohngemeinschaft seines Bekannten, des deutschen Malers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, ein. Tischbein war Goethe noch einen Gefallen schuldig gewesen. Für vier Monate blieb Goethe in Rom, um von dort über Neapel bis nach Sizilien auch den Süden Italiens zu erkunden. Auf der Rückreise verbrachte er noch einmal rund zehn Monate in Rom. In dem Wohnhaus an der Via del Corso unweit der Piazza del Popolo mitten im römischen Altstadttrubel entstand nicht nur das berühmte Gemälde „Goethe in der Campagna“, sondern es ist seit 1997 auch das Zuhause der Casa di Goethe, Deutschlands einzigem Museum im Ausland. Neben der Dauerausstellung rund um Goethe, der Bibliothek und einem kunterbunten Kulturprogramm, nutzt die Casa di Goethe einzelne Räume immer wieder für wechselnde Ausstellungen.

    Die 1939 in Münster geborene und in Karlsruhe aufgewachsene Barbara Klemm absolvierte nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zur Fotografin. Jahrelang arbeitete Klemm regelmäßig für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und hat sich besonders als gesellschaftspolitische Chronistin und Pressefotografin einen Namen gemacht. Daneben stehen ihre Porträt- und Landschaftsaufnahmen gemeinsam mit den von ihr auf verschiedenen Reisen gemachten Bildern für die Vielschichtigkeit ihres künstlerischen Schaffens.

    Den Grundstein für die Ausstellung legte die Altana Kulturstiftung aus Bad Homburg. Die 2007 gegründete Stiftung stellt immer die Beziehung von Kunst und Natur in den Fokus ihrer Aktivitäten. 2012 trat die Altana Kulturstiftung mit der Idee an Barbara Klemm heran, sich auf die Spuren des Zeichners Goethe zu begeben und die Motive zu fotografieren, die der Dichter während seiner Reise durch Böhmen, Deutschland, die Schweiz und Italien in Skizzen festgehalten hat. Der Dichter Goethe ist jedem bekannt. Ganz anders verhält es sich dagegen, wenn es um den Zeichner Goethe geht. Denn dass Goethe ein mehr als fleißiger Zeichner war, von dessen Hand rund 2 600 Zeichnungen und Skizzen stammen – Hunderte davon mit Italien-Motiven – ist eher unbekannt.

    Neben den Fotografien zeigt die Ausstellung eine kleine Auswahl an Zeichnungen Goethes, wie die Faksimiles der Originalzeichnungen der Cestius-Pyramide von 1788, des Palatin-Hügels von 1787 oder den Blick auf Rom von der Porta del Popolo, ebenso von 1787. Doch stets behalten die Fotografien die Überhand, sie sind die Hauptdarsteller und sprechen ihre ganz eigene subtile Sprache.

    Mit einem Zitat Goethes: „Man reist nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen“, begibt man sich auf seine Spuren. Eine kleine Karte informiert zunächst über die Reiseroute Goethes, auf der schließlich Barbara Klemm nach den ausgestellten Motiven suchte. Dort, wo die Reise des Dichters ihren Anfang nahm, begann auch Klemm ihre Spurensuche.

    Der erste Raum zeigt einige Fotografien aus der Gegend um und in Weimar. Gezeigt werden das Haus und der Garten Goethes in Weimar nebst Landschaftsaufnahmen aus dem Thüringer Wald, der Emmastein, und in Wetzlar die Höhle im Hermannstein. Alles Motive, die Goethe gezeichnet hatte. Passend zu einem weiteren Goethe-Zitat: „Auf einer Reise nach Karlsbad beobachtete ich die Wolkenformen ununterbrochen und redigierte die Bemerkungen...“, erwarten den Besucher nun verschiedene Wolkenstudien, die Klemm im Laufe ihres Schaffens immer wieder gemacht hat. Besonderes Augenmerk ist auf die Fotografie „Mondsicht bei Nacht“ zu legen. An der Wand zwischen zwei Fenster, durch die Tageslicht hereinfällt, platziert, scheint das Bild zunächst völlig schwarz. Erst bei genauem Hinsehen erkennt man ganz zart die Mondsichel im von Wolken behangenen Nachthimmel.

    Im nächsten Raum geht die Spurensuche weiter und mit der Fotografie „Blick nach Italien vom Sankt Gotthard“ ist die Grenze überschritten.

    In diesem Teil der Ausstellung werden neben Goethes Zeichnung der Cestius-Pyramide auch die ersten Fotos von Rom gezeigt. Die Fotografien zeigen die Cestius-Pyramide, den Palatin-Hügel oder die Villa Borghese. „In Italien fühl' ich mich nach und nach kleinlichen Vorstellungen entrissen, falschen Wünschen enthoben, und an die Stelle der Sehnsucht nach der Kunst setzte sich die Sehnsucht nach der Kunst selbst...“. Mit diesem erneuten Zitat Goethes ist man am Ende der Ausstellung angelangt. Während eine Wand im letzten Raum ausschließlich Reproduktionen der Zeichnungen Goethes vorbehalten ist, zeigen die Fotografien Barbara Klemms Monumente, Plätze und Landschaften in und um Rom. Der Blick von einem der römischen Hügel auf Sankt Peter, das Kapitol, die Villa Medici und die Spanischen Treppe sind nur einige der gezeigten Wahrzeichen Roms und Orte, die Goethe während seines Aufenthalts besucht und gezeichnet hatte.

    Eine der letzten Fotografien zeigt den seitlichen Brunnen an der Piazza del Popolo. Drei Frauen sitzen auf den Stufen vor dem Brunnen. Erst bei der Betrachtung dieses Bildes fällt auf, dass es das einzige der gesamten Ausstellung ist, auf dem überhaupt Menschen zu sehen sind.

    Das Ergebnis der Spurensuche, auf die sich Barbara Klemm begeben hat, spricht für sich. Konsequent hält Klemm an ihrem Schwarz-Weiß-Konzept fest. Ob bei den Landschaftsaufnahmen, den Wolkenstudien oder den Stadtansichten ergibt sich dadurch ein wunderbares Spiel von Licht und Schatten. Sie hat die unterschiedlichen Stationen von Goethes Reise nicht einfach nur abfotografiert, sondern in jedem einzelnen Foto ihre persönliche an dem jeweiligen Ort gelebte Stimmung mit ins Bild gebracht. Noch bis zum 27. Mai kann man sich mit den Fotografien Barbara Klemms auf die Spuren Goethes begeben.