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    Mängel der feministischen Sprachveränderung

    Ärztinnen und Ärzte achten das Recht ihrer Patientinnen und Patienten, die Ärztin oder den Arzt frei zu wählen oder zu wechseln. Den begründeten Wunsch der Patientin oder des Patienten, eine weitere Ärztin oder einen weiteren Arzt zuzuziehen oder einer anderen Ärztin oder einem anderen Arzt überwiesen zu werden, soll die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt in der Regel nicht ablehnen.“ Diese Sätze, so schwerfällig und aufgebläht abgefasst, finden sich in der Berufsordnung der deutschen Bundesärztekammer.

    Ärztinnen und Ärzte achten das Recht ihrer Patientinnen und Patienten, die Ärztin oder den Arzt frei zu wählen oder zu wechseln. Den begründeten Wunsch der Patientin oder des Patienten, eine weitere Ärztin oder einen weiteren Arzt zuzuziehen oder einer anderen Ärztin oder einem anderen Arzt überwiesen zu werden, soll die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt in der Regel nicht ablehnen.“ Diese Sätze, so schwerfällig und aufgebläht abgefasst, finden sich in der Berufsordnung der deutschen Bundesärztekammer.

    Für uns alle gehört die Doppelnennung von männlichen und weiblichen Formen bereits zum Alltag. Wir hören sie bei Ansprachen von Politikern, in den täglichen Nachrichten – selbst der sonntägliche Vortrag der Apostelbriefe und die Predigt bleiben davon nicht verschont. Dass derart sperrige, dem weiteren Verständnis eher abträgliche, vor allem aber auch grammatikalisch unkorrekte Formulierungen Eingang in offizielle Dokumente nicht nur bei Behörden, sondern auch bei privatrechtlich verfassten Spitzenorganisationen gefunden haben, ist ein untrügliches Indiz dafür, wie weit eine feministische Linguistik ihre Agenda durchgesetzt hat, gewisse Sprachregelungen umzusetzen.

    Auf die Bestrebungen von Feministinnen aufmerksam zu machen, die ihre ideologische Umerziehung der Bevölkerung mittels der Sprache weiter munter vorantreibt, ist das Ansinnen des Gymnasiallehrers für Deutsch und Mathematik am Stiftsgymnasium Melk, Tomas Kubelik. Der 1976 in der Slowakei geborene Germanist erhielt kürzlich für seine 2015 erschienene Kritik der feministischen Sprache „Genug gegendert“ den seit 2013 von der „Deutschen Sprachwelt“ vergebenen Jürgen-Moll-Preis. Die mit 2 500 Euro dotierte Auszeichnung versteht sich als „Preis für verständliche Wissenschaft“, dessen Anliegen es ist, eine gut lesbare Ausdrucksweise in der Wissenschaft zu fördern. Die Laudatio hielt Josef Kraus, der langjährige und nun aus dem Amt geschiedene Präsident des Deutschen Lehrerverbandes auf der Leipziger Buchmesse, wie das Presseorgan des Vereins für Sprachpflege e.V. in seiner soeben publizierten Ausgabe Nr. 68 mitteilt.

    Seinen Anspruch, die sprachrevolutionären Forderungen der feministischen Linguistik in ihrer Widersprüchlichkeit und „ihrer stilistischen Hässlichkeit“ zu entlarven, unterfüttert Kubelik mit einer ausführlichen Kritik an der „political correctness“. Das „Gendern“ fällt ebenso in diesen Bereich und soll durch eine Manipulation der Sprache die Gedanken der so Gegängelten beherrschen. Denn „Sprachvorschriften sind immer Denkvorschriften“, es geht „bei jeder Form staatlicher Sprachlenkung um Gesellschaftsformung durch Bewusstseinssteuerung“, wie Kubelik aufdeckt.

    Behandelt wird dabei eines der Lieblingsthemen der Feministinnen: die geradezu zwanghafte Vorstellung nämlich, in der Gesellschaft als Frauen unterrepräsentiert und benachteiligt zu sein. Ihre Unterstellung, die deutsche Sprache sei frauenfeindlich, wird mit einem Scheinargument untermauert: mit der Behauptung, durch das im Deutschen weit verbreitete sogenannte „generische Maskulinum“ – die Verwendung eines maskulinen Substantivs oder Pronomens für einen Kollektivbegriff – würden Frauen ausgegrenzt. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall, wie Kubelik in dem Kapitel „Der Irrtum“ logisch-mathematisch aufzeigt, denn das generische Maskulinum ist übergeschlechtlich und bezieht sowohl Männer als auch Frauen mit ein. Es ist sozusagen ein „grammatischer Allrounder“. Das Maskulinum abstrahiert – so kann etwa ein „Bürger“, ein „Friseur“ sowohl weiblichen als auch männlichen Geschlechts sein.

    Schließlich arbeitet Kubelik mit analytischem Scharfsinn das heraus, was feministische Sprache nicht sein will, was sie in ihrem Kern aber gerade doch ist: sexistisch. „Denn sie verlangt“, so Kubelik, „jeden gesprochenen oder geschriebenen Satz, der sich auf Menschen bezieht, auf die Geschlechterebene zu zerren. Als müsste uns ständig eingehämmert werden, dass die Genitalien der Menschen unterschiedlich beschaffen sind. Die penetrante Betonung des Geschlechts führt zu einer subtilen Form der Diskriminierung, nach dem Motto: Seht her, Frauen gehören auch dazu!“ Die feministische Sprache lenke den Fokus auf das Biologische, oftmals dort, wo es die meisten als deplatziert empfänden.

    Dennoch – wie bei vielen anderen politischen Themen konnte sich auch beim Gendern das von der Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann in den siebziger Jahren entdeckte Phänomen der „Schweigespirale“ etablieren. Viele, die beruflich mit Sprache zu tun haben, fühlten sich durch die „ungeschriebenen Normen“ gegen ihre eigene Überzeugung einem Konformitätsdruck ausgesetzt, dem sie sich nicht widersetzten. So würden sich immer mehr Menschen in allen Berufsgruppen einer solchen Form der „Unfreiheit“ unterwerfen, um nicht aufzufallen und beruflich erfolgreich zu sein.

    Kraus empfiehlt in seiner Würdigung das 174-Seiten-Bändchen als Pflichtlektüre „für alle Medienmacher, für alle Politiker, ohnehin für alle Germanistikstudenten und Deutschlehrer, für alle, die in Schulministerien Lehrpläne verfassen“. Denn, so Kraus, das Buch sei „ein großer Gewinn“. Es immunisiere „nicht nur gegen den Gender-Irrsinn, sondern es entflammt erneut die Liebe zu unserer wunderbaren Sprache“.

    Kraus' Laudatio und das ausgezeichnete Buch riefen indes – von feministischer Seite – auch kämpferische Gegenpositionen auf den Plan. So beschwört Doris Hermanns auf ihrem Blog „Bücherfrauen“ auch weiterhin die „Sichtbarkeit von Frauen“ als einen „steinigen Weg“. Die Mühe, sich inhaltlich mit der Kritik Kubeliks auseinanderzusetzen, macht man sich hier freilich nicht: Frau Hermanns „erspare“ sich „das Eingehen auf die Argumentation“ des Autors. Stattdessen belässt man es bei der Charakterisierung Kubeliks und seines Anliegens als „erzkonservativ“ und „frauenverachtend“.

    Tomas Kubelik: Genug gegendert! Eine Kritik der feministischen Sprache. Projekte-Verlag, Jena, 174 Seiten, EUR 14,90