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    Lobpreis auf die Schöpfung

    Der südafrikanische Dichter Roy Campbell (1901–1957) war nicht nur ein Exzentriker, sondern ein glühender Konvertit, der auch poetisch gegen das Morden an katholischen Ordensleuten im spanischen Bürgerkrieg protestierte. Sehr zum Ärger seiner kommunistischen Kollegen. Von Michael Hanke

    Exzentrischer Katholik und Dichter: Roy Campbell (1901–1957). Foto: IN

    Roy Campbell galt (und gilt noch heute oft) als naughty boy der englischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Er wird gelegentlich mit seinem amerikanischen Pendant Ernest Hemingway in Beziehung gesetzt – nicht zuletzt deshalb, weil beide durch sportliche Neigungen geglänzt haben. Dennoch ist ein Vergleich mit seinem Lieblingsdichter Charles Baudelaire vielleicht treffender: Beide waren als Lyriker Aristokraten des Geistes; sie hatten beide eine sinnlich-musikalische, aber auch eine religiöse Ader, und beide kreuzten mit dem im 19. Jahrhundert erwachenden und zu Campbells Zeiten in abstoßender Blüte stehenden Fortschrittsdenken satirisch die Klinge. Und Campbell war nicht weniger umstritten als Baudelaire: Sein vielseitiges Wirken, vor allem als Lyriker, aber auch als Prosaschriftsteller und Literaturkritiker, als Rezensent und Journalist wurde von den meisten seiner Zeitgenossen scharf abgelehnt, von nur wenigen bewundert – und dann meistens nur hinter vorgehaltener Hand. Immerhin war Campbell der erste englische Dichter, der in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts allzu lautstark gegen das, was heute als political correctness bezeichnet wird, verstoßen hat. Seine Aufgabe sah er darin, die unter Literaten und Politikern bis heute übliche Atmosphäre gegenseitigen Wohlwollens und den daraus resultierenden, als solchen gar nicht mehr wahrgenommenen Konformismus, als Heuchelei zu entlarven.

    Seine Kritik am Linksdrall von Autoren wie H.G. Wells und G.B. Shaw, W.H. Auden und Stephen Spender – sie alle waren wenigstens zeitweilig begeisterte Kommunisten – erregte einen der engagierten und von Campbell aus der Fassung gebrachten Kollegen derart, dass er unverständlicherweise zum Boykott von Campbells Werken aufforderte. Auch wenn junge englische Autoren Campbell als einen der wenigen genialen Lyriker wiederentdecken: Noch heute erscheint sein Name nur selten in Literaturgeschichten und Anthologien. Der Wesenskern eines Menschen lässt sich nicht auf einen Nenner bringen, sein künstlerisches Credo ebenso wenig. Und doch hat Campbell gegen Ende seiner lyrischen Laufbahn in einer Danksagung seine Haltung zu der Welt, in der er lebte, so formuliert, dass sie jedes seiner Gedichte treffend charakterisiert.

    Der Passus findet sich in der Einleitung zu Campbells 1951 publizierter, 1953 vorzüglich ins Deutsche übersetzten zweiten Autobiographie „Ritter ohne Furcht und Tadel“: „Meine Erinnerungen haben mich gezwungen, sie in diesem Buch niederzuschreiben und damit Gott dem Allmächtigen und meinen Eltern meinen Dank abzustatten, dass sie mich in diese Welt gesetzt haben, um in ihren wundervollen Dichtungen, Sprachen und Weinen zu schwelgen, um ihre Schönheit, ihre Formen und Farben, ihre Klänge und Düfte zu genießen, um ihre herrlichen Städte und Meere, ihre Seen und Wälder, ihre Flüsse, Sierras, Pampas und Prärien zu sehen, mit all den Vierbeinern, Vögeln, Fischen und Bäumen darin, den Blumen und dem Korn – und vor allem den Männern und Frauen, die bei weitem interessanter sind als alles andere auf der Welt.“ Wer Campbells lyrisches Werk zum ersten Mal liest, stellt fest, dass all seine Gedichte einen vitalen und erstaunlich vielseitigen Lobpreis auf die göttliche Schöpfung bilden – auch seine Verssatiren, da ihnen eine Verteidigung des Menschen und seiner Würde zugrunde liegt. Die Vielfalt seiner Themen und die Frische seiner Naturdarstellung verdanken sich nicht zuletzt seinem ruhelosen Wanderleben.

    Campbell wurde 1901 als Sohn eines auch von der schwarzen Bevölkerung angesehenen Arztes in Durban, an der südafrikanischen Ostküste, geboren. Er starb 1957 bei einem Unfall in der Nähe von Sintra bei Lissabon. Im Alter von 18 Jahren verließ er Durban, um in Oxford englische Literatur zu studieren. Doch war das Studium nur ein Vorwand, sich dem von protestantischem Arbeitsethos geprägten Elternhaus zu entziehen. Er entwickelt sich zum Bürgerschreck: Der gut aussehende, die meisten seiner Kommilitonen um Haupteslänge überragende Student mit dem Spitznamen „Zulu“ geriert sich als Atheist, beginnt unter dem Einfluss der französischen Symbolisten zu dichten und zu trinken und hat eine Affäre mit dem gleichaltrigen Komponisten William Walton, der ihn in die „high society“ der englischen Literatur (T. S. Eliot, Edith Sitwell, Aldous Huxley) einführt. Sein Leben als Bohemien schließt eine lange Reise durch die Provence ein und gipfelt in der Ehe mit der von keinem Geringeren als dem italienischen Komponisten Ferruccio Busoni vergeblich umworbenen schönen Mary Garman. Mit ihr muss er sich (da die Langmut seiner Eltern nach diesem Affront erschöpft ist) in einen umgebauten Schafstall nach Wales zurückziehen, wo 1924 die erste Tochter, Teresa, geboren wird. Und im selben Jahr erscheint sein erstes Gedicht „The Flaming Terrapin“ (Die flammende Wasserschildkröte).

    Das Werk ist ein sensationeller Erfolg. Zwei Jahre zuvor war T. S. Eliots kulturpessimistisches, in eisiges Grau gehülltes Meisterwerk „Das wüste Land“ erschienen, und nach diesem gelungenen Versuch, aus einem trockenen Stoff Funken zu schlagen, erscheint Campbells vitales, in leidenschaftlichen jambischen Pentametern sich ergießendes Naturgedicht mit seinen volltönenden Paarreimen und seinen den Surrealismus des gleichaltrigen Dalí vorausahnenden Visionen wie eine heidnischer Schöpfungsmythos. Von der Eliotschen Untergangsstimmung bleibt nicht die Spur. Wichtiger als die enthusiastischen Rezensionen und der finanzielle Erfolg ist zweierlei: Eliot bietet dem jungen Dichter an, seinen nächsten Band im renommierten Faber-Verlag zu publizieren, und der Vater – vom Ruhm des missratenen Sprösslings zutiefst bewegt, reicht ihm die Hand zur Versöhnung. Campbells künftiger Weg scheint vorgezeichnet: Er kehrt nach Durban zurück und wird gebeten, eine Kulturzeitschrift zu gründen, die er mit dem Titel Voorslag (Ochsenpeitsche) adelt, um darin im Verein mit zwei gleichgesinnten Freunden den Rassendünkel zu geißeln. Die Geldgeber, bestürzt über den Elan des jungen Trios, fordern ihn zur Mäßigung auf. Doch Campbell fehlt es an Diplomatie. Mit seiner um die Tochter Anna größer gewordenen Familie besteigt er ein Schiff Richtung England – mit einer Fülle von Eindrücken, die in seiner nach dem Kap-Geist benannten und vielleicht besten Sammlung „Adamastor“ ihren lyrischen und satirischen Niederschlag finden. Eliot hält Wort: Er publiziert das Buch 1930 und verhilft Campbell damit zu seinem größten Triumph. Das Intermezzo in England erweist sich als familiäres Desaster. Mary geht eine Beziehung mit der lesbischen Vita Sackville-West ein, Campbell flüchtet in die Provence, wo sich ihm Mary einige Monate später mehr oder weniger reumütig zugesellt. Doch die Ehekrise ist damit nicht überwunden. Erst als die Campbells 1935 nach einem weiteren und, wie sie meinen, endgültigen Umzug ins Nachbarland das Fluidum des spanischen Katholizismus erfahren, sind sie stark genug, sich zu einem Neubeginn aufzuraffen. Mary, vom Leben und Wirken der Heiligen Teresa von Ávila affiziert, entschließt sich in Altea zur Konversion – mit Roy im Schlepptau: „Wenn du's machst, Mädchen, mach ich's auch.“ Der Pfarrer des Dorfes, Vater Gregorio, sorgt dafür, dass die beiden gründliche Selbsterforschung betreiben, bevor er sie tauft und kirchlich traut: „Ich bin im Land meiner Träume“ – schreibt Campbell einem Freund – „und wünsche dir das gleiche Glück.“ Damit reiht er sich ein in die illustre Reihe englischer Konvertiten des 20. Jahrhunderts: G.K. Chesterton, Maurice Baring, Ronald Knox, Evelyn Waugh und Muriel Spark.

    Noch im selben Jahr lassen sich die Campbells in der Greco-Stadt Toledo nieder, wo die Karmelitenpatres zu ihren besten Freunden werden. Der Spanische Bürgerkrieg – inoffiziell mit massiven Christenverfolgungen bereits seit Monaten im Gange – steht wie eine Gewitterwolke über der Stadt. Die Campbells gewähren den Patres in Zeiten der Gefahr Unterschlupf und werden zum Dank für ihren Mut vom Erzbischof vorzeitig gefirmt. Kurz vor Ausbruch des Bürgerkrieges bitten die Patres den Dichter, die Papiere des heiligen Johannes vom Kreuz aufzubewahren, da im Falle einer Durchsuchung, möglicherweise der Zerstörung des Klosters dieser Schatz verloren wäre. Campbell erklärt sich bereit dazu und stapelt die Kartons mit ihrem wertvollen Inhalt im Hausflur.

    Die Ermordung des von Campbell geschätzten spanischen Oppositionsführers Calvo Sotelo führt zur Revolte gegen die kommunistisch infiltrierte Zweite Republik und in der Folge zu Massakern vor allem an wehrlosen Priestern und Ordensfrauen. In Toledo zieht ein Batallion der Republikaner ein, und zu den ersten Opfern zählen die Patres. Als Campbell am Abend die Echtheit der Personen anerkennen soll, entdeckt er ihre Leichen und verhüllt sie mit Decken; die Klostermauer hinter ihnen ist mit den Worten „So rächt die Tscheka!“ beschmiert. Unmittelbar über das Dach der Campbells hinweg liefern sich die Nationalisten mit den Republikanern ein Feuergefecht. Am nächsten Tag begehren republikanische Milizen Einlass, um das Haus zu durchforsten. Die ungehobelten Männer durchstreifen die Zimmer und machen sich an den Bücherregalen zu schaffen. Ihr Anführer entdeckt Dantes „Göttliche Komödie“: „Ein Italiener – also ein Faschist!“ Campbell lächelt freundlich: „Ja, vielleicht – doch schauen Sie hier.“ Er reicht ihm einen Band mit den Schriften von Marx. Der Blick des Anführers belebt sich: „Sie sind also Kommunist?“ „Senores – ich bin Dichter ...“ Anerkennend treten die Männer einen Schritt zurück. Ein Dichter genießt, anders als in nordischen Gefilden, großes Ansehen. Einer der Milizianos schnürt sich auf einer der wertvollen Kisten nichtsahnend die Stiefel, dann ziehen sie ab.

    Campbell gelobt, die Gedichte des Heiligen Johannes von Kreuz ins Englische zu übersetzen, sollte es ihm gelingen, seine Familie zu retten, und die Geschichte dieser Flucht haben Anna und Teresa Campbell in ihren postum erschienenen Autobiographien „Remembering Roy Campbell“ (Hamden, Conn.: Winged Lion Press, 2011) spannend geschildert. Ein befreundeter junger Kommunist, dem Campbell eine Gefälligkeit erwiesen hatte, schüttet ihm klingende Münzen in die Hand. Es ist das Schweigegeld eines anderen Republikaners, der einen Priester auf offener Straße erschossen hat. So können die Campbells ihre Fahrt auf der Pritsche eines klapprigen Lastwagens in die Hafenstadt Valencia finanzieren.

    Wieder in England, schreibt Campbell in fieberhafter Eile seine Toledaner Sonette. Das überragende Gedicht des Zyklus, „Toledo, Juli 1936“, gehört zu den wenigen großen religiösen Sonetten englischer Sprache. Es beginnt mit dem Vers: „Toledo, als ich dich sterben sah…“. In hymnischer Sprache beschreibt der Dichter ein Bild, das sich der Familie von der Terrasse ihrer Wohnung geboten hatte: Das eingestürzte Kirchendach, über dem im Flammenmeer sich strahlend das Zeichen des Kreuzes erhebt. In den Schlussversen wird Toledo in einem Atemzug mit Rom und Athen genannt, als „heilige Stadt des Geistes“. Campbell spielt darauf an, dass der Brand Roms die erste systematische Christenverfolgung nach sich zog und dass Athen Ende des 17. Jahrhunderts von den Türken in Brand gesetzt wurde, als die Gegenoffensive der Venezianer sich als erfolgreich erwies.

    Die imitatio Christi, von ihm selbst bezeugt im Martyrium der befreundeten Karmeliter, wird zu einem zentralen Thema von Campbells Werk. Es findet sich in dem als Requiem gedachten Gedicht „Die Karmeliter von Toledo“, im Sonettpaar „San Juan de la Cruz“ und in dem krönenden, von El Greco und dem geistlichen Leben Toledos inspirierten letzten großen Gedicht „Vision unserer lieben Frau von Toledo“. Anders als seine gegen die spanische Republik gerichteten Verssatiren klagt keines dieser Gedichte an; sie alle zeichnen sich durch einen katholisch fundierten Optimismus aus. Die Märtyrer dienen als Wegweiser.

    Toledo bleibt Campbells geistige Heimat, in der er sich nach dem Bürgerkrieg nur noch einmal kurz niederlassen kann, bevor er in fortgeschrittenem Alter als einfacher Soldat in die englische Armee eintritt, um gegen Hitler und Stalin (in seiner Terminologie: gegen Pest und Cholera) zu kämpfen. Nach seiner Entlassung arbeitet er kurze Zeit als Leiter der Literaturabteilung der BBC, dann in Zusammenarbeit mit seinem Freund Rob Lyle als Herausgeber der katholischen Kulturzeitschrift „The Catacomb“ und attackiert 1949 den von Shaw und Wells gepredigten Glauben an ein rot angestrichenes irdisches Paradies: „Es gibt keinen Winkel in Dantes Hölle, in dem man nicht eine lebensvollere und bessere Gesellschaft, auf größere Vielfalt und weniger Langeweile träfe.“ 1952 ist der Spott dem Abscheu gewichen. Es ist ihm unvorstellbar, „in einem protestantischen Land zu altern und zu sterben: lieber ein Bettler in Spanien, als ein Bonze in England.“ Als er in einer Zeitung liest, dass ein Tierquäler drei Monate hinter Gittern landet, während ein Busfahrer, der eine schwangere Frau derart malträtiert, dass sie eine Fehlgeburt erleidet, mit 5 Britischen Pfund Schmerzensgeld davonkommt, ist das Maß voll.

    Sintra, ein idyllischer Kurort in der Nähe von Lissabon, wird Campbells Refugium. Er wendet sich fast ganz von der Lyrik ab, übersetzt Romane des größten portugiesischen Romanciers, Eça de Queiroz, die Lyrik seines Freundes Joaquim Paço d'Arcos, angelt, schlendert unter seinem Sombrero durch die Straßen Lissabons und lässt sich in den Tascas nieder, um dem Fado zu lauschen, jenem melancholisch-schicksalsschweren Gesang. Mary widmet sich karitativen Tätigkeiten. Im April des Jahres 1957 beschließt das Paar, die Santa Semana in Sevilla zu feiern. Sie machen sich in ihrem winzigen Fiat auf die Reise. Campbell ist ungewöhnlich still. Während der Feiertage beichtet und kommuniziert er. Auf der Rückfahrt erbittet er sich einen Abstecher – tatsächlich einen erheblichen Umweg – über sein Toledo. Mary willigt ein. Er schreibt seine letzte Postkarte an einen englischen Freund: „Hier in Toledo, jener Stadt, die ich über alles auf der Welt liebe.“ Wenige Stunden später, fast in Sichtweite von Sintra, platzt ein Autoreifen, und der Wagen schleudert gegen einen Baum. Campbell ist sofort tot, Mary schwer verletzt.

    Sofort wurden in den Nachrufen der englischen Presse Kritik an Campbell laut. Seine Freundin Edith Sitwell gehörte zu den wenigen, die sofort intervenierten: „Er war ein zutiefst gläubiger Mensch, der in Spanien gegen die Roten kämpfte. Er war – wie ich – der Auffassung, dass es niederträchtig ist, Priester, Ordensfrauen, Juden, Bauern und Aristokraten niederzumetzeln.“ Was Campbells literarischen Rang betrifft, so berichtet der Lyriker Charles Causley folgende Anekdote: „Als ich ihn einmal fragte, wie es ihm gelungen sei, ein so perfektes Sonett wie ,Luis de Camoes‘ zu schreiben, entgegnete er schmunzelnd: ,Mit einem ganz gewöhnlichen Bleistift, mein Junge.‘“