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    Literarische Kriterien gesucht

    Der Mann, der dieses Jahr den Literaturnobelpreis erhält, schweigt: Nichts hat die ehrwürdige Schwedische Akademie, die den Preisträger bestimmt, bisher von Bob Dylan als Reaktion auf die Bekanntgabe Mitte Oktober gehört – weder öffentlich noch persönlich im direkten Kontakt. Ein Verhalten, das die Juroren zunehmend irritiert. Wird Dylan überhaupt im Dezember zur Vergabe des Preises nach Stockholm reisen? Wird er einen Vortrag über sein Werk halten? Alles offen, alles ungewiss.

    Bob Dylan
    Der Musiker Bob Dylan. Foto: dpa

    Der Mann, der dieses Jahr den Literaturnobelpreis erhält, schweigt: Nichts hat die ehrwürdige Schwedische Akademie, die den Preisträger bestimmt, bisher von Bob Dylan als Reaktion auf die Bekanntgabe Mitte Oktober gehört – weder öffentlich noch persönlich im direkten Kontakt. Ein Verhalten, das die Juroren zunehmend irritiert. Wird Dylan überhaupt im Dezember zur Vergabe des Preises nach Stockholm reisen? Wird er einen Vortrag über sein Werk halten? Alles offen, alles ungewiss.

    Und so hat man – neben Dylans zahlreichen Liedtexten – nur die Worte derjenigen vorliegen, welche diese erste Vergabe an einen Rockpoeten, der nicht nur dichtet, sondern seine Verse singt und mit Instrumenten begleitet, einzuordnen versuchen. Darunter sind zahlreiche prominente Fans von Dylan, die seit Jahren auf diese Auszeichnung ihres Idols gewartet haben, wie etwa der deutsche Rocksänger Wolfgang Niedecken von der Gruppe „BAP“, und die Auszeichnung als hochverdient ansehen. Aber es gibt auch Belletristik-, Lyrik- und Drama-Kenner, die weniger begeistert sind. Der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck („Druckfrisch“) gehört zu dieser Gruppe. Scheck bezeichnet die Nobelpreis-Auszeichnung Dylans als einen Witz. „Gelegentlich erlaubt sich die Akademie ein ,Späßken‘“, sagte der 51-Jährige unmittelbar nach der Bekanntgabe des Preisträgers 2016 gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa). „Die Auszeichnung von Bob Dylan ist genauso ein Witz, wie es die von Dario Fo war. Am besten, man lacht mit.“ Ihm selbst fällt das Lachen aber offensichtlich nicht ganz so leicht. Bei der „Frankfurter Buchmesse“ wiederholte Scheck seine Kritik.

    In den Augen mancher Kritiker dieser Vergabe ist es eben doch ein Unterschied, ob jemand ausgezeichnet wird, dessen Texte für sich selbst einen hohen literarischen Rang haben oder erst durch Mundharmonika, Gitarre und Gesang zum Leben erweckt werden müssen. Wobei diese Bedingung eigentlich auch auf dramatische Texte zutrifft, die im Regelfall erst auf der Bühne durch die Inszenierung zur vollen literarischen Größe und Wirkkraft erstehen. Weshalb Scheck wohl den italienischen Dramatiker Dario Fo ins Spiel bringt. Wieso dann aber eigentlich nicht die Literaturnobelpreisgewinner Samuel Beckett oder Harold Pinter, deren absurde Theaterstücke gar nicht so weit von Fos Späßen entfernt sind?

    Anderen Literaturkennern, wie dem Leiter des Hamburger Literaturhauses, Rainer Moritz, übermannte bei der Bekanntmachung des diesjährigen Preisträgers das Mitgefühl mit den amerikanischen Schriftstellern. Gegenüber dem „Hamburger Abendblatt“ gesteht Moritz: „... Sekunden später fielen mir dann amerikanische Autoren ein, die immer noch ohne Nobelpreis leben müssen: Philip Roth, Cormac McCarthy, Don DeLillo ...“. Nun gibt es – nicht nur in den Vereinigten Staaten – eine ganze Reihe von Schriftstellern, „die immer noch ohne Nobelpreis leben müssen“, sondern auf der ganzen Welt und jedes Jahr wieder, weshalb dieses Kriterium auch nicht so richtig zur Einordnung taugt, was unter literarischen Gesichtspunkten eine herausragende Würdigung verdient und was nicht. Was aber dann?

    Offiziell zeichnet die Schwedische Akademie Dylan „für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition“ aus. Das wäre ein Kriterium, wenn jedes Jahr ein poetischer Neuschöpfer einer jeweiligen nationalen Liedtradition ausgezeichnet werden würde, doch bekanntlich gibt es jedes Jahr völlig andere Begründungen. Im Jahr 2014 etwa wurde der Franzose Patrick Modiano „für die Kunst der Erinnerung, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen und die Lebenswelt der Besatzungszeit durchschaubar gemacht hat“ ausgezeichnet. 2009 fand man Herta Müller für auszeichnungswürdig, „die mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit zeichnet“. Man sieht daran: So vielfältig wie die Literatur und Künstler sind, sind die literarischen und inhaltlichen Begründungen für ihr Lob.

    In diese Richtung, die allen Stilen und Kunstformen die Tür öffnet, geht denn auch das Dylan-Verständnis des Göttinger Literaturwissenschaftlers Heinrich Detering: „Dylan hat wie kein anderer die moderne amerikanische Musiktradition mit der literarischen Hochkultur zu einer neuen Kunstform vereint – Ovid mit Blues, Shakespeare mit Gospel“, so Detering, der selbst eine Dylan-Biographie verfasst hat, gegenüber der dpa. „Es wäre deshalb ein großes Missverständnis zu meinen, er werde nur für die Qualität seiner Texte ausgezeichnet. Texte, Musik und Performance sind eine Trias.“

    Und was die Einstellung zum Preis angeht? In seinem neuen, sehr lesenswerten Buch „Von Beruf Schriftsteller“ (Dumont, 2016) erinnert der japanische Autor Haruki Murakami, der übrigens auch zu denen gehört, „die immer noch ohne Nobelpreis leben müssen“, an Schriftsteller und ihre Scheu vor großen Preisen. So etwa an Nelson Algren, der die Verleihung eines amerikanischen Preises bewusst verpasste, und an Raymond Chandler, der fragte: „Will ich den Nobelpreis für Literatur bekommen? Nicht, wenn ich mich sehr anstrengen müsste. Sie geben den Nobelpreis zu vielen zweitklassigen Autoren, als dass ich mir etwas daraus machen würde. Außerdem müsste ich nach Schweden reisen, mich fein machen und eine Rede halten. Ist der Nobelpreis das alles wert? Nein, verdammt.“

    Möglich, dass der schweigende Dylan ähnlich denkt und den Literaturnobelpreis generell für einen Witz hält. Frei nach Denis Scheck.