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    Linke Protestkultur zeigt sich als Hass

    Das #wirsindmehr-Festival in Chemnitz ist ein Beispiel für verfehlten Kampf gegen Rechts. Von Katrin Krips-Schmidt

    In den letzten Tagen überschlagen sich Ereignisse, Meldungen, Kommentare zum Geschehen in Chemnitz. Was auffällt: die Spirale der Empörung windet sich in bisher ungeahnte Höhen. Täglich, ja stündlich steigen die Wogen der Entrüstung, werden Rücktrittsforderungen für an Presseberichten zweifelnden Juristen sowie der Ruf nach Beobachtung bestimmter Gruppen durch den Verfassungsschutz laut, Chemnitz wird zu einem Fanal des Bösen schlechthin deklariert. Nach Demonstrationen in der Stadt, in der am 26. August ein junger Familienvater erstochen wurde, beschwören Politiker, Zeitungen und Talkshows „Hetzjagden“ auf Ausländer, „Zusammenrottungen eines rechten Mobs“ sowie ein weiteres Abdriften der AfD noch weiter nach rechts. Angesichts des Schweigemarsches der AfD am 1. September wurde dann unverzüglich zu Gegendemonstrationen „gegen Nazis“ aufgerufen.

    Was ist authentisch an dieser „Betroffenheitskultur“? Kann man „Hass und Hetze“ mit Hass und Hetze bekämpfen? Exemplarisch für das mit unterschiedlichen Bewertungsmaßstäben urteilende Verhalten von Medienvertretern und Politikern sei ihre Haltung gegenüber dem am 3. September organisierten Gratis-Konzert von Punk-Bands wie Kraftklub, Tote Hosen und K.I.Z. herausgegriffen. In einem Lied der Gruppe „Feine Sahne Fischfilet“, das unter anderem bis 2016 ihre Überwachung durch den Verfassungsschutz in Mecklenburg-Vorpommern veranlasste, heißt es: „Punk heißt gegen?s Vaterland, das ist doch allen klar/ Deutschland verrecke, das wäre wunderbar!/ Heute wird geteilt, was das Zeug hält/ Deutschland ist scheiße, Deutschland ist Dreck!“

    Die Ankündigung der linksextremistischen Band, nach Chemnitz zum #wirsindmehr-Festival zu kommen, kommentierte Katrin Göring-Eckardt per Tweet: „Yes! Ihr seid groß!“ Beim „Streitgespräch Dunja Hayali“ im ZDF vom Bundessprecher der AfD, Jörg Meuthen, darauf angesprochen, wiegelt die Parteivorsitzende der Grünen ab: „Wenn Gewalt passiert, dann hab‘ ich damit nichts zu tun.“ Der Aufforderung Meuthens, sich von der Antifa abzugrenzen, will sie jedoch nicht folgen: Sie müsse sich von Gewalt nicht distanzieren. Die Punk-Gruppe habe sich gewandelt und es sind „nicht Linksradikale“. Weiter lobt sie das Konzert als „vollkommen friedlich“, wo „friedliche Menschen aufstehen und Haltung zeigen“. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfahl den Besuch des Konzerts. Auf seiner Facebookseite teilte er einen entsprechenden Aufruf. Es gehe ihm darum, „Menschen zu ermutigen, die nach den aufwühlenden Ereignissen von Chemnitz für das Miteinander eintreten wollen und klar Stellung beziehen möchten gegen Fremdenhass und Gewalt.“

    Die düsteren, pietät- und tabulosen, akustisch oftmals kaum zu verstehenden Texte der Bands, in denen gegen Polizei, Staat und Frauen aufgehetzt und zu Gewalt aufgerufen wird, als Aufforderung zu Liebe und Menschenfreundlichkeit zu verstehen, fällt schwer. Sie als Appell gegen „Fremdenfeindlichkeit und Rassismus“, als „Zeichen gegen rechte Hetze“ zu begreifen, noch mehr.

    „Seid Ihr bereit für einen marxistischen Partysong?“, ruft der Sänger der Gruppe K.I.Z. in Chemnitz. Und dann ertönt der Song, bei dem die Festivalbesucher wie in Ekstase mit wogendem und hüpfendem Körpereinsatz textsicher mitsingen und -johlen: „Ich mach Mousse aus deiner Fresse – boom verrecke, wenn ich den Polenböller in Deine Kapuze stecke. Die halbe Schule war querschnittsgelähmt von meinem Nackenklatschen. Meine Hausaufgaben mussten irgendwelche Spasten machen … Ich ramm die Messerklinge in die Journalistenfresse … trete deiner Frau in den Bauch, fresse die Fehlgeburt. Sei mein Gast, nimm ein Glas von meim Urin und entspann dich. Zwei Huren im Arm mit Trisomie 21 …“

    Die folgenden „Reime“ sind schon gar nicht zitierfähig, sie enthalten unter anderem übelste Vergewaltigungsphantasien gegenüber noch lebenden Personen. Wie erklären sich bei solchen Texten die vom Publikum gezeigten Transparente mit Parolen wie „Menschenrechte statt rechte Menschen!“? Und: Weiß Frank-Walter Steinmeier eigentlich, was auf dem Konzert abging? Bislang gab es aus dem Bundespräsidialamt noch keine Entschuldigung. Schon vor 25 Jahren, also 1993, bemerkte der Schriftsteller Botho Strauß in seinem Essay „Anschwellender Bocksgesang“: „Überhaupt ist pikant, wie gierig der Mainstream das rechtsradikale Rinnsal stetig zu vergrößern sucht, das Verpönte immer wieder und noch einmal verpönt, nur um offenbar immer neues Wasser in die Rinne zu leiten, denn man will's ja schwellen sehen, die Aufregung soll sich ja lohnen. Das vom Mainstream Missbilligte wird von diesem großgezogen, aufgepäppelt, bisweilen sogar eingekauft und ausgehalten.“

    Und Harald Martenstein nimmt im „Tagesspiegel“ den Vertrauensverlust der Bürger in Medien und Politik ins Visier. Mit Verweis auf das „Propagandawort Hetzjagd“ fragt er: „Nehmen sie Prinzipien wie Fairness, Wahrhaftigkeit oder Genauigkeit nur für sich selbst und ihr politisches Lager ernst? Brauchen die keine Beweise mehr, solange nur die politische Richtung stimmt?“ Er frage sich auch zum Beispiel, „warum man 2015 die unschöne Silvesterparty in Köln nicht ,Hetzjagd‘ genannt hat, 1 000 Strafanzeigen. Da hießen die medialen Schlüsselworte ,Übergriffe‘ und ,Hetze gegen Flüchtlinge‘“.

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