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    Lieder aus der alten Heimat

    Die Musik von Migranten kann bei der Integration helfen Von Barbara Stühlmeyer

    Deutsche Siedler im texanischen Luckenbach
    Fröhlich bei Bier und Kauderwelsch: In dem kleinen Dorf Luckenwald in Texas halten deutsche Auswanderer ihre Lieder lebe... Foto: dpa

    Oft waren es zum Leben anstiftende Geschichten, die sich mit der Wanderung der Töne verbanden. Etwa dann, wenn die ersten Auswanderer nach Amerika ihre Gesangbücher mit im Gepäck hatten oder die spanischen oder portugiesischen Mönche Musik in die Neue Welt exportierten und mit ihr ihren Glauben zum Klingen brachten. Durch den Kontakt mit dem neuen Lebensumfeld wandelten sich die Harmonien, kamen neue Rhythmen hinzu und so entstand ein klingender Kosmos gelungener Kommunikation. Denn beim Thema Musik und Migration geht es nicht um ein starres Festhalten an Überkommenem.

    Dies ist eine gewisse Gefahr bei den manchmal melancholisch-nostalgischen Veranstaltungen Heimatvertriebener, bei denen jedes Jahr neu beklagt wird, dass die junge Generation sich nicht mehr für die alten Lieder interessiert. Vielleicht liegt dies daran, dass sie sich in der neuen Heimat so sehr zuhause fühlt. Wenn Integration funktioniert hat und man den Soundtrack der Vergangenheit zumindest für eine Weile ruhen lassen kann, ist eine gute Nachricht. Dass er für immer verstummt, ist aber unwahrscheinlich. Ablesen kann man dies an der ansteigenden Beschäftigung mit regionalen Sprachen und der dazugehörigen Musik in vielen Landstrichen Deutschlands und ganz Europas. Aus der Begeisterung für das, was in der Schatzkiste von Melodien der Vorfahren zu finden ist, erwachsen dann – aus einem gewissen Abstand heraus – lebendige neue Strukturen, die das Alte und Neue miteinander in Beziehung setzen und zu einem größeren Ganzen verweben. Inzwischen gibt es zahlreiche gute Projekte, die die Beschäftigung mit der Musik, die die Migranten in unser Land bringen, fördern. Der Landesmusikrat von Nordrhein-Westfalen hat kürzlich für das Jahr 2020 Fördermittel für Musikprojekte mit Geflüchteten ausgeschrieben. Unterstützt werden Ensembles und Bands aus Laienmusikern und Geflüchteten, deren Zusammenspiel zu einem vertieften Kennenlernen und erfolgreicher Integration führen sollen. Fördermittelanträge können bis zum 19. Oktober diesen Jahres gestellt werden. Auch Musikschulen engagieren sich in vielfältiger Weise für das Thema und der Deutsche Musikrat unterhält ein eigenes Themenportal zu Musik und Integration, das dazu beträgt, die verschiedenen Initiativen bekannt zu machen und miteinander zu vernetzen. In der Rubrik Journal auf dieser Seite kann man in Reportagen, Interviews und anderen Medienformaten in Erfahrung bringen, wo musikalische Integration mit wem wie funktioniert und eine Fülle von Anregungen erhalten, selber Teil des großen Netzwerkes Musik und Migration zu werden.

    Als Hildegard Mocha 1945 mit ihrer kleinen Tochter zu Fuß vom schlesischen Hindenburg in Richtung Berlin aufbrach, Kriegsflüchtlinge, wie so viele in jener Zeit, reiste sie mit kleinem Gepäck. Das meiste von dem, was sie in ihrem Bollerwagen verstaut hatte, ging unterwegs verloren. Unverlierbar waren die Melodien, die die jungverheiratete Frau mit sich führte. „Riesengebirge, deutsches Gebirge“ war eines jener Lieder, die in der Fremde nahe der Nordsee, die zu ihrem neuen Lebensraum wurde, an die alte Heimat erinnerte. Hildegard sang das Lied ihrer Enkelin vor, in deren Kopf es sich mit „Dat Du meen Leevsten büst“ ebenso unkompliziert vermischte wie mit „Maidag, wo büß du denn?“, einem Lied, das ihr Vater, ein Wirtschaftsmigrant, aus Westfalen mitgebracht hatte.

    Dass Musik und Migration miteinander zu tun haben, ist eine offenkundige Tatsache, die mehr und mehr Beachtung findet. Zu Recht. Denn wenn wir es schaffen, die Lebensmelodie derjenigen, die aus der Ferne zu uns kommen, in uns aufzunehmen und unsere eigenen Lieder mit ihnen zu singen, wird Integration wesentlich schneller und leichter gelingen. Migrantenchöre wie der von Kostas Papakostopoulos geleitete, wissenschaftliche Forschungsinitiativen wie „Music and Migration“ der Universität Salzburg oder Workshops für Alte Musik, die ebenfalls das Themenspektrum in den Blick nehmen zeigen: Die Beziehung zwischen den Melodien der Herkunftsregion und denen des neuen Lebensumfeldes sind eng. Sie befruchten einander, bringen neue Kompositionen hervor und schaffen ein klingendes Netzwerk von Beziehungen. Die Begegnung zwischen vormals Fremden wird so zur Bereicherung. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass das Phänomen nicht neu ist. Im 16. und 17. Jahrhundert zogen zahlreiche Musiker im Zuge der wirtschaftlich oder politisch bedingten Wanderungsbewegungen – Stichworte sind hier die aus der Gegenwart vertrauten Phänomene der Wirtschafts- und Kriegsflüchtlinge – in die Fremde und gaben dem dortigen Musikleben wegweisende Impulse. So wirkten beispielsweise die franko-flämischen Komponisten Adrian Willaert und Cipriano de Rore als Inspiratoren auf das venezianische Musikleben. Orlando di Lasso – ebenfalls aus Flandern stammend – prägte das Musikleben der Münchener Hofkapelle. Doch nicht jeder derjenigen, die ihre Heimat verließen, war von Not und Elend getrieben. Der aus Oelsnitz stammende Komponist Johann Rosenmüller beispielsweise, der als Stellvertreter des Thomaskantors Tobias Michael und Lehrer an der Thomasschule in Leipzig wirkte, floh aus dem Gefängnis nach Italien. Der Grund für seine Inhaftierung kommt uns heute nur allzu bekannt vor. Rosenmüller hatte zahlreiche Schüler der Thomasschule sexuell missbraucht und war dafür seines Amtes enthoben und zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Heute sind es Gesänge in allen Sprachen und vielen Tönen, die unseren Alltag, unsere Kultur bereichern. Fremden zuzuhören, ihren Melodien unser Ohr zu leihen ist der erste Schritt dazu, sie zu Freunden zu machen.

    – Forschungsinitiativen „Music and Migration“ der Universität Salzburg: www.musik-und-migration.at

    – Workshops für Alte Musik: www.altemusikinhof.com

    – Themenportal des Deutsche Musikrats zu Musik und Integration: integration.miz.org

    Von Barbara Stühlmeyer

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