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    Liebesrasen in einer Gesellschaft Sehnsuchtsloser

    Die Reste menschlicher Emotionen in einer Welt aus Bürokratie und Funktionalisierung sind das große Thema der Regisseurs Christoph Marthaler. Dass er auch Tristan und Isolde in seiner nun vier Jahre alten Bayreuther Inszenierung leidenschaftslos zeigen wolle, werde oft kritisiert, entspreche aber nicht Marthalers Absicht, hatte seine Mitarbeiterin Anna-Sophie Mahler in der Pressekonferenz zur Eröffnung der 98. Bayreuther Festspiele protestiert. Mahler hat den problematischen zweiten Akt sanft, immer noch zu sanft überarbeitet – zeigt der unerklärterweise abwesende Marthaler in den Außenakten doch durchaus, wie sprengend Isoldes Liebesrasen und Tristans Todeswüten in einer Gesellschaft von Sehnsuchtslosen und sich selbst Entfremdeten wirken.

    Die Reste menschlicher Emotionen in einer Welt aus Bürokratie und Funktionalisierung sind das große Thema der Regisseurs Christoph Marthaler. Dass er auch Tristan und Isolde in seiner nun vier Jahre alten Bayreuther Inszenierung leidenschaftslos zeigen wolle, werde oft kritisiert, entspreche aber nicht Marthalers Absicht, hatte seine Mitarbeiterin Anna-Sophie Mahler in der Pressekonferenz zur Eröffnung der 98. Bayreuther Festspiele protestiert. Mahler hat den problematischen zweiten Akt sanft, immer noch zu sanft überarbeitet – zeigt der unerklärterweise abwesende Marthaler in den Außenakten doch durchaus, wie sprengend Isoldes Liebesrasen und Tristans Todeswüten in einer Gesellschaft von Sehnsuchtslosen und sich selbst Entfremdeten wirken.

    Viel zu geradlinig

    Mühsam verflackern Plastiksterne als technische Relikte im Untergeschoss von Tristans Sterbezimmer, nachdem sie zum Vorspiel – ein soghaftes Bild für den soghaften Bayreuther Raum – den noch offenen Himmel durchkreist hatten.

    Im zweiten Akt ist der Himmel bereits zur Deckenbeleuchtung, zur Zivilisation degeneriert. Marthaler erzählt von tödlicher Melancholie und vergeblicher Leidenschaft in einer erstarrten Welt. Dass auch Dirigent Peter Schneider Marthalers Lesart teilweise nicht folgen mag, hatte er in der Pressekonferenz angedeutet. Gegen die Szene leitete er am Samstagabend einen klangoffenen, grundvitalen und außergewöhnlich raschen Tristan. Zu eigenen Ungunsten: Das Premierenpublikum reagierte mit einem Buhsturm, wie er außerhalb Italiens nur in Bayreuth üblich ist. Viel zu geradlinig, oft auch schlicht lärmig klang die unendliche Melodie des Ins-Nichts-Sehnens in den Händen des Kapellmeister-Routiniers. Dass in Bayreuther Premieren noch immer gern herzhaft gebuht und ebenso stürmisch applaudiert wird, macht das Verhältnis zwischen Repräsentation und Kultur hier ungewöhnlich real. Nicht nur die Kanzlerin als oberste deutsche Wagnerianerin sucht in Bayreuth alles andere als Oberflächenästhetik. Klar: Wenn Angela Merkel mit dem halben Bundeskabinett und nicht weniger als drei ehemaligen und aktuellen bayerischen Ministerpräsidenten samt Kabinett in den Pausen ins Steigenberger Festspielrestaurant hinuntersteigt, säumen hunderte Schaulustige und Fotografen den roten Teppich. Zumal in diesem Jahr zum ersten Mal Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier den Zugang zur Königsloge hüten. Den Zurufen nach scheint auch hier Wirtschaftsminister Guttenberg den Glanz der Kanzlerin derzeit ein wenig zu verdunkeln. Klar aber auch: Eine Selbstdarstellerveranstaltung ist Bayreuth nicht. Ob der griechische Staatspräsident Papoulias, EU-Kommissarin Vassiliou, FDP-Vorsitzender Westerwelle oder – für die Kirchen – Erzbischof Ludwig Schick und Landesbischof Johannes Friedrich: Dass es hier der Kunst gilt, beweisen vor allem die, die fehlen. Noch immer wäre es für Damen in Bayreuth unschicklich, die engen, harten Holzsitze mit übergroßen Roben und heftigem Make-Up zu konterkarieren, während die Herren in Einheitsschwarz über die Vorstellung statt über Wirtschaft und Politik debattieren. Schließlich kann man nur in Bayreuth Wagner in der Akustik hören, auf die hin die späten Stücke konzipiert sind.

    Aufgrund des verdeckten Orchestergrabens können die Partien hier lyrischer besetzt werden und versteht man gemeinhin deutlich mehr Text als an anderen Häusern. Dirigent Schneider begeht in Bayreuth-Maßstäben eine Todsünde: Immer wieder deckt er die Sänger zu. Für den markig-kräftigen Kurwenal von Jukka Rasilainen oder für die prächtige Bassorgel von Robert Holl – der als König Marke im zweiten Akt emotional noch etwas routiniert blieb – ist das kein Problem.

    Triumph und großer Jubel

    Dass auch die kleinen Partien mit Sängern besetzt sind, die in anderen Stücke desselben Jahrs große Rollen singen, ist ein bayreuth-typisches Surplus. Die Damen dagegen kämpfen: Iréne Theorin als Isolde hat Probleme mit der Textverständlichkeit. Michelle Breedt als Brangäne lässt Mezzofülle vermissen und verliert bei raschen Passagen durch Konsonantenhäckselei gern den Stimmsitz.

    Dabei hat man mit Theorin als Isolde und Robert Dean Smith als Tristan Wagners Forderung, dass man seine Musik durchaus mit Belcanto-Technik singen könne, hervorragend erfüllt. Theorin beherrscht nicht nur strahlend die Ausbrüche, sondern zeigt mit körperhaftem Piano immer wieder auch Farben von Wärme und Innigkeit. Passend gestaltet Partner Smith klangschön und mit lyrischen Bögen einen jugendlichen Liebhaber statt des üblichen Vibrato-Recken, sodass man schon um die Kraftattacken des letzten Aktes fürchten wollte. Triumph und großer Jubel: Gerade den Schluss bewältigt Smith, der über die letzten Jahre hinweg konstant an seiner Technik gearbeitet hat, mit sauberer und perfekter Tonproduktion ohne jedes Pressen und Forcieren.

    Bayreuth behält ein kundiges Publikum. Damit die Bayreuther in Zukunft nicht nur den roten Teppich säumen, sondern das Urteil der oberen Zweitausend selbst überprüfen können, werden die neuen Herrinnen von Bayreuth in diesem Jahr auch beim Public Viewing und im Internet zu „Tristan und Isolde“ empfangen.

    Von Michael Stallknecht