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    Laienhafte Blogger konkurrieren mit Journalisten

    Wer Konferenzen über die Pressefreiheit abhalten kann, der ist natürlich schon frei. Über die Gefährdung von Journalisten und ihrer Arbeit räsoniert nur der in aller Öffentlichkeit, der selbst an einem sicheren Ort ist. Ein derartiger Ort ist ein lichter Innenhof in der Mittelstraße 2–4 in Berlin. Hinter einer Gründerzeitfassade residiert hier das Berliner Büro der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. An diesen Ort lud das Internationale Institut für Journalismus, um über die neuen Chancen zu sprechen, die sich für die Pressefreiheit mit dem Internet ergeben.

    Wer Konferenzen über die Pressefreiheit abhalten kann, der ist natürlich schon frei. Über die Gefährdung von Journalisten und ihrer Arbeit räsoniert nur der in aller Öffentlichkeit, der selbst an einem sicheren Ort ist. Ein derartiger Ort ist ein lichter Innenhof in der Mittelstraße 2–4 in Berlin. Hinter einer Gründerzeitfassade residiert hier das Berliner Büro der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. An diesen Ort lud das Internationale Institut für Journalismus, um über die neuen Chancen zu sprechen, die sich für die Pressefreiheit mit dem Internet ergeben.

    „Zwar ist das Internet eine Chance für Länder mit bedrohter

    Pressefreiheit, aber

    wer kann Nachrichten

    unbekannter Blogger

    im Internet glauben?“

    Das Institut veranstaltet vom Entwicklungsministerium finanzierte Fortbildungsseminare für Journalisten in aller Welt. Noch bevor die Veranstaltung begann, verbreitete sich das Gerücht, Agenten restriktiver Regime wie etwa China hätten sich unter das Publikum gemischt und würden die Veranstaltung beobachten, wenn nicht sogar stören wollen. Beobachtet wurde vielleicht, gestört aber nicht. Und keiner der vielen, die sich zu Wort meldeten, schien hinter den Berg zu halten mit seiner Meinung, seiner Kritik oder Fragen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen. Ein großgewachsener Mann mit sanfter Stimme, der in Afrika in Radiosendern der simbabwischen Opposition arbeitet, die von jenseits der Landesgrenzen nach Simbabwe hineinsenden, wollte etwa wissen, ob jemand wüsste, wie den Störsendern der Regierung auszuweichen sei.

    Michael Rediske, Vorstandssprecher von Reporter ohne Grenzen, konnte dem Fragenden nicht im Einzelnen antworten, ihm aber immerhin ein druckfrisches Exemplar des gerade aktualisierten „Handbuchs für Blogger und Cyber-Dissidenten“ überreichen. Achtzig Seiten voller Tipps und Tricks, um die Zensur mit Hilfe von Verschlüsselungssoftware oder ferngesteuerten Servern in Drittländern in die Irre zu führen. Es kann auf der internationalen Seite der Reporter ohne Grenzen unter www.rsf.org kostenlos heruntergeladen werden.

    „Ich verstehe die Hälfte davon nicht“, gestand Rediske. Viele Oppositionelle verstehen zum Glück ein wenig mehr davon. Im Internet findet schon längst ein ernstzunehmender Austausch von Meinungen und Informationen statt, das beweist alleine schon das Interesse der Zensur. Wenn China tausende Internetpolizisten beschäftigt, um Seiten zu sperren und Verbindungen zu kappen, dann hat das Netz offenbar freiheitliches und demokratisches Potenzial. Ein Beweis ex negativo sozusagen.

    Leider hielt sich die Diskussionsrunde in Berlin lange damit auf, zu klären, ob Blogger nun im engeren Sinne Journalisten sind oder nicht. Auf dem Podium waren lauter gestandene Kollegen versammelt, die weniger die Unterdrücker der Pressefreiheit als Problem ansahen als vielmehr die laienhaften Blogger und Bürgerjournalisten fürchteten, die sich im Netz tummeln und auf Tausenden von Seiten über alles berichten, was ihnen so zu Ohren kommt. Werner D'Inka, Herausgeber der „Frankfurter Zeitung“, war sich in diesem Sinne mit seinem Nachbarn Sankarshan Thakur, Korrespondent des englischen Telegraph in Indien, einig, der festhielt: „Pressefreiheit führt nicht immer auch zu gutem Journalismus“. Nur ausgebildete Profis hätten das nötige Handwerkszeug und auch die nötige Urteilskraft, um tatsächlich der Wahrheit zu dienen.

    „In ganz Ostafrika

    findet keine ernsthafte Diskussion über den riesigen Einfluss der

    Telefongesellschaften statt“

    Auch Bertrand Pecquerie, Direktor des World Editors Forum in Frankreich, sprach von einem „Glaubwürdigkeitsproblem“. Zwar sei das Internet eine große Chance für Länder, wo die Pressefreiheit bedroht ist, aber wer könne den Nachrichten unbekannter Tagebuchschreiber im Internet Glauben schenken? Andererseits gab er zu, dass in manchen Ländern nur im Internet die heißen Eisen angepackt würden. „Mir sagte jemand, in Russland kann man über alles schreiben, von zwei Themen aber soll man die Finger lassen: Tschetschenien und Korruption.“ Nur in russischen Internetforen könne darüber diskutiert werden. Ähnliche Erfahrungen hat auch Charles Onyango-Obbo gemacht, der geschäftsführende Redakteur für Konvergenz und neue Medien der kenianischen Nation Media Group. „In ganz Ostafrika findet keine ernsthafte Diskussion über den riesigen Einfluss der Telefongesellschaften statt.“ Nur im Internet werde berichtet, weil einzig die Blogger nicht von den Werbezuwendungen der Unternehmen abhängig sind.

    Ein Segen für die Pressefreiheit ist das Internet vor allem in Ländern, in denen die freie Meinungsäußerung unterdrückt wird, fasste Alan Robles zusammen, Herausgeber des philippinischen Online-Magazins www.hotmanila.ph und einziger tatsächlicher Internetjournalist der Runde. „Um Informationen außer Landes zu bekommen, ist das Netz tatsächlich sehr nützlich“, meinte Robles. Die Regime von Weißrussland, Burma, China, Kuba, Ägypten, Äthiopien, Iran, Nordkorea, Saudi Arabien, Syrien, Tunesien, Turkmenistan, Usbekistan, Vietnam und Zimbabwe haben das begriffen: Sie haben sich durch repressive Maßnahmen hervorgetan und sind von Reporter ohne Grenzen zu „Feinden des Internets“ erklärt worden.

    Auch von der derzeitigen Krise in Tibet erfährt die Welt aus Mails von Augenzeugen, die es schaffen, die Große Chinesische Firewall des 21. Jahrhunderts zu durchbrechen. Um Informationen in die andere Richtung fließen zu lassen, also in autoritär regierte Länder hinein, dafür ist das Internet dagegen noch wenig nützlich. Denn nur die Elite hat in Ländern wie Burma oder Simbabwe Zugang zum Netz. Hier wird das Radio noch lange das wirkmächtigste Informationsmedium bleiben. Solange immer wieder neue Wege gefunden werden, die Störsender der Regierung zu überlisten.

    Von Christoph Mayerl