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    Lachen als Verheißung

    Das Thema Religion und Humor lässt sich von ganz unterschiedlichen Seiten betrachten. Zum einen kann die Religion Opfer eines unversöhnlichen Humors werden (etwa in der Außenperspektive einer religionskritischen oder auch antireligiösen Haltung, bei der religiöser Glaube regelmäßig Gegenstand des Spotts ist), zum anderen kann Humor der Religion dienen, wenn etwa in typischen Witzen die Essenz des Glaubens aufscheint. Schließlich fallen in der Freude des christlichen Glaubens Religiosität und lebensbejahender Humor zusammen und bilden so ein Gegenkonzept zur zynischen Spaßgesellschaft.

    Gottes Bodenpersonal wird von Karnevalisten gern verspottet. Kein Problem, solange Gott selbst nicht respektlos behandel... Foto: dpa

    Das Thema Religion und Humor lässt sich von ganz unterschiedlichen Seiten betrachten. Zum einen kann die Religion Opfer eines unversöhnlichen Humors werden (etwa in der Außenperspektive einer religionskritischen oder auch antireligiösen Haltung, bei der religiöser Glaube regelmäßig Gegenstand des Spotts ist), zum anderen kann Humor der Religion dienen, wenn etwa in typischen Witzen die Essenz des Glaubens aufscheint. Schließlich fallen in der Freude des christlichen Glaubens Religiosität und lebensbejahender Humor zusammen und bilden so ein Gegenkonzept zur zynischen Spaßgesellschaft.

    Gerade in den letzten Jahren ist zum Spott über Religion viel geschrieben worden (Stichwort: Mohammed-Karikaturen). Dass Religion zum Gegenstand von Satire wird, gilt auch und gerade im Karneval, in dem das katholische Bewusstsein kurz vor der Fastenzeit mit dem menschlichen Bedürfnis nach ausgelassener Freude eine ganz eigentümliche Symbiose eingeht. Denn es bietet sich im Karneval nicht nur die vorerst letzte Möglichkeit zum Genussmittelkonsum, sondern vor allem auch die Gelegenheit zur Abrechnung mit weltlicher und kirchlicher Obrigkeit. Zwischen „Helau“ und „Alaaf“, zwischen Alt und Kölsch wird dabei mal mehr und mal weniger geschmackvoll über „Gott und die Welt“ gewitzelt. Geht das? Sicher! Doch hier stellt sich die Frage: Wie weit darf das gehen? Dominikus Schwaderlapp, Weihbischof im Erzbistum Köln, der Karnevalshochburg schlechthin, hat dazu vor zwei Jahren (damals noch als Generalvikar) in der Zeitschrift „Christ und Welt“ eine Formel geprägt, die den Humor auf Respekt verpflichtet, den Respekt vor der Würde des Menschen und den Respekt vor Gott und dem Glauben: „Der Respekt, den ich jedem Menschen auf dieser Erde schulde aufgrund seiner unverlierbaren Würde, gilt in ungleich höherem Maße für Gott.

    Wo Gott nicht mehr respektiert wird, kommt am Ende der Mensch unter die Räder. Das zeigt die Geschichte. Wer dies nicht sieht und das Heilige selbst nicht anerkennt, sollte wenigstens gläubige Menschen respektieren und das, was ihnen am heiligsten ist, ihre Freundschaft mit Gott.“

    Was bedeutet das nun für den karnevalistischen Humor? Dass es, so Schwaderlapp, eine „rote Linie“ gebe, die auch der Büttenredner und die Gestalter von Umzugswagen nicht überschreiten dürfen: „Gott selbst“ sollte nicht „zum Gegenstand von Spott und Hohn“ werden. Das sei gleichsam eine neue „Qualität“, auch gegenüber der Darstellung kirchlicher Würdenträger „in verletzender oder auch ehrabschneidender Weise“. Letzteres, so deute ich Schwaderlapp, müsse man gerade noch tolerieren (also: erleiden) können. Werde jedoch Gott verlacht, verletze dies viele Menschen, die Gott lieben und die ihre eigene Würde als Menschen, ja, ihr Menschsein von Gott herleiten. Damit, so muss man es wohl im Dialog mit einer säkularen Welt weiterdenken, um das Problem der Gläubigen begreiflich zu machen, werden diese Menschen selbst in ihrer Würde verletzt.

    Es geht, um wieder Schwaderlapp zu zitieren, also nicht darum, die „Respektlosigkeit des Narren vor der Obrigkeit“ in Frage zu stellen, sondern die Respektlosigkeit vor Gott und den Menschen, denen Gott soviel bedeutet, dass sie ihr Dasein untrennbar an das Sein Gottes binden und nur dann in Würde leben können, wenn dieser würdestiftende Gott nicht selbst zur Zielscheibe von „Geschmacklosigkeit und Angriffen“ wird.

    Das gilt konfessionsübergreifend. Eine gute Kenntnis der Bedeutung von Symbolen, Riten und Glaubenssätzen ist daher als Karnevalist nötig, um nicht schon fahrlässig Menschen in ihrem Glauben so tief zu verletzen, dass eben nicht nur vermeintlich diffuse „Gefühle“ angegriffen werden, sondern die Würde des Menschen. Die wenig glaubwürdige „Ausrede“, man wisse ja nicht, was religiöse Menschen beleidige, da man selbst nicht religiös sei (die deswegen nicht glaubwürdig ist, weil zu oft zu genau und zu zielsicher ins „Schwarze“, also: ins Herz des Glaubenden, getroffen wird), kann also bei einem so wichtigen Thema wie der Menschenwürde nicht verfangen. Hier gibt es für die- oder denjenigen eine Pflicht zur Information, die oder der den Witz macht. Sie oder er muss nach besten Kräften zuvor in Erfahrung zu bringen versuchen, welche Wirkung ein Witz hat, bei dem religiöse Überzeugungen thematisiert werden. Der Witz ist jedoch auch eine Ausdrucksform des Religiösen selbst, etwa in Gestalt des berühmten jüdischen Witzes oder auch die Tradition des risus paschalis, des Osterlachens in der katholischen Liturgie der Osternacht, ein Brauch, der leider etwas in Vergessenheit geraten ist. Doch wird in der Bibel das Lachen überhaupt thematisiert?

    Man muss die Stellen, an denen in der Bibel gelacht wird, mit der Lupe suchen. Von Sara, der Frau Abrahams, heißt es, sie habe angesichts der unerwarteten Schwangerschaft gesagt: „Gott ließ mich lachen; jeder, der davon hört, wird mit mir lachen“ (Gen 21, 6). Ausgerechnet im Buch Hiob gibt es an zwei Stellen Grund zum Lachen: „Über Verwüstung und Hunger kannst du lachen, von wilden Tieren hast du nichts zu fürchten“ (Hi 5, 22) und: „Mit Lachen wird er deinen Mund noch füllen, deine Lippen mit Jubel“ (Hi 8, 21). Das Lachen erleichtert, befreit und gibt Kraft. Und der Psalmist singt es in die Welt hinaus: „Da war unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Jubel. Da sagte man unter den andern Völkern: ,Der Herr hat an ihnen Großes getan.‘“ (Ps 126, 2). Lachen als Ausdruck der Dankbarkeit. Der Prediger Koholet rückt die fröhlichen Verhältnisse wieder zurecht, wenn er sagt, es gebe „eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz“ (Koh 34). Aber immerhin, auch bei ihm gilt: Es gibt eine „Zeit zum Lachen“ und eine „Zeit für den Tanz“. Wäre Koholet Kölner gewesen, gäbe es sicher auch eine „Zeit zum Schunkeln“. Und im Evangelium, der Guten Nachricht, der Frohen Botschaft? Es wird zwar von freudigen und sicherlich auch feucht-fröhlichen Ereignissen berichtet (bei der Hochzeit zu Kana geht schließlich nicht der Hagebuttentee aus, sondern der Wein), aber dass von Jesus gesagt würde, er habe mal lauthals gelacht – nein, das wird nicht überliefert. Doch in den Seligpreisungen des Lukasevangeliums wird immerhin das Lachen in Aussicht gestellt für die, die jetzt weinen: „Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen“ (Lk 6, 21). Das Lachen als Verheißung ist der Kern des christlichen Frohsinns.

    Religion gilt jedoch vielen, die sich selbst als nicht-religiös bezeichnen, als völlig humorlos. Manchmal ist die angebliche Humorlosigkeit sogar der Grund für die Abkehr vom Christentum. Wer Religion und Glauben nur aus der medialen Rezeption kennt, womöglich gar nur aus fiktionalen Beiträgen, der muss sie auch für humorlos halten. Eine Studie der Göttinger Literaturwissenschaftlerin Claudia Stockinger aus dem Jahr 2012 hat die Rolle der Religion im „Tatort“ untersucht und dabei festgestellt, dass Humor und Glaube in den Augen der Tatort-Macher als inkompatibel gelten. In ihrer Festrede zur Verleihung des Bad Herrenalber Akademiepreises unter dem Titel „Wo Religion beginnt, endet der Humor“ (ein Zitat des Münsteraner Tatort-Kommissars Thiel) führte Stockinger aus, dass es im „Tatort“ einerseits als problematisch gilt, offen über Religion zu spotten, dass andererseits der Religion selbst keinerlei eigene Humorpotenziale zugebilligt werden: „Lachen will die Fernsehkrimi-Reihe den Themen Religion, Glaube oder Kirche nicht zugestehen.“ Also: Religion ist humorlos, entsprechend humorlos muss man sie auch darstellen und darf nur in Ausnahmefälle über religiöse Vollzüge lachen (lassen). Soweit die Fiktion der Tatort-Macher, die wirkmächtiger ist als jede theologische Abhandlung über Humor, Witz und Freude in den Weltreligionen es je sein könnte. Der Tatort wird von zehn Millionen Menschen geschaut, einen Fachaufsatz lesen weit weniger Menschen. In der Regel nicht mal zehn.

    Dennoch sollte man über Humor und Religion reden. Auch innerhalb katholischer Fachdebatten. So, wie im Oktober 2016 auf einer Tagung in Heiligenkreuz (die DT berichtete unter dem vielsagenden Titel: „Humor in dieser, Freude in der kommenden Welt“). Damit zeigt sich die Bedeutung des Humors – für die Religion, für die Kirche. Aber auch für den einzelnen Christen. Wir kommen zur Freude des Glaubens, der Quintessenz des christlichen Humors.

    Eine Betrachtung des Themas Humor in der Religion kann maßgebend werden für eine Differenzierung von Spaß und Freude, wie sie bereits bei Henri Bergson angelegt ist. Die Freude des Glaubens, die Freude am Glauben ist etwas anderes als „Spaß haben“. Was hier und heute als Humor gilt, hat mit dem eigentlichen Gedanken, komische Situationen mit verspielter Leichtigkeit konsequent zu Ende zu führen (etwas, das Stan Laurel und Oliver Hardy ebenso beherrschten wie Monty Python oder Loriot) oft nicht mehr viel zu tun. Die feinsinnige Heiterkeit, die sich in Szenen von grotesk konstruierter und gerade dadurch als alltäglich erkennbarer Realität offenbarte, ist längst dem „Feuerwerk an Gags“ gewichen, oft auch der gezielten Provokation, die nicht selten in kalauernde Geschmacklosigkeit abgleitet. Mit verbaler Brachialgewalt werden Menschen verhöhnt – und darüber soll dann gelacht werden. Wir leben in einer oberflächlichen Spaßgesellschaft, in der man sich vornehmlich über Andere lustig macht. Im christlichen Glauben geht es hingegen darum, sich mit Anderen zu freuen. Das gemeinsame Lachen befreit, das Lächerlich-machen des Anderen beklemmt.

    Das Lachen der Religion, das Lachen des Christentums ist ein „verheißendes Lachen“ (Werner Thiede), ein Humor, der Schwierigkeiten überwinden hilft, denn in ihm sind „Nachklänge des Paradieses“ (Fritz Blanke) geblieben. „Lachen gehört unlösbar zum christlichen Glauben und es ist ein Ausdruck der Freude am Leben und auf das, was uns danach erwartet“, so Gerhard Feige, Bischof von Magdeburg.

    Große Heilige sind durch solch eine erwartungsvolle Fröhlichkeit aufgefallen. Die Mystiker besaßen bei aller Strenge und Ernsthaftigkeit der Kontemplation einen weisen Witz: Meister Eckhart und Heinrich Seuse, Teresa von Avila und Katharina von Siena. Und natürlich kennen wir so humorvolle Heilige wie Johannes Bosco oder Philipp Neri, die ihre Glaubensfreude vor allem an die kommende Generation weitergaben. Ihr Lachen war ansteckend.

    Aber auch bedeutende Glaubensvorbilder unserer Zeit haben trotz ihrer alles andere als lustigen Lebensumstände ihr Lachen nicht verloren. Ob Dietrich Bonhoeffer oder Alfred Delp, der selbst auf dem Weg zu seiner Hinrichtung nicht um einen tiefsinnigen Scherz verlegen war. Er fragte den Pfarrer, der ihn begleitete, was es denn von der Front Neues zu berichten gebe. Der Gefragte wusste dazu nichts zu sagen, woraufhin Delp nur meinte: „In einer halben Stunde weiß ich mehr als Sie!“. In solchen Grenzsituationen zeigt sich, dass die christliche Freude der Auferstehungshoffnung dem Heidenspaß weit überlegen ist, denn sie zielt auf eine erhabene und ernste Wirklichkeit, von der aus man humorvoll auf die Welt blicken kann. Gott wird zum Garanten des Humors: „Wir können nur darum lachen, weil wir etwas wissen, über das es nichts mehr zu lachen gibt“ (Sigismund von Radecki). Und: „Wer das Ganze überblickt“ – und diesen Anspruch erhebt die Religion – „der kann es sich gestatten, das Krause, Verkehrte und Schiefe in dieser Welt mit gelassenem Humor zu betrachten und gelegentlich darüber herzhaft zu lachen“ (Paul Claudel).

    Der Humor nimmt der Religion nichts von ihrem tiefen Ernst. Das Leben ernst nehmen – das hat nichts mit Humorlosigkeit zu tun. Umgekehrt bedeutet es nicht, dass der Humorist die Welt und den Menschen nicht ernst nimmt. Das nun gerade nicht. Es ist nur so, dass er meint, ihm bliebe keine andere Ausdrucksform übrig, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. Aber um die geht es ihm genauso wie dem Soziologen, der über sie forscht oder dem Journalisten, der von ihnen berichtet. Gerade der Glaube macht wachsam für Dinge, die schief laufen. Darauf mit zeitkritischem Humor zu reagieren, wie er im Karneval zu erleben ist, das ist im besten Sinne christlich. Oberflächlichen Spaß auf Kosten Anderer, womöglich Schwächerer, gibt es im Christentum hingegen nicht.

    Vor allem jedoch ist es die tiefe Glaubensfreude, die sich in der Osternacht zum erlösenden Lachen verdichtet, die das Thema Humor in die christliche Religion einträgt. Die Freude der Auferstehung ist kein Gag und kein Späßchen, sondern eine Wirklichkeit, aus der heraus das Leben mit Humor und Gelassenheit geführt werden kann. Darum gilt, was der Katholik Martin Luther sagte: „So viel Glauben du hast, so viel Lachen hast du.“