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    Kunst, Krach und Konkurrenz

    Kulturpolitische Debatten gelten weder als die großen Aufreger noch als Publikumsmagneten. Ganz anders vergangene Woche in Frankfurt: Bis auf den letzten Platz besetzt war der Saal im Haus am Dom, als unter dem Titel „Moderne Kunst für alle?!“ über die Frankfurter Museumspolitik gestritten wurde. Zwischen Vertretern von Kunstinstitutionen, der Politik und Zuhörern trat an dem Abend ein handfester Familienkrach zutage, der schon länger in Frankfurt schwelt und bei dem es um die Sammelpolitik zweier Häuser geht: Der Konkurrenz von Städel-Museum, Frankfurts traditionsreicher Gemäldegalerie, und dem Museum für Moderne Kunst (MMK) beim Erwerb zeitgenössischer Werke.

    Kulturpolitische Debatten gelten weder als die großen Aufreger noch als Publikumsmagneten. Ganz anders vergangene Woche in Frankfurt: Bis auf den letzten Platz besetzt war der Saal im Haus am Dom, als unter dem Titel „Moderne Kunst für alle?!“ über die Frankfurter Museumspolitik gestritten wurde. Zwischen Vertretern von Kunstinstitutionen, der Politik und Zuhörern trat an dem Abend ein handfester Familienkrach zutage, der schon länger in Frankfurt schwelt und bei dem es um die Sammelpolitik zweier Häuser geht: Der Konkurrenz von Städel-Museum, Frankfurts traditionsreicher Gemäldegalerie, und dem Museum für Moderne Kunst (MMK) beim Erwerb zeitgenössischer Werke.

    Das Thema erregt die Gemüter in der Kulturszene, seit dem Städel der Neubau für die Foto-Kunstsammlung der DZ-Bank zugesagt ist. Denn Fotografie wurde bis dahin vor allem am MMK gesammelt. Auch die jüngsten Neuerwerbungen des Städels, Arbeiten von Peter Roehr und Thomas Bayrle, stammen von Künstlern, von denen das MMK vor Ort bereits umfangreiche Werkgruppen besitzt.

    Kritik, das Städel solle sich auf die alten Meister konzentrieren, für das es ja bekannt ist, und die Gegenwart dem Museum für Moderne Kunst überlassen, weist Max Hollein, Leiter von Städel und Schirn, indes zurück. „Hätten wir nicht so eine starke zeitgenössische Kunstpraxis“, sagte der Städel-Direktor, „würden uns alle fragen: Was ist denn bei Euch los?“ Auch Heike Hambrock, Grünen-Kulturpolitikerin im Römer, unterstreicht: Gemäß dem Auftrag seines Stifters habe das Städel schon immer „Kunst vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ gesammelt. Mit Blick auf die Moderne habe die Stadt 2003 das Städel sogar per Vertrag zu „verstärkter Erwerbungspolitik“ verpflichtet, um eine Lücke auszugleichen, die durch den Kunstraub des NS-Staats entstanden ist.

    Dennoch hat die Sache einen Beigeschmack: Ein Teil der Kunstszene empfindet die Ankaufspolitik des Städels als einen Übergriff auf die Hoheit des MMK. Als eine „Politik der Nadelstiche“, bei der es nicht nur um Konzepte geht, wie der Publizist Thomas Wagner sagt. Zumal sich das MKK derzeit im Umbruch befindet: Leiter Udo Kittelmann geht im November nach Berlin und wird zum Direktor der Nationalgalerie. Ein Nachfolger ist noch nicht bestellt.

    Dass kein MMK-Vertreter auf das Diskussionspodium geladen war, bezeichnete Wagner zudem als Skandal – und das Publikum gab ihm mit seinem Beifall Recht. Immerhin saß Kittelmann unter den Zuhörern und meldete sich aus dem Publikum zu Wort. Er klagte, das Städel nehme bei der Erweiterung zur aktuellen Kunst keine eigene Perspektive ein, sondern sammle bloß „im Fahrwasser des MMK“. Doch nach welchen Kriterien soll die Sammlungspolitik denn aufeinander abgestimmt werden? Auch der geballte Kunstsachverstand auf dem Podium stand der Frage ratlos gegenüber. Nach dem Trennenden gefragt, konnte auch Daniel Birnbaum, der als Direktor der Städelschule der jungen Szene am nächsten ist, nicht recht weiterhelfen.

    Mit Blick auf die zeitgenössische Kunst ringen Museen weltweit um die passenden Maßstäbe, weil sich die jüngste Kunst mehr und mehr jeder Einordnung entzieht. „Es gibt keine ,Ismen‘ mehr“, unterstrich Publizist Wagner. Sogar Moderne und Avantgarde gelten inzwischen mehr als historische Begriffe als dass sie noch zur Kategorisierung zeitgenössischer Arbeiten dienten.

    Zugleich mag heute aber kaum ein Museum darauf verzichten, in seiner Schau kunsthistorische Linien zu ziehen und Vergleiche anzustellen. Doch eben das setzt einen gewissen Bestand an alten und neuen Werken in den Häusern voraus. Verständnislos reagierte Städel-Direktor daher auf eine Frage Wagners: „Warum müssen Sie einen Peter Roehr haben, wenn das MMK eine ganze Werkgruppe besitzt?“, wollte der Publizist wissen. „Und warum hat das MMK genau wie wir Werke von Bacon oder Yves Klein? Warum dürfen wir nicht einen Roehr haben?“, hielt Hollein dagegen.

    Auch im Kampf um Publikum und Sponsoren gelten zeitgenössische Werke als unverzichtbar: Vor allem Sponsoren folgen gerne dem jungen Image jener Häuser, die sich mit moderner Kunst schmücken. Hollein sagt, er jedenfalls werde sich hüten, „die Ankäufe der letzten 30 Jahre im Keller zu verstecken, weil uns einer das Altmeister-Image anhängt.“

    Kulturdezernent Felix Semmelroth, CDU, will indes keine Konkurrenz zwischen den Instituten. Für ihn macht „die Unterschiedlichkeit der beiden Häuser den Reichtum“ aus. Immer wieder schwärmte der Kulturdezernent auch von der Vielfalt in der Frankfurter Museumslandschaft – der Kunst, der Museen, der Ausstellungen. Froh über die versöhnliche Kraft dieser Begriffe kamen die Teilnehmer des Podiums rasch überein, dass „Vielfalt und Unterschied“ doch den künftigen Weg der Frankfurter Museen beschreiben könnten.

    Es war Chus Martínez vom Kunstverein am Römerberg, die sich ebenfalls aus dem Publikum meldete und aufzeigte, wie beliebig diese Worthülsen sind. Mit ihrem scharfsinnigen Einwurf hinterfragte die Kunstverein-Direktorin, was denn mit Vielfalt gemeint sei? Die Idee dahinter fehle. Sie rief dazu auf, sich an den Fragen zu orientieren, die auch nach dem Wegfall der -Ismen geblieben seien – etwa, was ist Geschichte? Es sei das Spezifische der Museen zu entscheiden, welche dieser Fragen sie für ihre Perspektive angehen wollten. Martínez betonte zudem, dass jedes Museum seinen sozialen Raum habe. Dass es in Frankfurt nicht gelinge, „zusammen eine Vision zu entwickeln“, dass man sich bei „einem kleinlichen Streit über das MMK und das Städel“ aufhalte, lasse erkennen: „Wir wissen nicht, was wir alles haben.“ Mit wieviel Herzblut die Debatte von den Beteiligten ausgefochten wird, zeigt die Konsequenz, die die 36-Jährige ziehen will. Nach dem Ende der Veranstaltung sagte sie zu den Umstehenden, sie werde ihren Vertrag am Jahresende nicht verlängern. „Ich gehe, weil mir die Entwicklung hier nicht passt.“

    Doch trotz allen Streits wurde im Haus am Dom der Anfang eines spannenden Diskurses gemacht: Denn öffentlich zu hinterfragen, welches Museum welche Aufgabe hat und mit welcher Perspektive sammeln soll, mag zwar unbequem für die Verantwortlichen sein, weil das klare Entscheidungen fordert. Aber für die Zukunft der Museen und ihren Anspruch kann es nur gut sein, sich daran zu reiben, wie sich zeitgenössische Kunst fassen lässt und in den verschiedenen Häusern dem Publikum vermittelt wird. „Die Plattform ist eröffnet“, hat Joachim Valentin, der Direktor des Hauses am Dom, treffend die Veranstaltung geschlossen. Weitere sollen folgen.

    Von Uta Jungmann