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    Kritik am System ist möglich

    Allein der Katalog ist überwältigend. Das ist aber vor allem auch das überragende Ausstellungsprojekt chinesischer Kunst in neun Museen in acht Städten. Die Schau an Rhein und Ruhr informiert umfassend über die chinesische Gegenwartskunst und belegt das atemberaubende Tempo, mit dem sich der Strukturwandel in China auf allen Gebieten des kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens vollzieht. Anders als der Künstler Ai Weiwei, von dem sonst immer im Westen die Rede ist, können die Kunstschaffenden auf den Gebieten der Malerei, Zeichnung, Kalligrafie, Installation, Skulptur oder Video in China frei agieren und ihre Werke ausstellen. Alle diese Gebiete der Kunst von 120 Künstlern mit 500 Werken sind im Ruhrgebiet vertreten. Skulpturen im Duisburger Lehmbruck Museum, Installation und junge Kunst im Kunstmuseum Mühlheim an der Ruhr, Tuschemalerei und Kalligrafie im Kunstmuseum Gelsenkirchen, junge und kritische Künstler sind in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen, die etablierte Malerei stellt das MKM Museum Küppersmühle in Duisburg aus. Dann gibt es noch Videokunst im Skulpturenkasten Marl zu sehen, das Osthaus Museum Hagen präsentiert die Paradigmen der angewandten Kunst und das Museum Folkwang in Essen stellt aktuelle Fotografie aus. Schirmherr ist der Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Sigmar Gabriel.

    Kritik am Kommunismus: Auf dem Ölgemälde „View, review“ (Blick, Rückblick; 2010) von Huang Min betrachten chinesische To... Foto: Wienand

    Allein der Katalog ist überwältigend. Das ist aber vor allem auch das überragende Ausstellungsprojekt chinesischer Kunst in neun Museen in acht Städten. Die Schau an Rhein und Ruhr informiert umfassend über die chinesische Gegenwartskunst und belegt das atemberaubende Tempo, mit dem sich der Strukturwandel in China auf allen Gebieten des kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens vollzieht. Anders als der Künstler Ai Weiwei, von dem sonst immer im Westen die Rede ist, können die Kunstschaffenden auf den Gebieten der Malerei, Zeichnung, Kalligrafie, Installation, Skulptur oder Video in China frei agieren und ihre Werke ausstellen. Alle diese Gebiete der Kunst von 120 Künstlern mit 500 Werken sind im Ruhrgebiet vertreten. Skulpturen im Duisburger Lehmbruck Museum, Installation und junge Kunst im Kunstmuseum Mühlheim an der Ruhr, Tuschemalerei und Kalligrafie im Kunstmuseum Gelsenkirchen, junge und kritische Künstler sind in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen, die etablierte Malerei stellt das MKM Museum Küppersmühle in Duisburg aus. Dann gibt es noch Videokunst im Skulpturenkasten Marl zu sehen, das Osthaus Museum Hagen präsentiert die Paradigmen der angewandten Kunst und das Museum Folkwang in Essen stellt aktuelle Fotografie aus. Schirmherr ist der Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Sigmar Gabriel.

    „China 8 – Zeitgenössische Kunst aus China an Rhein und Ruhr“ heißt die Ausstellung, wobei „Zeitgenössische Kunst“ keineswegs das bedeutet, was man bisher damit zumeist verbunden hatte; und das ist das eigentlich Überraschende. Zeitgenössisch ist eben nicht mehr das ausschließlich Systemkritische der Künstler wie in den vergangenen Jahrzehnten, in denen die kommunistische Politik, falsche Stadtentwicklungen oder der Verlust der Tradition bemängelt wurden. Die chinesische Kunst ist in der globalisierten Gegenwart angekommen und versteht sich auf Augenhöhe mit der westlichen. Dabei ist China mehr denn je zur Phantasie des Westens geworden und prägt mit seinen Produkten unseren Alltag. Der chinesische Kunstkritiker Sun Dongdong stellte 2014 fest, dass die zeitgenössische Kunst in China eigentlich erst 2008 begonnen habe mit der Künstlergeneration, die sich nicht mehr an den Sozialismus der frühen Jahre erinnert und im Untergrund aufgewachsen war. Vielmehr fühle sich die heutige Generation frei, ihre Werke zu schaffen, ohne sich auf die Traumata der chinesischen Gesellschaft zu beziehen. „Darin“, so heißt es in einem der Katalogtexte, „unterscheidet sich diese Generation, die gelegentlich als apolitisch oder postideologisch gesehen wird, jedoch nicht von anderen. Paradoxerweise arbeiten in China, wo die Zukunft immer unsicher gewesen ist, zahlreiche Künstler ohne die Last der Erwartungshaltung, ihre Werke müssten etwas anderes sein als das, was wir uns für alle Kunstwerke wünschen: bedeutend, bezeugend und bezaubernd.“

    Gerade auch die Ebene der Bedeutung ist eine ganz andere als die in der westlichen Kunst. Was in Gelsenkirchen an Tuschemalerei und Kalligrafie zu sehen ist, wirkt teils sehr modern, aber auch die Anknüpfungen an die mehr als 2 000 Jahre alte Tradition sind spürbar. Diese Kunstformen gehören zu den ältesten der Welt, wurden aber im 20. Jahrhundert zunehmend durch den westlichen Einfluss in Frage gestellt. Der gravierende Unterschied liegt darin, dass die westliche Kunst auf Mimesis beruht, auf detailgetreuer Wiedergabe der Natur, unter den Stichworten Nachahmung oder Ebenbildlichkeit. Die chinesische Malerei hingegen, die auch die asiatische weitgehend beeinflusst hat, legte mehr Wert auf das „Einfangen der geistigen Authentizität der Welt“, wie es im Katalog erklärend formuliert ist. Überzeitlichkeit des Motivs und Tradition spielten in China eine untergeordnete Rolle, eher die Präsenz des Augenblicks, die im Westen weniger entscheidend ist. Auch ist das Entwickeln eigener Vorstellungen in China immer schon wichtiger als dem Meister zu folgen, was die europäische Kunsttradition eher kennzeichnet. Die Vermischung von Altem und Neuem spielt heute in dem Land eine große Rolle, das Marktwirtschaft ohne Demokratie versucht, etwa in der Darstellung eines Autos in Porzellan, das in seinem hellen Blau und den vielen kleinen Rissen an alte chinesische Vasen erinnert. Das Auto „New China Series Car No.1“ (2009) ist von dem 1974 geborenen Ma Jun angefertigt, der in Peking lebt. Seine Serie „New China Series Coca-Cola Bottles“ (2006) erinnert ebenfalls in der weißen Farbe mit blauen Blumenornamenten an die klassische chinesische Porzellankunst.

    Eine andere Verbindung von Klassik und Moderne gibt es mit dem 1957 geborenen Li Luming, der ebenfalls in Peking lebt. Er greift auf das traditionelle Motiv der Wolken und Berge in der chinesischen Tuschemalerei zurück und malt junge Läufer im Schüleralter bei der Staffelübergabe; sie bewegen sich schemenhaft zwischen Wolken und scheinen selbst ätherisch zu wirken, wie die Personen auf frühen Bildern von Gerhard Richter. „Sea-striped Shirt“ (2011) ist der Titel des Bildes und es gehört zu den anderen von ihm ausgestellten Bildern mit Motiven aus seiner Kindheit, die er mit Mitteln der Tuschemalerei aus den 50er und 60er Jahren gemalt hat.

    „On the run“ (Im Lauf, 2010) von Su Xinping kreist, wie seine anderen Werke auch, um die Bedrohung des Menschen in der Moderne. Die Menschen strahlen bei ihm nur einen Hoffnungsschimmer aus zwischen Desolation und Überlebenswillen. Er spielt auf die Kraft an, das Leben trotz aller Widrigkeiten fortzusetzen. Über die Riesengemälde von Xu Longsen heißt es im Katalog, der öffentliche Raum übe Druck auf die Künstler aus. „Gleichzeitig hat die Erfahrung des gestischen Malens des mit dem Körper auf- und abbewegten Pinsels etwas Katzbuckelndes, etwas Geducktes. In dieser Weise, so scheint es, visualisiert die postindustrielle Gesellschaft die Dinge.“

    Ein an den Ausstellungsorten immer wiederkehrendes Thema ist die Urbanisierung, in der besonders die Konflikte zwischen westlicher und chinesischer Kunst empfunden werden. „Deshalb hat die chinesische Kunst“, heißt es im Katalog, „in den vergangenen rund 30 Jahren nicht nur den ,Schock des Neuen‘ durchlebt, sondern auch einen ,Schock aus dem Westen‘ und ist damit in einem Prozess des ,globalen Schocks' eingetreten.“ So hat Zhang Lujang im Stil traditioneller Tuschemalerei eine Stadt gemalt, die von Wolkenkratzern und Bürohochhäusern umgeben ist; gemalt ist das Bild mit Öl auf Leinwand.

    Entlarvend wirken auch die Bilder in Spritztechnik des 1984 geborenen Xiao Xiao, der aus dunklem Innenraum moderner Appartements heraus vor deren Fenstern Wolkenkratzer abgebildet hat. Bei diesem Bildern, die wie Fotos wirken, wird deutlich, dass es keinen Unterschied mehr zwischen Außen und Innen in der formalistischen Abstraktheit des Lebens gibt; alles wirkt gleichermaßen in geometrischen Linien und Rechtecken. „Rationale Realität“ nennt er die Stadt als Wohnmaschine.

    Ist der vielfache Rückblick der Künstler auf traditionelle Stilmittel bereits Kritik am gegenwärtigen politischen System, so ist diese Kritik immerhin ganz offen möglich, wie das Werk des 1963 geborenen Fang Lijun belegt. Seine aus Porzellan angefertigten umstürzenden Paletten von „Mao-Bibeln“ steht für ein Gesellschaftssystem, das bröckelt. Zugleich soll die Bücherpalette auch an die alten Tempel erinnern – das Alte wie das neue sei dem Verfall ausgeliefert.

    Zu den schillerndsten Vertretern der chinesischen Gegenwartskunst gehört der 1962 geborenen und in Peking lebende Yue Min Jun, der mit seinen immer lachenden Selbstporträts, Skulpturen und Bildern, weltweit Aufsehen erregte. In Recklinghausen ist seine Stahlskulptur ausgestellt, er selbst schallend lachend in der Hocke, der sich mit den Händen an den Kopf fasst. Das Lachen ist verschlüsselte Gesellschaftskritik, weniger Zeichen eines Glücksempfindens, sondern eher Ausdruck einer hysterischen Verzweiflung. Auch die absurd heile Welt der Werbung will Yue mit seinem Lachen vor Augen führen.

    Die Ölmalerei ist noch jung in China, sie wurde im 19. Jahrhundert durch Missionare eingeführt, wie der Katalog hervorhebt. Die Malerei ist zu einem wesentlichen Ausdrucksmittel der chinesischen Gegenwartskunst geworden, mit der auch die klassische Tuschemalerei und Kalligrafie reflektiert werden. Es gibt auch chinesische Maler, die in Deutschland ihre Kunst gelernt haben. Der 1959 geborene Mon Huan studierte in Düsseldorf bei Klappheck und Immendorf. Seine Landschaftsbilder hinterfragen ihre Schönheit und Funktionalität und wollen ihre Wahrheit enthüllen. Noch immer klingt den heutigen Künstlern das „Die Kunst soll dem Volk dienen“ der Kulturrevolution in den Ohren. Umso wichtiger ist es ihnen, ihre Wurzeln zu befragen und auf welchen Untergrund diese gewachsen sind. Mons Acrylbild „Cooling Tower No. 2“ (2014) zeigt den Umriss eines weinroten Kühlturms vor schwarzem Hintergrund, was eher auf Hitze als auf Kühlung verweist.

    Explizit religiöse Kunst ist in dem Ausstellungsprojekt nicht vertreten, wohl aber Anspielungen auf Religion. So bei dem Künstlerkollektiv MA DAHA, was soviel wie „Wirrkopf“ bedeutet und eine Verwandtschaft mit dem europäischen Dada haben soll. Die Künstler sehen sich als glaubensorientiert oder religiös, was aber nicht ernst gemeint zu sein scheint, eher im Sinne der „Anbetung des Kohlrabi“, wie es heißt. In der Mitte eines Bildes der Gruppe ist die berühmte Szene aus der „Erschaffung Adams“ von Michelangelo zu sehen, wobei aber nicht Gott den Finger Adams berührt, sondern offenbar das Malerkollektiv. Außen herum im Oval sind Personen abgebildet, die alle Smileys vor dem Gesicht haben. „Alles was existiert ist ein Gedanke im Bewusstsein von MA DAHA“ (2015) nennt sich das Bild, das den Menschen nicht mehr als von Konsum und Spektakel beeinflusst sehen will, sondern als Erweiterung, als Jenseits davon. Vielleicht doch religiöse Anklänge?

    Der 33 Jahre alte Shen Chaofang ist da eindeutiger. Er malte in einem dunklen Raum mit Fensterausschnitten wie Kirchenfenster eine Tafel mit elf Frauen in roten Kleidern. Auf dem Tisch stehen Karaffen, Kerzen und gefüllte Rotweingläser. Die Kerzen flackern durch einen unerklärlichen Windhauch und auch die elf Chinesinnen blicken ängstlich und verschreckt, was wohl gerade geschieht. Offenbar erwarten sie jemanden. Abgesehen davon, dass hier das Motiv mit Frauen dargestellt ist, eine interessante Variation christlicher Bilder der Abendmahlstradition, hier als Videobild mit dem Titel „Framed“ (Umrahmt, 2011).

    Was die Ausstellung eindringlich zeigt, ist die künstlerische Unabhängigkeit der Ausstellenden vom chinesischen System. An Rhein und Ruhr lässt sich konkret nachvollziehen, was in China heute möglich ist und auf welchem Weg das Land in eine größere Freiheit ist, als sie noch vor kurzem für möglich gehalten wurde.

    – Die Ausstellung „China 8“ in acht Städten geht bis zum 13. September, genauere Angaben unter china8.de

    – Katalog: „China 8“. Herausgegeben von Walter Smerling, Tobia Bezzola, Ferdinand Ullrich, Wienand Verlag, Köln 2015, 496 Seiten, gebunden mit 316 farbigen Abbildungen, EUR 49,80