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    Kriminalfälle im Schatten von St. Peter

    Als im Jahre 1930 der erste Täter in der Vatikanstadt seine Haftstrafe abzusitzen hatte, musste er in einer provisorischen Zelle bei der „Zecca Pontificia“ der ehemaligen päpstlichen Münzanstalt, untergebracht werden. Der Delinquent, Gino de Paolis, hatte mit einem Stock, an dem ein Stück Seife befestigt war, Münzen aus den Opferstöcken der Peterskirche „geangelt“ und war deswegen zu 90 Tagen Gefängnis verurteilt worden.

    Der erste Häftling des Vatikanstaates im Jahre 1930, eskortiert von zwei päpstlichen Gendarmen. Foto: Nersinger

    Als im Jahre 1930 der erste Täter in der Vatikanstadt seine Haftstrafe abzusitzen hatte, musste er in einer provisorischen Zelle bei der „Zecca Pontificia“ der ehemaligen päpstlichen Münzanstalt, untergebracht werden. Der Delinquent, Gino de Paolis, hatte mit einem Stock, an dem ein Stück Seife befestigt war, Münzen aus den Opferstöcken der Peterskirche „geangelt“ und war deswegen zu 90 Tagen Gefängnis verurteilt worden.

    Die Bombe war nicht aus Eisen, „nur“ aus Messing

    Signor de Paolis bekam das gleiche Essen wie die Gendarmen, rauchte ihre Zigaretten und spielte, wenn kein Offizier anwesend war, mit seinen Bewachern Karten. Als er nach seiner Entlassung in ein römisches Gefängnis überführt wurde, wo er noch eine ausstehende italienische Haftstrafe zu verbüßen hatte, schrieb er schon nach wenigen Tagen an die Päpstliche Gendarmerie: „Wenn ich doch wieder zu Euch kommen könnte! Bei Euch war ich so glücklich!“ Es waren größtenteils kleine Delikte, mit denen die vatikanischen Gesetzeshüter konfrontiert wurden. In der Basilika, den Museen und der Pinakothek hieß es, Taschendiebstähle zu verhindern und den illegalen Verkauf von Postkarten, Münzen und Devotionalien zu unterbinden. Manchmal wurden die Gendarmen auch mit der Aufklärung von Einbrüchen in der Vatikanstadt beauftragt; aber es waren nur wenige Fälle, die ihnen in den ersten Jahren nach der Staatsgründung gemeldet wurden. Die Einbrüche beschränkten sich zumeist auf das Postamt, aus dem Briefmarken verschwanden, auf das Münzkabinett, das den Verlust einiger wertvoller Sammlerstücke zu beklagen hatte, und auf Versuche, von den vielen Baustellen im Kirchenstaat Zement, Holz oder Metall zu entwenden. Dennoch, dem Vatikan sollten auch Kapitalverbrechen nicht erspart bleiben.

    Zum ersten großen Kriminalfall im neuen Kirchenstaat kommt es im Außerordentlichen Heiligen Jahr 1933. Am 25. Juni deponiert der Elektrotechniker Claudio Ciana gemeinsam mit seinem Vater Renato und einem gewissen Leonardo Bucciglioni eine „bomba ad orologeria“ (Zeitzünder) in der Vorhalle von St. Peter. Der Sprengsatz befindet sich in einem Reisekoffer, den Ciana dort aufgibt, wo die Regenschirme und Taschen der Kirchenbesucher verwahrt werden. Der Zeitzünder ist so eingestellt, dass die päpstlichen Gendarmen der Attentäter nicht mehr habhaft werden können. Zum Zeitpunkt der Explosion befinden sie sich bereits auf italienischem Boden. Die Bombe richtet keine großen Schäden an, Verletzte oder gar Tote sind nicht zu beklagen. Dennoch hat der Vorfall den vatikanischen wie italienischen Sicherheitsapparat in den Alarmzustand versetzt. Die Ermittlungen führt man von der italienischen Seite aus mit großem Aufwand. Aber erst in der Nacht des 9. Oktobers werden Claudio Ciana und seine Komplizen verhaftet. Sechs Monate später kommt ihr Fall vor ein italienisches Sondertribunal. Der 19-jährige Haupttäter wird zu 17 Jahren Gefängnis verurteilt. Seine Tat bezeichnet er als Aufbegehren gegen die Politik des Vatikans – um gegen die angebliche Favorisierung des faschistischen Regimes durch den Heiligen Stuhl zu protestieren. Mit dem Bombenattentat habe er die Gläubigen aufrütteln wollen, die zu Tausenden zum Heiligen Jahr nach Rom pilgerten. Später wird Ciana angeben, die Bombe bewusst nicht aus Eisen angefertigt zu haben, sondern „nur“ aus Messing. Die Bombe sei für ihn eine Demonstration gewesen; Menschen zu verletzen oder gar zu töten, habe nicht in seiner Absicht gelegen. Die Richter des Sondertribunals sahen dies anders.

    Der Sprengkörper von 1933 sollte nicht der einzige in der Geschichte des Vatikan- staates bleiben. Im Heiligen Jahr 1950 war kurz vor der Vigil des Weihnachtsfestes eine Bombe in St. Peter gefunden und entschärft worden.

    Auch die Cosa Nostra nahm den Kampf auf

    Am 14. Juli 1961 detonierte ein Sprengsatz in St. Peter und beschädigte die Statue von Klemens X. Knapp einen Monat vor der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils, am 22. September 1962, fand man zwei Brandsätze in St. Peter, einen in der Kapelle des Allerheiligsten Altarsakramentes, nahe bei den Tribünen der Konzilsaula, einen weiteren unterhalb der Statue des heiligen Andreas im Bereich des Papstaltars. In all diesen Fällen blieben Tatmotiv und Täter im Dunklen. Im Frühjahr 1993 besuchte Johannes Paul II. Sizilien. Bei einer Eucharistiefeier wandte sich der Papst unmissverständlich gegen das Organisierte Verbrechen. Der Papst wich von seinem Redemanuskript ab und rief sichtbar erzürnt : „Gott hat gesagt: Du sollst nicht töten. Kein Mensch, keine Menschenvereinigung, keine Mafia kann dieses hochheilige Gesetz Gottes ändern und mit den Füßen treten ... Im Namen Christi wende ich mich an die Verantwortlichen: Kehrt um! Eines Tages wird Euch das Jüngste Gericht Gottes einholen!“ Die Cosa Nostra schien die Worte des Pontifex als Kriegserklärung verstanden zu haben. In der Nacht zum 28. Juli 1993 explodierte acht Minuten nach Mitternacht vor der Lateranbasilika eine Autobombe; vierzehn Verletzte waren zu beklagen, darunter ein Beamter der päpstlichen Polizei, der den exterritorialen Besitz des Hl. Stuhles bewachte. Die Jesuitenzeitschrift „La Civilta Cattolica“ sprach von „einer Bombe für den Papst “.

    Kriminelles Verhalten legten mitunter sogar hochrangige Personen aus der unmittelbaren Umgebung des Pontifex an den Tag. 1958 hatte der Leibarzt Pius' XII., Prof. Riccardo Galeazzi-Lisi, geheim aufgenommene Fotografien vom Sterben seines hohen Patienten an die Presse verkauft. Die römische Ärztekammer leitete ein Disziplinarverfahren „wegen Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht unter dem erschwerenden Umstand gewinnsüchtiger Motive“ ein. Fälle von Dokumentendiebstählen gab es lange vor „Vatileaks“ – und gar nicht so selten. Schon in den vierziger Jahren hatte ein Archivar des Staatssekretariates, ein gewisser Monsignore Eduardo Prettner-Cippico, diversen Geheimdiensten vertrauliches Material zukommen lassen. Seine kurios anmutende Haft und Flucht aus dem Vatikan schildert Hansjakob Stehle in seinem Buch „Graue Eminenzen – dunkle Existenzen“: „Die päpstliche Polizei vollstreckte einen Haftbefehl Seiner Heiligkeit. In aller Stille wurde der überraschte Prälat in ein Turmzimmer der Apostolischen Bibliothek gesperrt, zwar komfortabel, mit viel Lesestoff ausgestattet, doch unter strenger Bewachung. Noch hatte sich nicht herumgesprochen, dass Prettner-Cippico in Ungnade gefallen war. Auch die Polizisten vor seiner Zimmertür wussten nicht, was dem geistlichen Herrn vorgeworfen wurde. Wie immer wirkte er ruhig und gelassen: Am Morgen des 3. März 1948 – vier Wochen saß er schon fest – bittet er höflich den Wachmann vor der Tür, er möge ihm doch behilflich sein, einen Stapel von Büchern aus der einen Ecke des Zimmers in die andere zu tragen. Buch nach Buch türmt Cippico dem wackeren Gendarmen auf die ausgebreiteten Arme – bis dessen Gesicht hinter dem Stapel verschwindet. In diesem Augenblick macht der Häftling einen Sprung vor die Tür und dreht den Schlüssel hinter sich um. Minuten später sieht man ihn in langer, schwarzer Soutane, das Brevier unter dem Arm, zum St. Anna-Tor des Vatikans schreiten. Ahnungslos salutieren die wachthabenden Schweizer Gardisten, während der Prälat das heiß gewordene Pflaster des Vatikanstaates hinter sich lässt.“

    Der Petersplatz untersteht den italienischen Behörden

    Manche Vergehen, so wenn sich Personen unerlaubt und mit bisweilen gefährlichen Aktionen Zugang zum Papst verschaffen wollen, kommen nie vor Gericht, da die Täter nach den gesetzlichen Vorgaben oft nicht zurechnungsfähig sind. So verschaffte sich am späten Nachmittag des 28. November 2009 ein Volkswagen Lupo am Eingang zwischen dem linken Kolonnadenflügel und dem Palast der Glaubenskongregation in einem halbbrecherischen Manöver Zutritt in die Vatikanstadt. In St. Peter fand zu der Zeit ein Gottesdienst mit dem Papst statt. Weder den Schweizergardisten noch den päpstlichen Gendarmen gelang es, das Auto anzuhalten. Der Wagen riskierte einige Fußgänger umzufahren; ein Geistlicher konnte sich im buchstäblich letzten Augenblick durch einen gewagten Sprung zur Seite, der ihn dann zu Boden riss, retten. Erst ein Übertragungswagen der vatikanischen Fernsehanstalt bremste die waghalsige Fahrt aus. Geistesgegenwärtig setzte ein Angestellter des Vatikans sein Automobil vor die Fahrertür des Volkswagens, sodass der Fahrer am Aussteigen gehindert wurde, bis sich die herbeieilenden Gendarmen seiner annehmen konnten. Der Lenker des Wagens erwies sich als ein junger Mann mit psychischen Problemen, der sich seit längerem in ärztlicher Behandlung befand.

    Gesetzesvergehen auf dem Petersplatz werden in der Regel von der italienischen Polizei geahndet. In den Lateranverträgen von 1929 hatten sich der Heilige Stuhl und Italien darüber geeinigt, „dass der Petersplatz, obwohl er zur Vatikanstadt gehört, auch künftig in der Regel der Öffentlichkeit zugänglich bleibt, und der Polizeigewalt der italienischen Behörden untersteht. Ihre Organe haben am Fuße der Treppe zur Peterskirche haltzumachen, obwohl diese nach wie vor für den öffentlichen Gottesdienst bestimmt bleibt, und sich des Besteigens der Treppe sowie des Betretens der Basilika zu enthalten, es sei denn, dass die zuständige Behörde um ihr Eingreifen ersucht“ (Art. 3).