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    Würzburg

    Kommunismus mit Kreuz?

    Seit Jahrzehnten gibt es unter dem Dach der Kirche Unbelehrbare, die mit der marxistischen Ideologie flirten. Im "America Magazine" der Jesuiten konnte man dies jetzt wieder erleben. Warum gibt es unter Katholiken diese Lust an der Verirrung?

    Die große Schlacht des Don Camillo
    Sinnbild für einen unmöglichen Dialog: Don Camillo und Peppone.dpa Foto: Foto:

    Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“, versichert der auferstandene Jesus seinen elf Jüngern. Elf sind es nur noch, der zwölfte, Judas, ist zum Verräter geworden. Weil die Apostel ihrem Herrn und Meister vertrauen, missionieren sie unzählige Menschen im Römischen Reich und schaffen die Grundlagen für ein christliches Abendland. Cäsaren kommen und gehen, steigen hoch und fallen am Ende in Staub, wie jedes rein weltlich Ding, doch die von Christus selbst gestiftete Kirche existiert bis zum heutigen Tag. Diese unwiderlegbare Tatsache müsste eigentlich alle nur allzu menschlichen Glaubenszweifel im Keim ersticken. Weil jedoch diese Zweifel aus scheinbar immer neuen Quellen gespeist werden, wachsen sie, wie Haifischzähne, immer wieder nach.

    In der Antike und bis zum Ende des Mittelalters führen die Mächte der Finsternis ihren bis heute andauernden Kampf gegen die Kirche im Gewande von Häresien. Seit der Neuzeit wechseln sie die Methode. Aufklärung heißt jetzt die Parole. Inspiriert von der Pariser Freimaurer-Revolution von 1789, von der Lenin sagt, aus ihr sei „die ganze Entwicklung der gesamten zivilisierten Menschheit des 19. Jahrhunderts“ hervorgegangen, betritt 1848 der Marxismus mit dem Anspruch die Szene, alle Rätsel der Menschheitsgeschichte gelöst zu haben und verspricht den „Verdammten dieser Erde“, im Kommunismus eine Gesellschaft der Glückseligkeit zu errichten.

    Kommunismus: Eine menschengemachte Heilslehre

    Der Kommunismus ist eine Weltanschauung, die eine menschengemachte Heilslehre gegen das Christentum in Stellung bringt. Was in der „Internationale“, dem 1871 nach dem Scheitern der Pariser Kommune von Eugene Pottiers gedichteten Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung, beredt so zu Ausdruck kommt: „Es rettet uns kein höh'res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!“

    Für Christen, die mit weltlichen Erlösungsphantasien liebäugeln, sollten allein diese Schlüsselzeilen eine abschreckende Wirkung haben. Was also bringt im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes Getaufte dennoch dazu, nicht mehr an Gott zu glauben? Warum vertrauen sie von Karl Marx und Friedrich Engels, also von sterblichen Menschen erdachten Gespinsten mehr, als Jesus, der allein alle Macht im Himmel und auf Erden besitzt?

    Die wichtigste Antwort darauf ist die von Gott seinen Geschöpfen eingepflanzte menschliche Freiheit. Der Mensch ist frei, zwischen Gut und Böse wählen zu können. Die Urszene dafür ist bekanntlich der Biss in die Frucht vom Baum der Erkenntnis. Verführt von der Schlange, in der sich der von Gott abgefallene Engel Luzifer verbirgt, handeln Adam und Eva wissentlich gegen Gottes Gebot. Seit ihrer Vertreibung aus dem Paradies lebt die von der Erbsünde befleckte Menschheit jenseits von Eden und erst durch den Sühnetod Christi am Kreuz von Golgatha kann dieser Fluch durch die christliche Taufe getilgt werden – und nur durch sie.

    Die Kirche lehnt den Kommunismus ab

    Um die Katholiken vor der kommunistischen Irrlehre zu bewahren, hat die katholische Kirche sie von Anfang an ausdrücklich abgelehnt. Zu Recht, wie sich spätestens nach der russischen Oktoberrevolution zeigen sollte. Die Kommunisten errichten dort eine Schreckensherrschaft. Bereits der Name Lenin steht für Klassenhass und Tyrannei. Unter seinem Nachfolger Stalin wird der Massenmord zum System. Schließlich frisst mit der zigtausendfachen Liquidation der Bolschewiki der ersten Stunde auch die Revolution ihre Kinder. Was in Russland beginnt, breitet sich pestartig aus. Das Schwarzbuch des Kommunismus, 1997 vom französischen Historiker Stéphane Courtois publiziert, kommt zu dem Fazit, dass die Kommunisten weltweit rund 100 Millionen unschuldige Menschen ermordet haben. Gleichwohl lockt diese Ideologie des Todes jede Generation immer wieder aufs Neue an, und darunter sind, Gott sei es geklagt, leider auch zahlreiche Katholiken. Warum ist das so?

    Der Historiker Roberto de Mattei meint die Antwort darauf zu kennen: „Sie waren davon überzeugt, dass die Aufmerksamkeit die Karl Marx dem Proletariat schenkte, seiner Liebe zur sozialen Gerechtigkeit entsprungen sei. Diese Katholiken schlugen vor, den Marxismus zu dekonstruieren, die materialistische Philosophie abzulehnen, aber seine Wirtschafts- und Sozialanalyse zu übernehmen. Sie verstanden nicht, dass der Marxismus ein unteilbares Ganzes ist, und die marxistische Soziologie eine direkte Konsequenz seines dialektischen Materialismus. Marx war kein Philanthrop, der sich des Elends des Proletariats annahm, um dessen Leiden zu lindern, sondern ein militanter Philosoph, der sich dieser Leiden bediente und sie instrumentalisierte, um seine revolutionären Ziele zu verwirklichen.“

    Kommunismus: Das Zweite Vatikanische Konzil schweigt

    Während die Pius-Päpste IX., X. XI und XII. den Kommunismus stets verurteilt haben, hat das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) darauf verzichtet. Zwar hat eine beträchtlichen Anzahl der Konzilsväter die Verurteilung dieser Ideologie verlangt. Doch aus bis heute unbekannten Gründen ist ein diesbezügliches Dokument nie zur finalen Abstimmung vorgelegt worden. Eine indirekte Folge davon ist die besonders in Lateinamerika grassierende „Befreiungstheologie“. Was das ist, klingt aus dem Munde des brasilianischen Theologen Leonardo Boff so: „Die Befreiungstheologie ist die Theologie aller Kirchen, die die vorrangige Option für die Armen ernst genommen haben. Solange es hier in Lateinamerika Unterdrückung gibt, besteht immer die Notwendigkeit, befreiend zu denken und befreiend zu handeln. Und deswegen ist für uns diese Theologie wichtiger denn je. Deswegen ist diese Theologie wichtig für die Aufmunterung des Volkes, für die Entstehung des Widerstandes und der Befreiung des Volkes.“ Den Brüdern Ernesto und Fernando Cardenal, beide katholische Priester, reichte es nicht, das Volk bloß theoretisch aufzumuntern. Beide nahmen in Nicaragua an der 1979 siegreichen sandinistischen Revolution teil. Zum Dank dafür machte sie Staatspräsident Daniel Ortega zu Ministern für Kultur und Bildung.

    Zum Glück für die gesamte Christenheit regiert von 1978 bis 2005 mit Johannes Paul II. ein Papst, der mit den Irrlehren und Verbrechen des Kommunismus aus leidvoller eigener Erfahrung bestens vertraut ist. Gemeinsam mit Kardinal Josef Ratzinger gelingt es ihm, die Befreiungstheologie zu enttarnen, bei der marxistische Politik und Glaube unheilvoll miteinander verquickt sind. Karol Wojty³a und Josef Ratzinger wussten, dass am Ende die Seelen Schaden erleiden werden und keine wirkliche Befreiung zustande kommt. Was allerdings das „America Magazine“, Flaggschiff der Jesuiten in den Vereinigten Staaten, nicht davon abhält, einen Artikel zu veröffentlichen, der nicht nur den Marxismus verteidigt, sondern darüber hinaus die mörderische atheistische Ideologie mit dem Christentum vergleicht.

    Melange aus Kommunismus und Christentum

    Autor dieses am 23. Juli publizierten und möglicherweise als Versuchsballon gedachten Pamphlets ist der Toronto Korrespondent des Magazins, Dean Dettloff, der auf seiner Website hervorhebt, auch „junior member of the Institute für Christian Studies“ zu sein. Dettloff beschreibt das Christentum als eine weitere ideologische „Fraktion“ neben anderen Fraktionen wie dem Kommunismus. „Die Geschichte des Kommunismus, wie auch immer, wird immer eine Geschichte des Christentums enthalten, und umgekehrt, ob es Mitgliedern einer Fraktion gefällt oder nicht.“ Aus Dettloffs Perspektive sind Kommunisten Menschen, die sich um das Wohl der Armen sorgen, auch wenn sie gelegentlich von ihren philanthropischen Wurzeln abgewichen seien. Zwar gibt er zu, dass „der Kommunismus in seinem gesellschaftspolitischen Ausdruck zuweilen großes menschliches und ökologisches Leid verursacht“ habe. Doch „weil der Kommunismus ein unvollendetes Projekt“ sei, würde Dean Dettloff gerne einen neuen Versuch wagen, die Menschheit mit einer Melange aus Kommunismus und Christentum zu beglücken.

    Gegenwärtig hat es jedoch den Anschein, als könnte auch Papst Franziskus durchaus Sympathie für solche Ideen haben. Tatsache ist jedenfalls, dass er dabei ist, die rigorose Ablehnung der Befreiungstheologie seiner beiden Vorgänger im Amt zu revidieren. Eines der bedeutsamen Zeichen dafür ist ein auf den 28. Mai 2018 datiertes Schreiben, mit dem der argentinische Papst den am 8. Juni 1928 in Lima geborenen peruanischen Dominikanerpater Gustavo Gutiérrez Merino, neben Boff ein weiterer bedeutender Protagonist der Befreiungstheologie, zu dessen 90. Geburtstag am 8. Juni gratuliert: „Sei dir sicher, dass ich in diesem bedeutenden Moment deines Lebens für dich bete“, schreibt er und dankt ihm „für all das, was du durch deinen theologischen Dienst und deine Liebe zu den Armen und Ausgegrenzten für die Kirche und die Menschheit getan hast.“

    Kampf gegen die Ungleichheit

    Franziskus' Interesse für die Themen Ökologie, Ökonomie, Inklusion und Nicht-Diskriminierung ist offenkundig. „Was wir wollen, ist der Kampf gegen die Ungleichheit. Das ist das größte Übel, das es in der Welt gibt“, sagte der Papst am 11. November 2016 in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung La Repubblica. Roberto de Mattei deutet das so: „Seine Aufmerksamkeit für die ,Ränder‘ und die ,Letzten‘, entspringt nicht aus einem Geist des Evangeliums und auch nicht aus einem laizistischen Philantropentum, sondern aus einer primär philosophischen und dann erst politischen Entscheidung. Sie lässt sich in den Begriffen einer kosmologischen Gleichheit zusammenfassen.“ Bei seiner 26. Auslandsreise, die er im Januar diesen Jahres nach Panama-Stadt unternimmt, erklärte Franziskus, das Leben und Wirken des von ihm selbst am 15. Oktober 2018 heiliggesprochenen Oscar Romero müsse zur „DNA der Kirche“ werden. Romero war Erzbischof von El Salvador und ist wegen seiner scharfen Kritik an die Adresse der Machthaber seines Landes am 24. März 1980 vom Geheimdienst bei einem Gottesdienst erschossen worden. Der Mord an Oscar Romero löste im Land einen Bürgerkrieg aus, der zwölf Jahre dauert und insgesamt 75 000 Menschenleben kostet.

    Beim Verhör durch den römischen Statthalter Pontius Pilatus erklärt Jesus unmissverständlich: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde.“ Die katholische Kirche hat es stets als ihre vordringlichste Aufgabe angesehen, die Menschheit vor der ewigen Verdammnis zu retten. Was, so darf man daher auch im Hinblick auf die bevorstehende „Amazonas-Synode“ fragen, haben Ökologie, Ökonomie und Politik mit dem Auftrag der Kirche zu tun?

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