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    Kommissare mit Heiland-Funktion

    Das Mordverbot im fünften Gebot, „Du sollst nicht töten“ (Mt 5, 21) oder „Du sollst nicht morden“ (Ex 20, 13) ist eindeutig und nicht nur bei Christen allgemein gesellschaftlich akzeptiert und konsensfähig. Mord ist für die Kirche die „himmelschreiende Sünde“ schlechthin. Warum er in der Literatur als salonfähig gilt und ob das Genre Kriminalroman nicht eine Verherrlichung der Gewalt darstellt, wird ein Krimiautor immer wieder gefragt, insbesondere wenn er im Hauptberuf im Dienste der Kirche steht.

    Oberinspektor Derrick alias Horst Tappert kehrte nach 24 Dienstjahren ohne Toupet auf den Bildschirm zurück – in einem Z... Foto: dpa

    Das Mordverbot im fünften Gebot, „Du sollst nicht töten“ (Mt 5, 21) oder „Du sollst nicht morden“ (Ex 20, 13) ist eindeutig und nicht nur bei Christen allgemein gesellschaftlich akzeptiert und konsensfähig. Mord ist für die Kirche die „himmelschreiende Sünde“ schlechthin. Warum er in der Literatur als salonfähig gilt und ob das Genre Kriminalroman nicht eine Verherrlichung der Gewalt darstellt, wird ein Krimiautor immer wieder gefragt, insbesondere wenn er im Hauptberuf im Dienste der Kirche steht.

    Man muss bei Adam und Eva anfangen um festzustellen, dass Glaube und Religion durchaus mit Kriminalliteratur zu tun haben. War nicht der Sündenfall das erste und schwerwiegendste aller Kapitaldelikte, ohne das eine Strafverfolgung heute überflüssig wäre! Damit wurde es erst richtig spannend auf der Erde: Der erste Mord der Menschheit ließ nicht lange auf sich warten und ist in der Erzählung von Kain und Abel (Gen 4, 1–16) hinreichend geschildert, wobei Gott die Rolle von Ermittler, Ankläger und Richter gleichzeitig übernimmt. Das Alte Testament ist voll von Mord, Totschlag, Schuld und Sühne. Aber auch das Neue Testament beginnt mit einem Massenmord durch Herodes an den Kindern von Bethlehem (Mt 2, 13–23), und Jesus erzählt mehrere Gleichnisse fast in der Form eines Kurzkrimis, etwa die Geschichte vom Barmherzigen Samariter (Lk 10, 30–35) oder von den bösen Weingärtnern (Lk 20, 9–19), wo ein Mord aus Habgier beschrieben wird. Sechzehn biblische Kriminalfälle hat der Züricher Pfarrer Ulrich Knellwolf in seinem Werk „Adam, Eva & Konsorten“ zusammengefasst – und auch mehrere eigene Krimis geschrieben. „Tatort Bibel“ heißt ein Buch von Patrick Grasser, der für den Religionsunterricht Kriminalfälle aus dem Alten und Neuen Testament zusammengestellt hat. Auch er ist der Überzeugung: Krimis haben eine religiöse und theologische Dimension. Denn es geht um die großen Fragen des Lebens: Wahrheit, Gerechtigkeit, Schuld, Sünde und Vergebung. Wie gehen Menschen mit ihrer eigenen Schuld und der von anderen um? Wäre Oberinspektor Derrick damals schon beim Fall „Kain und Abel“ im Dienst gewesen, er hätte den Täter in einem zermürbenden Verhör zum Geständnis gebracht, der Gerechtigkeit zum Sieg verholfen und die göttliche Ordnung wieder hergestellt.

    Die 281 Folgen der Reihe „Derrick“ machen ebenso wie der wöchentliche „Tatort“ exemplarisch deutlich, dass ein klassischer Krimi durchaus wie ein Gottesdienst liturgischen Regeln folgt. Da ist einerseits der feste Sendeplatz, der Introitus ist eine immer wiederkehrende Eröffnungsmelodie, es folgt ein formelhafter Ablauf mit Ansagen, die der erfahrene Zuschauer leicht mitsprechen kann: „Wo waren Sie zur Tatzeit?“, „In welchem Verhältnis standen Sie zum Opfer?“, „Haben Sie ein Alibi?“ – hinsteuernd auf einen Höhepunkt, die Überführung des Täters.

    Der Zelebrant des Freitagskrimis war mit Derrick eine fast priesterliche Erlöserfigur mit Inspektor Harry Klein als Oberministranten an der Seite. Man darf davon ausgehen, dass für Derrick sein Beruf eine Berufung war. Und selbst der Zölibat fiel ihm 23 Jahre lang nicht schwer, auch viele moderne Tatort-Kommissare sind nur mit ihrem Beruf verheiratet, wobei viele von ihnen nach Jahrzehnten im TV-Polizeidienst schon als „viri probati“ gelten können. Und was wurde aus Oberinspektor Derrick alias Horst Tappert nach 24 Dienstjahren? Er kehrte ohne Toupet in einem (zu recht in Vergessenheit geratenen) ZDF-Spielfilm als Kardinal und designierter Präfekt der Bischofskongregation auf den Bildschirm zurück und wird mit einer Frau konfrontiert, die behauptet, seine Tochter zu sein. Wie war das jetzt mit dem Zölibat? „Im traditionellen Krimi führt der Kommissar das aus, was Gott heute nicht mehr zu tun scheint, er bestraft die Bösen und verhilft den Guten zu ihrem Recht“, schreibt die Medienwissenschaftlerin und Theologin Elisabeth Hurth in ihrem Essay „Im Zeichen des Bösen“ und spricht von der „Sehnsucht nach einer vom Kommissar herbeigeführten Rückkehr zu einer geordneten und sinnerfüllten Welt, die durch die böse Tat erschüttert wird“.

    Was für die Klassiker galt, ist auch heute bei den meisten Kriminalromane so. Wenn auch inzwischen viele Autoren bewusst darauf verzichten, mit dem letzten Kapitel die Ordnung wieder herzustellen, sondern etwa einen Schuldigen überführen, der vom Gesetz aber nicht belangt werden kann. Oder der Mörder wird verhaftet, die großen Hintermänner und Drahtzieher bleiben unbehelligt. Nicht zuletzt der „Tatort“ wagt immer häufiger Experimente, die zwar von TV-Kritikern gefeiert werden, den Zuschauer aber irritiert und verstört zurücklassen.

    Letztlich hat der Krimi-Kommissar dennoch immer eine Heiland-Funktion, er – selbst unsterblich – rächt das Unrecht und verheißt die Erlösung vom Bösen. Zugleich wird im Krimi deutlich, dass das Böse nie ganz aus der irdischen Welt geschafft werden kann. Schließlich kommt der Krimi fast immer in Serienform daher: Ist der eine Mord aufgeklärt, lässt der nächste nicht lange auf sich warten– mit der Gewissheit, dass das Gute am Ende immer siegen wird. Allerdings: Der sinnlose Mord, wie er im wirklichen Leben oft traurige Realität ist, hat im Krimi keinen Platz. Das Motiv für den Täter muss schlüssig und plausibel, ja nachvollziehbar sein. Einen geisteskranken Mörder, der ohne Grund mordet, würde jeder Lektor oder Redakteur dem Autor um die Ohren hauen.

    Man könnte nun viel darüber schreiben, welche Funktionen der oft unterschätzte Kriminalroman wahrnimmt, dass er einen Spiegel der Gesellschaft darstellt, ja dass der Krimi der moderne Gesellschaftsroman ist. Man könnte schreiben, dass er Ängste und in jedem vorhandene niedere Instinkte kanalisiert, und was den Regiokrimi betrifft, so könnte man ihn als moderne Heimatliteratur rühmen. Es gibt Experten, die meinen, Kriminalromane würden aus einem unbewussten Schuldgefühl der Etablierten gegenüber den Gestrauchelten gelesen. „Indem wir uns mit dem Verbrechen konsumierend beschäftigen, mit dem fiktiven Verbrechen wohlgemerkt, bilden wir uns ein, uns mit den Missständen der Gesellschaft beschäftigt zu haben, an denen wir auch als Einzelne mitschuldig sind, weil wir nicht genug tun, sie zu mildern und sie zu tilgen“, meinte die Psychologin und Gerichtsgutachterin Elisabeth Müller-Luckmann (die nach ihrem Tod 2012 von der Zeitschrift „EMMA“ als „deutsche Miss Marple“ bezeichnet wurde).

    Ähnlich wie gläubige Menschen darauf vertrauen, dass es bei Gott auch in scheinbar ausweglosen Situationen eine Rettung gibt, so machen auch Krimis den Lesern deutlich, dass es immer und für alles eine Lösung gibt, so verworren und rätselhaft die Situation auch erscheinen mag. Und die Krimilektüre hinterlässt immer das befriedigende Gefühl, dass das Gute über das Böse siegt und die simple Erkenntnis untermauert: Verbrechen und Sünde lohnen sich nicht.

    Vor allem aber ist der Krimi – in der klassischen Form des Whodunnit – auch immer eine Rätselgeschichte, die den Leser zunächst auf falsche Spuren führt, ein paar versteckte Hinweise („Red Herrings“) liefert und am Ende nach einer überraschenden Wendung eine möglichst spektakuläre Auflösung präsentiert. Das ist Spannungs- und Unterhaltungsliteratur – nicht mehr, aber auch nicht weniger. In diesem Sinne sind Krimis buchstäblich Werke der Aufklärung.

    Wer wie mancher Feuilletonist Krimis per se verteufelt, der vergisst, dass wohl jedes Kleinkind seine ersten literarischen Erfahrungen mit Mordgeschichten macht: Bei „Hänsel und Gretel“ geht es nicht nur um Geiselnahme, Freiheitsberaubung, sondern letztlich auch um ein brutales Tötungsdelikt und Selbstjustiz. Auch „Rotkäppchen“ ist ein Kriminalfall, dessen Komplexität und Dramatik einem „Derrick“ durchaus nahekommt. Genau genommen ziehen sich die Erzählungen von Verbrechen und ihrer Aufklärung durch die gesamte Weltliteratur. Dostojewskis „Schuld und Sühne“ trägt das Grundmotiv der Kriminalliteratur schon im Titel. Friedrich Dürrenmatt und Theodor Fontane haben hochkarätige Kriminalromane geschrieben, E. T. A. Hoffmanns „Fräulein von Scuderi“ würde heute vielleicht „Der Serienkiller von Paris“ heißen, und wenn Goethe seinen „Faust“ zweihundert Jahre später geschrieben hätte, dann stünde er bei Hugendubel und Thalia vermutlich in der Rubrik „Mystery Thriller“, versehen mit einem Sticker: „Bestseller! Unbedingt lesen!“

    Kirche und Krimi – das passt nicht erst seit Umberto Ecos „Der Name der Rose“ oder Agatha Christies „Mord im Pfarrhaus“ gut zusammen. Man muss Dan Brown nicht für literaturnobelpreisverdächtig halten, um zu erkennen, dass die katholische Kirche viel Stoff für das Spannungsgenre liefert. In den 90er Jahren ermittelte Pfarrer Henning Schwarz (Klaus Wennemann) in der Sat1-Serie „Schwarz greift ein“ mit Produktionshilfe der katholischen Kirche. Später spielte Ottfried Fischer den ermittelnden Pfarrer Braun in Anlehnung an „Pater Brown“ von Gilbert K. Chesterton. Dass Mitarbeiter im Kirchendienst auch literarische Schreibtischtäter sein können, beweist nicht nur der Verfasser dieses Beitrags. Auch der Augsburger Religionspädagoge Prof. Georg Langenhorst ließ seinen Krimi „Toter Dekan, guter Dekan“ ausgerechnet an einer katholischen Fakultät spielen. Der Münchner Polizeiseelsorger Felix Leibrock hat auf seinem Auto sogar die Aufschrift „Krimipfarrer“ stehen. Der evangelische Pfarrer schreibt Krimis, um zu ergründen, was Menschen zu Tätern macht. Denn er geht davon aus, dass Gott den Menschen gut geschaffen hat.

    Doch zurück zur Frage: Warum muss im Krimi immer ein Mord passieren? Kann Spannung nicht auch anders erzeugt werden, etwa indem geschildert wird, wie ein Verbrechen verhindert wird? „Nein“, sagt einer, der sich auskennt. „In einem Kriminalroman sollte – nein, muss es immer um (mindestens) einen Mord gehen!“, so Reinhard Jahn vom Bochumer Krimi-Archiv. Mord sei das Verbrechen an sich, die endgültige Tat, mit der sich der Mensch gegen seinesgleichen richtet. „Der Mörder verstößt nicht nur gegen menschgemachte Gesetze, sondern auch gegen das fünfte Gebot Gottes. Mit einem Mord hat der Täter Schuld auf sich geladen – ihn zu finden und ihn nicht nur der irdischen, sondern auch der höheren Gerechtigkeit zuzuführen, das ist die Geschichte, die in einem Kriminalroman erzählt wird“, sagt der ausgewiesene „Tatort“-Experte und Organisator des Deutschen Krimipreises.

    Oder um es anders auszudrücken: Wenn am Ende das Gute siegt, dann ist der Krimi auch ein Ausdruck der Hoffnung, die unser Christentum ausmacht. Der christliche Erlösungsglaube kann im Krimi seine literarische Entsprechung finden. Deshalb dürfen Christen auch Krimis lesen – und schreiben.

    Der Autor ist Verfasser von zehn Kriminalromanen und mehreren Kurzgeschichten. Unter anderem schrieb er den Bibel-Thriller „Versuchung“, in dem die Geschichte von Adam und Eva in der heutigen Zeit erzählt wird. Seit 2012 verantwortet er die Öffentlichkeitsarbeit im Erzbistum Bamberg. www.harry-luck.de