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    Kommentar: Zürich sehen und sterben

    „Neapel sehen und sterben.“ So lautet ein Satz, den viele fälschlicherweise immer noch Goethe zusprechen. Tatsächlich zitiert Goethe ihn lediglich in den Schilderungen seiner Italienreise. Dorthin hatte sich der Dichterfürst, der sich – nachdem er es auch im Staatsdienst zu einigem Erfolg gebracht hatte – in einer schweren Identitätskrise befand, im Jahr 1786 geflüchtet. Wie Vieles im Leben des großen Dichters wurde auch sie ein voller Erfolg. Denn als Goethe 1788 aus Italien nach Weimar zurückkehrte, sprach er begeistert von einer „Wiedergeburt“. Nicht auszudenken, was seiner Nachwelt alles fehlte, wäre es anders gekommen.

    „Neapel sehen und sterben.“ So lautet ein Satz, den viele fälschlicherweise immer noch Goethe zusprechen. Tatsächlich zitiert Goethe ihn lediglich in den Schilderungen seiner Italienreise. Dorthin hatte sich der Dichterfürst, der sich – nachdem er es auch im Staatsdienst zu einigem Erfolg gebracht hatte – in einer schweren Identitätskrise befand, im Jahr 1786 geflüchtet. Wie Vieles im Leben des großen Dichters wurde auch sie ein voller Erfolg. Denn als Goethe 1788 aus Italien nach Weimar zurückkehrte, sprach er begeistert von einer „Wiedergeburt“. Nicht auszudenken, was seiner Nachwelt alles fehlte, wäre es anders gekommen.

    Für immer mehr Prominente, die es in ihrem Leben zu Erfolg und Reichtum gebracht haben, ist heute nicht die Hauptstadt Kampaniens das Letzte, was sie in ihrem Leben zu sehen wünschen, sondern Zürich. Dort tummeln sich nämlich die Suizidbegleiter der Schweizer Organisationen „Exit“ und „Dignitas“. Statt einer „Wiedergeburt“ offerieren sie einen vergleichsweise schnellen und angeblich auch schmerzfreien Tod. Im Alter von 73 Jahren ist einen solchen Tod jetzt auch Timo Konietzka gestorben. Der gebürtige Westfale, Schütze des ersten Tors in der Geschichte der Fußball-Bundesliga und spätere Meistertrainer des FC Zürich, litt an Gallenkrebs. Wir wollen uns hier kein Urteil über Konietzkas Tat erlauben. Nicht, weil der Suizid eine respektable Tat wäre. Das ist er nie. Sondern weil diejenigen, die sich angeblich aus freien Stücken zu einem solchen Schritt entscheiden, eines meist nicht sind: nämlich frei.

    Wissenschaftliche Studien belegen eindrucksvoll, dass so gut wie alle Menschen, die einen ernsthaften Suizidversuch überlebten, zum Zeitpunkt des Suizidversuchs an einer schweren, aber behandelbaren psychischen Krankheit litten – an Depressionen, Schizophrenie, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen. Wer den Suizid gleichwohl als eine Form der Selbstbestimmung betrachtet, müsste konsequenterweise auch den Spirituosenkonsum eines Alkoholkranken als Ausdruck von dessen Willensfreiheit werten. Dabei weiß jeder, dass das Gegenteil der Fall und der Spirituosenkonsum eines Alkoholkranken gerade Ausdruck einer fehlenden Willensfreiheit ist. Wo Menschen derart in ihrer Freiheit eingeschränkt sind, lässt sich auch die Frage der Schuld nicht zuverlässig klären. Das sieht auch die katholische Kirche so. In ihrer am 20. Mai 1980 erschienenen Erklärung zur Euthanasie weist die Vatikanische Glaubenskongregation darauf hin, dass dem Suizid, „wie wir alle wissen, seelische Verfassungen zugrunde liegen, welche die Schuldhaftigkeit mindern, oder auch ganz aufheben können“.

    Ganz anders verhält es sich dagegen mit der Schuld derer, die mit schwerkranken und in ihrer Freiheit derart eingeschränkten Menschen gewissenlos Geschäfte machen oder – wie etwa der deutsche Schriftsteller Martin Walser – dafür die Werbetrommel rühren. Wenn laut einer aktuellen Umfrage heute etwa 91 Prozent der Franzosen eine Legalisierung der Euthanasie unheilbar kranker Menschen befürworten, dann auch, weil viel zu viele Medienschaffende statt aufrichtigem Mitleid eine naive, Tatsachen und Fakten ignorierende Bewunderung für Menschen zu besitzen scheinen, die nur scheinbar „freiwillig“ und „selbstbestimmt“ aus dem Leben scheiden. Mag die Tat eines Suizidenten wenn auch nicht akzeptabel, so doch oft entschuldbar sein: Die Taten derer, die ihn dazu ermutigen oder ihm dabei gar zur Hand gehen, sind weder das eine, noch das andere. Ihnen auf das Schärfste zu begegnen, wäre die Pflicht jeder humanen Gesellschaft.