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    Kommentar: Verzichtet eine Gesellschaft auf Homogenität, zerstört sie sich selbst

    Die Rede von Carolin Emcke, die am Sonntag in der Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hatte, schlägt noch immer hohe Wellen. Wenn es stimmt, wie Medien berichten, dass Bundespräsident Joachim Gauck bei der anschließenden Tischrede kritisch nachgefragt hat, ob Emcke denn nach dieser Rede noch den Begriff der Nation bestimmen könne, so ist diesem Vorbehalt völlig zuzustimmen. Denn Emcke will die Homogenität unter den Menschen einer Nation auflösen und damit die Individuen internationalisieren. (DT vom 25.10.) Alles andere führe letztlich zu Hass. Verfassungspatriotismus a la Jürgen Habermas, auf den sie sich ausdrücklich beruft, kann eben nicht allein die Grundlage eines Gemeinwesens sein. Minderheiten, wie gerade die Flüchtlinge, lassen sich in Deutschland nicht einfach als bloße Individuen in ein übergeordnetes Menschenrecht integrieren, dem die Verfassung entsprechen soll. Wenn die Nation nur eine Fiktion ist, wie schon Adam Soboczynski in seiner Rezension ihres Buches„gegen den Hass“ in der „ZEIT“ kritisch anmerkte, dann will Emcke letztlich nichts anderes als die Integration aller Menschen in ein Weltbürgerrecht. Das war aber bei Kant schon nur eine Idee, die gerade das Leben in und unter den Nationen regeln sollte.

    Carolin Emcke
    „Lob des Unreinen“: Friedenspreisträgerin Carolin Emcke. Foto: dpa

    Die Rede von Carolin Emcke, die am Sonntag in der Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hatte, schlägt noch immer hohe Wellen. Wenn es stimmt, wie Medien berichten, dass Bundespräsident Joachim Gauck bei der anschließenden Tischrede kritisch nachgefragt hat, ob Emcke denn nach dieser Rede noch den Begriff der Nation bestimmen könne, so ist diesem Vorbehalt völlig zuzustimmen. Denn Emcke will die Homogenität unter den Menschen einer Nation auflösen und damit die Individuen internationalisieren. (DT vom 25.10.) Alles andere führe letztlich zu Hass. Verfassungspatriotismus a la Jürgen Habermas, auf den sie sich ausdrücklich beruft, kann eben nicht allein die Grundlage eines Gemeinwesens sein. Minderheiten, wie gerade die Flüchtlinge, lassen sich in Deutschland nicht einfach als bloße Individuen in ein übergeordnetes Menschenrecht integrieren, dem die Verfassung entsprechen soll. Wenn die Nation nur eine Fiktion ist, wie schon Adam Soboczynski in seiner Rezension ihres Buches„gegen den Hass“ in der „ZEIT“ kritisch anmerkte, dann will Emcke letztlich nichts anderes als die Integration aller Menschen in ein Weltbürgerrecht. Das war aber bei Kant schon nur eine Idee, die gerade das Leben in und unter den Nationen regeln sollte.

    Emcke zerreißt das, was das Individuum mit den höchsten Rechtsprinzipien verbindet, nämlich den Zusammenhalt der Bürger, ohne den es kein Gemeinwesen gibt. Sie zerreißt dieses Band durch die Meinung, alles Individuelle sei bloß kontextabhängig und darum gebe es keine wirklichen Identitäten. Eine alte linke Theorie, wie sie von der Feministin Judith Butler bis zur Frankfurter Schule zurückreicht. „Kulturelle und religiöse und sexuelle Vielfalt“, die sie in ihrem Buch feiert, sollen in fröhlicher Gleichzeitigkeit den neuen Moralkodex vorgeben, der das „Homogene“ und „Reine“ auszuschalten hat. Aber wo soll diese Vielheit stattfinden, welcher Kontext macht sie wiederum möglich? Emcke hat Schmerzen in und an der Demokratie, weil das Recht des – sich auch wandelnden – Individuums alles gelten soll gegenüber der von ihr geforderten säkularen Gesellschaft. Emcke hat als eine gesprochen, „für die es relevant ist, lesbisch, schwul, bisexuell, inter*, trans* oder queer zu sein“. Für den Staat sei diese individuelle Frage „nicht von Belang“. Dass dies falsch ist, zeigt etwa der Druck, den Lobbys sexueller Vielfalt auf Schullehrpläne ausüben. Emckes „Lob der Unreinheit“ behauptet den Vorrang des Nicht-Identischen vor kulturellen Identitäten – eine Gedankenfigur, die schon bei Adorno zu finden ist –, ohne aber nach dem Recht dieser Theorie zu fragen. Ihr Widerstandsgefühl allein reicht nicht aus, um kulturellen Gemeinsinn auf den Kopf zu stellen.