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    Kommentar: Abschaffung der Leichtigkeit

    Vielleicht gibt es auf der Wunschzettel-Liste der diesjährigen Weihnachtsfeier dringendere Anliegen: Frieden zum Beispiel, Gesundheit, wirtschaftliche Stabilität. Doch wenn noch ein bisschen Platz auf dem Papier ist, wäre es schön, noch ein Anliegen hinzufügen zu können. Nämlich: Die Abschaffung der Leichtigkeit. Abschaffung der Leichtigkeit? Was ist damit gemeint? Zum Beispiel die allgegenwärtige Tendenz im Medien- und Kulturbetrieb Musik, Kunst und Kultur als etwas Leichtes und Schönes anzupreisen und dabei das Schwere und Anstrengende auszuklammern. Als wäre zerstreuter Genuss der ultimative Weg der Kulturvermittlung und Kulturrezeption. Mozart, Beethoven, Beatles – alles easy, alles schnell und schön zu erleben. Beuys, Kiefer, Rembrandt – juhu!

    Vielleicht gibt es auf der Wunschzettel-Liste der diesjährigen Weihnachtsfeier dringendere Anliegen: Frieden zum Beispiel, Gesundheit, wirtschaftliche Stabilität. Doch wenn noch ein bisschen Platz auf dem Papier ist, wäre es schön, noch ein Anliegen hinzufügen zu können. Nämlich: Die Abschaffung der Leichtigkeit. Abschaffung der Leichtigkeit? Was ist damit gemeint? Zum Beispiel die allgegenwärtige Tendenz im Medien- und Kulturbetrieb Musik, Kunst und Kultur als etwas Leichtes und Schönes anzupreisen und dabei das Schwere und Anstrengende auszuklammern. Als wäre zerstreuter Genuss der ultimative Weg der Kulturvermittlung und Kulturrezeption. Mozart, Beethoven, Beatles – alles easy, alles schnell und schön zu erleben. Beuys, Kiefer, Rembrandt – juhu!

    Mit diesem niedrig-schwelligen Unterforderungspathos wird man mittlerweile auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern eingelullt. Klassik-Radio-Brei, wohin man auch hört. Während sich der deutsche Film im Ausland als „erfolgreich, vielseitig, spannend“ ebenso munter und oberflächlich auf die eigene Schulter klopft. Ganz egal, ob es dabei um einen Film von Wim Wenders, Christian Schwochow („Novemberkind“) oder Fatih Akin handelt oder den neuesten Komödientiefgang a la Til Schweiger („Keinohrhasen“). Alles macht Spaß, alles glitzert, alles monumental, verblüffend. Schnell und einfach konsumierbar. Kaum zu glauben, dass dieses Deutschland einmal Spezialität für sperriges, tiefschürfendes Geistesgut war, herausfordernde klassische Musik und philosophisch-winkelige Gedankensysteme, die doch tatsächlich vom Rezipienten auch noch etwas Anstrengung verlangten.

    Doch mit geistigem Recken und Strecken ist es heute offensichtlich vorbei. Auch in der Literatur, wo Goethes Rat („Wer aber nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile Schreiben.“) verheerend ernst genommen wird. Jedes Buch muss Sofa-kompatibel sein, muss stromlinienförmig sein und hübsch und schnell verständlich, wie die Baukastenanweisungen beim Möbelhaus.

    Mittlerweile scheinen zumindest in Amerika aber einigen aufgeweckten Kulturhütern die Augen (und Ohren) neu aufzugehen. Man erkennt, dass zerstreuter Genuss vielleicht doch nicht alles ist. So hat Alex Ross, Popmusik-Kritiker der „New York Times“ unlängst ein Buch veröffentlicht, in dem er sich für klassische Musik stark macht. Diese tue manchmal weh, lasse sich nur schwer in ein System bringen und verlange aufmerksames, neugieriges Zuhören, schwärmt Ross und fasst seine neuentdeckte Klassik-Leidenschaft mit dem appellativen Buchtitel zusammen: „Listen to this“ (Hör dir das an!) Und, wie zum Beispiel Monteverdis „Lamento della ninfa“, nicht nur einmal, sondern immer wieder, immer tiefer, immer fragender.

    Auch der Wissenschaftler Holger Noltze geht in seinem Buch „Die Leichtigkeitslüge“ mit der neuen deutschen kulturellen Anstrengungslosigkeit hart ins Gericht. Er plädiert für ein „theologisches Modell“ in der Kulturrezeption: „Man muss sich anstrengen und aufwärts streben, dann kommt irgendwann der Gnadenmoment, in dem mich die Hand von oben weiterzieht.“ Ein Thema, das auch schon der Dichter Botho Strauss ansprach, als er unsere „schwache Zeit“ daran erinnerte, dass Lesen manchmal erst eine Belohnung verleiht, wenn man bereit zum Innehalten und Nachfragen ist. Reines Informiert-Sein ist noch nicht Bildung. Gnadenmomente der Kulturrezeption darf man auf den weihnachtlichen Kulturwunschzettel doch sicher eintragen. Verbunden mit der Hoffnung, dass die „Alles easy“-Programmmacher den Mut finden, den Bildungsauftrag allmählich wieder größer und den Quotenblick kleiner werden zu lassen. Das wäre dann auch schon gleich das Anliegen für 2011.