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    Klöster und Kreuzgänge in Okzitanien

    Im Rahmen des Jahres der Barmherzigkeit wird die französische Diözese von Pamiers auf Initiative ihres Oberhirten angesichts des „Massakers von Montségur“ (1244) einen „Akt der Reue“ vollziehen. Knapp 800 Jahre, nachdem die letzte Festung der Katharer fiel und etwa 200 Anhänger der Katharerbewegung, die ihrem Glauben nicht abschwören wollten, verbrannt wurden, bittet Bischof Jean-Marc Eychenne mit einem Wortgottesdienst und einem Schweigemarsch zum Ort des Geschehens um Verzeihung.

    Außen wie eine Festung, innen blaue Pracht: Die Kathedrale in Albi. Foto: Krips-Schmidt

    Im Rahmen des Jahres der Barmherzigkeit wird die französische Diözese von Pamiers auf Initiative ihres Oberhirten angesichts des „Massakers von Montségur“ (1244) einen „Akt der Reue“ vollziehen. Knapp 800 Jahre, nachdem die letzte Festung der Katharer fiel und etwa 200 Anhänger der Katharerbewegung, die ihrem Glauben nicht abschwören wollten, verbrannt wurden, bittet Bischof Jean-Marc Eychenne mit einem Wortgottesdienst und einem Schweigemarsch zum Ort des Geschehens um Verzeihung.

    Wer eine Reise in den tiefen Süden Frankreichs unternimmt, wo sich in manchen Landstrichen zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert die Katharer oder Albigenser rasant ausgebreitet hatten, ist überrascht von der Schönheit der Natur und der kunsthistorischen Vielfalt mit ihren unzähligen Kreuzgängen und romanischen Kirchen und Klöstern. Seit Anfang 2016 heißt die Verwaltungsregion, die sich zwischen Pyrenäen und Mittelmeer im Südwesten und der Rhône im Norden erstreckt, durch den Zusammenschluss des Languedoc-Roussillon und der Midi-Pyrénées offiziell „Region Okzitanien“. Überrascht ist der Reisende zudem, wenn er in jedem kleinen Ort zwischen Toulouse und Narbonne deutlich erkennbar im „Land der Katharer“ willkommen geheißen wird: Die Fahne der Katharer weht von den staatlichen Rathäusern, Bäcker kreieren Gebäcke in Form des Katharerkreuzes, Schokoladenhersteller dienen sich stolz als „Chocolatiers cathares“ an, als sei dies eine besondere Auszeichnung.

    Der französische Staat, der sich seiner Laizität – der Trennung zwischen den Kirchen und dem Staat – rühmt, wird von dieser Gegend durch eine unsichtbare Grenze geschieden, denn im Katharerland wirbt man offen für eine Religion, die eher nicht für jene Ideen stand, die man in der übrigen Republik mit dem Etikett „aufgeklärt und tolerant“ versehen würde. Gleichwohl liegen an allen Touristenattraktionen Broschüren aus, die unter dem Titel „Kreuzzug gegen den Glauben“ den Eindruck erwecken, als handelte es sich bei den Katharern um besonders gute Christen, die die Ideale eines modernen Christentums oder auch die „Kirche der Apostel“ vertraten, und die gerade deshalb von einer machthungrigen, autoritären mittelalterlichen Kirchenhierarchie bis auf den Scheiterhaufen unbarmherzig verfolgt wurden. Doch die Katharer waren Häretiker.

    Ihre Lehre hatte nicht nur Anhänger unter den kleinen Leuten, sondern fand auch Anklang beim Landadel und beim Klerus der Region. Sie beruhte auf einem strengen Dualismus: Die ganze Schöpfung, einschließlich des Leibes, ist von einem bösen Gott, einem Dämon, erschaffen worden, nur die Seele ist das Werk eines guten Gottes. Demzufolge wurden Fortpflanzung, Ehe und Familie verteufelt, zudem war strenges Fasten (zumindest für die „Auserwählten“ unter ihnen) angesagt, was bei der „Endura“ (totales Fasten) mitunter bis zum Suizid als höchster Form der Askese ging. Die Katharer lehnten den Kreuzestod Christi sowie alle Sakramente ab. Um das einzige von ihnen als gültig betrachtete Sakrament, das „Consolamentum“, eine Art Taufe, empfangen zu können, musste man seinen Ehepartner verlassen.

    Man versteht leicht, dass eine sich allmählich in vielen Bereichen der Gesellschaft durchsetzende Bewegung mit ihren antisozialen Lehren, die eher die Revolution als das Paradies predigte, als Bedrohung nicht nur des Glaubens, sondern auch und vor allem des zwischenmenschlichen Zusammenhalts angesehen wurde. Ein Zeitgenosse berichtete: „Die Häresie ist überallhin eingedrungen. Sie hat in allen Familien Zwietracht gesät, den Ehemann von seiner Frau getrennt, den Sohn vom Vater, die Schwiegertochter von der Schwiegermutter.“ Von den sogenannten Katharerburgen, die dem Schutz der Anhänger der Bewegung dienten, sind in Okzitanien meistens nur Ruinen übriggeblieben, wie etwa in Lastours, wo man gleich drei ehemalige Festungen auf nahe nebeneinander liegenden Erhebungen sehen kann. Der französische Denkmalpfleger Viollet-le-Duc ließ Mitte des 19. Jahrhunderts die Burg und die Ringmauern der Altstadt von Carcassonne restaurieren – sie ist damit die größte in Europa erhaltene Festungsanlage.

    Freunde der Romanik kommen in Okzitanien reichlich auf ihre Kosten. Die Prieuré de Serrabonne am Fuße des Massif du Canignou in den Pyrenäen zählt zu den Glanzleistungen frühromanischer Kunst. Ihre Säulen und Doppelsäulen aus rot-weißem Marmor tragen Kapitelle, die neben floraler Ornamentik auch figürliche Darstellungen mit unterschiedlichen grotesken Tiergestalten zeigen. Diese Fabelwesen tragen, einem ikonografischen Programm folgend, den Kampf zwischen Gut und Böse aus.

    Die ehemalige Zisterzienserabtei Fontfroide, 20 Kilometer südwestlich von Narbonne, ist nicht nur eine äußerst sehenswerte Klosteranlage, die mit ihrem Kreuzgang zu den besterhaltenen Klosterensembles des Zisterzienserordens aus dem 12. und 13. Jahrhundert gehört, sie ist auch jener Ort, an dem 1208 der päpstliche Legat Pierre de Castelnau – der von Papst Innozenz III. ernannt worden war, um die Abtrünnigen wieder auf „den rechten Weg“ zu führen – von den Katharern ermordet wurde. Dies war der Auslöser dafür, dass die Ereignisse ins Rollen kamen und die Kirche härter gegen die Sekte vorging, nachdem zuvor die Zisterzienser im 12. Jahrhundert und die Dominikaner, vor allem auch der heilige Dominikus selbst, im frühen 13. Jahrhundert versucht hatten, die Katharer durch Missionen wieder zum Glauben zurückzugewinnen.

    Eines der Zentren der Katharer entstand in Toulouse. Heute ist die „ville rose“ (wegen der vielen Backsteinbauten) mit einem 25-prozentigen Studentenanteil unter der Bevölkerung nach Paris die quirligste Stadt Frankreichs, der man sofort verfällt. Sehenswert ist hier unter vielem anderen die Klosterkirche des Dominikanerordens, die dem heiligen Thomas von Aquin geweiht ist, dessen Gebeine in einem goldenen Schrein unter dem Altar ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Die Kirche ist im typischen meridonialen Stil der südfranzösischen Kirchen einschiffig errichtet. Berühmt ist der 22 Meter hohe Palmettenpfeiler, bei dem sich die Gewölberippen in alle Richtungen ausbreiten. Das Augustinermuseum beherbergt eine Vielzahl romanischer Bilderkapitelle, auf deren vier Seiten die Bildhauer biblische Episoden und Heiligenlegenden in einzelnen Szenen höchst kunst- und ausdrucksvoll gestaltet haben. Sie stammen vor allem aus drei Toulouser Kirchen, die dem Vandalismus der Französischen Revolution zum Opfer gefallen waren.

    Denn nicht nur die Katharer haben Okzitanien geprägt. 500 Jahre nach ihnen haben die Bilderstürmer von 1789 auch hier ihre Spuren der Vernichtung hinterlassen, die noch heute sichtbar sind. Dabei sind sie effektiv vorgegangen, als sie ganze Kreuzgänge abtrugen und in der Landschaft verstreuten oder – wie es landauf, landab an den sakralen Stätten zu beobachten ist: An den Skulpturen der Figuren schlugen sie die Köpfe ab; fast alle Kapitelle der Kreuzgangspfeiler der großartigen ehemaligen Benediktinerabtei Saint-Pierre de Moissac (die bedeutendste Station der „Via Podiensis“) stellen derart „guillotinierte“ Heilige oder Gestalten aus der Bibel dar.

    Zu einem der Höhepunkte der Reise gehört zweifelsohne der Besuch der Kathedrale der 80 Kilometer nordöstlich von Toulouse gelegenen Stadt Albi, die einst ein wichtiges Zentrum der Häretiker war. Fünfzig Jahre nach der Übergabe der Stadt durch die Albigenser ließ der Bischof von Albi auf einem Hügel über dem Fluss Tarn die der heiligen Cäcilia geweihte Kirche bauen. Die größte, zwischen 1282 und 1480 errichtete, Backsteinkathedrale der Welt sollte eine Mahnung an die Bewohner der Stadt sein, sich nie wieder vom wahren Glauben abbringen zu lassen. Im Gegensatz zum festungsartigen Äußeren der Kirche bietet sich das Innere in seiner blauen Pracht als opulentes Kunstwerk dar. Der gesamte Innenraum ist mit Fresken im Stil der italienischen Frührenaissance geschmückt, die eine Gesamtfläche von mehr als zwei Hektar einnehmen. Die Westwand trägt eine monumentale Darstellung des Jüngsten Gerichts. Der Lettner auf der gegenüberliegenden Seite ist im spätgotischen Flamboyant-Stil gearbeitet. Auch hier haben die Revolutionäre des 18. Jahrhunderts gewütet. Unter dem Terrorregime verlor der Lettner 70 Statuen, und das vergoldete Altarretabel aus Silber landete im Schmelztiegel.

    Wenn der Bischof von Pamiers am morgigen Sonntag seine Bitte um Vergebung vortragen wird, dann handelt es sich dabei nicht um eine Form der „Selbstgeißelung“, wie Bischof Eychenne betont: „Wir bitten nicht die Katharer um Verzeihung, sondern den Herrn.“ Er mahnt: „Viele Menschen hier haben das Gefühl, dass die Katholiken von heute die gleichen sind, die damals die Christen verfolgt haben.“