• aktualisiert:

    „Kliniken schließen wäre ja völlig verrückt“

    Gemeinsam mit Kurienkardinal Paul Josef Cordes hat der Psychiater und Theologe Manfred Lütz eine Streitschrift zum Thema Entweltlichung veröffentlicht. „Benedikts Vermächtnis und Franziskus' Auftrag“ lautet der Titel des jüngst bei Herder erschienenen Buches. Dieses Buch hat eine Diskussion darüber ausgelöst, welche Konsequenzen Entweltlichung für kirchliche Institutionen haben kann. Manfred Lütz, selbst Chefarzt eines kirchlichen Krankenhauses, meint: Katholische Krankenhäuser – da muss sich was ändern! Für „Die Tagespost“ hat Markus Reder mit ihm gesprochen.

    Chefarzt und Autor Manfred Lütz. Foto: dpa

    Gemeinsam mit Kurienkardinal Paul Josef Cordes hat der Psychiater und Theologe Manfred Lütz eine Streitschrift zum Thema Entweltlichung veröffentlicht. „Benedikts Vermächtnis und Franziskus' Auftrag“ lautet der Titel des jüngst bei Herder erschienenen Buches. Dieses Buch hat eine Diskussion darüber ausgelöst, welche Konsequenzen Entweltlichung für kirchliche Institutionen haben kann. Manfred Lütz, selbst Chefarzt eines kirchlichen Krankenhauses, meint: Katholische Krankenhäuser – da muss sich was ändern! Für „Die Tagespost“ hat Markus Reder mit ihm gesprochen.

    Sie halten Entweltlichung für das Schicksalsthema der katholischen Kirche in Deutschland. Warum ist ausgerechnet Entweltlichung die Schlüsselfrage?

    Weil wir durch die zunehmenden Konflikte im Bereich kirchlicher Institutionen inzwischen massiv an Glaubwürdigkeit verlieren und an Kraft, begeistert und überzeugend den Glauben zu verkünden. Genau das war das Thema der Freiburger Konzerthausrede Papst Benedikts XVI. Es war die letzte große Rede in Deutschland, das Vermächtnis an seine deutschen Landsleute. Die Wirkung dieser Rede war unglaublich. Ich erlebte, wie manche Kirchenfunktionäre geradezu panisch reagierten: So könne der Papst doch nicht reden, das stelle ja alles in Frage, den Einfluss der Kirche, ihre Institutionen, ihre Macht. Sie hatten nicht verstanden, was Entweltlichung eigentlich heißt. Aber sie hatten durchaus verstanden, dass es da um Macht ging, auch um ihre Macht. Es dauerte ein paar Tage, bis man die Sprachregelung fand: Der Papst habe das gar nicht so gemeint. Er habe vor allem nicht speziell Deutschland gemeint, der Papst rede immer weltkirchlich. Mit anderen Worten: Wenn ein deutscher Papst in Deutschland auf Deutsch vor Deutschen redet, meint er natürlich Nicaragua! So hatte man das Ganze ins Leere laufen lassen. Doch jetzt zeigt sich, dass Papst Franziskus mit liebenswürdiger Hartnäckigkeit die gleiche Linie verfolgt. Es vergeht fast keine Woche, in der er nicht vor einer allzu weltlichen Kirche warnt.

    Diese Kontinuität im Ruf nach Entweltlichung hat Sie zu diesem Buch animiert?

    Das war für Kardinal Cordes und mich ein Anlass zu diesem Buch. Kardinal Cordes befasst sich darin mit Entweltlichung als spirituellem Thema, das jeden Einzelnen angeht. Denn natürlich wäre es viel zu kurz gegriffen, bei diesem Wort bloß über die kirchlichen Institutionen zu reden. Wir müssen bei uns selbst anfangen und so ist dieses Buch auch für Leute interessant, die sich für die kirchlichen Institutionen gar nicht so sehr interessieren, aber geistlich weiterkommen wollen. Kardinal Cordes beschreibt begeisternde Persönlichkeiten, die, indem sie sich nicht an die Welt verloren haben, umso intensiver in die Welt hineingewirkt haben. Etwa Charles de Foucauld, Mutter Teresa oder Simone Weil. Ich habe mich vor allem mit der Frage nach der Zukunft der kirchlichen Institutionen in Deutschland befasst, speziell im Bereich der Caritas.

    Nach der ersten Aufregung um die Entweltlichungs-Rede von Papst Benedikt wurde diese „Bombe“ rasch entschärft. Man hat das Thema akademisiert und auf Podiumsdiskussionen geschoben. Die praktischen Auswirkungen sind bislang gering. Woran liegt das?

    Die Rede war natürlich höchst brisant. Um die Kirche aufzurütteln, hatte sich Benedikt nicht einmal gescheut, die positiven Aspekte der Säkularisation, der gewaltsamen Enteignung der Kirche Anfang des 19. Jahrhunderts, hervorzuheben. Aber wenn man Macht besitzt, hat man auch die Macht, einfach nicht zu reagieren. Als das nicht reichte, ging man zum Angriff über und unterstellte Benedikt eine Auffassung, die er nachweislich nicht vertreten hatte. Der Papst habe Weltflucht gepredigt, hieß es, aber die Kirche müsse doch in die Welt hineinwirken. Der Papst hatte zwar ausdrücklich genau das Gegenteil gesagt, doch so hatte man mit ein bisschen falschem Ratzinger-Klischee tatsächlich die Bombe entschärft. Es ist vor allem eine mittlere Funktionärsebene, die sich gegen jede Abgabe von Macht sträubt. Die meisten Bischöfe dagegen haben längst erkannt, dass Benedikt recht hatte und dass es so nicht weitergehen kann.

    Was macht Sie zuversichtlich, dass Papst Franziskus mit seinem Ruf nach Entweltlichung der Kirche offenere Ohren und offenere Herzen findet als Papst Benedikt?

    Papst Franziskus führt klar und deutlich weiter, was Papst Benedikt in Freiburg argumentativ dargelegt hat. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Franziskus es nicht dabei belassen wird. Wobei selbst anfängliche Kritiker meiner Position inzwischen zugeben, dass die Situation so nicht mehr zu halten ist.

    Wie meinen Sie das?

    Spätestens seit der Rede Benedikts kracht es alle paar Monate im Gebälk der kirchlichen Institutionen. Ein wiederverheiratet geschiedener Chefarzt, der wiedereingestellt werden musste, Streikrecht in kirchlichen Einrichtungen, erfolgreicher Widerstand gegen die Kündigung einer Kindergärtnerin, die zu ihrem Lebenspartner zog, der Fall der mutmaßlich vergewaltigten Frau in Köln. Alle diese Vorfälle hängen damit zusammen, dass die Kirche über viele Menschen Arbeitgebermacht ausübt, die gute Arbeit machen, aber sich schon zum Zeitpunkt der Einstellung mit der Kirche gar nicht identifizieren wollten.

    Angesichts von 54 katholischen Krankenhäusern allein im Erzbistum Köln und von 50 000 kirchlichen Angestellten bei nur noch 215 000 sonntäglichen Kirchenbesuchern ist das kein Wunder. Da stimmen die Proportionen nicht mehr. Das heißt übrigens nicht, dass das nicht oft ganz großartige Mitarbeiter sind, die die christlichen Ziele, den Ärmsten der Armen zu helfen und nicht bloß hinter dem Profit her zu sein, uneingeschränkt teilen. Aber wenn die Kirche von ihrem Recht Gebrauch macht, einen sympathischen und kompetenten Chefarzt zu entlassen, nur weil er geschieden ist und wieder geheiratet hat, dann ruiniert das den Ruf der Kirche weit über dieses Haus hinaus, denn alle Mitarbeiter wissen, dass auch sie einen Dienstvertrag unterschrieben haben, der die sittliche Lebensführung der Mitarbeiter thematisierte, aber dass die meisten das nicht aus freier Überzeugung taten, sondern weil sie bei der hohen Dichte kirchlicher Einrichtungen in manchen Gegenden gar keine Alternative hatten. Die Öffentlichkeit und zunehmend auch die Gerichte akzeptieren diese Situation nicht mehr. Im Grunde ist es ja auch ein ethisches Problem, wenn kirchliche Dienstgeber Texte unterschreiben lassen, von denen sie soziologisch sehr gut wissen, dass die meisten Mitarbeiter freiwillig einen solchen Text nicht unterschreiben würden. Inzwischen wird klar, dass die Kirche nur noch die Alternative hat, entweder zuzuschauen, wie das riesige kirchliche Institutionswesen in Deutschland zusammenbricht und weiterhin alle paar Monate ein Dachbalken herunterdonnert oder sie beginnt, von sich aus zu handeln. Die meisten Bischöfe und übrigens auch viele weiterschauende Kirchenfunktionäre sind inzwischen entschlossen zu handeln.

    Soll sich die Kirche aus ihren Institutionen zurückziehen, weil es nicht mehr genügend tatsächlich katholisches Personal gibt? Rückzug aus der Welt wäre aber doch das Gegenteil von dem, was Benedikt XVI. und Papst Franziskus wollen.

    Leider hat die katholische Nachrichtenagentur einige Falschmeldungen produziert, die unsere Position sozusagen in ihr Gegenteil verkehrten. Es geht natürlich nicht um die Schließung der katholischen Krankenhäuser, das wäre ja völlig verrückt. Es geht auch nicht darum, dass in katholischen Einrichtungen bloß noch lupenreine Katholiken arbeiten sollten. Vor allem aber geht es nicht um Rückzug, im Gegenteil. Wir müssen den Caritas-Bereich ganz im Sinne von Papst Franziskus viel mehr nutzen, um wieder evangelisierend zu wirken. Die Krise der Kirche in Deutschland liegt doch vor allem daran, dass von den vier Wesensvollzügen der Kirche nur noch zwei an der Basis gelebt werden: Leiturgia – einmal in der Woche Gottesdienst, und Koinonia, Gemeinschaft, einmal im Jahr Pfarrfest. Wenn das tatsächlich Kirche wäre, dann muss man sich nicht wundern, wenn junge Leute sagen: Was soll das? Wir müssen also die beiden anderen kirchlichen Wesensvollzüge, die nach außen wirken, – also Martyria (Bekenntnis) und Diakonia (caritatives Engagement) – wieder an der Basis leben.

    Wohin sind denn Bekenntnis und caritatives Engagement verschwunden?

    Wir haben das in Deutschland an die Profis abgegeben. Für die Verkündigung sind die Theologen zuständig, für die Nächstenliebe der Caritasverband. Wenn der durchschnittliche Kölner von seinem muslimischen Nachbarn gefragt wird: „Ihr glaubt also an drei Götter“? Dann sagt er bestenfalls: „Drei Götter? Nein, das glaub' ich nicht. Das heißt bei uns Dreifaltigkeit. Aber was das genau ist, da müssen Sie mal den Pfarrer fragen.“ So etwas ist einfach nur peinlich. Die Muslime kennen ihren Glauben. Jeder Christ muss seinen Glauben wieder kennen und bekennen. Durch Taufe und Firmung ist jeder von uns verpflichtet, zu evangelisieren. Der zweite Punkt ist die Caritas. Die haben wir an die Profis vom Caritasverband abgegeben. Tätige Nächstenliebe ist aber ein Gebot Jesu, das sich an alle Christen richtet. Jeder ist durch Taufe und Firmung dazu verpflichtet, Einsame zu besuchen, Sterbenskranke zu begleiten, Schizophrene zu integrieren und was es noch alles zu tun gibt.

    Welche Folgen hat diese Professionalisierung der Nächstenliebe?

    Dass die Pfarrgemeinden zu reinen Liturgiegemeinden vertrocknen. Aber es wäre eine Karikatur des Christentums, wenn jemand denken würde, er wäre katholisch, wenn er sonntags in die Kirche geht und für den Rest Geld spendet. Liebe gibt es nicht gegen Geld und man kann sie auch nicht delegieren, auch Nächstenliebe nicht. Der Caritasverband heißt dennoch mit Recht Caritasverband, wenn er – gemäß dem Subsidiaritätsprinzip – bescheiden und kompetent der Caritas dient, die wir alle tun müssen. Jeder gutbürgerlichen Gemeinde tut es gut, wenn sie zum Beispiel eine „Tafel“ unterhält, um Bedürftige mit Essen zu versorgen, denn dann kommen die Armen nicht bloß bei der Verlesung des Sonntagsevangeliums vor, sondern auch – real – unter der Woche. So wird der Glaube lebendig.

    Aber das ist rein praktisch doch eine völlige Überforderung der ohnehin immer kleiner werdenden Herde? Die soll dann auch noch stemmen, was bisher die Professionellen kaum geschafft haben.

    Das wäre ein Fehlschluss. In Gemeinden, die sich stärker caritativ engagieren, tauchen plötzlich ganz andere Menschen auf, die einen nicht bloß rituell gelebten Glauben suchen und nicht selten über solches Engagement am Ende auch Zugang zum Gottesdienst finden. Als Jesus gefragt wird, wie man in den Himmel kommen kann, da erzählt er die Geschichte vom Barmherzigen Samariter. Nicht der Priester und der Levit, die hinauf zum Tempel nach Jerusalem ziehen, sondern der Samariter, der sich hinab zum geschundenen Menschen beugt, ist gottgefällig. Ein Lieblingszitat von Papst Franziskus ist, dass man den Glauben verkünden soll, notfalls sogar mit Worten….

    Sie fordern konkrete Veränderungen bei den katholischen Krankenhäusern?

    Das ist einfach der größte Bereich mit den arbeitsrechtlich drängendsten Problemen. Katholische Krankenhäuser haben in der Öffentlichkeit einen hervorragenden Ruf und engagierte und kompetente Mitarbeiter. Doch weder von den Patienten noch von der ganz überwiegenden Mehrheit der Mitarbeiter wird akzeptiert, wenn da jemandem wegen privater Lebensentscheidungen gekündigt wird. Dadurch leidet der Ruf der Kirche dann schweren Schaden.

    Ist denn der Ruf der Kirche wichtiger als der Dienst, der in diesen Krankenhäusern geleistet wird? Katholische Krankenhäuser werden ja auch von der säkularen Öffentlichkeit geschätzt, selbst von vielen, die vom Glauben der Kirche nichts mehr wissen oder wissen wollen.

    Damit sprechen Sie die Hauptmotivation an, warum ich an diesem Buch mitgeschrieben habe. Der Ruf der Kirche ist wichtig, nicht für Sie und mich, denn wir wissen, wie viel Unwahres über die Kirche verbreitet wird. Aber viele Menschen, die nicht viel Ahnung von der Kirche haben, waren von den Vorfällen der letzten Monate in kirchlichen Einrichtungen so abgeschreckt, dass sie deswegen aus der Kirche ausgetreten sind oder sich für eine solche Institution nicht mehr interessieren. So etwas schmerzt mich und da fand ich es wichtig, öffentlich als bekennender Katholik zu erklären, dass ich die Situation auch nicht zufriedenstellend finde. In Talk-Shows hat es keinen Zweck, eine Betonverteidigung zu betreiben nach dem Motto: Wir haben alles goldrichtig gemacht, wir haben bloß ein Kommunikationsproblem. Wir gewinnen Glaubwürdigkeit zurück, wenn wir auch öffentlich erklären, dass wir gewisse Probleme erkannt haben und uns um Lösungen bemühen. Es gab dann anfänglich einige Fouls von Kirchenfunktionären, die offensichtlich um ihre Macht fürchteten, aber auch Missverständnisse, die in guten Gesprächen mit Verbandsvertretern geklärt werden konnten. Bei alldem war mir die Unterstützung meines Ortsbischofs, aber auch anderer Bischöfe wichtig. Kardinal Meisner hatte ja schon vor 25 Jahren erklärt, die Karosserie sei zu groß für den Motor. Wir haben jedenfalls keine Zeit mehr, zu viel Porzellan ist schon zerschlagen und es mehren sich unlösbare Situationen.

    Welche zum Beispiel?

    Viele Geschäftsführer, mit denen ich gesprochen habe, stehen inzwischen immer wieder vor dem Dilemma: Nehme ich einen frommen oder einen guten Chirurgen…

    Viele katholische Patienten würden wohl sagen, am besten einen frommen und guten Chirurgen.

    Das war vor fünfzig Jahren vielleicht noch möglich, aber beim heutigen Ärztemangel ist das leider illusorisch.

    Was schlagen Sie vor?

    Die Kirche sollte überlegen, ob man nicht „Krankenhäuser aus katholischer Tradition“ ermöglichen könnte. Damit würde man im Grunde nur die Situation juristisch beschreiben, die jetzt meist schon besteht. Die katholische Tradition des Hauses wird aufrechterhalten. Es wird nicht abgetrieben, es gibt keine Euthanasie, man sorgt für gute Seelsorge et cetera. Aber man legt nicht mehr das Kriterium der Katholizität an die Mitarbeiter an. Das würde dann freilich bedeuten, diese Einrichtung wäre im eigentlichen Sinne kein katholisches Krankenhaus mehr.

    Für die Kirche als Arbeitgeber wären die Folgen erheblich. Sie würde den „dritten Weg“ verlassen.

    Tatsächlich würde man in diesen Einrichtungen freiwillig auf das Kirchenprivileg verzichten, hätte die Gewerkschaften im Haus, einen tarifvertraglichen Lohn et cetera. Vielleicht könnte man dennoch ein Tendenzbetrieb bleiben, denn natürlich wären militante Kirchenhasser an einer solchen Einrichtung fehl am Platz.

    Sehen Sie solche Einrichtungen weiter unter dem Dach der Kirche?

    Darüber müsste man diskutieren. Aus meiner Sicht ist durchaus denkbar, dass der bisherige Träger das Krankenhaus so weiterführen kann. Aber die Verhältnisse an diesem Krankenhaus wären dann transparent und der bekennende Katholik käme beim Tischgebet in der Cafeteria nicht mehr in Verdacht, es bloß auf die Karriere abgesehen zu haben. An einem solchen Haus könnte man sogar wirksamer evangelisieren. Denn nur dann, wenn der Atheist sich offen zu seiner Überzeugung bekennen kann und weiß, dass katholisch werden sich nicht durch einen besseren Posten auszahlt, kann er sich wirklich frei für den Glauben entscheiden.

    Neu gestalten würde dann Ihrer Ansicht nach bedeuten, die Kirche soll sich aus dem Privatleben ihrer Angestellten raushalten?

    In den meisten Krankenhäusern schon. Aber mein Vorschlag soll ja gerade dafür sorgen, dass in einem Kernbereich der 3. Weg weiter gelten könnte. Denn selbstverständlich wird auch die Öffentlichkeit akzeptieren, dass ein Pastoralreferent, der katholische Brautleute-Kurse abhalten soll, nicht wiederverheiratet geschieden sein darf. Aber bei einem Herzchirurgen in einem Krankenhaus sieht das anders aus. Insofern schlage ich zwei verschiedene Konstrukte vor. In einem Kernbereich wäre weiterhin katholisch drin, wo katholisch draufsteht – was aber nicht ängstliche Enge bedeuten muss. Andererseits müsste man nicht die vielen traditionsreichen Großeinrichtungen an irgendwelche Geschäftemacher abgeben, sondern könnte dort wenigstens die katholische Tradition samt den Chancen zur Glaubensverkündigung wahren.

    Das Problem, das Sie am Beispiel Krankenhäuser schildern, zieht sich letztlich durch sämtliche kirchliche Institutionen. Auch in Ordinariaten sitzen Leute, die, wenn der Bischof vorbeikommt, ihm eifrig nach dem Mund reden. Wenn er wieder weg ist, macht man weiter sein eigenes Ding – oft ohne Rücksicht auf kirchliche Prinzipien oder katholische Lehre. Das Grundproblem fehlender innerer Identifikation mit Glauben und Leben der Kirche lässt sich aber kaum über Veränderung bei katholischen Krankenhäusern lösen.

    Ich bilde mir gar nicht ein, dass mein Vorschlag alle Probleme gleichzeitig lösen kann. Aber als Psychotherapeuten wissen wir: Wenn man in einem wichtigen Bereich eine relevante Veränderung zum Besseren erreicht, dann bringt das frischen Wind und führt nicht selten auch zur Lösung anderer Probleme.