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    „Klarer und weitsichtiger als viele Zeitgenossen“

    Zehn Märtyrer und Glaubenszeugen, die nicht einfach nur Opfer des Nationalsozialismus wurden, sondern Freiheit und Leben bewusst und aus einer Gewissensentscheidung heraus hingaben, hat der Bischof von Linz, Manfred Scheuer, in seinem jüngsten Buch einfühlsam und profund porträtiert. Dabei treiben ihn Fragen um, die auch heute überaus aktuell klingen: „Gibt es innere Freiheit in der Diktatur, unter Zwang und im Gefängnis? Gibt es gelebte Menschenwürde in Zeiten der Verachtung und des Hasses? Kann Liebe inmitten von Terror und Gewalt gelebt und verwirklicht werden?“ Immer wieder versetzt Bischof Scheuer die Anfragen an die historischen Persönlichkeiten in unsere Zeit. Offenkundig nähert er sich ihnen nicht aus einem rein historischen Interesse, sondern mit der Ambition, Lehren für hier und heute zu ziehen.

    Kardinal von Galen
    Hat sich mit großem Mut der Barbarei entgegengestellt: Kardinal von Galen auf dem Michaelisplatz in Münster. Foto: dpa

    Zehn Märtyrer und Glaubenszeugen, die nicht einfach nur Opfer des Nationalsozialismus wurden, sondern Freiheit und Leben bewusst und aus einer Gewissensentscheidung heraus hingaben, hat der Bischof von Linz, Manfred Scheuer, in seinem jüngsten Buch einfühlsam und profund porträtiert. Dabei treiben ihn Fragen um, die auch heute überaus aktuell klingen: „Gibt es innere Freiheit in der Diktatur, unter Zwang und im Gefängnis? Gibt es gelebte Menschenwürde in Zeiten der Verachtung und des Hasses? Kann Liebe inmitten von Terror und Gewalt gelebt und verwirklicht werden?“ Immer wieder versetzt Bischof Scheuer die Anfragen an die historischen Persönlichkeiten in unsere Zeit. Offenkundig nähert er sich ihnen nicht aus einem rein historischen Interesse, sondern mit der Ambition, Lehren für hier und heute zu ziehen.

    Die skizzierten Gestalten – sieben von ihnen von der Kirche bereits als Selige erkannt – sind nicht bloß unschuldig Verfolgte, sondern Gewissenstäter, die der Barbarei und dem Hass einen alles riskierenden Widerstand entgegensetzten. Am ausführlichsten befasst sich Bischof Scheuer mit dem Seligen Franz Jägerstätter, der als Kriegsdienstverweigerer 1943 vom NS-Regime wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt und enthauptet wurde. Scheuer, der einst Postulator im Seligsprechungsverfahren war, bilanziert: „Franz Jägerstätter hat nicht zu groß von der Macht der Nazis gedacht und nicht zu klein von den Möglichkeiten Gottes mit ihm. Er hat die Wahrheit gelebt in einer Welt der Lüge, die Liebe in einer Welt der Verachtung, er hat das Leben geliebt in einer Welt des Totenkopfes.“ Er habe sich gegenüber dem totalitären Regime die innere Freiheit bewahrt, sei nicht von Menschenfurcht geprägt gewesen, sondern von der Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe. Jägerstätter habe „das Schweigen der Priester und Bischöfe gegenüber dem nationalsozialistischen Wahnsinn kritisch gesehen“, habe jedoch mehr von sich selbst verlangt als er anderen zugemutet hätte.

    An der Gestalt Jägerstätters erklärt der Bischof von Linz – überaus aktuell – die Bedeutung des Gewissens: „Mit der Berufung auf das Gewissen wird oft das Ziel verfolgt, die Kosten einer Entscheidung niedrig zu halten.“ Wahrhaft nach dem Gewissen Handelnde hätten jedoch „einen hohen Preis“ bezahlt, einen Preis, der auch „das Opfer des eigenen Lebens einschloss“. Das Gewissen sei nämlich „kein Handlanger der Eigeninteressen“ oder „Instanz der Beliebigkeit“, sondern „der Ort der Erfahrung des Unbedingten, das uns in Anspruch nimmt“, ja „der Ort der Begegnung zwischen Mensch und Gott“.

    Der Autor entschuldigt die Schuldigen nicht, wenn er schreibt, es gebe „eine spirituelle Architektur der Völker, die krank werden kann“, oder wenn er zwei Weltkriege so zusammenfasst: „Der Krieg hinterlässt tiefe Spuren in der Mentalität der Völker, er verdirbt und schädigt den Charakter der Menschen und macht die Seele einer Nation schlechter.“ Umso leuchtender ragen Gewissenstäter wie Jägerstätter mit ihrer Wahrheitssuche aus dieser Zeit heraus, „klarer und weitsichtiger als viele seiner Zeitgenossen“. Oder auch der Tiroler Priester Otto Neururer, der – wie es in der Lagerkartei hieß – als „hartnäckiger und hinterlistiger Gegner der NSdAP“ 1940 an den Füßen aufgehängt wurde, bis der Herzstillstand eintrat. Über Märtyrer wie ihn meint Scheuer: „Sie haben ihr Gewissen und ihre Verantwortung nicht infantil delegiert, nicht an die anderen, nicht an das Volk, nicht an den Führer.“ Die historischen Schilderungen verbindet der Autor immer wieder mit Mahnungen an die Lebenden, von denen er Umkehr und „Reinigung des Gedächtnisses“ verlangt: „Wir können uns nicht arrogant gegenüber dem Bösen der Vergangenheit erheben, denn die Bosheit schleicht sich auch heute in der Gestalt der Wohltat ein, und Menschenverachtung nistet sich in den Feldern der Gewohnheit ein.“ Wider die Vereinnahmung und Verkitschung der Märtyrer richtet Bischof Scheuer an seine Leser die Frage: „Wie ernsthaft stellt sich die Frage, ob es in deinem Leben etwas gibt, das groß genug ist, um dafür zu sterben?“

    Kundig skizziert der Autor den 2016 in Würzburg seliggesprochenen Pater Engelmar Unzeitig, der auch im KZ noch als Missionar wirkte, und den Seligen Josef Mayr-Nusser, der aus religiösen Gründen den SS-Eid verweigerte und zu einem „Dolmetscher Gottes in einer gott- und menschenverachtenden Barbarei“ geworden sei. Bekannte Größen wie Kardinal Clemens August von Galen beleuchtet Bischof Scheuer in seinem lesenswerten Buch ebenso wie unbekanntere Glaubenszeugen, etwa Pater Franz Reinisch, Johann Gruber und Schwester Angela Autsch. Reinisch, der in Hitler „die Personifizierung des Antichristen“ gesehen habe und den Nationalsozialismus für unvereinbar mit dem katholischen Glauben hielt, wurde 1942 hingerichtet.

    „Die Opfer sind vor dem Vergessen zu bewahren“, mahnt Scheuer. Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus sei keine rein historische Beschäftigung: „Sie hat uns wachsam zu machen, wenn heute Menschen, Behinderte, Fremde in ein wirtschaftliches beziehungsweise technokratisches Kalkül eingeordnet werden und Menschen zu bloßen Kostenfaktoren degradiert werden.“ So sei das Gedenken „letztlich auch eine Mahnung wider die Verrohung, wider den Rückfall in die Barbarei“. Dazu hat der Bischof von Linz mit seinem jüngsten Buch einen wertvollen Beitrag geleistet.

    Manfred Scheuer: „Kraft zum Widerstand. Glaubenszeugen im Nationalsozialismus“. Tyrolia Verlag, Innsbruck-Wien 2017, ISBN 978-3-7022-3632-8,

    130 Seiten, EUR 17,95