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    Klangräume für Gottsucher

    Domorganist Ruben Sturm konzipiert die Internationale Rottenburger Orgelkonzertreihe für das kommende Jahr. Von Barbara Stühlmeyer

    Von der Orgel fasziniert: Domorganist Ruben Sturm. Foto: Dommusik Rottenburg

    Der Rottenburger Domorganist, Prorektor der Hochschule für Kirchenmusik der Diözese Rottenburg Stuttgart und Bischöfliche Orgelsachverständige des Bistums, Ruben Sturm, hat auch für das Jahr 2018 wieder eine facettenreiche Orgelkonzertreihe konzipiert. Nationale und internationale Interpreten sind dazu eingeladen, spirituelle Klangräume zu schaffen, in denen sie über das Hören von Orgelmusik auf höchstem Niveau zugleich ihre geistlichen Sinne öffnen können. Dabei schöpft Sturm das gesamte Spektrum der Möglichkeiten aus. Dies betrifft nicht nur die Auswahl der Orgelmusik, für die dem Leiter der Konzertreihe immerhin 700 Jahre tönenden Gotteslobes zur Verfügung stehen. Er setzt auch mit unterschiedlichen Formaten von der Kurzform 30 Minuten Orgelmusik über die Marktmusik bis zu klassischen Orgelkonzerten oder komprimierten Angeboten wie dem Orgelsommer Akzente. Innerhalb dieser Reihe wird es neben den Werken herausragender Komponisten auch die lebendige Erfahrung von Orgelimprovisationen geben. Auch eine dialogische Form im Konzert für zwei Orgeln, das Sturm wie im letzten Jahr gemeinsam mit seiner Ehefrau Kirsten gestalten wird, steht wieder mit auf dem Programm. Welche Erfahrungen Sturm mit seiner Konzertreihe macht, für wen er sie anbietet und was ihm selbst Orgelmusik bedeutet, erklärt der profilierte Musiker im Gespräch mit der Tagespost.

    Herr Ruben, welche Erfahrungen machen Sie mit den Formaten 30 Minuten Orgelmusik, Musik zur Marktzeit, den Orgelkonzerten und dem Orgelsommer?

    Unsere Angebote sind in gewisser Weise zielgruppenorientiert, aber trotzdem für alle offen: Die wöchentlichen Angebote der „30 Minuten Orgelmusik“ oder „Musik zur Marktzeit“ sind niederschwellig und sollen für möglichst viele Menschen eine Möglichkeit sein, Musik in der Kirche zu erleben – und das bei grundsätzlich freiem Eintritt!

    Hier liegt meines Erachtens eine große Chance – gerade auch in der pastoralen Dimension – Leute an die Musica Sacra und an die Kirche selbst heranzuführen und zu begeistern. Dabei ist auch ganz gezielt die sogenannte „Laufkundschaft“ angesprochen, die womöglich spontan oder durch Zufall in ein Orgelkonzert gerät und dann sogar bis zum Ende sitzen bleibt, wenn die Musik und die Atmosphäre ansprechend sind. Dem kulturellen Auftrag der Kirche soll hier in besonderer Weise Rechnung getragen werden.

    An wen richtet sich der Orgelsommer?

    Der Orgelsommer richtet sich – neben den sonntäglichen Gottesdienstbesuchern – vor allem an die vielen sommerlichen Tagestouristen in unserer schönen Bischofsstadt. Die internationale Konzertreihe spricht natürlich in erster Linie den „klassischen“ Konzertbesucher an, wobei wir hier gezielt versuchen, gerade auch junge Zuhörer für die Orgelmusik zu begeistern: Jugendliche bis 18 Jahren haben grundsätzlich freien Eintritt! Dies hat sich bewährt, und so kommen immer häufiger auch Kinder und Teenager in unsere Konzerte. Hier versuche ich zusätzlich durch Orgelführungen für Kindergärten, Schulen, Firm- oder Erstkommuniongruppen die Begeisterung für die Orgel zu wecken. Insgesamt haben wir gute Besucherzahlen in den Konzerten, aber in einer Kleinstadt wie Rottenburg (mit vielen kulturellen Angeboten im großstädtischen Umland) muss man auch viel und aktiv Werbung betreiben...

    Wie hat sich die Präsentation und Rezeption von Orgelmusik in den letzten 20 Jahren verändert?

    Meine Erfahrung ist: Die visuelle Komponente spielt heutzutage eine wesentlich größere Rolle als früher. Das fängt schon beim Layout der Programme an, wo es heute selbstverständlich ist, jeden Interpreten zu porträtieren und eine professionelle grafische Gestaltung vorauszusetzen. Die Zeit der schreibmaschinengeschriebenen schwarz-weißen Programmzettel ist vorbei! Zudem wird bei Orgelkonzerten häufig die visuelle Technik der Videoprojektion verwendet, die ich zwar nicht grundsätzlich ablehne, die jedoch meiner Erfahrung nach häufig eher von der eigentlichen Musik ablenkt zugunsten der Bewunderung der mehr oder weniger spektakulären Akrobatik des Interpreten... Wir haben hier in Rottenburg die schöne Möglichkeit, Orgelkonzerte vom Zentralspieltisch im vorderen Kirchenraum aus spielen zu können, und so den meist verborgenen Interpreten sichtbar zu machen – allerdings wird davon nur bei manchen Konzerten Gebrauch gemacht, da die Orgel von ihrem mechanischen Spieltisch aus natürlich komfortabler und sensibler zu spielen ist.

    Welche Funktion hat Orgelmusik in der Kirche heute?

    Die Orgel ist immer noch das „erste“ und vornehmste Instrument der Kirche – diese Rolle sollte sie sich auch niemals streitig machen lassen! Stattdessen sollte sie sich in der Musik stilistisch breit aufstellen, um überhaupt kein Gefühl des Mangels in der Ausdrucksfähigkeit entstehen zu lassen. Dazu gehört auch eine absolut professionelle Ausbildung der Musiker, die auf ihr spielen dürfen – im haupt- und im nebenamtlichen Bereich – gerade auch im Hinblick auf das liturgische Orgelspiel!

    Grundsätzlich ist mir bei den Orgelkonzerten – damals wie heute – eine sinnvolle dramaturgisch durchdachte Programmgestaltung wichtig, die sich kirchenjahreszeitlich orientiert und aus der ganze Bandbreite des Orgelmusikschatzes der letzten 700 Jahre schöpft und dennoch immer im aktuellen Kontext Bezüge schafft, um die Lebenswirklichkeit heutiger Menschen zu erreichen. Orgelmusik – ob Literaturspiel oder Improvisation, konzertantes oder liturgisches Orgelspiel – muss meines Erachtens immer das Innerste des Menschen erreichen und ein Stück näher zu Gott führen. Ein sicherlich sehr hoher Anspruch, aber mit weniger würde ich mich nicht zufrieden geben!

    Warum haben Sie selbst angefangen, Orgel zu spielen und was inspiriert und trägt Sie heute?

    Ich selbst habe über den Ministrantendienst meine Liebe zur Liturgie und zur Kirchenmusik entdeckt. Die Orgel hat mich schon immer fasziniert und deren Klänge mich ergriffen – gerade auch innerhalb der liturgischen Dramaturgie! Diese Faszination versuche ich durch meine eigene Arbeit als Kirchenmusiker und Orgelprofessor weiterzutragen. Wenn dies gelingt, so ist dies gleichzeitig Motor und Inspiration! Letztlich ist die Liturgie selbst die Hauptinspirationsquelle für meine Musik – auch in jedem Orgelkonzert ist ein Stück liturgischer Inspiration enthalten.

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