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    Kinematografische Illustration des Auferstehungsglaubens

    Das Publikum der bereits zum 28. Mal stattfindenden Bonner Stummfilmtage auf dem vollbesetzten Arkadenhof des Kurfürstlichen Schlosses wurde am Donnerstagabend mit einem nicht nur ob seiner Rarität, sondern auch ob seiner Qualität herausragenden Filmerlebnis verwöhnt: „Drei ehrliche Banditen“ (1926; Originaltitel: „Three Bad Men) ist einer von nur drei erhaltenen der insgesamt 37 abendfüllenden Stummfilmwestern des großen John Ford (1894–1973), dem gewiss bedeutendsten der auf das amerikanischste aller Filmgenres spezialisierten Regisseure.

    Western-Regisseur mit Tiefsinn: John Ford. Foto: IN

    Das Publikum der bereits zum 28. Mal stattfindenden Bonner Stummfilmtage auf dem vollbesetzten Arkadenhof des Kurfürstlichen Schlosses wurde am Donnerstagabend mit einem nicht nur ob seiner Rarität, sondern auch ob seiner Qualität herausragenden Filmerlebnis verwöhnt: „Drei ehrliche Banditen“ (1926; Originaltitel: „Three Bad Men) ist einer von nur drei erhaltenen der insgesamt 37 abendfüllenden Stummfilmwestern des großen John Ford (1894–1973), dem gewiss bedeutendsten der auf das amerikanischste aller Filmgenres spezialisierten Regisseure.

    Eine neu gestaltete Kopie von Twentieth-Century-Fox ermöglichte das seltene Vergnügen, den Klassiker einmal auf der großen Leinwand zu sehen, was sich insbesondere bei den zahlreichen prächtigen Landschaftsaufnahmen auszahlen sollte. Zudem sorgten Neil Brand und Günter A. Buchwald für die gewohnt hochwertige musikalische Begleitung des Festivalabends.

    „Der Held opfert sich für die geliebten Menschen“

    13 Jahre bevor er mit „Stagecoach“ den Western schlechthin – nach André Bazin das „Idealbeispiel für die Reife eines klassisch gewordenen Stils“ –, der seinen Hauptdarsteller John Wayne zum absoluten Weltstar machte, drehen sollte, formuliert der irischstämmige Ford hier erstmals zwei miteinander verknüpfte Themen zur Gänze aus, die sein komplettes späteres Schaffen innerhalb des Genres prägen sollten: Die Nutzbarmachung eines Territoriums, bei der gerade die Heroen, die diesen historischen Prozess überhaupt erst ermöglichen, untergehen und eine mit christlichen Bezugnahmen durchsetzte Selbstaufopferung herausragender Individuen für die Zukunft der von ihnen geliebten Menschen. Als typisch für das Oeuvre des Regisseurs kann ebenso gelten, dass gesellschaftliche Außenseiter dabei durch beherztes Handeln zum richtigen Zeitpunkt ihren moralischen Wert beweisen können.

    Die sich in diesem während des „Dakota Gold Rush“ im Jahre 1877 spielenden Film dergestalt auszeichnenden Charaktere sind die vom Titel gemeinten Outlaws „Bull“ Stanley (Tom Santschi), Mike Costigan (J. Farrell MacDonald) und Spade Allen (Frank Campeau). Der Wandel der kleinkriminellen Ganoven setzt ein, als ihnen im Auftrag des korrupten Sheriffs Layne Hunter (Lou Tellegen) arbeitende Banditen bei einem Überfall zuvorkommen und sie von Mitleid mit der dabei als Waise zurückbleibenden Lee (Olive Borden) erfüllt werden. Selbstlos und unter Verzicht auf jegliche Bezahlung fungieren sie nunmehr als deren Beschützer. Bull gelang jedoch schnell zu der Erkenntnis, dass Lee auf Dauer eine weniger raue Begleitung als die seine und die seiner trinkfreudigen Kumpane braucht. Mit dem Iren Dan O'Malley (George O'Brien), der Lee und ihrem Vater bereits zuvor bei einer Wagenpanne half, ist auch schnell der richtige Mann gefunden.

    In der Nacht vor dem Wettrennen um das wegen des auf ihm vermuteten Goldes begehrten Land, steckt Hunter die Kirche des Ortes, in die sich verängstigte Frauen und Kinder angesichts der aufgeheizten Stimmung zurückgezogen haben, in Brand, um seine Leute weiter aufzustacheln. Bull, Dan und die Bürger können die Wehrlosen zwar retten, als sich aber Bulls Schwester Millie, die von Hunter erst verführt und dann verlassen wurde, schützend vor den unerschrocken den Schurken gegenübertretenden Pfarrer wirft, wird sie von einer für diesen bestimmten Kugel tödlich getroffen. Sowohl der Mut und die altruistische Nächstenliebe des „gefallenen Mädchens“ als auch die Skepsis gegenüber staatlichen Autoritäten, die mit der durchweg positiven Zeichnung kirchlicher Amtsträger kontrastiert, sind als weitere für den Katholiken Ford charakteristische Themen einzuordnen.

    Zu der erwähnten Selbstaufopferung der drei Helden kommt es dann, als Hunters Männer Lees und Dans Weg nach Westen gewaltsam beenden wollen. Sich den Gangstern einer nach dem anderen tapfer entgegenstellend, geben die drei herzensguten Outlaws ihr Leben für das Glück ihrer Freunde hin. Lee und Dan gelingt es dadurch, auf einem Stück Land als Farmer anzusiedeln und eine Familie zu gründen. Ihren Sohn benennen sie nach den drei Gesetzlosen.

    Das alles ist, wie bei Ford üblich, mit viel rauem, aber warmherzigem Humor und witziger Sentimentalität in unaufgeregten und doch grandiosen Bildern erzählt. Fords Regie ist, bei aller Meisterschaft, die sich in großartigen Sequenzen wie der das Rennen einleitenden, welche in einem atemberaubenden, die ganze Weite des Raumes bewusst machenden Schwenk über die Scharen der Siedler gipfelt, niederschlägt, stets völlig unprätentiös: Jede Einstellung hat ihren Sinn und befindet sich an ihrem entsprechenden Platz – ganz wie in der vom Regisseur so phantastisch fotografierten Natur.

    Man tut sicherlich nicht falsch daran, diese Form in einen Bezug zum Inhalt des Films zu setzen. Denn während die Erzählung von Beginn an deutlich macht, dass die gierige und egoistische Goldsuche es nie vermögen wird, das Leben der Jäger mit einem wirklichen Sinn zu erfüllen, stellt sie gleichzeitig ganz klar heraus, dass der wahre Schatz hingegen das Land selbst ist: Das Glück des Menschen liegt darin, dieses Land urbar zu machen, zu bebauen und dort eine Familie zu gründen – eben ein ihm gemäßes Leben zu führen.

    „Harte Kerle, guter Kern – der Sonne entgegen“

    Es ist diese präzise Werteorientierung, die der fordschen Narration ihre spezifische Ausdruckskraft verleiht. Dass die sie tragende Zuversicht unmittelbar aus Fords Religiosität herrührt, zeigt das in „Drei ehrliche Banditen“ skizzierte Porträt der drei harten Kerle mit gutem Kern auf besonders dezidierte Art und Weise: Denn wenn Bull, Mike und Spade im Schlussbild des Films nach ihrem Leinwandableben der Sonne entgegenreiten, stellt dies nicht weniger dar als eine kinematographische Illustration des christlichen Auferstehungsglaubens.

    Es ist zu hoffen, dass möglichst viele der Bonner Besucher auch etwas von dieser metaphysischen Dimension des Westerns im donnernden Applaus, der das Ende des Abends begleitete, mit nach Hause nehmen konnten. Auch wäre es schön, wenn diese Filmfassung bald auch andernorts im deutschsprachigen Raum zu sehen wäre. In voller Größe. Mit ganzer Qualität in Bild und Botschaft.