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    Kinder haben Rechte

    Als am 9. November 1989 die Menschen in Berlin auf der Mauer tanzten und man sich überall auf der Welt in den Armen lag, schien ein Kindertraum in Erfüllung zu gehen: eine friedliche Welt, in der freie Menschen leben, die als Träger unveräußerlicher Rechte geachtet werden, immer und überall. Wir wissen, dass dieser Traum nicht in Erfüllung ging. Das Ringen um elementare Rechte des Menschen setzte sich fort und erfuhr gerade in den letzten Jahrzehnten viele dramatische Rückschläge.

    Expo Internationaler Weltkindertag
    Bei einem früheren Weltkindertag: Kinder sagen, wie sie sich die Welt vorstellen. Foto: dpa

    Als am 9. November 1989 die Menschen in Berlin auf der Mauer tanzten und man sich überall auf der Welt in den Armen lag, schien ein Kindertraum in Erfüllung zu gehen: eine friedliche Welt, in der freie Menschen leben, die als Träger unveräußerlicher Rechte geachtet werden, immer und überall. Wir wissen, dass dieser Traum nicht in Erfüllung ging. Das Ringen um elementare Rechte des Menschen setzte sich fort und erfuhr gerade in den letzten Jahrzehnten viele dramatische Rückschläge.

    Die Ironie der Geschichte wollte es, dass nur wenige Tage nach dem Mauerfall die Vereinten Nationen das „Internationale Übereinkommen über die Rechte des Kindes“ verabschiedeten, als einen richtungsweisenden Fingerzeig in eine neue Ära des globalen Miteinanders, einer Zukunft mit einer neuen Qualität des Umgangs zwischen und mit den Menschen. Doch auch hier stehen die Entwicklungen der letzten Jahre dem kodifizierten Fortschritt diametral entgegen. Zumindest lohnt sich ein Blick in den Text, um zu sehen, ob er in aktuellen Konflikten tatsächlich hilfreich ist.

    Die 54 Artikel der Konvention legen Standards zum Schutz vor Missbrauch und Gewalt fest und erinnern daran, dass auch Kinder und Jugendliche Träger elementarer Menschenrechte sind, denn Kinder sind auch Menschen. Insoweit müssen sie als eigenständige Persönlichkeiten wahr- und ernstgenommen werden. Entwicklung, Förderung, Bildung und Beteiligung – das sind spezielle Elemente, die in der Lebensphase des Wachsens und Reifens besondere Bedeutung haben. Sie sind an prominenten Stellen in der Konvention berücksichtigt.

    Eines der bedeutendsten Kinderrechte ist dabei das Recht auf Bildung. Es soll Kindern den weitgehend kostenlosen Zugang zu einer Schulausbildung gewährleisten und entsprechend ihren Fähigkeiten den Zugang zu Berufsausbildung und Hochschule ermöglichen. Das hat wiederum Rückwirkung auf die Menschenrechte im Allgemeinen, schließlich besteht ein enger Zusammenhang zwischen Bildung und Achtung vor den Menschenrechten, wie dies in Art. 29 des Übereinkommens bemerkt wird.

    Die UN-Kinderrechtskonvention dient dem Kinderrecht, das Kinderrecht dem Kindeswohl. Ein besonderes Konfliktfeld ist seit einigen Jahren die Beschneidung. Was genau dient dabei dem Kindeswohl? Das Verbot, begründet mit dem Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit, oder die Erlaubnis, begründet mit dem Recht des Kindes, in der eigenen Religion oder der religiösen Tradition der eigenen Familie aufzuwachsen?

    In der Kinderrechtskonvention finden wir zunächst allgemein den Vorrang des Kindeswohls formuliert (Art. 3.1: „Bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, gleichviel, ob sie von öffentlichen oder privaten Einrichtungen der sozialen Fürsorge, Gerichten, Verwaltungsbehörden oder Gesetzgebungsorganen getroffen werden, ist das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist.“). Zum Kindeswohl gehört unzweifelhaft die in Artikel 14 verankerte „Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit“, welche „die Vertragsstaaten achten“ (Absatz 1). Zugleich achten die Vertragsstaaten „die Rechte und Pflichten der Eltern und gegebenenfalls des Vormunds, das Kind bei der Ausübung dieses Rechts in einer seiner Entwicklung entsprechenden Weise zu leiten“ (Absatz 2). In der jüdischen Tradition gehört die Beschneidung zur „Ausübung dieses Rechts in einer seiner Entwicklung entsprechenden Weise“. Ein jüdisches oder muslimisches Kind hat das Recht darauf, dass etwa der Vertragsstaat Deutschland (der die Kinderrechtskonvention 1992 ratifizierte) seine jüdische oder muslimische Identität achtet und seine Eltern ihm zu einer solchen verhelfen. Und dazu gehört die Beschneidung, mal mehr (Judentum), mal weniger (Islam).

    Im Fahrwasser der Argumentationsfigur „körperliche Unversehrtheit“ lässt sich dagegen etwa Artikel 19 anführen, in dem jedem Kind „Schutz vor Gewaltanwendung, Misshandlung und Verwahrlosung“ garantiert wird. Absatz 1 lautet: „Die Vertragsstaaten treffen alle geeigneten Gesetzgebungs-, Verwaltungs-, Sozial- und Bildungsmaßnahmen, um das Kind vor jeder Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung, Schadenszufügung oder Misshandlung, vor Verwahrlosung oder Vernachlässigung, vor schlechter Behandlung oder Ausbeutung einschließlich des sexuellen Missbrauchs zu schützen, solange es sich in der Obhut der Eltern oder eines Elternteils, eines Vormunds oder anderen gesetzlichen Vertreters oder einer anderen Person befindet, die das Kind betreut.“ Es ist klar, dass die Dramatisierung der Beschneidung als Form von „Gewalt“ vor allem dazu dient, die Beschneidung unter diese Norm subsumierbar zu machen, wobei dies angesichts einer WHO-Einschätzung von Beschneidungen bei Jungen als der Gesundheit förderlich mehr als abwegig erscheint.

    Interessant ist dann vor allem Artikel 30, welcher lautet: „In Staaten, in denen es ethnische, religiöse oder sprachliche Minderheiten oder Ureinwohner gibt, darf einem Kind, das einer solchen Minderheit angehört oder Ureinwohner ist, nicht das Recht vorenthalten werden, in Gemeinschaft mit anderen Angehörigen seiner Gruppe seine eigene Kultur zu pflegen, sich zu seiner eigenen Religion zu bekennen und sie auszuüben oder seine eigene Sprache zu verwenden.“ Das passt eigentlich ganz gut auf jüdische und muslimische Kinder in Deutschland. Eine Nicht-Beschneidung hinderte sie ja gerade an Kulturpflege und Religionsbekenntnis. Also: Die UN-Kinderrechtskonvention schützt das Recht auf Beschneidung – aus der Sicht des Kindes und aus Gründen des Kindeswohls.

    Artikel 19 bietet freilich die Basis dafür, den Eltern jegliche religiöse Interaktion mit dem Kind zu untersagen, so diese als „geistige Gewaltanwendung, Schadenszufügung oder Misshandlung“ angesehen wird. Es scheint, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil derer, die zu dem Thema Stellung bezogen, genau diese Weiterung vor Augen hat. Da man so schlecht kontrollieren kann, ob Papa nicht doch vor dem Essen betet, ohne dass den Kindern die Ohren verstopft wurden, ist wohl die Entziehung des Sorgerechts der einzig gangbare Weg, die religiöse Neutralität der Formation deutscher Kinder sicherzustellen.

    Grundsätzlich ist es problematisch, die Erziehungsrechte der Eltern einzuschränken, schlicht, weil Eltern Eltern sind. Und ihre Kinder ihre Kinder. Das gibt ihnen freilich nicht jedes Recht im Umgang mit ihnen – die UN-Kinderrechtskonvention gibt da schon eine sehr gute Orientierung hinsichtlich der Frage, was geht und was nicht. Die Weitergabe der eigenen Kultur, Sprache und Religion geht demnach immer, auch in der Minderheitensituation (Artikel 30).

    Eins muss klar sein: Jede Erziehung engt den Raum der Möglichkeiten ein. Anders geht es nicht. Einem Kind alle Optionen offenzuhalten, damit es später selbst entscheidet, ist eine Utopie. Auch die Verweigerung einer Option ist Teil einer gelenkten Erziehung. Zudem ist „Neutralität“ in vielen Fragen nicht möglich, gerade im Bereich der Vermittlung von sinnstiftenden Traditionen und der Hilfen zur Lebensorientierung und -bewältigung, in den immer auch Weltanschauliches einfließt, ist „Neutralität“ fehl am Platz – hier geht es um Authentizität, Integrität und Empathie. Bei religiösen Eltern kommt hier die Religion unweigerlich ins Spiel. Wer sein Kind bis zum 14. Lebensjahr strikt vor jeglichem religiösen Einfluss abschirmt, wird auch kein religionsmündiges Kind heranziehen, sondern ein religiös unmusikalisches, was ein Unterschied ist. Will man das? Will es das Kind? Wir sollten bei aller Achtung vor dem (mutmaßlichen) Willen des Kindes grundsätzlich aufpassen, dass wir die heranwachsende Generation mit dem „Soll sie/er später selbst entscheiden!“ nicht zur religiösen und kulturellen Sprachlosigkeit erziehen. Denn das wäre sicherlich kein Beitrag zum Kindeswohl.