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    Kicker, Kämpfer, Legenden – Juden im deutschen Fußball

    Gegen Frankreich! Das erste – inoffizielle – Fußball-Länderspiel einer deutschen Nationalauswahl fand 1898 kaum glaublich gegen den damaligen „Erzfeind“ statt. Mit 7:0 siegte die deutsche Auswahl in Paris, und das Ergebnis wurde sogleich nach Berlin telegrafiert. Kaiser Wilhelm II. soll die Nachricht „huldvoll“ aufgenommen haben. Für den Initiator der Partie war das Spiel Anlass, weitere Länderbegegnungen zu organisieren. Tatsächlich gelang es Walther Bensemann kurz darauf, die bis heute als „Urländerspiele“ bezeichneten Spiele gegen England, das Mutterland des Fußballs, zu organisieren. Als dann am 28. Januar 1900 der Deutsche Fußball-Bund gegründet wurde, war wiederum Walther Bensemann eine der treibenden Kräfte. Und im Jahr 1920 gründete der Fußballpionier, der als Philologiestudent wegen der „Verführung der Jugend zum Fußball“ einen Verweis der Universität Freiburg erhalten hatte, das bis heute bestehende Fußball-Fachmagazin „kicker“. Kurz nach der Machtergreifung der Nazis musste der aus einer jüdischen Bankiersfamilie stammende Bensemann in die Schweiz emigrieren, 1934 starb er dort.

    Gegen Frankreich! Das erste – inoffizielle – Fußball-Länderspiel einer deutschen Nationalauswahl fand 1898 kaum glaublich gegen den damaligen „Erzfeind“ statt. Mit 7:0 siegte die deutsche Auswahl in Paris, und das Ergebnis wurde sogleich nach Berlin telegrafiert. Kaiser Wilhelm II. soll die Nachricht „huldvoll“ aufgenommen haben. Für den Initiator der Partie war das Spiel Anlass, weitere Länderbegegnungen zu organisieren. Tatsächlich gelang es Walther Bensemann kurz darauf, die bis heute als „Urländerspiele“ bezeichneten Spiele gegen England, das Mutterland des Fußballs, zu organisieren. Als dann am 28. Januar 1900 der Deutsche Fußball-Bund gegründet wurde, war wiederum Walther Bensemann eine der treibenden Kräfte. Und im Jahr 1920 gründete der Fußballpionier, der als Philologiestudent wegen der „Verführung der Jugend zum Fußball“ einen Verweis der Universität Freiburg erhalten hatte, das bis heute bestehende Fußball-Fachmagazin „kicker“. Kurz nach der Machtergreifung der Nazis musste der aus einer jüdischen Bankiersfamilie stammende Bensemann in die Schweiz emigrieren, 1934 starb er dort.

    Julius Hirsch konnte nicht ins Exil ausweichen. Der einstmals gefeierte deutsche Nationalspieler wurde 1941 zu Zwangsarbeit verurteilt und 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo er wohl ermordet wurde. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten war er selbst aus dem Karlsruher FV ausgetreten. Wie alle Juden konnte auch er nur noch in einem eigenen jüdischen Sportverein seiner Leidenschaft nachgehen – bis auch diese Vereine 1938 verboten wurden. Hirsch verlor im selben Jahr seinen Arbeitsplatz. Dass er nicht mehr fliehen konnte, mag dem Umstand geschuldet sein, dass Hirsch ähnlich wie viele andere national eingestellten Deutsche jüdischer Herkunft glaubten, der Staat werde ihm als kaisertreuen Soldaten und einstigem Frontsoldaten nicht nach dem Leben trachten. Hirsch, Träger des Eisernen Kreuzes II. Klasse, wurde vor dem Ersten Weltkrieg mit dem Karlsruher FV sowie der SpVgg Fürth Deutscher Fußballmeister. In der Nationalmannschaft bildete er in dieser Zeit mit seinem kongenialen Partner Gottfried Fuchs aus Karlsruhe den „Edelsturm“.

    Der spätere deutsche Nationaltrainer Sepp Herberger mag Hirsch und Fuchs, die er selbst als Jugendlicher hat spielen sehen, im Sinn gehabt haben, als er im Jahr des ersten Weltmeistertitels für Deutschland – 1954 – anmerkte: „Gut eingespielte Paare sind die stärksten Waffen des Angriffsspiels gegen eine noch so gut organisierte und erst recht gegen eine massive Abwehr.“ Gottfried Fuchs, wie Hirsch jüdischer Herkunft, gelang 1937 die Flucht in die Schweiz, später nach Kanada. Dort starb er 1972. Bis heute hält er unter den deutschen Nationalstürmern einen einsamen Rekord: 1912 schoss er bei Olympia in Stockholm beim 16:0 gegen die Niederlande zehn Tore.

    Es sind Geschichten wie diese, die die Ausstellung „Kicker, Kämpfer, Legenden – Juden im deutschen Fußball“ seit 30. Oktober im Deutschen Sport- und Olympiamuseum in Köln erzählt. Jüdische Fußballer, Trainer, Journalisten und Funktionäre haben den Fußball in Deutschland populär gemacht. Sie waren Pioniere. Sie wurden umjubelt, verehrt und respektiert, galten als Vorbilder im Sinne des sportlichen Gedankens des Fairplay. Ihre revolutionären Visionen und Methoden setzten Maßstäbe. Doch 1933 waren ihre erfolgreichen Karrieren schlagartig beendet. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollten Juden nie wieder eine vergleichbare Rolle im deutschen Fußball spielen. Ihre Verdienste wurden verdrängt und gerieten in Vergessenheit.

    „Leider macht auch der Fußball keine Ausnahme, im Gegenteil: Hier wird exemplarisch deutlich, wie Menschen durch ihre politische Einstellung ausgegrenzt werden“, betont Klaus Schultz von der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Der evangelische Diakon, der mit einigen Mitstreitern das Thema und schließlich die Ausstellung selbst mit initiiert hat, erinnert an eine fast unglaubliche Tatsache: „Auf dem Appellplatz des Konzentrationslagers, auf dem kurz zuvor noch Menschen grausam gequält wurden und zu Tode kamen, wurde auch Fußball gespielt. Der Fußball half den Gefangenen und den Zuschauern, ihr Leid und die Gerüche aus dem Krematorium für einen Moment zu vergessen.“

    Die vom Berliner Centrum Judaicum konzipierte Schau will Spuren aufnehmen, die deutsche Juden in der nach wie vor beliebtesten deutschen Ballsportart hinterlassen haben, mehr noch: Deutsche Juden waren es, die entscheidend den deutschen Fußball in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts prägten und ihn populär machten. Auch die Biografie von Kurt Landauer ist so eine Geschichte. Der ehemalige Fußballer des FC Bayern München wurde später dessen Präsident. 1932 wurde er für die erste deutsche Meisterschaft des Vereins gefeiert, im Jahr darauf verlor der jüdische Kaufmann seine Arbeitsstelle, kam später kurz ins KZ Dachau und konnte danach gerade noch emigrieren. „Nach dem Krieg hatte er die Kraft, zurückzukehren und wurde sogar von 1947 bis 1951 nochmals Präsident des FC Bayern – eine bewundernswerte Leistung“, wie Diakon Schultz anmerkt. Das bei jedem Fußballinteressierten bekannte Trainingsgelände der Münchner Bayern an der Säbener Straße wurde übrigens von Kurt Landauer erschlossen.

    Mit der Ausstellung soll aber nicht nur an diese Kapitel vergangener deutscher Fußballgeschichte erinnert werden, sondern auch die Gegenwart in den Blick genommen werden. Denn es gibt immer noch unschöne Seiten des Fußballs wie Rassismus oder gewaltbereite sogenannte Fans. „Auch das passiert im öffentlichen Raum Fußballplatz, da dürfen keine Freiräume zugelassen werden“, mahnt Schultz. Er will mit der Ausstellung und den Aktualisierungen „aber nicht nur sagen und zeigen, wogegen wir sind, sondern für was wir stehen“. Das sind dann die schönen, Mut machenden Seiten der Schau. Etwa verschiedene Fanprojekte oder auch der Julius-Hirsch-Preis, den der Deutsche Fußball-Bund (DFB) im Jahr 2005 ins Leben rief und der den besonderen Einsatz für Toleranz und Menschenwürde, gegen Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus auszeichnet.

    Und ein weiteres mutmachendes Faktum wird auf der Schau gezeigt: Die positive Rolle, die der Fußball bei der Annäherung zwischen Deutschland und Israel gespielt hat. Seit 40 Jahren tragen deutsche und israelische Mannschaften wieder Fußballspiele gegeneinander aus. „Über den Sport konnten wir viel ausgleichen und Werte wie Integration, Toleranz, Menschenwürde, Völkerverständigung befördern“, erinnert sich der langjährige Präsident und heutige Ehrenpräsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) in Deutschland, Professor Walter Tröger. Inzwischen gibt es auch die „Maccabi Football Trophy“, eine Art Europameisterschaft jüdischer Auswahlmannschaften aus europäischen Ländern. Im Jahr 2006, während die deutsche Mannschaft bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land „Weltmeister der Herzen“ wurde, gelang kurz zuvor dem deutschen Maccabi-Team der Titelgewinn bei dieser Trophy.

    Von Constantin Graf von Hoensbroech